Ukraine-Krieg, Sterbehilfe, Suizid: Wann dürfen Christen töten?

Du sollst nicht töten!
Religion für Neugierige - Dürfen Christen töten

Lisa Rienermann

Eine Erklärung zum fünften Gebot: "Du sollst nicht töten!" (Symbolbild)

Religion für Neugierige - Dürfen Christen töten

Aus Notwehr dürfen Christen töten, sagen viele. Jesus sagt: Auch in Gedanken kann man töten. Aber selbst das strengste Verbot kann missbraucht werden. Eine Erklärung.

Räzach – so klingt das hebräische Wort für Mord. Kehlig und zischend, wie ein Schnitt durch die Halsschlag­ader. Lo tirzach heißt das fünfte Gebot im Original: "Du sollst nicht töten!" Ein Gebot ohne Wenn und Aber – als verbiete es jede Art des Tötens jederzeit und ­unter ­allen Umständen. Doch räzach bezeichnet in der hebräischen Bibel nur das Töten in böser Absicht oder im Zorn, nie aber das Töten im Krieg oder aus Notwehr, auch nicht den Sui­zid. Eher muss man das Gebot mit "Du sollst nicht morden" übersetzen. Wobei als "Mörder" auch der gilt, der einen Mord in Auftrag gibt. Einer wie König Ahab, der den Weinberg seines Nachbarn Nabot begehrt. Ahab lässt zweifelhafte Männer falsch gegen Nabot aussagen. Nabot wird verurteilt und gesteinigt (1. Könige 21). – Soweit die hebräische Bibel.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz war als chrismon-Redakteur bis Oktober 2022 verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika. Seit November 2022 betreut er als ordinierter Pfarrer eine Gemeinde in Offenbach.
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Jesus von Nazareth verschärfte das fünfte Gebot. Schon wer seinem ­Bruder zürne, sei vor Gericht schuldig, sagte er – so schuldig, als hätte er ihn umgebracht (Matthäus 5,22). Wer ­seinen Bruder hasst, ist ein ­Mörder, legte der Erste Johannesbrief (3,15) nach. In den finsteren Gedanken bahnt sich die böse Tat an. "Nicht töten", forderte deswegen Martin Luther, "weder mit Hand, Herzen, Mund, Zeichen, Gebärden noch Hilfe und Rat." Darf, wer christlichen Glaubens ist, also niemals töten, in gar keinem Fall? Müssen Christen wegen des fünften Gebots dem Kriegsdienst fernbleiben, müssen sie sogar den Ukrainern die Waffen verweigern?

Für sich sollten Gläubige hohe Maßstäbe anlegen

Viele Christen sagen: Ja. Mennoniten zum Beispiel. Wo immer Herrscher oder Behörden in den vergangenen Jahrhunderten sie zu den Waffen riefen, ob in Deutschland, in Russland, in Nordamerika, stets verweigerten sie sich und wanderten lieber aus. Friedensbewegte Mennoniten argumentieren mit dem biblischen Tötungsverbot. Und damit, dass der Friede bei irgendjemandem anfangen müsse. Egal aus welchem Grund: Wer tötet, zerstört unwiederbringlich, was nur Gott geben und nehmen ­dürfe, das Leben. Auch Zeugen Jehovas dürfen nicht in den Krieg ziehen. Selbst unter den Nazis ließen sich viele ­lieber im KZ zu Tode prügeln, als mit der Waffe auf Menschen zu zielen.

Andere Christinnen und Christen können nicht nachvollziehen, wie man sich mit noch so edlen Begründungen so aus der Verantwortung ­ziehen kann, schon gar nicht, wenn – wie jetzt in der Ukraine – ein Aggressor ein ganzes Land grundlos mit Krieg und Terror überzieht. Für sich selbst sollten Gläubige hohe moralische Maßstäbe anlegen, forderte Martin Luther. Aber wenn Mitmenschen angegriffen werden, dürfen sie nicht tatenlos zusehen. Und sie dürfen es gutheißen, wenn wehrlose, an Leib und Leben gefährdete Menschen verteidigt werden, auch mit Waffen. In solcher Notwehr zu töten sei erlaubt.

