Wie zwei BWL-Studenten mit Klima-Literatur Erfolg haben

"Lösungen suchen macht mehr Spaß"
Alles begann bei einer Diskussion in der Mensa: Die Freunde Christian Serrer, 26, (links) und David Nelles, 26

Edmund Möhrle

Alles begann bei einer Diskussion in der Mensa: Die Freunde Christian Serrer, 26, (links) und David Nelles, 26

Klimawandel - "Lösungen suchen macht mehr Spaß"

Das erfolgreichste deutschsprachige Buch über den Klimawandel haben zwei BWL-Studenten geschrieben: David Nelles, 26, und Christian Serrer, 25. Seit 2018 hat es sich rund eine halbe Million Mal verkauft. Nun ist der Nachfolger erschienen, ein Bilderbuch über Lösungen für das Klimaproblem.

chrismon: Ihr studiert Betriebswirtschaft. Kommt ihr neben dem Bücherschreiben überhaupt noch dazu?

Christian Serrer: Ich würde sagen, so halb. Halb Bücher, halb Studium. Das Studium dauert halt ein bisschen ­länger. Aber nach sechs Jahren fehlt jetzt nur noch die Bachelorarbeit.

David Nelles: Erfreulicherweise steht unsere Uni, die Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, voll hinter dem Buchprojekt. Sonst hätten wir auch keine Zeit für unsere Fragestunden mit Politikerinnen und Politikern.

 David Nelles, Christian Serrer: Machste dreckig – machste sauber. Die Klimalösung. Selbstverlag. 200 Seiten, 10 EuroEdmund Möhrle

Ihr macht Klimapolitik-Beratung?

Serrer: Ich würde es nicht klassische Beratung nennen – eher vielleicht "Sendung mit der Maus für Erwachsene". Wir sind weder professionelle Politikberater noch Lobbyisten.

Nelles: Wir wollen keine bestimmte Partei pushen. Zu Anfang eines ­solchen Gesprächs sagen wir immer: Wer Kanzler ist, ist uns total egal. Uns geht es allein darum, euch die bestmöglichen Informationen an die Hand zu geben, um wirkungsvollen Klimaschutz umsetzen zu können.

Serrer: Wir haben keine Agenda vorbereitet oder so. Eigentlich bereiten wir überhaupt nix vor: Wenn jemand aus dem Bundestag oder dem EU-­Parlament Redebedarf zu Klimafragen hat, machen wir halt eine kleine Videokonferenz. Dann versuchen wir, alle Fragen wissenschaftlich möglichst neutral zu beantworten. Und wenn wir mal selbst nicht weiter­wissen, kennen wir durch die Arbeit an unseren Klimabüchern auf jeden Fall jemanden, der eine Antwort hat.

"Lösungen verbreiten gute Stimmung"

Für das zweite Buch "Die Klima­lösung" habt ihr mit über 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammengearbeitet – mit viel mehr als beim ersten. Wie kam das?

Nelles: Die Ursachen und Folgen des Klimawandels naturwissenschaftlich zu beschreiben war ein Kinderspiel im Vergleich zu den Lösungen. ­Dieses Thema ist deutlich komplexer. Es spielen viel mehr Bereiche mit rein, die Wirtschaft, die Politik . . . Es geht um komplizierte Aspekte wie Kern­energie.

Serrer: Außerdem war es diesmal viel leichter, an die Leute ranzukommen. Viele Expertinnen und Experten, mit denen wir gesprochen haben, kannten bereits unser erstes Buch. Bei Videokonferenzen hatten sie es öfter mal hinter sich im Regal stehen. Die wussten, dass das eine handwerklich ordentliche Sache ist – obwohl wir BWLer sind, also nicht vom Fach. ­Andererseits haben sie auch gesehen: Das Buch ist ganz nüchtern geschrieben, sachlich, politisch neutral. Und nicht auf einer Ökoschiene unterwegs, die die Leute in eine Ecke drängt.

Was verkauft sich besser: Probleme oder Lösungen?

Nelles: Das zweite Buch mit den Klima­lösungen ist im November 2021 erschienen und läuft noch besser als das erste. Es hat sich mittlerweile schon mehr als 90 000-mal verkauft. Auch die Arbeit daran hat viel mehr Spaß gemacht: mit den Menschen über mögliche Lösungen zu reden – statt mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels, sagen wir mal, schlechte Stimmung zu verbreiten.

Fliegen, Fleisch und freie Fahrt

Wobei Lösungen auch Konflikt­potenziale bergen. Betrachten wir drei emotional aufgeladene ­F-Wörter. Erstens: das Fliegen.

