EKD-Synode 2022: Lässt sich die Klimakrise noch abwenden?

Die Bratwurst wird zur Bekenntnisfrage
Aimee van Baalen

Heike Lyding/epd-bild

Redete den Synodalen ins Gewissen: Aimée von Baalen von der "Letzen Generation"

Die Klimaaktivistin Aimee van Baalen (Foto) nimmt am 08.11.2022) an der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) teil. Die Angehoerige der "Letzten Generation" gibt vor dem Kirchenparlament in Magdeburg einen Impuls. Die "Letzte Generation" ist wegen ihrer radikalen Proteste umstritten, darunter Strassenblockaden und Attacken auf Kunstwerke in Museen. Ein weiteres Thema der Jahrestagung der Synode ist am Dienstag die Aufarbeitung der Faelle sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie. Die viertaegigen Beratungen gehen am Mittwoch zu Ende. (Siehe epd-Meldung vom 08.11.2022)

Der Appell war eindringlich und kam an: "Ich stehe hier, weil ich Angst habe. Weil ich fürchte, dass meine Familie Zeuge oder Opfer des Klimawandels werden könnte", sagte Aimée von Baalen, die Sprecherin der "Letzen Generation". "Wenn Klimakipppunkte überschritten werden, tritt ein Dominoeffekt ein. Ich habe Angst, dass wir das Zeitfenster für Veränderungen verpassen", sagte Van Baalen und appellierte an die Kirchenleute: "Bitte helft uns, brecht euer Schweigen, wir brauchen euch!"

Bis Mittwoch tagt die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Magdeburg, das höchste Kirchenparlament. An diesem Dienstag lag ein Hauch von Revolution über dem Tagungssaal. Viele erklärten sich solidarisch mit der "Letzten Generation", Aimée von Baalen bekam Standing Ovations.

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Katrin Binner

"Ziviler Ungehorsam ist ein legitimes Mittel des Widerstands", erklärte ein älterer Kirchenparlamentarier und zitierte aus einer alten EKD-Denkschrift, die das schon vor 30 Jahren konstatierte. Junge Synodale forderten, die Kirche solle sich mit der Klimabewegung verbünden. Anna-Nicole Heinrich, die 26-jährige Präses der EKD-Synode, hat kürzlich im chrismon-Interview gefordert, die Kirche müsse sich mit Protestgruppen wie "Ende Gelände" kurz schließen. Am Dienstagmittag bekräftigte sie: "Jetzt ist die Zeit, um das Thema nochmal radikaler voranzutreiben."

Die "Letzte Generation" hatte zuletzt mit Farbattacken auf
Parteizentralen, Verkehrsblockaden durch Festkleben an Asphalt und
Brei-Würfe auf Kunstwerke Schlagzeilen gemacht. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm lehnt die Proteste als "komplett kontraproduktiv" ab, andere Bischöfe wie Ralf Meister aus Hannover werben um Solidarität mit den Protestgruppen. Auch die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus zeigt Verständnis für die Aktionen.

Bevor Aimée von Baalen ihre Rede hielt, hatte der Sozialethiker Markus Vogt von der Universität München den Synodalen ins Gewissen geredet: "Wir brauchen eine moralische Revolution, eine tiefgreifende Veränderung der gesellschaftlichen Leitwerte, wir müssen uns verabschieden vom jahrzehntelangem Neoliberalismus." Mit technischen Innovationen allein lasse sich die Erderwärmung nicht aufhalten. Wir müssten unseren Konsum einschränken. Das Mindeste sei ein Tempolimit. Wenn sich dies politisch nicht durchsetzen lasse, könnten doch Bischöfe, Bischöfinnen und andere Kirchenleute einen Anfang machen.

Anfang Oktober hat die EKD eine Klimaschutzrichtlinie verabschiedet und will bis 2035 zu 90 Prozent klimaneutral sein, bis 2045 zu 100 Prozent. Es ist ein Anfang, der vielen im Kirchenparlament nicht weit genug geht. Denn eine EKD-Richtlinie ist nicht verbindlich für die 20 Landeskirchen. Diese sollen nun Klimaschutzgesetze erlassen und konkrete Ziele und Roadmaps festschreiben.

Bratwurst als Bekenntnisfrage

Dass dafür nicht mehr viel Zeit bleibt, verdeutlichte Oliver Foltin von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST)am Dienstag: "In den nächsten fünf bis zehn Jahren müssen wir die Treibhausgase drastisch reduzieren." Bisher habe auch die Kirche ihre Ziele verfehlt. Er riet dazu, die alten Gebäude zu sanieren, flächendeckend Photovoltaikanlagen auf den Dächern zu installieren, Heizungen konsequent auf erneuerbare Energien umzustellen.