Ein absolutes Tötungsverbot, das klingt nach einer anspruchsvollen, hochstehenden Moral. Es kann aber auch auf absurde Weise missbraucht werden. Rechtsgerichtete Evangelikale wollen in den USA ein absolutes Abtreibungsverbot durchsetzen, angeblich um Leben zu retten – obwohl sie gleichzeitig an der Todesstrafe festhalten und an einem freizügigen Verkauf von Schnellfeuerwaffen. In Wirklichkeit sind sie nicht gegen das Töten. Sie nutzen ein Thema, das polarisiert und ihnen eine Bühne gibt.

Darf ich den Tyrannen töten – ist es sogar geboten?

Problematisch ist, wenn die Kirchen in Deutschland jede Sterbehilfe grundsätzlich wegen eines absoluten Tötungsverbots ablehnen. Nicht allen leuchtet ein, warum andere zu wissen meinen, was gut für sie sei.

Weder das fünfte Gebot noch seine Verschärfung durch Jesus legen fest, dass Töten unter allen Umständen verboten sein muss, komme, was wolle. Eine überall und jederzeit gültige Antwort kann es nicht geben. Es wird immer zu Extremsituationen kommen, in denen Menschen abwägen müssen: Darf ich den Tyrannen töten – ist es sogar geboten? Darf ich einen Aggressor mit Waffengewalt abwehren? Darf ich einem Menschen, dem die Kraft ausgegangen ist, sich gegen seine Krankheit zu stemmen, das tödliche Gift reichen?

Richtig und im Sinne Jesu ist es in jedem Fall, das biblische Tötungs­verbot streng auszulegen. So streng, wie es gerade noch sinnvoll erscheint.

Leseempfehlung

Nein, soll man nicht. Nur, wenn es unvermeidlich ist, sollen Christen das Martyrium auf sich nehmen
Der Weltkriegsopfer können Katholiken und Protestanten in Nordirland gemeinsam gedenken. Die Opfer der Troubles zählen sie einander immer noch vor
cp1701_54-hunde_web_1.jpg
Ein syrischer Journalist ­floh nach Deutschland und lernte ein Hundeparadies kennen
Jagd: Sophia Lorenzoni isst nun Reh und Wildschwein. Aber noch immer rast nach jedem Schuss ihr Herz. Weil sie ein Leben beendet hat
Doppelpunkt Illustration zum Thema 'Von Rechts wegen vernichtet'
Die Todesstrafe ist ein Relikt aus vordemokratischen Zeiten. Doch die USA oder Syrien zeigen: Der Kampf gegen diese Brutalität ist nötiger denn je

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Christen dürfen/sollen nicht töten. Muslime doch? Kamel und Nadelöhr sind auch so ein Problem. Wenn das Paradies das ewige Leben ist, was ist dann das Gegenteil? Etwa der ewige Tod oder noch schlimmer, das ewige Feuer, mit dem sich Leidende durch einen Suizid erlösen wollen? Das alles ist eine heillose Verstrickung. Bei Bedarf wird die Bibel wörtlich genommen. Gehen deren Aussagen am Wunsch vorbei, werden mit halsbrecherischen Worthülsen andere Inhalte hervorgezaubert. Christen dürfen nicht töten. Sie dürfen aber alle Atheisten und Fehlgläubige der ewigen Verdammnis überlassen. Dagegen ist dann doch jeder Tod ein Spass. Oder haben wir alles nur falsch verstanden? Die Addition der Vorgaben aus AT + NT ergäbe nur dann einen Sinn, wenn es hieße : "Du darfst/sollst als Christ
Christen nicht töten". Aber auch das erst nach 0033. Ausnahme vorher: Den Sohn opfern. Das Erklärungsknäuel wird immer dichter. In was sind wir denn da durch Putin und Kyrill hineingeraten!

Heillos verstrickt ...: da geh ich mit Ihnen. Allerdings hat das Knäuel, was Sie selbst hier in ungefähr 15 Sätzen stricken, dermaßen viele lose unsinnige Enden, dass ich nicht wage, auch nur einen Faden davon aufzunehmen. Emotionen sind OK. Aber um etwas bestimmtes verstehen zu wollen, muss auch ein konkreter Verstehenswille vorhanden sein. Mit Vorurteilen, Falschurteilen, Fehlurteilen oder Unterstellungen kommen Sie keinesfalls aus diesem Wirrwarr heraus.

