Hinfahren und reden!

Gerald von Foris

Die Gefahr des Extremismus in manchen arabischen Ländern wächst. Dagegen muss man als Christ doch etwas tun

Als Christ in das Heilige Land zu reisen ist eine der schönsten Reiseerfahrungen, die man machen kann. Die Stätten zu sehen und zu besuchen, an denen Jesus gelebt und gelehrt hat, wo er gekreuzigt wurde und wiederauferstanden ist, aber auch die Orte kennenzulernen, an denen die vielen Geschichten des Alten Testamentes passiert sind, das hinterlässt bei mir einen tiefen Eindruck.

Und doch komme ich immer öfter traurig und resigniert von solchen Fahrten zurück. Denn ich spüre bei den vielen Gesprächen mit Christen im Heiligen Land, unter welchem Druck sie dort leben und wie sehr sie von den politischen Auseinandersetzungen betroffen sind.

Warnung vor wachsendem Extremismus im Nahen Osten

Der Präsident des Lutherischen Welt­bun­des, der palästinensische Bischof Munib A. Younan, hat erst kürzlich bei einem Deutschlandbesuch vor einem wachsenden Extremismus im Nahen Osten gewarnt. Während im Zuge des „Arabischen Frühlings“ der Ruf nach Religionsfreiheit, nach Redefreiheit und Frauenrechten, überhaupt nach Demokratie zu hören sei, nähmen zugleich der politische und der religiöse Extremismus zu, sagte der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. „Der Extremismus droht, unsere Region und unser Leben zu übernehmen. Er macht uns alle zu Geiseln.“

Und in der Tat: Die mühsam errungenen Zugeständnisse demokratischer Öffnung bringen vieles durcheinander. Im Irak, so eine bedrückende Erfahrung der Christen, ging es ihnen gesellschaftlich wesentlich besser, solange dort der Diktator Saddam Hussein herrschte. In Syrien gilt vielen Christen der Tyrann Assad als ihr Schutzherr, auch dies eine schreckliche Einsicht. In Ägypten scheinen unter der Herrschaft der Muslimbrüder die Errungenschaften einer demokratischen Revolution samt Religionsfreiheit verlorenzugehen. In Tunesien, das die religiösen Minderheiten bislang weitgehend tolerierte, erhalten die salafistischen Strömungen starken Zulauf. Sie gewinnen auch Einfluss in Libyen.

Nur noch anderthalb Prozent Christen!


Die Lage der Christen im Nahen Osten ist dramatisch. Im Heiligen Land verringert sich die Zahl der Christen deutlich. Als ich von 1985 bis 1991 dort lebte (als evangelischer Propst in Jerusalem), hieß es, fünf Prozent der Palästinenser seien Christen. Im vergangenen Monat war ich wieder in Jerusalem: Nun spricht man nur noch von anderthalb Prozent Christen!

Was können wir als evangelische Kirche hier in Deutschland tun, um den Christen dort zu helfen? Ich sage es gerade heraus: Unsere wichtigste Aufgabe ist es zu beten – für alle Menschen, die dort leben und arbeiten, für Juden, Christen und Muslime. Für alle, die dort politische Verantwortung tragen. Dass sie sich ihrer Aufgabe klar werden, den Frieden in Sicherheit für alle Menschen zu schaffen.

Und dann ist es wichtig, dass wir hinfahren und mit den Menschen reden, mit Israelis und Palästinensern, auf allen Ebenen. Ganz sicher dürfen wir unseren Einfluss als Kirche nicht überschätzen. Aber wir können uns bemühen, durch Ge­spräche zumindest ein wenig Einfluss darauf zu bekommen, dass aus Extremismus politische Mäßigung wird. Und wir können unseren Teil dazu leisten, dass die Bildung gefördert wird. Wer gut ausgebildet ist und einen Arbeitsplatz hat, der will, dass er und sein Gegner im Frieden leben.

