Warum glauben Menschen nur, was ihrem Weltbild entspricht?

"Menschen haben einfach gern recht"
"Menschen haben einfach gerne recht"

Emma Innocenti/Getty Images

Unser Weltbild prägt stark unsere Bewertung von Informationen: Entspricht etwas unserer Meinung, halten wir es für glaubwürdiger.

Menschen halten das für wahr, was ihrer Meinung entspricht, zeigt eine Studie der Uni Konstanz. Warum dieser "confirmation bias" sinnvoll ist und was wir trotzdem dagegen tun können.

chrismon: Sie haben im vergangenen April 1178 Menschen Texte über die Corona-Pandemie vorgelegt, zum Beispiel über die Wirksamkeit von Masken und Impfungen. Ein Teil der Befragten waren Querdenker:innen. Die Personen sollten angeben, für wie glaubwürdig sie die Texte hielten. Dabei kam heraus: Menschen glauben vor allem, was ihre Meinung bestätigt. Hat Sie das überrascht?

Sandra Walzenbach: Wir sind nicht so erstaunt über das Ergebnis. Die Kognitionspsychologie hat diesen "confirmation bias", also Bestätigungsfehler, in vielen Bereichen gefunden. Überraschend war eher, dass objektive Qualitätskriterien, nämlich die Identität der Autoren und der Verweis auf konkrete Studien, kaum etwas daran geändert haben, ob ein Text als glaubwürdiger eingeschätzt wird.

Wie funktioniert der "confirmation bias"?

"Confirmation bias" besteht aus drei Aspekten: Zunächst wählen Menschen ihre Informationen so aus, dass sie die eigene Meinung bestätigen. Ich lese lieber eine Zeitung, die mit meiner politischen Überzeugung übereinstimmt. Ich suche mir auch eher Freunde, die meine Meinung bestätigen. Wir mögen gern Menschen, die uns ähnlich sind. Die Algorithmen in den sozialen Medien verstärken das, indem sie uns Inhalte vorschlagen, die vergangenen Suchanfragen ähneln. Zweitens halten wir generell Argumente für glaubwürdiger, die uns bestätigen. Und drittens geben wir uns große Mühe, gegenläufige Meinungen zu widerlegen. Da strengen wir uns geistig viel mehr an.

Sandra Walzenbach

Dr. Sandra Walzenbach ist Postdoktorandin am Fachbereich Soziologie der Universität Konstanz. Ihre Forschungsinteressen gelten den Methoden der empirischen Sozialforschung und der Befragungsmethodologie – insbesondere Befragungsexperimenten zu heiklen Fragen und sozialer Erwünschtheit – sowie den Einflüssen der Interviewer*innen und verschiedener Befragungstechniken auf die Ergebnisse solcher Studien.
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Wenn ich jemanden auf einer Party kennenlerne, frage ich doch nicht erst das Weltbild ab.

Meistens wird man auf Partys eingeladen, wo ohnehin schon Menschen mit ähnlichem Bildungshintergrund und ähnlichen Weltbildern hingehen. Dann ist die Frage, wem wir unsere Telefonnummer geben. Vielleicht sind es nicht die Leute, die uns erzählen, dass sie komplett gegensätzliche politische Ansichten haben. Natürlich gibt es auch Menschen, die gemischtere Netzwerke haben. Wir empfehlen in der Studie: Aktivitäten, die soziale Kreise mischen, sind gut. Man könnte etwa in einen Musik- oder Sportverein eintreten. Oder bei Initiativen wie "Deutschland spricht" mitmachen, bei denen ganz gezielt Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen zusammengebracht werden, um miteinander zu reden.

In Ihrer Studie haben Sie Querdenker und Nicht-Querdenker getrennt ausgewertet. Es zeigte sich, dass beide Gruppen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für etwas glaubwürdiger hielten als Journalisten oder Blogger – aber eben nur, wenn sie dieselbe Meinung vertraten wie die Rezipienten.

Ja, das stimmt. Der Glaubwürdigkeitsbonus für Wissenschaftler:innen ist ein kleinerer Effekt, der auch auf den "confirmation bias" hindeutet. Und es ist richtig, was Sie sagen: Wir finden "confirmation bias" in beiden Lagern, bei Querdenkenden und in der Mehrheitsgesellschaft. Das ist ein universeller Mechanismus.

"Manchmal wird missverstanden, wie Wissenschaft funktioniert"

Während der Pandemie haben Forscher die Lage immer wieder anders eingeschätzt, wenn sie neue Erkenntnisse hatten. Lange Zeit war unklar, ob und wie sehr Masken helfen. Dann hieß es, die Impfung schütze zu über 90 Prozent vor einer Ansteckung. Später: Sie schütze meistens vor einem schweren Verlauf. Schwächt das das Vertrauen in die Wissenschaft?

Manchmal wird missverstanden, wie Wissenschaft funktioniert. Das war zu Beginn der Pandemie ein Problem. Forscher:innen konnten damals die Gefahr, die vom Virus ausgeht, nicht gut einschätzen, weil es nicht sofort genug gute Studien darüber gab. Seriöse Studien durchlaufen Qualitätskontrollen und werden von anderen Wissenschaftler:innen begutachtet. Wissenschaft braucht Zeit und hinterfragt immer wieder die eigenen Ergebnisse auf mögliche Irrtümer. Das unterscheidet wissenschaftliche Erkenntnisse auch von Falschinformationen. Plakative Überschriften generieren mehr Aufmerksamkeit, während Wissenschaftler:innen differenzieren und sagen: Wir wissen es noch nicht genau. Sie werden keine seriösen Wissenschaftler finden, die ihnen von Anfang an schwarz auf weiß gesagt hätten, dass eine Impfung 100 Prozent Sicherheit bietet. Das ist unseriös. Es wäre wichtig, dass das besser verstanden wird.