"Putin" und "Kyrill" fungieren in diesem Kontext nur als (beliebig austauschbare) Platzhalter für etwas, das Ihnen gegen den berühmten Strich zu gehen scheint. Ich hab aber noch nicht rausgefunden, was dieses Etwas tatsächlich ist oder sein könnte. Wie dem auch sei oder sein mag: "durch Putin und Kyrill" sind "wir" da gewiss nicht "hineingeraten". Die Väter der Atombombe wussten das besser. So viel ist klar.

Gut: "Du sollst nicht töten"! Du sollst Dich aber auch nicht töten lassen. Denn wer den eigenen Tod zuläst, ist ein suizidaler Möder an sich selbst. Eine fehlende Bereitschaft zur Gegenwehr ist die Provokation von Gewalt. Sich sich selbst passiv zu töten oder töten zu lassen, ist kein gutes Selbstwertgefühl. Insgesamt sind AT u. NT in sich widersprüchlich. Im AT wird selbst von Gott getötet. Auch in Teilen des NT werden Tod und Strafe als Folge von Nichtbeachtung der 10 Gebote nicht ausgeschlossen. Denn in die Hölle zu kommen, ist schlimmer als der Tod. Auch ist die ewige Verdammnis eine subtile Form der Rache. Dazu werden jeder Kanzel viele Worte und Vergleiche einfallen.

Sind Sie etwa ein vom 'Glauben' abgefallener (und jetzt irgendwie frustrierter) christlicher Fundamentalist? "Im AT wird selbst von Gott getötet" - so pflegen christliche Fundis das AT zu lesen. Dazu passt, dass Sie offenkundig Widerspruchslosigkeit-in-sich von Schriften erwarten, die z.T. einzeln und als Schriftensammlung zusammen eine über mehrere hundert Jahre fortdauernde Entwicklungsgeschichte im Rücken haben. - Woher sollte eine solche Widerspruchslosigkeit-in-sich kommen und wozu! Nennen Sie mir eine einzige (Schrift-)Kultur, die in einem Zeitraum von 1000 Jahren in ihren anerkannt verbindlichen Schriftensammlungen so etwas wie Widerspruchslosigkeit zustande gebracht hat!

Es macht u.a. ja gerade den Reiz des Lesens von AT und/oder NT aus, dass man beim Lesen dieser Schriften nach einer solchen Widerspruchslosigkeit gar nicht erst suchen muss. Wer sich im 21. Jahrhundert noch mit einer solchen Vorerwartung diesen Schriften nähert, darf sich dann nicht wundern, wenn seine Vorerwartung eben nicht erfüllt wird. Oder mit Lichtenberg gesprochen: Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann kein Apostel herausgucken.

Die Traditionen Israels und des Judentums, ohne welche es die Schriften des AT und NT gar nicht geben würde, wollen Sie anscheinend nicht mal ansatzweise zur Kenntnis nehmen. Das ist mir außerordentlich peinlich, weil ich denke, so dumm ist sonst keiner. Ich wusste aber schon vor Ihrem Posting, dass Schreiben-Können noch nicht heißt, dass man auch tradieren kann.

Also nötigen Sie mich bitte nicht dazu, von Ihnen denken zu sollen, dass Sie es nicht besser können.

