WM in Katar: Was Kirche und Sport gemeinsam haben

"Fußball steht eigentlich für Fairness"
"Fußball steht eigentlich für Fairness"

Andreas Gebert / picture alliance

Gastarbeiter aus Indien und Bangladesch bei Straßenarbeiten vor dem Khalifa-Stadion in Doha, Katar

"Fußball steht eigentlich für Fairness"

Manche Fans wollen die Fußballweltmeisterschaft in Katar boykottieren. Thorsten Latzel, Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche, schlägt einen anderen Weg vor – und erklärt, was Fußball und Glauben verbindet

Werden Sie sich die WM-Spiele im Fernsehen anschauen?

Thorsten Latzel: Ehrlich gesagt, ich weiß es noch nicht. Einerseits bin ich sportbegeistert und ein Fan der deutschen Fußballnationalmannschaft. Auf der anderen Seite ist die Weltmeisterschaft in Katar in vielerlei Hinsicht eine hoch problematische Veranstaltung.

Was lässt Sie zögern?

In Katar finden massive Verletzungen der Menschenrechte statt. Die WM als sportliches Großereignis wird zur politischen Selbstdarstellung missbraucht. Die Stadien wurden unter menschenunwürdigen Bedingungen gebaut, viele Wanderarbeiter, also Vertragsarbeiter aus anderen, ­ärmeren Ländern, sind zu Tode gekommen. Und ökologisch ist es nicht zu vermitteln, dass die Spiele in gekühlten Stadien in einem Wüstenstaat stattfinden. Problematisch ist zudem der Zeitpunkt. Die WM wurde in die Adventszeit verschoben, die für uns Christinnen und Christen eine Zeit der Einkehr und der Umkehr ist. All das sind Dinge, die nicht aus sportlichen Gründen geschehen sind, sondern des Geldes wegen.

Was kann der einzelne Fan dafür, wenn Fußballfunktionäre entschieden haben, die WM in Katar auszurichten?

Der einzelne Fan kann dafür nichts. Die Entscheidung ­wurde 2010, also vor vielen Jahren, gefällt. Die Reak­tion in der Gesellschaft war damals zu schwach. Die Probleme ­hätten schon viel früher Thema sein müssen.

Hätte der DFB die WM boykottieren sollen?

Das wäre eine Option gewesen. Auch in der Gesellschaft hätte es mehr Protest bedurft.

Manche Fußballfunktionäre wie Uli Hoeneß sagen, den Arbeitern in ­Katar geht es allgemein dank der WM ­besser. Wie sehen Sie das?

Mögliche Verbesserungen machen nicht rückgängig, dass auf den Baustellen Arbeiter gestorben sind. Und die Arbeitsrechte sind nicht das einzige Problem. In Katar gibt es ­keine Meinungsfreiheit. Minderheiten werden unterdrückt. Und es ist sehr fraglich, ob etwa homosexuelle Fans die WM besuchen können, ohne Probleme zu bekommen. Da schließt man ganze Gruppen aus.

"Ich verstehe die Menschen, die sich am Fußball freuen wollen"

Einige Fußballfans rufen zum Boykott auf. Warum folgen Sie dem nicht?

Ich kann es nachvollziehen, wenn Fußballfans die WM boykottieren. Aber ich verstehe auch die Menschen, die sich am Fußball freuen wollen, gerade in einer Zeit, in der es so viele schlechte Nachrichten und Krisen gibt.

Was ist die Alternative?

Sich das kritisch anzuschauen. Indem man nicht nur die Spiele verfolgt, sondern sich in den Medien darüber informiert, wie die Lebensbedingungen der Wanderarbeiter in Katar sind, wie mit Frauenrechten umgegangen wird, wie die Situation von Minderheiten ist. Das sollte man wahrnehmen und sich dann auch für die Rechte der Menschen einsetzen.

Wie geht das? Katar ist sehr weit weg von den Fußballfans in Deutschland.

Es ist trotzdem möglich, Einfluss zu nehmen und Forderungen zu stellen. Zum Beispiel an die Firmen, die als Sponsoren bei der WM werben. Oder auch an Fußballvereine wie den FC Bayern, der jedes Jahr ins Trainingslager nach Katar fliegt. Das kann man als Fan kritisieren. Oder man kann Forderungen an deutsche Verbände wie den DFB stellen, was die Vergabe von Sportveranstaltungen in der Zukunft angeht. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Form des Sports wir in unserer Gesellschaft haben wollen.

