Können sich Jugendliche keinen Freiwilligendienst mehr leisten?

"Wir müssen mehr werben"
"Wir müssen mehr werben"

Jürgen Blume/epd-bild

Möglichkeiten für ein Freiwilliges Soziales Jahr gibt es viele. Hier in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Berlin.

"Wir müssen mehr werben"

Immer weniger junge Menschen machen nach der Schule einen Freiwilligendienst. Rainer Hub von der Diakonie über die Ursachen - und mögliche Anreize

chrismon: Evangelische Träger beschäftigen viele Freiwillige. Beobachten Sie auch, dass die Bewerbungen zurückgehen?

Rainer Hub: Ja. Wobei man differenzieren muss: Die evangelische Trägergruppe hat bundesweit fast 50 Anbieter. Je größer die Anbieter sind, umso eher können sie damit umgehen. Da fehlen dann zwar ein paar Freiwillige, damit lässt sich aber leichter umgehen. Die Diakonie Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben jeweils circa 2500 Freiwillige. Wenn da 50 weniger kommen, ist es schade, aber zu verkraften. Wenn bei kleinen Trägern mit 20 bis 50 Freiwilligen zehn Prozent fehlen, fällt das hingegen sehr ins Gewicht. Die Diakonie Bremen etwa ist arg am Stöhnen, und ein paar Kilometer weiter im Flächenland Niedersachsen sagen sie: Wir merken es kaum. Bei den internationalen Freiwilligendiensten ist es sehr dramatisch.

Woran liegt das?

An den beiden großen Krisen: Pandemie und Ukrainekrieg. Die innerdeutschen Freiwilligendienste konnten die Pandemie halbwegs gut kompensieren, auch weil Menschen nicht mehr europa- oder weltweit einen Freiwilligendienst machen konnten. Dadurch ist der internationale Freiwilligenmarkt auf den nationalen geschwappt. Im internationalen Bereich hatte man sich gerade ein bisschen von der Pandemie erholt. Und dann kam der Krieg. Durch die Inflation wird ein Auslandsdienst mit Flug und allem, was dazugehört, noch sehr viel teurer.

Rainer Hub

Rainer Hub, geboren 1961, ist Sozial- und Diakoniewissenschaftler. Seit 2005 ist er bei der Diakonie Deutschland und dort seit 2018 im sozialpolitischen Zentrum Engagement, Demokratie und Zivilgesellschaft für Engagement und Freiwilligendienste zuständig. Seit Anfang 2022 ist er zudem im Sprecher*innenrat des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) engagiert. Er hatte Ehrenämter in der Friedens-, Versöhnungs- und Entwicklungszusammenarbeit sowie in den zivilgesellschaftlichen Bereichen Jugend, Kirche, Politik, Schule, Sport und im Stiftungswesen inne.
Hermann Bredehorst

Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur am Magazin-Desk von chrismon, epd Film und JS-Magazin. Er hat Journalismus, Geografie und Germanistik in Mainz und Bamberg studiert. Er schreibt am liebsten über gesellschaftspolitische Themen und soziale Gerechtigkeit.
Lena Uphoff

Gibt es noch weitere Gründe für weniger Freiwillige?

Ja. Auch wenn es die genannten Krisen nicht gäbe: Seit dem Jahrgang 2020 spüren wir den demografischen Wandel. Es gibt einfach weniger junge Leute. Seit es Freiwilligendienste gibt, bestand immer ein Zusammenhang mit dem Arbeits-, dem Ausbildungs- und Studierendenmarkt, der Konjunktur und der Rezession. Jetzt sind die Zeiten für Berufseinsteigerinnen günstiger. Dadurch sinkt aber die Nachfrage bei Freiwilligendiensten als Orientierungs- und Überbrückungsjahr. Wenn die Menschen andererseits keinen Ausbildungs- oder Studienplatz finden, wirkt sich das bei den Freiwilligendiensten aus.

Welche Bereiche sind besonders vom Mangel betroffen?

Die Altenpflege ist seit jeher unattraktiv für viele Freiwillige, dort sind traditionell die meisten unbesetzten Plätze. Wenn früher Pflegefachkräfte fehlten und man mit Kampagnen auf die Freiwilligendienste gesetzt hat, war das oft nicht sonderlich zielführend. Einigermaßen gut klappt es in Krankenhäusern. Da möchten viele hin, die Medizin studieren und sich das angucken wollen.

Können sich manche Jugendliche auch einfach keinen Freiwilligendienst (mehr) leisten?

Für die Auslandsdienste müssen einige Freiwillige Geld mitbringen, weil sie zum Teil gesetzlich nicht so vollumfänglich gefördert werden. Im Ausland bedarf es beispielsweise immer einer Unterkunft. In Deutschland hingegen bleiben viele Freiwillige bei ihren Eltern wohnen. Dass junge Menschen in eine andere Stadt oder Gegend ziehen, lässt wegen der hohen Preise nach.

"In den letzten Jahren hat die Anfrage nach Teilzeit auch unter Jüngeren zugenommen"

Wie hoch ist das Taschengeld, das die Freiwilligen kriegen?