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Hr. Burkhard Weitz,
es tut mir leid, Ihrem o.g. Artikel widersprechen zu müssen. Sie versuchen wie die Grünen (Wahlplakate: "Keine Waffen in Krisengebiete!") Ihre Wertvorstellungen oder Ihren Glauben hinzubiegen, wie die politische Lage es gerade so erfordert. Dieser Grundsatz ist allumfassend und unumstößlich! Damit kann die Kirche auch keine Waffenlieferungen befürworten, weil das nur zu noch mehr Toten, zur verbrannten Erde, zu mehr Not und Elend und vor allem nicht zum Frieden führt. Zumal es mindesten 2 Möglichkeiten gegeben hat, um Frieden zu erreichen. Das Erste war das diplomatischen Forderungspapier Russlands mit dem Ziel einen Neutralitätsstatusses für die Ukrakine festzuschreiben und einen Vermittlungsversuch der Türkei der unterschriftsreif zwischen der Ukraine und Russland auf dem Tisch lag.
Beides wurde von der USA abgelehnt!
Wenn Sie in Ihrem Artikel behaupten, dass Russland die Ukraine grundlos überfallen hat, so kann ich das nur Ihrer eingegrenzten politischen Sichtweise über die politischen Zusammenhänge zuschreiben. Das sind im Einzelnen die wortbrüchige NATO-Osterweiterung (POLEN + baltische Staaten). Die Stationierung von US-Atomraketen in Polen. Errichtung einer russlandfeindlichen Regierung in Kiew durch die Mrd. Dollar die in die Prozesse um den Majdan geflossen sind. Die Aufrüstung der ukrainischen Armee durch die USA und die Zielstellung, die Ukraine in die NATO aufzunehmen. Und das haben amerikamischen Politiker schon immer gesagt, dass es ihr Ziel ist, Russland zu besiegen. Damit führt die Ukraine mehr oder weniger einen Stellvertreterkrieg für die USA und keinen reinen Selbstverteidigungskrieg. Am Tag der Invassion Russlands habe ich, selbst über den Einmarsch sehr erschüttert, unabhängig voneinander eine Ukrainerin und eine Russin angerufen. Beide sagten mir:
" Das sie froh seien, dass der 8 -jährige Krieg gegen die Russen in der Ostukraine endlich vorbei sei!"
Deshalb sollte es unbedingt die Verantwortung aller Christen zu sein, massenhaft auf die Straßen zu gehen und mit den Fahnen "Schwerter zu Pflugscharen" für die sofortige Beendigung des Krieges zu demonstrieren.
Es gilt, einem atomaten Weltbrand zuvor zu kommen.
Klaus Siebeneichner

Falsch! Die realen Möglichkeiten gab es nicht. Dagegen stehen persönlicher Stolz und Ehre von Putin. Nicht nur in Russland, auch das Empire leidet unter dem Stolz und der Sucht nach der Vergangenheit. So ist es, wenn man gutmütigt ist und auf sich selbst hereinfällt. Eine alte Masche von Putin und anderen Diktatoren ist, eine Forderung zu erheben, auf die Mitläufer eingehen. Ist die erfüllt folgt die nächste Forderung. So geht es weiter. Einen Grund zu finden, ist die leichteste Übung. USA-Stellvertreter-Argumente sind üblich und leichtfertig, auch wenn die Interessen sich decken. Das mit den Grenz- und Werteverschiebungen bis an Putins (nicht Russlands!) Interessen, war ein Ergebnis von Freiheiten der Nachbarn. Auch die Wiedervereinigung war ein Ergebnis davon. Der Majdan mag nicht unseren Vorstellungen eines Freiheitskampfes entsprochen haben, aber nicht alles geht so wie bei uns. Ausserdem ist jetzt Abwehr-Kraft der Ukraine der beste Beweis dafür, wie stark die Freiheit geworden und berechtigt ist. Wahrheit ist, dass Putin nicht nur einen Krieg gegen die Unkraine führt, sondern auch gegen die sichtbare Freiheit außerhalb der eigenen Grenzen. Ein ganz anderes Problem ist, bis zu welcher Größe, Bevölkerungszahl und Besiedlungsdichte ein Land mit der Vernunft seiner Bevölkerung noch demokratisch zu regieren ist, ohne dass es an den räumlichen und gesellschaftlichen Randzonen zum Abbröckeln kommt. Belgien, die GB-Insel, China, Indonesien, Indien kennen das Problem. Diese Angst des "Verwaltungs-Apparates", der Oligarchen, der poltischen "Eliten" könnte massiv im Hintergrund schwelen. Die Länder, in denen die gleichen Befürchtungnen zum Machtmissbrauch führen, ist lang.