Es gebe im Nahen Osten keinen Weg „außer dem, den anderen zu akzeptieren, mit dem anderen zu leben und mit dem anderen gleichgestellt zu sein“, so Bischof Younan. Die stille Mehrheit schreie nach Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung. Und er sagt: „Frieden ist möglich im Hei­ligen Land – trotz aller Widerstände.“

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Lesermeinungen

Sophie schrieb am 15. April 2013 um 23:46: "....die mit Taliban beten möchte..." Wem am Beten an sich nichts Unangenehmes auffällt, braucht auch nicht zu meckern, wenn mit den Erzfeinden zusammen gebetet werden soll. So ein gestandener Taliban ist mindestens genau so gottesfürchtig wie einheimische Glaubensführer aller Fraktionen und Geschlechter. __________________________ Zitat: "erlauben wir hier Salafisten jahrelang zu schalten und zu walten wie sie wollen." "Wir" haben überhaupt nichts zu erlauben oder zu verbieten. Das macht der Staat. Der schickt Salafisten auf jeden Fall viel schneller in den Knast als die ortsansässigen Hetzer und Hetzerinnen gegen den Islam. __________________________________ Zitat: "Darf eine Moschee nach der anderen gebaut werden ohne das wir wissen was dort gelehrt wird" Falls Sie, liebe Frau Sophie, nicht wissen sollten, was in einer Moschee gelehrt wird, kaufen Sie sich eine deutsche Übersetzung des Koran! Dann können Sie es nachlesen. Sie können sich übrigens den Kaufpreis auch sparen. Salafisten verteilen bisweilen den Koran kostenlos. Es sei denn, sie sitzen gerade im Gefängnis....

Das ist mindestens genauso naiv wie Margot Käsmann die mit Taliban beten möchte...
Und weil uns die Erfahrungen der Christen in muslimischen Ländern keine Lehre sein will----erlauben wir hier Salafisten jahrelang zu schalten und zu walten wie sie wollen.
Darf eine Moschee nach der anderen gebaut werden ohne das wir wissen was dort gelehrt wird---
Wie dumm!!!

Seltsam ist, daß Dr. Friedrich über den Nahen Osten und das "gelobte Land" schreibt, über seine Besuche dort und seine Zeit in Jerusalem, aber das Wort "Israel" nicht ein einziges Mal benutzt - wohl aber diverse andere Staaten. Dies entspricht dem Duktus derjenigen Staaten und Gruppen, die dem Staat Israel das Existenzrecht absprechen und Israel auslöschen wollen. Offensichtlich hat Dr. Friedrich das Appeasement gegenüber radikalen Arabern gut gelernt.
Der zahlenmäßige Rückgang der Christen im "Nahen Osten" ist im übrigen zweifellos nicht das größte Problem dieser Region. Auch sind Christen dort nicht allgemein in einer "besonders lebensbedrohlichen" Situation, definitiv nicht in Israel.

Rolf Rumrich schrieb am 29. März 2013 um 16:45: "Aber seine "Vorschläge", was getan werden kann, um zu helfen, ist doch einigermaßen, man muß es schon so nennen, naiv. Der Evangelischen Kirche empfiehlt er zu beten." Ich vermag dort keine Naivität zu erkennen. Naivität ist im Regelfall durch Information heilbar. Ich bin mir sicher, dass Herr Dr. Johannes Friedrich, Landesbischof a. D., schon vom Vorwurf der Nutzlosigkeit der Beterei in Auschwitz und anderswo gehört hat. Trotzdem empfiehlt er zu beten. Es handelt sich also um überlegten Vorsatz, besser bekannt unter dem Namen Glauben. Im Gegensatz zur Naivität ist dem nicht durch Information beizukommen. Die Nuss ist um einiges härter zu knacken, wenn überhaupt.

Natürlich ist - und vermutlich bleibt - die politische Lage im gesamten Nahen Osten bedrückend und für Christen dort in besonderer Weise (lebens -) bedrohlich, da ist Dr. Johannes Friedrich vorbehaltlos zuzustimmen. Aber seine "Vorschläge", was getan werden kann, um zu helfen, ist doch einigermaßen, man muß es schon so nennen, naiv.
Der Evangelischen Kirche empfiehlt er zu beten. Nun ja, das kann zumindest nicht schaden, aber leider wissen wir seit Auschwitz, daß die Kraft auch millionenfacher Bittgebete "begrenzt", um nicht zu sagen "gleich Null" ist (wer`s nicht glaubt, schaue in die Geschichte).
Und was sollen "wir" tun (wen meint Dr. Friedrich mit "wir") ? : - Hinfahren und mit den Menschen "reden"! Wie sollen wir uns das praktisch vorstellen? Als Tourist "Einheimische" ansprechen und ihnen mit Axel Springer raten: "Seid nett zueinander!" ? Oder mit einem Pappschild durch die Straßen laufen mit der (mehrsprachigen) Aufschrift : "Friede auf Erden!" ?
Wir müssen uns einfach klar werden, daß unser Einfluß auf das dortige Geschehen nahezu Null ist und uns damit abfinden.