Brot für die Welt: Fortschritt bei Klimaschäden-Finanzierung

"Jedes Zugeständnis wird zur Überlebensfrage"
Aktivisten demonstrieren während der Weltklimakonferenz vor dem International Convention Center in Sharm el Sheik.

Mohamed Abdel Hamid/Anadolu Agency via Getty Images

Aktivisten demonstrieren während der Weltklimakonferenz vor dem International Convention Center in Sharm el Sheik.

SHARM EL SHEIKH, EGYPT - NOVEMBER 17: Climate activists held demonstration in front of International Convention Center to protest the negative effects of climate change, as the UN climate summit COP27 continues in Sharm el-Sheikh, Egypt on November 17, 2022. (Photo by Mohamed Abdel Hamid/Anadolu Agency via Getty Images)

Auf dem Klimagipfel in Ägypten fordern ärmere Staaten Geld für den Umgang mit Klimaschäden. Sabine Minninger von Brot für die Welt erklärt, welche Rolle die westlichen Industrienationen dabei spielen.

Frau Minninger, eine der wichtigsten Fragen auf der Klimakonferenz in Ägypten ist, wer für klimabedingte Schäden und Verluste aufkommt. Worum geht es da genau?

Sabine Minninger: Der Klimawandel verursacht überall im Globalen Süden schon heute hohe Schäden: die Überflutungen in Pakistan und Nigeria, der Zyklon in Bangladesch, die Dürren in Ostafrika, um nur einige zu nennen. Neben den Wetterextremen gibt es schleichende Veränderungen wie den steigenden Meeresspiegel, der Inselstaaten im Pazifik versinken lässt. Besonders hart trifft es die ärmsten und verletzlichsten Staaten, die selbst nicht zum Klimawandel beigetragen haben. Deshalb fordern sie Geld von den Verursachern, also den reichen Industriestaaten, um die Folgen zu bewältigen.

Sabine Minninger

Sabine Minninger ist seit 2012 Referentin für Klimapolitik bei Brot für die Welt mit dem Schwerpunkt Klimawandel und Entwicklungsfragen. Von 2004-2012 war sie als Beraterin von Partnerorganisationen des Evangelischen Entwicklungsdienstes in Südostasien und Südpazifik tätig. Sie hat an sehr vielen internationalen Klimaschutzverhandlungen teilgenommen und sich dort besonders für die Interessen des Globalen Südens eingesetzt. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Eindämmung des Klimawandels, Klimaanpassung und Klimafinanzierung, und vor allem auf den Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten sowie der klimabedingten Migration und Vertreibung. Sabine Minninger hat Geographie in Trier und im schottischen Glasgow studiert.
Brot für die Welt

Sebastian Drescher

Sebastian Drescher ist Redakteur beim JS-Magazin, der evangelischen Zeitschrift für junge Soldaten, und chrismon.
PrivatSebastian Drescher

Was hat die Konferenz in diesem Punkt bislang erreicht?

Dass überhaupt darüber verhandelt wird, ist schon ein Fortschritt, nachdem man bei den 26 Klimakonferenzen zuvor nicht einmal über Finanzierung von Klimaschäden reden durfte.

Bundeskanzler Scholz hat zu Beginn der Konferenz 170 Millionen Euro für einen globalen Schutzschirm für Klimaschäden versprochen. Geht das in die richtige Richtung?

Das Geld ist dafür gedacht, Klimaversicherungen für ärmere Staaten zugänglicher und erschwinglicher zu machen. Deutschland und einige anderen Staaten wie die USA geben Geld, mit dem Versicherungsprämien verringert werden, indem regionale Risikofonds aufgestockt werden. Ärmere Staaten wie Bangladesch müssten dann weniger Geld bezahlen, um sich etwa gegen die Folgen von Überflutungen zu versichern. Die größten Summen tragen aber immer noch die Staaten selbst. Und die Versicherungen decken nur Extremwettereignisse ab. Pazifikstaaten wie Tuvalu ist damit also nicht geholfen. Die 170 Millionen Euro können einen Beitrag leisten, humanitäre Katastrophen infolge eines Wetterextremereignisses zu verhindern. Aber es ist insgesamt viel zu wenig Geld.

Was fordern Partnerorganisationen von "Brot für die Welt"?