Dürfen Christen töten? Diese Frage stellen nur die, die möchten, dass Christen töten, oder diejenigen, die zwar auch keinen Bock auf Töten haben, aber ein moralisches Verbot für ein Mittel gegen das Töten halten.

Die Antwort des Artikels ist erfreulich klar und umstandslos. Christen dürfen töten. Nicht in jedem Fall, aber im Fall des Ukrainekrieges auf jeden Fall. Das Steingekritzel vom Berg Sinai und dessen strenge Auslegung im Sinne Jesu stehen dem nicht im Weg.

Und warum ist das so? Weil es sich um eine Extremsituation handelt. Eine Frau, die von ihrem Mann geprügelt wird, ist in keiner Extremsituation. Da bleibt Rattengift im Frühstückskaffee streng verboten. Die soll halt die Polizei oder das Frauenhaus oder ihre Freundin anrufen mit dem Handy, das ihr Mann ihr weggenommen hat. Das ist eine Normalsituation.

Wenn Lenker von Staaten oder Staatenbündnissen zu den Waffen oder Waffenlieferungen rufen, um ihre Staatsziele durchzusetzen, dann ist es nicht nur so, dass Zivilisten im Wohnblock und Luftschutzbunker die Raketen aushalten müssen und die Soldaten möglichst viele Gegner unter die Erde zu bringen haben, bevor sie selber dran sind. Nein, mit dem Müssen ist es nicht getan, sie dürfen es sogar. Einfach großartig!

Und das Schönste daran ist: Der Christ, der im Ukrainekrieg mitmischen darf, darf sogar wählen, auf welcher Seite er schießen und sich erschießen lassen gehen will. Da erweckt der Artikel den falschen Eindruck, das dürfe er nur auf der Seite der Ukraine und NATO. Keineswegs. Auch die russische Seite weiß, dass eine Extremsituation vorliegt. Wo sich der gute Deutsche sicher ist, dass Putin einfach böse ist und keine politischen Ziele verfolgt, weiß der gute Russe, dass der Westen und die ukrainische Führung einfach böse sind und keine politischen Absichten verfolgen. Was dem Westler der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Putins ist, ist dem Ostler die frühere Bombardierung im Donbass durch Truppen der Regierung in Kiew. Wo der NATO-Freund weiß, dass die NATO nur den bedrängten Ukros zu Hilfe kommt, weiß der Russlandfreund, dass der Einmarsch der russischen Truppen in der Ukraine nur die längst überfällige Hilfe für die bedrängten russlandfreundlichen Ostukrainer ist.

So ist das eben mit "Du sollst nicht töten!" und sonstiger Moral.

Friedrich Feger

Sehr geehrter Herr Weitz,

Sie bezeichnen den Satz "Du sollst nicht töten!" als ein "Gebot ohne Wenn und Aber" und übergehen damit die Feinheit der Sprache. Ein absolutes Gebot würde lauten "Du darfst nicht töten!" Alle zehn Gebote sind jedoch als Sollvorschriften formuliert.

Im Übrigen unterstellt nahezu jede Auseinandersetzung mit dem 5. Gebot eine vom Wortlaut nicht getragene Beschränkung auf das Töten von Menschen. Objekt einer Tötung kann aber alles Leben sein, also auch Tiere, Pflanzen und Pilze. Wir töten Tiere zum Verzehr und als Schädlinge. Und auch der konsequenteste Veganer tötet ständig pflanzliche Zellen und tötet bei jedem Händewaschen Millionen Bakterien.

Eine mit vier Worten so überaus kompakte Vorschrift bedarf also einer klugen Auslegung. Sie könnte im 21. Jahrhundert lauten, dass die Tötung beispielsweise bewaffneter Angreifer wie derzeit der russischen Terrortruppen in der Ukraine nie ganz ausgeschlossen werden kann und dass die Tötung von Tieren im Weltmaßstab kaum abzuschaffen sein wird, dass aber die Tötung lebender Wesen immer mit dem Bewusstsein vom Wert des Lebens so weit wie möglich begrenzt werden soll und dass die Tötung eines Menschen stets einer ganz besonderen Rechtfertigung durch eine anders nicht zu lösende Notwehrsituation bedarf.