Nelles: Gleich mal das emotionalste! Das ist ein Klimaproblem, für das – im Gegensatz zu vielen anderen – noch keine Lösung parat steht. Um das Fliegen klimaneutral zu machen, brauchen wir grüne, synthetische Kraftstoffe. Aber es wird noch sehr lange dauern, bis die in ausreichender Menge verfügbar sind. In absehbarer Zeit lässt sich das Problem nur dadurch lösen, dass man Flüge ver-
meidet. Auf persönlicher Ebene ­lautet die beste Antwort: Urlaub per Bus und Bahn. Urlaub in der Region. Da gibt es viel zu entdecken, was man sonst gern übersieht.

Zweites F-Wort: Fleisch.

Serrer: Die Frage des Klimaschutzes entscheidet sich auch auf unseren ­Tellern. In vielen Bereichen der Gesellschaft lässt sich das System klima­freundlicher ausrichten, ohne dass sich für die Menschen allzu viel ­ändert. Etwa, wenn Wind- statt Kohlestrom aus der Steckdose kommt. Oder wenn das Auto elektrisch statt mit Verbrenner unterwegs ist: Dann fahre ich immer noch Auto. Aber Fleisch und Klimaschutz – das sind zwei Dinge, die beißen sich einfach. Die Emissionen, die bei der Aufzucht von Rindern, Schweinen und Geflügel entstehen, lassen sich kaum reduzieren. Also bleibt nur, den Fleisch­konsum zu reduzieren. Da ist wirklich jeder Einzelne von uns gefragt. Es geht nicht um einen kompletten Verzicht auf Fleisch. Aber einmal die Woche reicht – das hätte auch gesundheitliche Vorteile. Wir müssen zurück zum Sonntagsbraten kommen.

Nelles: Was wir essen, ist übrigens viel entscheidender als die Frage, woher das Essen kommt – wenn es nicht gerade Flugmangos sind. Wir ­haben das ausgerechnet: Ein Kilo ­Tofu müsste knapp 13 Jahre auf einem Containerschiff um die Welt fahren, bis es klimaschädlicher ist als ein Kilo Rindfleisch vom Bauern um die Ecke. ­Regionalität ist also, aus Klimasicht, gar nicht so relevant, wie man oft denkt. Auch uns hat das bei der Recherche für das Buch sehr überrascht. Das war ein echter Aha-Moment.

Jeder kleine Beitrag zählt

Drittens: "Freie Fahrt für freie Bürger!"

Nelles: Das beliebte Tempolimit!

Würden sich damit nennenswert Emissionen einsparen lassen oder ist das eher Symbolpolitik?

Nelles: Ein Limit von 130 km/h auf Autobahnen würde die Emissionen um 1,2 Prozent reduzieren. Klingt wenig. Aber wir müssen die Emissionen in allen Bereichen der Gesellschaft auf nahezu null kriegen. Dahin kommen wir nicht, wenn wir kleine Einzellösungen weglassen, nur weil sie klein sind. Es gibt leider nicht die eine, große Lösung. Wir brauchen genau das: Viele kleine Lösungen, die sich summieren.

Serrer: Außerdem muss man sich klarmachen, dass es mit dem Umstieg von Verbrennern auf Elektro­autos ­allein nicht getan ist. Wenn ­diese E-Autos groß und schwer sind und wir darin mit 200 km/h rumdüsen, ist das eine Stromverschwendung, die wir uns nicht leisten ­können. Denn unser Bedarf an Strom wird künftig stark steigen, wenn wir aus Verbrennern aussteigen, wenn die ­Industrie von Gas auf grünen ­Wasserstoff umsteigt und so weiter. Die Energiewende wird nur gelingen, wenn wir insgesamt viel weniger ­Energie verbrauchen.

Ist das zwei Grad Ziel noch zu erreichen?

Stichwort Energiewende. Die weltweiten CO₂-Emissionen steigen trotz aller Klimakonferenzen. Können wir das Zwei-Grad-Ziel noch erreichen?

Nelles: Wenn die Politik den Mut hat, den Leuten reinen Wein einzuschenken. Denn sie müssen wissen, was auf sie zukommt. In den vergangenen Jahren hat der Mut zur Ehrlichkeit gefehlt.

Serrer: Und wir müssen nun ­alles, was an Emissionseinsparungen machbar ist, auch möglichst schnell machen – in allen Bereichen der Gesellschaft gleichzeitig: Industrie, ­Gebäude, Mobilität, Ernährung,
Landwirtschaft.

Klingt nach einer großen Heraus­forderung.

Serrer: Ja. Was mich aber positiv stimmt, ist, dass sich klimafreundliche Alternativen inzwischen immer öfter auch wirtschaftlich lohnen. Wind- und Solarstrom beispiels­weise sind heute weltweit günstiger als Strom aus fossilen Kraftwerken. Dazu hat übrigens auch Deutschland mit seiner EEG-Förderung beige­tragen. Ein kleines Land kann also ­einen großen Unterschied machen. Das ­finde ich motivierend.

David Nelles, Christian Serrer: Machste dreckig – machste sauber. Die Klimalösung. Verlag Klimawandel. 125 Seiten, 10 €

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