Thorsten Latzel

Thorsten Latzel ist Pfarrer, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Theologe. Seit Anfang 2022 ist er Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Andreas Gebert/picture allianceundefined

Sebastian Drescher

Sebastian Drescher ist Redakteur beim JS-Magazin, der evangelischen Zeitschrift für junge Soldaten, und chrismon.
PrivatSebastian Drescher

Angenommen, Sie wären Präsident der FIFA: Wie würden Sie eine WM organisieren?

Da wäre ich sicher der Falsche. Bei der FIFA hat man den Eindruck, dass der Sport dorthin geht, wo das ­ meiste Geld zu verdienen ist. Bei der Ver­gabe der WM sollte auf andere ­Dinge Wert gelegt werden: Menschen­rechte, Meinungs­freiheit, dass alles sozial und ökologisch abläuft. Es ist problematisch, wenn nur für eine WM viele neue Stadien gebaut werden müssen. Der Fokus sollte auf dem sportlichen Wettkampf liegen, auf der Schönheit des Spiels. Der Fußball steht eigentlich für Fairness. Das sollte dann aber auch für die Umstände der Groß­ereignisse gelten.

Kann der christliche Glaube solche Werte im Sport vermitteln?

Fußball und Kirche haben viele Berührungs­punkte: das Feiern, die Gemeinschaft, das Singen im Gottes­dienst oder im Stadion. Auch die ­Freude daran, wozu unser von Gott geschaffener Körper imstande ist. Unser Glaube kann zugleich ­vermitteln, dass sportlicher Erfolg nicht alles ist. Dass wir uns trotz ­allen Ehrgeizes selbst zurücknehmen können. Und dass wir in der anderen Mannschaft nicht einen Gegner sehen, sondern ­einen sportlichen Konkurrenten. ­Jesus ­Christus hat uns die Feindes­liebe g­elehrt und vorgelebt. Die sollten wir auch im Sport leben.

Infobox

Gefährliche Baustellen

Mindestens 6500 Wanderarbeiter sind zwischen 2010 und 2020 in Katar gestorben. Das hat der britische ­"Guardian" auf Grundlage von Daten aus den Herkunftsstaaten Indien, Bangladesch, Pakistan, Nepal und Sri Lanka berechnet. Gründe sind unter anderem extreme Hitze, unsichere Baustellen und schlechte Hygiene in den Unterkünften. Die genauen Todes­ursachen bleiben oft ungeklärt, was den Zugang zu Entschädigung für Angehörige erschwert. Amnesty International möchte die FIFA in die Verantwortung nehmen und fordert mit einer Unterschriftensammlung Entschädigungs­zahlungen in Höhe von 440 Millionen US-Dollar für ­Betroffene von Menschenrechtsverletzungen und deren ­Angehörige.

Leseempfehlung

Mesut Özil hat einen Fehler gemacht, ja. Aber das rechtfertigt keinen Rassismus
"Du kannst meinen Klub nicht kaufen!" - der Grat zwischen Kommerz und Fußballleidenschaft ist schmal
Politik- und Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt, warum rohstoffreiche Länder zu Diktatur und Krieg neigen.
"Keine Nazis bei der Eintracht", sagt Frankfurts Fußballpräsident Peter Fischer. Und bekommt eine Medaille

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

wird zur Glaubensfrage, Sport zu den Essentials des christlichen Glaubens hochstilisiert ... -
Sehr geehrter Herr Präses Latzel! Nehmen Sie sich nicht so wichtig. Postbote ist auch ein schöner Beruf. Und auch da kann man Menschen von Jesus erzählen ... und sich gegebenfalls DANN AUCH für die Rechte der Menschen (in Katar oder anderswo) einsetzen.

Sorry, das mag Präses Latzel noch so wortreich erklären, beides hat miteinander nix zu tun.
Alle Sportarten werden als Wettbewerb ausgetragen, es gibt Gewinner, notwendigerweise aber dann auch Verlierer*.
Und ein Event, wie in WM und auch noch in Katar, dient der Gewinnmaximierung, sie ist ein Riesengeschäft.
Was hat das alles mit der christlichen Botschaft zu tun? Weniger als nichts.

* Gerade die evangelische Kirche hat mit der Reformation nicht auf die Kraft des Sports, sondern auf die Kraft der Musik gesetzt. Beim gemeinsamen Musizieren gibt es eben, im Gegensatz zum Sport, keine Verlieren, sondern nur Gewinner.