Mit freundlichen Grüßen Ihr treuer Leser
Andreas Knipping

Lieber Herr Knipping,
Sie haben recht. Alle Gebote beginnen mit "Du sollst". Aber wollen wir uns mit semantischen Fragen beschäftigen? Nach mehrtausendjähriger mündlicher Übertragung und etlichen Übersetzungen wäre es vermessen, den, wenn es ihn gab, genauen Text kennen zu wollen. Im Judentum heißt es "du sollst nicht morden". Diese Formulierung ist den Rechtstexten in sehr vielen Staaten sehr ähnlich und betont, dass es durchaus Situationen geben kann, in denen die Tötung eines Menschen erlaubt ist, z.B. Falle der Notwehr.
Im Krieg, egal in welchem, kommt noch eine Dimension hinzu. Dort wird von Menschen verlangt, dass sie andere Menschen töten, obwohl diese ihnen persönlich nichts getan haben. Einziges Kriterium ist die andere Uniform.
Rechtlich ist das abgedeckt, aber hier geht es darum, ob ein Christ - und in diesem Krieg nennen sich beide Parteien so - einfach auf Befehl abdrücken darf. Das ist eine Gewissensfrage.

Tja, wenn wir wegen des "Tanzes um das goldene Kalb" ständig nach Ausreden, Schuldigen und Sündenböcke suchen, also den heuchlerisch-verlogenen "Tanz um den heißen Brei" betreiben, bis da irgendeiner kommt und sagt: "Du darfst nicht ...", dann wird das nie was mit Vernunftbegabung und Fusion zu ebenbildlicher Bewusstseinsentwicklung in wirklich-wahrhaftiger Vernunft und zweifelsfrei-eindeutigem Verantwortungsbewusstsein.

Mensch bedeutet ALLE, seit Mensch erstem und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung ("Vertreibung aus dem Paradies")

Auf die Frage "Dürfen Christen töten?" , die Burkhard Weitz in der Ausgabe 10/2022 versucht zu beantworten, habe auch ich keine eindeutige Antwort.
Im folgenden betrachte ich nicht die rechtliche Bewertung von Mord und Totschlag; dafür gibt es überall Gesetze. Wie kann aber jemand, der sich für einen Christen hält, das beurteilen?

Dazu müssten wir, wenn wir es könnten, erst die Frage klären, ob in der Bibel gemeint ist , was "töten" überhaupt ist. Und da die Bibel ein Werk ist, das jahrhundertelang mündlich übertragen wurde, mehrfach in verschiedene Sprachen übersetzt wurde und somit auch viele sprachliche Veränderungen erfahren hat, hilft uns das wohl nicht weiter.
Wir müssen also weiter interpretieren, ab wann "töten" von der gerechtfertigten (Selbst-)Verteidigung zum nicht zu rechtfertigenden Morden wird. Und da helfen uns die Gesetze, die in den Staaten, auch in Rechtsstaaten, gelten nicht weiter.
Ist z.B. die Durchführung der Todesstrafe aus christlicher Sicht zu rechtfertigen? Ist das Todesurteil die Erteilung der "gerechten Strafe" oder ist es das Ausleben eines Rachebedürfnisses der Opfer, die dann aber zu Tätern werden, was nach biblischer Vorstellung bereits eine Todsünde wäre?
Wie weit können Soldat/innen im Krieg gehen, bevor sie im christlichen Sinne schuldig werden? Darf ich einen Menschen, der mir persönlich nichts getan hat, töten, nur weil er eine andere Uniform trägt? Welche Gründe dürfen einen Gewaltakt wie das Töten von Menschen rechtfertigen? Ist es der böse Feind, der ein Land in einen sinnlosen Krieg stürzt und welcher Krieg ist denn überhaupt "sinnvoll"?
Der Artikel erscheint in Zeiten eines Kriegs, der als so besonders gekennzeichnet wird, dass deswegen gleich eine "Zeitenwende" proklamiert wurde. Als ob es in der Welt vorher und nachher keine Kriege mehr geben wird. Kriegsherren brauchen und werden immer einen Grund finden, warum dieser Waffengang "unvermeidlich" war. Es interessiert sie nicht, dass sie aus einfachen Menschen Mörder machen.
Beispiel Afghanistan: Rechtlich wurde der Oberst Klein freigesprochen, obwohl er Menschen hat töten lassen, weil sie Benzin geklaut hatten. Rechtlich gesehen war das eine Tat, die durch den Krieg zu rechtfertigen war. Ich gehe davon aus, dass Herr Klein getauft war. Er konnte aber offensichtlich auch die Ermordung Unschuldiger mit seinem Gewissen vereinbaren.
Beispiel Hiroshima: der Abwurf hat fast nur Zivilisten getötet und deren Nachkommen über Generationen geschädigt. Der Angriff war nach offizieller Darstellung der US-Administration notwendig, um den Krieg zu beenden. Darüber werden die Historiker noch lange streiten. Aber welche Gedanken wohl dem Piloten des Flugzeugs bewegt haben, mit einem Hebel das Leben von Hunderttausenden Menschen zu beenden? Durfte er das oder hat er nur einen Befehl ausgeführt?

