Wie eine Kirchengemeinde in Meran behinderten Urlaubern hilft

Nächstenliebe heißt: Barrieren wegräumen
Pfarrer Martin Krautwurst vor der Kulisse Merans

Privat

Pfarrer Martin Krautwurst - und im Hintergrund: Meran.

Pfarrer Martin Krautwurst vor der Kulisse Merans

Pfarrer Martin Krautwurst erlebte, wie schwierig es für Rollstuhlfahrer ist, in Meran ein barrierefreies WC zu finden. Da hatte er eine Idee.

Mehr als eine Million Touristen kommen jedes Jahr nach Meran, in die "Sissi-­Stadt" an der Passer. Mit der ­Kaiserin begann hier einst der Kur- und Urlauberboom in Südtirol. Wo der Adel Ferien machte, kann es doch auch für den Rest der Bevölkerung nicht schlecht sein. Dachte ich.

Doch dann, es ist einige Jahre her, ich saß gerade an einer Predigt über Nächstenliebe, klingelte das Telefon. Eine aufgeregte Frauen­stimme erklärte mir, dass sie ­draußen vor dem Pfarrhaus sei und auf Toilette müsse. "Warum klingeln Sie nicht einfach im Büro?", fragte ich. "Das geht nicht, ich ­habe ein Handicap... !" Als ich nach draußen kam, sah ich eine junge Frau im Rollstuhl sitzen. Und ich sah die Treppe zum Pfarrhaus. Eine Barriere, die sie ­ohne fremde ­Hilfe nicht über­winden konnte. Auch das Promenadencafé nebenan hat ­Stufen, die Toilette in der Theaterbar ist im Keller.

Martin Krautwurst

Martin Krautwurst ist jetzt Pfarrer in Rudolstadt. In Meran, wo er bis Sommer 2022 Pfarrer der evangelischen Gemeinde war, ist er immer noch ab und zu.
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Es gelang uns, sie samt Rollstuhl ins Haus zu tragen. "Wissen Sie, wenn ich jeden Morgen darüber nachdenke, ob ich eine Windel tragen muss oder mir unterwegs ein barrierefreies WC begegnet, dann verliere ich die Lust am Urlaub", sagte sie. Der Satz veränderte mein Verständnis von Gastfreundschaft. Es ist ein Menschenrecht, auf Toilette gehen zu können.

 Barrierefreier Zugang zum PfarrhausPrivat

Zusammen mit der Gemeinde entstand der Wunsch, einen barrierefreien Zugang zum Pfarrhaus zu ­schaffen. Erste Anträge wurden wegen des Denkmalschutzes abgelehnt. Wir entwickelten neue Ideen, stellten Förderanträge und sammelten Spenden. Es entstand ein Kunstprojekt am Haus, für über 120.000 Euro, in dem sich der Fahrstuhl versteckt. Barrierefreiheit ist ein Ausdruck von Nächstenliebe. Und Kunst überwindet Barrieren!

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