Die Zivilgesellschaft und die Verhandlungsgruppe G77 plus China, in der sich 77 Entwicklungsländer zusammengeschlossen haben, fordern, einen Fonds einzurichten, in den die Industrieländer einzahlen. Aus diesem Topf könnten dann Hilfen ausgezahlt werden, wenn Schäden auftreten. Also etwa die 30 Milliarden Dollar Schaden, die die Flut in Pakistan verursacht hat. Unsere Partner sprechen uns hier oft auf die Flutkatastrophe im Ahrtal im vergangenen Jahr an und solidarisieren sich mit den Opfern. Sie sagen: Die Schäden gibt es auch bei euch. Aber dort wird geholfen, bei uns nicht. Der Schaden im Ahrtal war mit 30 Milliarden Euro übrigens ähnlich hoch wie bei der Flut in Pakistan.

Wie reagieren die Industrieländer auf die Forderung?

Die meisten reichen Staaten blocken bislang alles ab. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen und nach dem Verursacherprinzip Geld bereitstellen. Die USA etwa verweisen auf die humanitäre Hilfe, die bei Katastrophen geleistet wird. Aber die humanitäre Hilfe reicht dafür nicht aus. Es braucht zusätzliches Geld. Die Industriestaaten haben eine moralische Verpflichtung. Und sie sollten auch aus Eigeninteresse aktiv werden: Der Klimawandel kann den Kampf um knapper werdende Ressourcen verschärfen, auch um Lebensraum. Man muss den Staaten helfen, humanitäre Krisen zu verhindern, die sich langfristig auch auf die internationale Sicherheit auswirken.

Wie verhält sich China?

China ist inzwischen das Land mit den höchsten Gesamtemissionen an Treibhausgasen. China unterstützt die Entwicklungsländer in ihrer Forderung nach einem Fonds, will aber selbst nichts einzahlen. Unklar ist zudem, ob China sogar selbst auf Mittel aus dem Topf zugreifen wollen würde. Das geht natürlich gar nicht.

Geld ist genug da

Schätzungen gehen davon aus, dass der Klimawandel ab 2030 allein in den Entwicklungsländern jährlich Schäden in Höhe von 300 bis 600 Milliarden Dollar verursachen könnte. Wo soll all das Geld herkommen?

Da habe ich eine einfache Antwort: Die Industriestaaten und weitere Hauptemittenten müssen die Fossilen besteuern, etwa eine Steuer oder Abgabe auf CO2. Und gleichzeitig müssen wir endlich aufhören, Fossile zu subventionieren, etwa in der Luftfahrt. Setzt man das um, ist genug Geld da. Das muss nicht nur aus den jetzigen Haushalten kommen. Es ist völliger Quatsch, wenn gesagt wird, dass wir für Klimahilfen bei unseren Ausgaben für Bildung oder Gesundheit sparen müssten.

Werden solche Ideen auf der Konferenz diskutiert?

Nur am Rande. Es geht erstmal nur darum zu entscheiden, ob es einen Fonds geben wird. Dann soll in den kommenden zwei Jahren verhandelt werden, wo das Geld herkommt. Die deutsche und die chilenische Regierung haben von Ägypten den Auftrag erhalten, in der Frage der Schäden und Verluste eine Einigung zu erzielen.

Was erwarten Sie: Wird der Fonds kommen?

Ich bin zuversichtlich, aber eine Einigung erwarte ich erst bis Sonntagfrüh. Die Gruppe der 77 hat am Donnerstag bei einer Pressekonferenz klipp und klar erklärt: Wir reisen hier nicht ohne diesen Fonds ab. Die Industriestaaten stehen in der Verantwortung – und sie können sich bewegen. Die ärmsten und am stärksten betroffenen Staaten haben dagegen keinen Spielraum mehr. Jedes weitere Zugeständnis wird für sie buchstäblich zur Überlebensfrage.

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Lesermeinungen

Aus den Folgen der Zivilisation kann man für uns keine Erbsünde konstruieren. Lediglich der Raubbau von Bodenschätzen und das Ende von Babel war allen bewusst. Es regiert die Forderung nach Wohlstand. Dieser Wunsch besteht nach wie vor auch von denen, die jetzt unter den Folgen des Wohlstandes der Anderen leiden. Wären sie dazu in der Lage gewesen, hätten sie in der Vergangenheit und würden sie in der Zukunft die gleichen systembedingten Fehler machen. Eine Schuldzuweisung von verhinderten „Tätern“ ist unehrlich. Leider gibt es Medien, Parteien und Glauben, die sich mit der Augenbinde wohl und sicher fühlen und die systembedingten Entwicklungen nicht als zwingend akzeptieren wollen. Beliebt sind auch Schuldzuweisungen, die von der eigenen Verantwortung ablenken sollen und letztlich als Bumerang wirken. Kairo war so ein Fall der Blendung und der Ablenkung von der eigenen (auch) verursachenden Zahl. Die zu erwartenden 11 Milliarden in 21oo+ bleiben nicht folgenlos und sind keine Schuld von uns. Es ist mir ein Rätsel, wie man dazu kommt zu glauben und zu fordern, weltweit mit Freitag-Gesetzen die Vernunft als Staatsräson verordnen zu können. Das ist eine Verführung der Öffentlichkeit. Der Ölminister von Saudiarabien hat schon erklärt, das man das Land bis zum letzten Tropfen Öl auspressen wird. Quarta/Katar zeigt es uns bereits mit Irrsinn. Oder mit dem "Leopard" in die Wüste um denen zu zeigen, wie gut wir sind?

