Einen Monat nach dem Tod der Queen: Bericht aus Bristol

"Die Monarchie ist der Zement, der alles zusammenhält"
England - Mit der Queen ist eine Ära zu Ende gegangen

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Im Vereinigten Königreich gibt es neben Unterstützung und Zuspruch für die Monarchie auch Stimmen, die lautstark ihre Abschaffung fordern.

England - Mit der Queen ist eine Ära zu Ende gegangen

Die Queen hat viele Menschen mit Orden für ihre Arbeit gewürdigt – auch das schafft Zusammenhalt, erklärt Auslandspfarrer Kai Thierbach im Interview.

chrismon: Was verbinden Sie mit Ihrer Gemeinde, einer deutschsprachigen Gemeinde in England?

Kai Thierbach: Ich bin unheimlich gern in Kontakt mit Menschen und finde die Lebensgeschichten spannend – besonders wie sich die Deutschen zurechtfinden, die hier leben, und wie sie Kontakte knüpfen. Wir haben eine überschaubare Zahl an Mitgliedern. Zu uns gehören um die 200 Personen in vier Gemeinden. Ab und an besuchen uns Einheimische: Es gibt Britinnen und Briten, die gern deutsch sprechen und gezielt den Kontakt suchen. Wir sind auch bei den Quäkern sehr oft zu Gast - das ist etwas, was ich aus Deutschland so nicht kenne.

Der Tod von Queen Elizabeth II. ging durch sämtliche Medien. Wie haben Sie die englische Berichterstattung erlebt?

Viele Medien schienen auf den Tod vorbereitet zu sein. Der Tenor war Dankbarkeit und Anerkennung. Die BBC etwa hat sofort das Programm geändert. Plötzlich kam ganz andere Musik. Im Radio wurde auch von abgesagten Veranstaltungen am Wochenende berichtet, etwa im Sport- und Musikbereich. In vielen Beiträgen wurde versucht, einen Bezug zur Queen herzustellen. Einmal kam zum Beispiel ein Stück des englischen Komponisten Benjamin Britten – da wurde kommentiert, dass er natürlich auch die Queen getroffen hat. Von diesem Treffen gibt es ein prominentes Foto. Die Fülle und die Intensität der Berichterstattung waren erstaunlich. Man musste gar nicht selbst darüber nachdenken, weil die Medien alles bis ins Detail berichteten.

"Die königliche Familie ist mit vielen Menschen sehr verwoben"

Haben Sie sich nach diesem Ereignis mit anderen Pfarrerinnen und Pfarrern dazu ausgetauscht?

Ja, tatsächlich gleich am Freitag, einen Tag nach dem Tod. Wir treffen uns regelmäßig - oft über Zoom. Das macht es einfacher, weil die Kollegen und Kolleginnen bis nach Edinburgh oder London sehr weit verstreut sind. Die Evangelische Synode deutscher Sprache hat auf ihrer Seite ein Trauerschreiben veröffentlicht. Innerhalb unserer Gemeinden kam der Tod zur Sprache, aber er war nicht das Hauptthema.

Kai Thierbach

Kai Thierbach begann seinen Dienst als deutscher Auslandspfarrer in Bristol im Jahr 2020 mitten im Lockdown. In England ist er für ein großes Gebiet zuständig - etwa die West Midlands sowie ganz Wales. Seine Frau ist Engländerin, die Kinder wachsen zweisprachig auf.
Privat

Wie gingen die Gemeinden vor Ort mit dem Tod der Queen um?

In allen Kirchen, in denen wir zu Gast waren, stand ein Bild von ihr, mal im kleinen Format, mal groß. Ab und an lag auch ein Kondolenzbuch aus. Wir selbst haben das allerdings nicht gemacht. Ich weiß aber, dass einige Gemeindemitglieder ihren anglikanischen Freunden Mails geschickt haben und ihr Beileid oder ihre Anteilnahme ausgedrückt haben. Das ist auf einer persönlichen Ebene passiert.

Die Queen war für viele Britinnen und Briten offensichtlich sehr wichtig.

Klar, die königliche Familie ist mit vielen Menschen in ihrem Alltag sehr verwoben. Vieles ist in königlicher Hand - vom Vogelschutzverein über die Armee bis zur Post. Bei der Post etwa sieht man die Zeichen von Elizabeth II. neben denen von King George VI. und Queen Victoria. Da ist das sehr präsent und es berührt irgendwo alle. Bei unseren Kindern gab es in der Schule eine Gedenkminute, aber der Unterricht wurde nicht extra umgestellt.

Haben jüngere Menschen ein anderes Verhältnis zur Monarchie als ältere Generationen? Wie haben Menschen in Ihrem Umfeld auf den Tod reagiert?

Generation spielt auf jeden Fall eine große Rolle. Die älteren Personen, die mit der Queen aufgewachsen sind, haben ihr Ableben ganz anders aufgenommen als die jüngeren. Ein älterer Engländer hat mir erzählt, dass er sich noch genau erinnern kann, als er sechs Jahre alt war und mit einem Fähnchen an der Straße mit seiner Familie stand. Das war 1953, als die Queen gekrönt wurde. Unsere Nachbarn sind eine junge Familie, die haben über den Tod nicht gesprochen. Eine andere Nachbarin ist mit ihrer Schwester nach London gefahren, weil sie den Tod der Queen als historischen Moment gesehen hat. Sie stand zwölf Stunden an, um am Sarg Abschied zu nehmen. Ältere Briten und Britinnen erinnerten sich an einzelne Jubiläen. Da wurden dann Tassen und Bilder hervorgeholt und präsentiert. Ich glaube, Deutsche wie auch Engländer waren sich einig, dass jetzt eine Ära zu Ende gegangen ist.