Das kommt auf das Format an: Es gibt das Freiwillige soziale Jahr (FSJ), das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ), den Bundesfreiwilligendienst (BFD) und die internationalen Dienste. Die werden alle unterschiedlich gefördert, deswegen fallen auch die Taschengeldsätze unterschiedlich aus. Beim FSJ ist der Korridor sehr breit. Das hat damit zu tun, dass FSJ und FÖJ von manchen Bundesländern gefördert werden, in der Mehrzahl aber nicht. Beim BFD sind bei Voll- wie Teilzeit die Höhe des Taschengelds jeweils bundesweit einheitlich.

Gibt es zusätzliche Fördermöglichkeiten, wenn ein Jugendlicher aus einer armen Familie kommt?

Es gibt Benachteiligtenformate für Jugendliche mit niedrigerem sozioökonomischem Status, Bildung, Einkommen oder aus schwierigen Familienverhältnissen und seit diesem Jahrgang ein Inklusionsprogramm für Menschen mit Behinderung. Die Geförderten werden dann stärker betreut und der Träger erhält mehr Geld für Anleitung und Begleitung, aber nicht die Freiwilligen selbst.

Könnten die Freiwilligen mehr Taschengeld erhalten?

Wenn wir von der Politik höhere Investitionen fordern, heißt es in der Regel: Wenn ihr mehr Geld kriegt, müsst ihr auch mehr Freiwillige generieren. Die Träger erhalten aufgrund der aktuell extrem gestiegenen Preise hoffentlich einen Inflationsausgleich für gestiegene Kosten pro Freiwilligem.

Also ginge das Geld sowieso nicht an die Freiwilligen selbst?

Genau. Das verbleibt auf der Metaebene. Da das Tagungshaus teurer wird, braucht der Träger auch höhere Tagessätze, um das Haus für Seminare bezahlen zu können. Aber es geht nicht in den Geldbeutel der Freiwilligen.

Was halten Sie von Teilzeitmodellen?

Der BFD ist bisher der einzige Dienst, den auch Menschen über 27 Jahre absolvieren können. Da ist die Teilzeit von mindestens 20 Wochenstunden bereits im Gesetz verankert. Das wird es 2023 aber auch in den anderen Formaten geben, weil es im Koalitionsvertrag steht. In den letzten Jahren hat die Anfrage nach Teilzeit auch unter Jüngeren zugenommen, weil sie noch andere Dinge machen wollen, eine Einschränkung haben, alleinerziehend oder ähnliches sind. Lange war das über Ausnahmen geregelt, nun passt der Staat das Gesetz der Wirklichkeit an.

"Ziel ist, die Schwelle von 100.000 geförderten Freiwilligenplätzen pro Jahr nicht abzusenken"

Erreicht man mit diesem Modell mehr Menschen, die Vollzeit vielleicht abschreckt?

Sicher könnten wir dann den einen oder anderen mehr gewinnen. Die Einrichtungen profitieren aber mehr davon, wenn jemand länger da ist – sowohl pro Tag als auch pro Gesamtzeit. Aber auch die Träger müssen damit leben, dass sich die Welt verändert. Teilzeit nimmt in der gesamten Gesellschaft zu. Manchmal sind die Einzigen, die in der Kita 100 Prozent tätig sind, die Freiwilligen. Da stimmt ja etwas nicht. Daher muss auch der Freiwilligendienst Teilzeit ermöglichen und im Einzelfall gucken, ob die Interessen der Einsatzstelle und des Freiwilligen zusammenpassen. Eine Ausnahme sind die Bildungs- und Seminarzeiten. Da müssen auch Teilzeitfreiwillige komplett dabei sein.

In der Corona-Pandemie mussten viele junge Menschen fast zwei Jahre zu Hause bleiben. Nun wollen einige die Welt sehen und sich nicht direkt für die Gesellschaft verpflichten. Wird das zum Problem?

Das sehe ich noch nicht. Ohne Pandemie gab es den Effekt: Ich war jahrelang in der Schule und bevor ich in die Ausbildung gehe oder studiere, will ich erst mal ein Jahr praktisch etwas tun. Da sind die Leute neugierig auf einen Freiwilligendienst.

Was halten Sie von einer Dienstpflicht, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorgeschlagen hat?

Evangelische Kirche und Diakonie lehnen es seit langem klar ab. Ich sehe das auch nicht kommen. Es würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, das zu organisieren und hätte viele juristische Hürden. Und dann reden wir noch nicht über die immensen Kosten pro Jahr – auch für die Gesellschaft.

Wie kann man mehr junge Menschen für Freiwilligendienste erreichen?

Über Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Zum Beispiel über www.ein-jahr-freiwillig.de. Man muss in sozialen Medien präsent sein. Ein neues digitales Format namens "Freiwillig Ja" wird trägerübergreifend beworben und vom Bundesfamilienministerium gefördert. Ziel ist, dass man die Schwelle von 100.000 geförderten Freiwilligenplätzen pro Jahr nicht absenkt, sondern eher leicht nach oben geht. Jetzt sind wir im Übergang: Die Zahlen der Freiwilligen gehen zurück, also müssen wir mehr werben.

Wie zum Beispiel?

Die Bundeswehr hat Kooperationsverträge mit den Ländern, dass sogenannte Jugendoffiziere die Schulen besuchen und für die Bundeswehr werben dürfen. Das gibt es für Freiwilligendienste noch nicht, es wäre aber möglich, hierüber nachzudenken.

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