Das GAS in der Athmosphäre wirkt. Jahrhunderte. Es ist nicht zu reparieren. Um die Folgen zu verhindern, hätte es einer anderen Form der Zivilisation und auch der gesellschaftlichen, politischen und religiösen Werte bedurft. Das wußte und wollte niemand. Nicht mal jetzt. Wir zahlen um uns zu "reinigen". Was tun die Ärmsten der Armen um die Bedrohung durch sich selbst zu verhindern? Kein Gedanke, kein Wort, keine Tat. Wer das nicht sehen will, heuchelt. In Kairo, in den Parlamenten und von jeder Kanzel große Worte. Nebenan wird gleichzeitig der perverse Luxus zelebriert. $ 200 Milliarden um für jeweils 90 Minuten ein paar Bälle rollen zu lassen. Sind das die Dissonanzen im Konzert der Evolution und ...der Schöpfung?

Auch der höchste Fonds ändert nicht die Ursachen. Von unserer "Warte" Ratschläge zu erteilen ist, egal wie sie ausfallen, arrogant. Wir werden beschuldigt und sollen mit Taten, nicht mit Worten, antworten. Das ist kaum auszuhalten, zumal der westliche Lebensstandart die globale Versuchung ist. Der Verursacher ist einzig die anthropogene Zahl. Ohne die 1800 erst 1 und jetzt 8 Milliarden gäbe es diese Folgen nicht. Uns für den zivilisatorischen Wohlstand verantwortlich zu machen, den zu gerne auch alle anderen hätten, ist ungerecht. Ohne uns ist es dem Klima egal, welches Wetter ist. Selbstverständlich sind es die Folgen unserer Existenz, die kontraproduktiv sind. Wer das nicht sehen will, sollte von seiner hohen Kanzel runter steigen, wenn es nicht höher geht. Wir können uns unsere Existenz weder auswählen noch schönreden. Die uns zum Vorwurf zu machen ist abwegig. Es sind deshalb auch die Folgen von denen, die mit uns zusammen 8 Milliarden ergeben. Uns in Europa dafür ein schlechtes Gewissen machen und selbst hier nicht über die eigenen Konsequenzen (Werte) diskutieren wollen, ist unehrlich. Schauen Sie die Silhuetten der grossen Städte, auf Flugradar die täglich Millionen Flüge, die globale Vernichtung der Lebensmiitel, den Luxusirrsinn und weltweit die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen an! Und dafür haben wir die Schuld? Wo sind denn die Religionen, die hierfür die Werte formuliert haben? Der Mensch wurde so "geschöpft", dass er seinen Vorteil sucht. Ihn dafür verantwortlich zu machen, ist "unmenschlich". Das Dilemma löst niemand. Wer behauptet es lösen zu können, ist überheblich. "Kinderkreuzzüge" am Freitag sind Blendung. Zu glauben, dass wir "unendlich" sind, ist bar jeder Vernunft. Leider

Diese Schuldzuweisungen sind auch ganz anders zu sehen. Nicht der Elnzelne bei uns ist die Ursache. Es ist die seit Jahrhunderten wirksame globale Zahl, die erst die Dimension der Schäden erzielt. Die Schuldzuweisung ist falsch und ungerecht. Wir haben keine Energieerbsünde. Das hätte man doch zu gerne, denn damit kann man Gefühle und Werte gefügig und sich als Mahner wertvoll machen. Das System und damit unsere Zahl ist die Ursache. Für die bald 11 Milliarden gibt es keine Einzel-Verantwortung, wenn man mal die Sünde der unkontrollieren Vermehrung ausnimmt. Auch die Ärmsten der Armen würden für den Wohlstand die gleichen Fehler machen. Das kann man uns und ihnen nicht zum Vorwurf machen. Die Folgen sind abzulesen an den weltweiten TV-Bildern der Metropolen der Welt. Zu diesen Bildern trifft uns keine Verantwortung.