Musiktipp: "Hallo 22" ist Sound aus der DDR der Siebziger

Der Vibe aus dem VEB
Die beiden Musikproduzenten Max Herre und Dexter haben Funk- und Soul-Perlen aus der DDR der Siebziger ausgegraben

Wer lange genug Tatort geschaut hat, wusste es: Manfred Krug hatte den Groove! Hier und da gab es in seinen NDR-Produktionen eine augenzwinkernde Gesangseinlage zusammen mit seinem Schauspielkollegen Charles Brauer als swingende Kommissare. Doch das hatte letztlich wenig mit dem zu tun, was dieser Mann in den 1970er Jahren in der DDR zusammen mit dem Ausnahmekomponisten und -arrangeur Günther Fischer aufgenommen hat: eine ganze Reihe von Kleinoden des Soul-Jazz und Chanson-Funks mit deutschen Texten, wie zum Beispiel den Song "Wenn's draußen grün wird".

Claudius Grigat

Claudius Grigat ist Redakteur bei chrismon, yeet und evangelisch.de. Magister in Germanistik, Soziologie und Politologie sowie Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Deutsch und Sozialkunde. Volontariat beim Hessischen Rundfunk, anschließend dort Redakteur und Reporter bei unterschiedlichen Radiowellen und Fernsehsendungen sowie Autor für diverse Zeitschriften.
Foto: Lena UphoffPortrait Claudius Grigat, online-Redaktion, Redaktionsportraits Maerz 2017

Dieser Song ist eine von 18 Perlen aus der goldenen Ära des DDR-Souls und -Funks, die die beiden aus dem Hip-Hop kommenden Musiker und Produzenten Max Herre und Dexter nun zusammengestellt haben. Beide sind bereits seit vielen Jahren leidenschaftliche Sammler und Liebhaber von Platten aus den Beständen des "Amiga"-Labels, die sie auch immer wieder für ihre eigenen Produktionen samplen oder bearbeiten.

 "Hallo 22" – DDR Funk und Soul 1971–81 (Kompiliert von Max Herre & Dexter). Amiga/Sony MusicPR

Es hat auch seinen Grund, warum sie sich so für das interessieren, was "Amiga" – neben "Eterna" eines der beiden großen Labels der VEB Deutsche Schallplatten in der DDR – veröffentlichte. Hier waren meist studierte Musikerinnen und Musiker am Werk, die ihr Metier exzellent beherrschten, die staatliche Plattenfirma konnte mit ihrem Budget Studios auf allerhöchstem Standard zur Verfügung stellen und viele Protagonistinnen und Protagonisten der Szene waren mit großer Leidenschaft dabei. "Die Ostdeutschen haben den Soul, Funk und Jazz der Amis meines Erachtens besser kopiert als die Westdeutschen, aber sie haben vor allem einen sehr eigenen Sound entwickelt", sagt Dexter.

Ein "Hallo" zum Geburtstag

Und so kommt es, dass die legendäre "Amiga"-Kompilationsreihe "Hallo", die 1972 mit "Hallo Nr. 1" begann, im Herbst 2022 mit "Hallo 22" zum 50-jährigen Jubiläum (und dem 75-jährigen Bestehen des "Amiga"-Labels) eine standesgemäße Würdigung erfährt. Interpretinnen und Interpreten wie Panta Rhei, Uschi Brüning, Electra, Veronika Fischer, Lift und Uve Schikora und ihre Soul- und Funk-Klassiker aus den Siebzigern sind zu hören.

Titel wie "Septemberliebe", "Die Allee" oder "Stapellauf" beweisen eindrücklich, wie recht Dexter mit seiner Einschätzung hat – und dass die eine oder andere witzige oder gerissene Textzeile noch obendrauf kam. Nicht selten mussten die Künstlerinnen und Künstler ja auch ihre kritischen Gedanken verklausulieren, um an der staatlichen Zensur vorbeizukommen.

Vor allem die jungen Generationen können hier eine besondere musikalische Strömung entdecken, die sich jenseits allen Hipstertums lohnt. "Hallo 22" könnte durchaus so etwas wie die Einstiegsdroge dafür sein.

Produktinfo

"Hallo 22" – DDR Funk und Soul 1971–81 (Kompiliert von Max Herre & Dexter). Amiga/Sony Music

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