Ehen voller Leben

Drei meiner Freundinnen, Martina, Chris und Reinhild, sind jeweils seit zehn Jahren verheiratet. Neulich zeigte Chris, die Künstlerin, ihren neuen Ring. Eigentlich sind es zwei: einer aus Gold und einer aus Platin, mit zwei ineinander geschobenen Zacken ­ ein kleines Kunstwerk, das sie zum Zehnjährigen selbst gestaltet hat. Sie wollte zum Ausdruck bringen, wie ihre Ehe sich verändert hat. Der alte Ring war auch aus Gold und Platin ­ nur waren die beiden Metalle dichter miteinander verschmolzen. "Das war mir zu eng geworden", sagt sie. "Eigenständig zu bleiben und zusammenzugehören: Das macht die Ehe spannend." Ihr Mann trägt noch den alten Ring. Er hat die Enge nie als bedrohlich empfunden.

Martina war mit ihrem eigenen Ehering lange nicht zufrieden. Zwei Mal hat sie damals den Juwelier gewechselt, um ihren Traumring zu bekommen. Schon damals musste ihr Mann versprechen, nach zehn Jahren neue Ringe zu kaufen. Aber jetzt, nach der Geburt ihres Kindes und nach Krankheiten in der Familie, hängt sie an diesem schlichten Fingerreif. Da steckt so viel Leben drin, dass sie ihn nie mehr hergeben will.

Reinhild geht es ähnlich: Ihr kommt es auf die äußere Form nicht an. Der Ehering ist ihr heilig, er erinnert sie an ein großes Versprechen. "Ehen werden im Himmel geschlossen", sagt sie, und mit viel Erfahrung kann man auf Erden entdecken, dass das auch stimmt. Sie sieht die Ehe als die "wichtigste Entdeckungsreise, die der Mensch unternehmen kann" (Sören Kierkegaard). Wer den eigenen Gefühlen traut, kommt weiter. "Das ist Arbeit, aber sie lohnt sich", sagt Chris, die Künstlerin.

Wie schnell Ehen scheitern, wird uns laufend vorgeführt. Minister und Stars erwecken den Eindruck, nichts sei normaler als der Wechsel der Partner. Nachrichtenmagazine klären uns über die Vorteile von Eheverträgen auf. Aber die Ehe ist mehr als ein Arbeits- oder Kaufvertrag. Wenn TV-Talkmaster Alfred Biolek unter dem Titel "Nur die Liebe zählt" verschiedene Paare nebeneinander stellt ­ das Ehepaar, das gemeinsam eine Krankheit überwindet, das schwule Paar, das sich beim Sex alle Freiheit lässt, und den Minister und seine Gräfin ­ dann frage ich mich: Verbindet diese Paare wirklich dasselbe? Oder ist Ehe nicht doch mehr als ein paar schöne Stunden beim Sonnenuntergang am Strand ­ nämlich ein Lebensraum für Kinder, Freunde und allerlei Gäste, für Gesunde und Kranke? Und all das auch in schwierigen Zeiten?

Was eine Ehe wert ist, schätzen wir, so glaube ich, nicht genug: Allzu leicht unterlaufen wir dieses Versprechen, das innere Ruhe und Sicherheit gibt und den Rücken frei macht für viele Herausforderungen. Chris meint, dass ihre Ehe stark ist, weil vieles ineinander greift: Gefühl und Sex, persönliche und familiäre Interessen. Nur: Was zu dicht wird, kann sich auch verhaken. Wer ohne den anderen nicht sein kann, kann ihn auch nicht so sein lassen, wie er ist.

Manche Partner heiraten zum zweiten Mal ­ denselben Mann, dieselbe Frau, und doch als ihre neue Liebe. Andere feiern ihre goldene Hochzeit: alles Feste, die von den Medien noch nicht entdeckt sind. Schade eigentlich, dass nur Hochzeitsshows und Scheidungsdramen Aufmerksamkeit kriegen. Ich finde, auch die Eheringe meiner Freundinnen sind eine Story wert. Cornelia Coenen-Marx

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