Vielleicht hätte ich, wenn ich damals gelebt hätte und auch die Gelegenheit gehabt hätte, den Tyrannenmord zu begehen, dies auch versucht. Aber gerade gerade ein Krieg, der das Versagen der menschlichen Vernunft dokumentiert und prinzipiell ein Verbrechen ist, lässt die Schwelle zwischen Recht und Unrecht verschwimmen, wie auch die Grenze zwischen "legalem Töten" und "Mord". Der Krieg entmenschlicht und lässt Menschen zu "Feinden" werden, die ohne Pardon getötet werden dürfen.
Der Mensch kann zum brutalen Tier werden. Und selbst 2000 Jahre Christentum haben daran nichts ändern können.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Spiewok

In der Chrismon-Ausgabe 10/2022 erschienen mehrere Beiträge, die es wert wären, sie zu kommentieren und ergänzen: z.B. der Artikel zum Genozid an armenischen Christen durch den türkischen Staat oder auch den kurzen Beitrag über das chassidische Ehepaar („Liebe sei eine moderne Erfindung“), aber die Ausführungen im Artikel von Burkhard Weitz können so nicht ohne Widerspruch stehen bleiben. Woher weiß B. Weitz, dass alle „rechtsgerichteten Evangelikalen“, die in den USA für ein absolutes Abtreibungsverbot sind, an der Todesstrafe festhalten und den freizügigen Verkauf von Schnellfeuerwaffen gutheißen?. Dadurch seien sie „in Wirklichkeit ...nicht gegen das Töten“. Sie würden „ein Thema (nutzen), das polarisiert und ihnen eine Bühne“ gäbe.
Diese Sätze sind diffamierend und nicht begründet. Herr Weitz wäre gut beraten, sie noch einmal zu überdenken und danach zu korrigieren. Jemandem, der in den USA oder woanders lebt, Christ ist oder nicht, aber es ablehnt, ungeborene Lebewesen zu töten, sollte für seine ethische Haltung mehr Achtung entgegengebracht werden.
Seine beiden Schlusssätze in diesem Artikel, in denen vom Sinne Jesu gesprochen wird, um anschließend relativiert zu werden, sind widersprüchlich.

Puhhh ... Das ist eine ziemlich anstrengende, weil thematisch weit ausufernde Erklärung, soweit sie denn überhaupt etwas erklärt.
Dem genannten Vers aus dem 1. Johannesbrief - "Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder" (1. Joh 3,15) - wäre zu wünschen, dass er nicht nur zitiert wird: Andernfalls droht hier im je konkreten Einzelfall die reelle Gefahr einer Neurose.

Das Wort ist mächtig. Es fängt aber keine Kugel. Wenn jemand nicht tötet, aber damit das Töten massenweise zuläst, ist der dann edel, hilfreich und im Sinne christlicher Werte voller Nächstenliebe.? Pure Selbstgerechtigkeit auf Kosten von Schwachen. Mit der Exegese ein Exodus aus der Verantwortung. Wer eine Bombe im Kindergarten nicht durch den Tod des Minenlegers entschärft, befolgt göttliche Gesetze? Oder noch verschrobener: Hände vors Gesicht, man sieht mich nicht.