Wie können wir überhaupt wissen, was objektiv wahr ist?

Ein erster Schritt ist, zu verstehen, dass gerade im Internet viele falsche Informationen verfügbar sind. Wenn Leute gewarnt werden, dass Falschinformationen zu einem Thema im Umlauf sind, werden sie vorsichtiger und erkennen falsche Nachrichten besser. Manchmal sind Falschinformationen im Netz leicht zu erkennen: zum Beispiel daran, dass jede logische Argumentation fehlt, dass sie sehr emotional geschrieben sind, dass bewusst mit Ängsten gespielt oder versucht wird, Wut zu entfachen. Leserinnen und Leser können dann nachschauen, wer etwas geschrieben hat. Kann man die Studie finden, auf die sich jemand bezieht? Worum geht es da? Ist es ein Nebensatz, der verdreht wird? Das kann man herausfinden, wenn man Zeit investiert.

Das tun viele Menschen leider nicht.

Verständlicherweise. Trotzdem ist das problematisch. Denn man kann im Internet schnell Teil einer Kampagne von unwahren Inhalten werden, wenn man sie teilt, ohne sie vorher überprüft zu haben. Eine Zeit lang kursierten zum Beispiel Geschichten über Kinder, die während der Pandemie im Schulbus kollabiert sind. Im Internet wurde dann relativ schnell behauptet, dass die Masken daran schuld seien. Es war nicht klar, ob das stimmt. Manchmal findet man solche geteilten Inhalte auch in Kombination mit Fragen wie: "Ist das wahr? Das ist ja ungeheuerlich!" Das hilft der Debatte natürlich nicht. Aus der bisherigen Forschung geht leider hervor, dass sich Falschinformationen sehr viel schneller im Netz verbreiten als echte Informationen und dass Menschen auch Information teilen, von der sie nicht wissen, ob sie wahr ist. Neben der Glaubwürdigkeit gibt es für das Verbreiten von Information wohl andere, wichtigere Faktoren.

Zum Beispiel?

Möglicherweise dass man zu einer bestimmten Gruppe gehören will. Aber dazu gibt es noch nicht viel Forschung.

Gab es Falschinformationen nicht schon immer?

Schon, aber das Ausmaß ist neu und dass sie sich über das Internet so schnell verbreiten. Der "confirmation bias" ist psychologisch ein sinnvoller Mechanismus. Die Alternative wäre, dass wir jedes Mal, wenn wir mit neuen Informationen konfrontiert werden, alles, was wir jemals gelernt oder geglaubt haben, hinterfragen. Dann hätten wir ständig eine Identitätskrise. So könnte man kein normales Leben führen. Schwierig wird es, wenn im Internet Ängste oder Rassismus gezielt geschürt werden, da auch solche Einstellungen schnell resistent gegenüber Fakten werden.

Was kann man gegen den "confirmation bias" tun?

Die Forschung zeigt, dass es ein recht hartnäckiges Phänomen ist. Es kann schwierig sein, etwas zu ändern, selbst wenn Menschen wissen, dass sie gefährdet sind, dem "confirmation bias" aufzusitzen. Menschen haben auch einfach gern recht. Manchmal muss man sich aber eingestehen, dass man falschliegt oder etwas nicht weiß. Auch dass man dazulernt und seine Meinung ändert, ist nicht verwerflich.

Wie kann man Menschen mit einem anderen Weltbild überzeugen?

Klarer ist, was nicht hilft: Menschen mit Fakten zu bombardieren, führt eher zu Trotz. In dem Buch "How to Have Impossible Conversations" von Peter Boghossian und James Lindsay sagen die Autoren: Das Beste, was man machen kann, ist, durch Nachfragen Zweifel an irgendeinem Aspekt zu wecken. Manchmal ist es für ein Gespräch besser, zu versuchen zu verstehen, wo eine mir fremde Ansicht herkommt. Was steckt dahinter? In der Pandemie fühlten sich Menschen existenziell bedroht, sozial isoliert oder hatten wirklich Angst. Manche fanden in der Querdenkerbewegung Sicherheit. Meistens werden von Querdenkenden auch politische Entscheidungen kritisiert. Vermutlich würden die meisten Menschen zustimmen, dass hier nicht alles optimal gelaufen ist. In einem Gespräch stellt man vielleicht fest, dass man manche Ansichten teilt. Dann kann man Gemeinsamkeiten betonen. Denn davon gibt es oft mehr, als wir denken.

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Lesermeinungen

"Menschen haben einfach gern recht"

- Und das ist "gut" so, weil wir die Wahrheit, im Kreislauf des imperialistisch-faschistischen Erbensystems, dem zeitgeistlich-reformistischen Instinkt entsprechend, für "Individualbewusstsein", wettbewerbsbedingte Symptomatik und heuchlerisch-verlogener Schuld- und Sündenbocksuche konfusioniert verUNstalten!?