Wieviel möglich ist, machte Pfarrerin Ute Stoll-Rummel aus der Pfalz deutlich: Ihre Gemeinde ist bereits klimaneutral, beheizt vier Gebäude über ein Nahwärmenetz, mit Photovoltaik, Pelletheizung. Die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische-Lausitz hat ein Klimaschutzgesetz verabschiedet und arbeitet unter anderem an der Umstellung der Heizungen auf erneuerbare Energien, wie der Umweltbeauftragte Jörn Budde berichtete.

Naserümpfen über vegetarisches Buffet

Andernorts ist der Weg noch weit. "Schlagen Sie mal vor, bei einem Gemeindefest etwas anderes als Bratwurst anzubieten. Das wird zum Bekenntnisfall!", sagte Heiko Reinhold, Umweltpädagoge und Hausmeister einer Kirchengemeinde in Dresden. Er höre oft von Kirchenmitgliedern, dass es diesen Klimawandel doch gar nicht gebe oder dass das was für Linke und Grüne sei. Auch auf der Synodentagung rümpften einige die Nase, weil die Buffets diesmal vegetarisch sind.

Die Kirche ist eben auch ein Spiegel der Gesellschaft mit etlichen Menschen, die sich an die Spitze der Bewegung setzen wollen, mit vielen Zweifelnden und auch solchen, denen die Veränderungen jetzt schon zu weit gehen.

An diesem Dienstag überwog sehr deutlich die Aufbruchstimmung.

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Lesermeinungen

Zitate: "Alle müssen mitmachen..." UND :"Die Bratwurst als Bekenntnisfrage"!
Solche Ansprüche sind kontraproduktiv. Total ausgeblendet wird, dass die Emmisionen schon Jahrhunderte in schädigendem Umfang erfolgen. Selbst wenn es gelänge, ab 1.1.23 alle Gase zu vermeiden, würde die Wirkung der bereits emittierten noch Jahrhunderte unverändert anhalten. Jetzt + 1,3 Grad, 2030 1,5, in ca. 80 Jahren 2,5 - 2,8 Grad und nun auf die Bratwurst verzichten.

Zitat: "Wir brauchen eine moralische Revolution, eine tiefgreifende Veränderung der gesellschaftlichen Leitwerte, wir müssen....".
Geht es nicht noch erhabener? Die Forderung läuft doch letztlich auf den "Neuen Menschen", auf eine Revision der Schöpfung, auf göttliche Vollmachten hinaus. Eine vererbbare Veränderung der menschlichen Eigenschaften. Dann fangt doch mal als Experiment bei Euch an. Und das auch noch als Macher für die ganze Welt! Selbst wenn wir unsere gesamte CO2-Menge von knapp 700 Mio. To. auf Null reduzieren und dann damit existentiell gegen das Ende gehen, würde die Erde immer noch mit 35-40 Milliarden To. kaum keine nennenswerde Klimaverzögerung erreichen. Und dann "mit einer Bratwurst die Schöpfung retten wollen!" Warum dann es nicht auch mal mit Globoli versuchen. Zwar eine Überspitzung, aber wenn man sich mit diesen veganen Ansprüchen (Zitat) "an die Spitze der Bewegung setzen will", kann man nur noch den Kopf schütteln. Mit welcher Mission soll denn diese Welterziehung erfolgreich sein? War das der "Geist" der Synode?

(Zitat) "Mit welcher Mission soll denn diese Welterziehung erfolgreich sein?" ... -
Mit der Mission "Make Love, not Bratwurst" wird zwar nicht DIESE, wird aber die NEUE Schöpfung erfolgreich sein. Evangelium des Herrn Jesus Christus. Noch erhabener geht es nicht!

Markus Vogt von der Universität München den Synodalen ins Gewissen geredet: "Wir brauchen eine moralische Revolution, eine tiefgreifende Veränderung der gesellschaftlichen Leitwerte, wir müssen uns verabschieden vom jahrzehntelangem Neoliberalismus." 

Meine Güte, solch ein Satz ist nichts weiter als die Formulierung einer heuchlerisch-verlogenen Verschwörungstheorie im Tanz um den heißen Brei.

Wir brauchen eine konsequent-kompromisslose Kommunikation, hin zu einem globalen Gemeinschaftseigentum ohne wettbewerbsbedingte Symptomatik, auf der Basis eines UNKORRUMPIERBAREN Menschenrechts zu KOSTENLOSER Nahrung, MIETFREIES Wohnen und ebenso KASSEN-/KOSTENLOSER Gesundheit - wirklich-wahrhaftiges Zusammenleben in Vernunft und Verantwortungsbewusstsein "wie im Himmel all so auf Erden".