Arbeit gibt es genug

Eine junge Frau am Ort ihrer Träume: "Jetzt weiß ich, was es heißt, zu leben und das Leben zu lieben", schrieb sie in ihr Tagebuch. Sie hatte den ersehnten Ausbildungsplatz als Krankenschwester gefunden ­ um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine ungewöhnliche Wahl für eine Tochter aus gutem Hause. "Man sagt, so eintönige Verrichtungen wie das Kämmen schmutziger Köpfe und das Verbinden abstoßender Wunden könnten nur die übernehmen, die darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen", meinte Florence Nightingale. Aber wer so dächte, sollte einmal nach Kaiserswerth kommen.

Eine Diakonissenanstalt als Ort ihrer Träume: ein Krankenhaus, in dem "Patienten wie Pflegende Gewinn davon trugen"; eine Ausbildungsstätte, wo die Lebens- und Zukunftsfragen der Schülerinnen ernst genommen wurden; eine Kleinkinderschule zur Unterstützung berufstätiger Mütter. Die junge Florence hatte einen Blick für Innovationen. Sie prägte die Anfänge des modernen Gesundheitssystems mit ­ nicht zuletzt durch ihr weltbekanntes Lehrbuch für Krankenschwestern.

Seitdem hat sich viel verändert: Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung wurden eingeführt, Arbeitslosen- und Sozialhilfe sichern den Lebensunterhalt. Die Sozialleistungsquote der Bundesrepublik lag im letzten Jahr bei 32,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ­ einem der höchsten Werte seit 1945. Doch das soziale Netz droht zu zerreißen. Krankenhäuser und Altenzentren klagen über einen Mangel an Fachkräften. Es fehlen Krippen- und Hortplätze für Kinder. Der Ausbau ambulanter Dienste und teil- stationärer Einrichtungen für pflegebedürftige und psychisch kranke alte Menschen geht nur schleppend voran. Hospizarbeit und Palliativmedizin brauchen mehr Unterstützung.

Zwar hatte sich die Zahl der Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitssektor in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt. Jetzt aber sorgen gedeckelte, also begrenzte Budgets und größtmögliche Rationalisierung für lähmenden Stillstand. Innovationsfreudige Mitarbeiter wandern ab, Leistungsträger brennen aus, für Zuwendung und Beratung bleibt immer weniger Zeit. Eine Reform dieses Dienstleistungssektors ist überfällig. Sie könnte neue Arbeitsplätze schaffen und zugleich die Situation der Familien und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.

Arbeit gibt es genug in den sozialen Diensten. Aber ihr Status ist gering. Weniger als zehn Prozent der Schulabgänger wollen einen sozialen Beruf ergreifen. Gesellschaftliche Anerkennung findet man eben in anderen Branchen ­ ganz wie zur Zeit von Florence. Mit dem Verbinden von Wunden, mit der Erziehung von Kindern und mit der Pflege von alten und dementen Menschen will kaum jemand Geld verdienen.

Politiker brauchen Mut zu einer grundlegenden Reform, die neue Beschäftigungsfelder und Ressourcen erschließt und auch den Niedriglohnsektor attraktiv macht. Es geht dabei nicht nur um Geld, sondern auch um andere Werte: die Achtung der Hilfebedürftigen und der Helfer.

Florence Nightingale nannte das damalige Diakonissenkrankenhaus eine "Schule Gottes", in der alle Beteiligten lernen könnten, das Leben zu lieben. Das gilt bis heute. Immer deutlicher wird auch: In der Dienstleistung liegen wichtige Zukunftschancen für die Gesundheits- und Familienpolitik wie für den Arbeitsmarkt. Dafür sollte uns nicht erst der kommende Pflegenotstand die Augen öffnen.

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