"Der Brexit ist nach wie vor ein schwieriges Thema"

Was bleibt Ihnen persönlich besonders von der Regentschaft Elizabeths II. in Erinnerung?

Ich habe das 70. Thronjubiläum sehr stark in Erinnerung. Das war sehr eindrücklich, das gesamte Land hat gefeiert. Für mich ist da noch mal deutlich geworden, dass Elizabeth II. ein Symbol der Einheit war. Sie hat versucht, die Königin für alle zu sein - gerade weil es in den letzten Jahren immer wieder Tendenzen gab, dass das Königreich auseinandergeht. Der Brexit ist nach wie vor ein schwieriges Thema, über das nicht gern gesprochen wird. Sie hat in der Zeit trotzdem versucht, Zusammenhalt und Einheit zu repräsentieren.

Die Queen hatte wie Königinnen und Könige vor ihr seit Heinrich VIII. den Titel "Verteidiger des einen Glaubens". Wie sehen Sie ihre Rolle in den Kirchen Englands rückblickend?

In der anglikanischen Kirche war die Queen eine wichtige Person. In ihrer Amtszeit hat sie Pfarrer immer wieder ausgezeichnet und geehrt. Alle Auszeichnungen und Orden von der Queen und nun vom König werden mit Stolz getragen. Als Deutsche haben wir ein anderes Verhältnis zur Monarchie, manche Dinge können einem dann etwas fremd vorkommen. Deshalb hatte die Queen auch eine andere Bedeutung für uns als deutschsprachige Gemeinden.

Seit dem Tod der Queen ist nun fast ein Monat vergangen. Was hat sich verändert?

Man spürt einen Umbruch, aber nicht überall. Ich habe den Eindruck, dass die Zurückhaltung in Wales größer ist. Unter den Walisern gibt es auch einen stärkeren Nationalismus und mehr Kritik an England - auch wenn sich Elizabeth II. als Königin aller verstanden hat. Aber die Tatsache, dass König Charles seinen Sohn William zum Fürsten von Wales erklärt hat, stößt auf Widerstand. Einige Waliser meinen: "Das ist ja schon wieder ein Engländer, der diesen Titel hat." Die Geschichte ist immer noch präsent, dass Wales im 13. Jahrhundert von der englischen Krone erobert wurde und es gezwungen hat, ein Teil des Vereinigten Königreichs zu werden.

"Die Monarchie gehört zur Identität des Landes"

Die Monarchie erfährt also nicht nur Zustimmung.

Genau, in den vergangenen Wochen äußerten sich immer wieder Stimmen, die lautstark für die Abschaffung der Monarchie demonstriert haben. Da ist auch eine Diskussion um die freie Meinungsäußerung entbrannt. Gerade bei den Veranstaltungen und Trauerprozessionen wurde ja hart eingegriffen, Leute wurden weggezerrt oder die Polizei musste einschreiten. In der Pandemie gab es auch schon unterschiedliche Meinungen und das setzt sich jetzt nach dem Tod von Elizabeth II. fort.

Was kommt Ihrer Meinung nach auf den neuen König Charles zu?

Die größte Herausforderung für Charles wird sein, dass er das zusammenhält, was Elizabeth II. als Matriarchin mit ihrer Persönlichkeit, ihrer eisernen Disziplin und ihren Grundsätzen geschaffen hat. Charles erscheint etwas impulsiver. Welche Rolle die Monarchie zukünftig spielen wird, darüber kann ich nur mutmaßen. Sie wird eher eine gesellschaftliche Rolle spielen als eine kirchliche. Charles meinte ja, dass er Verteidiger des Glaubens und der Religiosität ist, aber im Gegensatz zu den Worten der Queen eben nicht des einen Glaubens. In unseren Gemeinden haben wir im September über das Thema "Zeit der Schöpfung" diskutiert. Da wurde auch über den neuen König und sein Interesse an Ökologie und Klimawandel gesprochen. Das bringt Hoffnung mit sich, dass er etwas bewegen kann.

Großbritannien verbinden viele eng mit dem Königshaus. Welchen Wert sehen Sie in der Monarchie?

England ohne die Monarchie ist undenkbar. Sie gehört zur Identität des Landes und der Menschen – auch wenn sich viele Engländer als Republikaner bezeichnen. Ich habe erst kürzlich einen Geschichtslehrer getroffen, der mit einem Orden für seine Arbeit geehrt wurde. Seine Auszeichnung hat er mir stolz gezeigt. Da habe ich wieder gemerkt, wie wichtig diese Institution für die britische Gesellschaft ist, indem Menschen in ihrer Arbeit wahrgenommen und gewürdigt werden. Die Monarchie ist ein bisschen wie der Zement, der alles zusammenhält. Sonst würde dieses Land mit seinen unterschiedlichen Vorstellungen und Richtungen auseinanderdriften. Viele sagen, dass sie schon immer Königreich waren und es auch bleiben.

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