Margot Käßmann: Es gibt keinen Fußballgott

Gott ist vereinsfrei

Juni -­ Fußball-WM! Selbst hartgesottene Nicht-Fußballfans kommen nicht darum herum, sie wahrzunehmen. Und es stimmt ja: Unser Land kann sich darauf freuen, den Slogan "Die Welt zu Gast bei Freunden" einzulösen ­ ohne Hooligans oder Neonazis. Die Idee, dass Nationen miteinander wettstreiten auf faire und gewaltfreie Weise, fasziniert auch heute.

Geht es noch um den edlen Wettstreit von elf Freunden und ihren fröhlichen Fans?

Aber geht es noch um den edlen Wettstreit von elf Freunden und ihren fröhlichen Fans? Längst hat der Kommerz nicht nur Einzug gehalten, sondern er ist allgegenwärtig. Es geht offenbar nur noch ums Geld, Profi-Fußball ist inzwischen ein Wirtschaftszweig. Die Vereine machen Millionenumsätze, die Fernsehanstalten müssen ebenso viel in Übertragungsrechte investieren, die ersten Vereine überlegen den Börsengang und die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft. In der Bundesliga verdienen Spieler unvorstellbare Summen und werden mit unvorstellbaren Summen zwischen Vereinen "transferiert". Das ist schon eine merkwürdige Art von Menschen handel im 21. Jahrhundert.

Und wenn von Bürokratisierung und Regelungswahn im Staat die Rede ist, dann toppt die Fifa alles! Wie sagte der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert: "Vor dem Parlament wird der Rasen zubetoniert... und wir machen sogar vor den Regierungsgebäuden Werbung für Adidas oder Spalttabletten. ... Dieser ganze Kommerz wird im Juni die Dauerblockade des Bundeskanzleramtes und des Reichstages bedeuten." Auch wie ein Kartoffelsalat oder das Bier heißen darf, ist geregelt, ebenso der Rasen im Stadion und die Absperrung und die Kontrolle und... Das ist an Absurdität kaum zu überbieten. Da müssten Kabarettisten Stoff für viele Jahre sammeln können.

Es gibt keinen Fußballgott

Schließlich: Erst dachte ich, es sei Satire ­ aber da wird auf der eigenen Homepage die neue Allianzarena in München als "Fußballkathedrale" gefeiert und als "Pilgerstätte" bezeichnet, in der die Fans ihre "roten Halbgötter" in einer Messe feiern könnten ­ selbstverständlich mit Schal und Anstecknadel als "Devotionalien". "Pures rotes Lebensgefühl" werde so geschaffen. Die Begriffe sind gut geklaut aus dem religiösen Bereich, aber ich fürchte, das wird nicht weit tragen. Wenn es im Leben um wirklich elementare Dinge geht, erst recht im Leiden und im Sterben, hilft kein Fußballverein, hat Erfolg auf dem Rasen schlicht und ergreifend keine Bedeutung mehr. Wenn dann auch noch gefragt wird, ob es einen Fußballgott gibt, kann ich nur sagen: nein! Gott ist vereinsfrei.

Für Kapellen in Stadien bin ich ja sehr, aber nur, damit Menschen in der Raserei des Profi-Fußballs auch noch einmal zur Besinnung kommen, einen Raum haben, darüber nachzudenken, was wichtig ist im Leben und was die schönste Nebensache der Welt sein mag. Ich denke, Gott hat sicher Freude an Spiel und fairem Wettkampf, aber wahrscheinlich hat Gott wesentlich mehr davon, sich in Kenia Jungs anzusehen, die mit echter Emotion und ohne Hightech-Schuhe kicken, als diese geradezu plastikmäßigen Fifa-Spiele. Da geht es noch um Lust an der Sache, um Spiel und Spannung, nicht nur ums schnöde Geld. Vielleicht sollten wir uns an den Spieltagen ein paar ruhige Abende zu Hause gönnen ­ mit Freunden zu Gast.

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