WWF warnt vor Brennholz: Illegaler Handel, tote Förster

"Heizen mit Holz ist nicht klimaneutral"
eine Axt steckt in einem Baumstamm fest

Fabian Heigel/EyeEm/Getty Images

Wo mag das sein? Die Herkunft von Brennholz ist oft unklar

Wo mag das sein? Die Herkunft von Brennholz ist oft unklar

Johannes Zahnen von der Naturschutzorganisation WWF warnt: Brennholz schadet dem Klima und kann aus dubiosen und mafiösen Quellen stammen.

Wir haben eine Energiekrise, der Gaspreis ist stark gestiegen. Können Sie es nachvollziehen, wenn viele Menschen im Winter mit Holz oder Holzpellets heizen wollen?

Johannes Zahnen: Wer mit Gas heizt, steht vor einer ungewissen Entwicklung. Und wer kleine Kinder hat und sich nun vorstellt, wie es wäre, im Winter mit der Familie im kalten Haus zu sitzen, geht vermutlich in den Baumarkt und kauft sich einen Holzofen, wenn er einen alten Brennschacht im Haus hat. Den Gedanken kann ich nachvollziehen.

Aber?

Ich hoffe, die Menschen betrachten auch die Auswirkungen auf die Natur, die Wälder und die CO2-Bilanz. Wer als Antwort auf die Energiekrise Holz verbrennt, trägt damit leider zur nächsten Krise bei.

Johannes Zahnen

Johannes Zahnen ist Tischler und Umweltingenieur. Seit 2003 ist er beim WWF Deutschland zuständig für die Themen Holz und Papier. Er beschäftigt sich mit illegal geschlagenem und importiertem Holz – und neuerdings auch mit Methoden, die helfen, dieses Holz aufzuspüren.
Marlena Waldthausen / WWF

Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

In der Werbung für Holzöfen oder Pelletheizungen heißt es häufig: Wer mit Holz heizt, schone das Klima, denn bei der Verbrennung werde nur die Menge an CO2 freigesetzt, die nachwachsende Bäume der Atmosphäre wieder entziehen und speichern – ein perfekter Kreislauf.

Das ist leider eine Fehlinformation. Heizen mit Holz ist nicht klimaneutral, das macht die Wissenschaft uns unmissverständlich klar.

Warum nicht?

Wenn wir Bäume fällen, geht es nicht nur um das CO2, das im Holz enthalten ist, sondern auch um das, was in den Böden gebunden ist. Das passiert besonders bei großflächigen Kahlschlägen, wie sie im Ausland üblich sind. Und: Brennholz und besonders Pellets müssen trocknen, draußen dauert das Jahre, also braucht man dazu Wärme, die erzeugt werden muss. Auch das kostet Energie. Genau wie der Transport zu den Kunden. Unterm Strich ist Holz eben nicht CO2-neutral.

Sie sagen, das Holz, das wir hier verbrennen, kommt auch aus dem Ausland. Haben wir in Deutschland nicht genug Wald, so dass ich sicher sein kann: Wenn ich mit Holz heize, dann mit Holz aus der Region?

Leider nicht. Sehr viel Holz, das in Baumärkten oder von lokalen Holzhändlern angeboten wird, stammt aus Osteuropa. Bei Holzpellets ist der Markt sogar global. Ich mache zunehmend auch die Erfahrung, dass Händler, die Brennholz ausfahren, nicht sagen, woher das Holz stammt.

Wer im Winter nicht frieren möchte, wird sich sagen: "Holz ist Holz, egal, wo es herkommt." Wo ist das Problem?

Wir haben in Osteuropa, etwa in den Karpaten, einige der letzten Urwälder Europas. Dort gibt es leider sehr viel illegalen Holzeinschlag. Als Laie kann ich nicht erkennen, ob ich es mit Holz aus sehr sensiblen Urwäldern in der Ukraine oder in Rumänien zu tun habe. Selbst innerhalb der Europäischen Union haben wir schlimme Zustände. In Rumänien wurden in den vergangenen Jahren sechs Förster ermordet, die Hinweisen auf illegale Holzeinschläge nachgegangen waren. Dort sind mafiöse Strukturen am Werk, die lebensgefährlich sind.

Sie waren selbst in den Wäldern Osteuropas unterwegs. Was haben Sie dort erlebt?

2019 bis 2021 haben wir, von der EU gefördert, mit der internationalen Polizeibehörde Interpol Konferenzen in Osteuropa organisiert, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Ich war im Westen der Ukraine und in Rumänien unterwegs. Über die Jahre sind Strukturen entstanden, die von dem illegalen Holzeinschlag profitieren und die lokale Bevölkerung mit einbinden. Wir haben am Straßenrand Holzstämme gesehen, die so zugeschnitten waren, wie es für den Holzexport üblich ist. Dieses Holz wird meist nachts von Lkws abgeholt. Die Morde an Förstern sind die krasseste und brutalste Stufe im illegalen Holzhandel, darüber liest man auch mal Meldungen in deutschen Medien. Aber von der Korruption hören wir hier nichts.

"Bevor jemand Probleme macht, wird die Geschichte mit Geld aus der Welt geschafft"

Worum geht es genau?

Bevor jemand Probleme macht, wird die Geschichte mit Geld aus der Welt geschafft. Ehe wirklich ermittelt wird, versanden Anzeigen gegen illegale Holzfällarbeiten einfach, weil Polizei und Staatsanwaltschaft Gelder kassieren. Es gibt ein riesiges Netzwerk von Korrupten und Kriminellen, die dafür sorgen, dass wir in Deutschland unser Holz bekommen.

Waren Sie bei Ihren Besuchen in Gefahr?

Ich war zweimal mit Fernsehteams in der Ukraine unterwegs. Wir wurden von einer Gruppe Menschen aus der lokalen Bevölkerung angegriffen. Es war offensichtlich, dass die Menschen dort mit Geld gelockt worden waren, um alte Buchenbestände zu schlagen. Die Stämme waren viel zu groß, als dass die Leute sie selbst hätten nutzen können. Es war sehr plausibel, dass daraus Grillkohle gemacht werden sollte. Und dann kommen wir aus dem Westen in diese wirtschaftlich abgehängten Dörfer und machen ihnen ihr kleines Glück kaputt. Ich konnte verstehen, dass die Menschen aufgebracht waren. Die wollten ihre Krümel vom großen Kuchen abbekommen. Ein ähnliches Erlebnis hatten wir in einer Gegend, in der illegales Brennholz geschlagen worden war.

Ich will nicht frieren, meinen Holzofen nutzen, aber keine illegalen Machenschaften unterstützen. Was kann ich als Verbraucher tun?

Wenn man Pellets oder Brennholz kauft, sollte man auf jeden Fall nachfragen, woher das Holz kommt - und sich die Herkunft möglichst schriftlich bestätigen lassen. Im Zweifel könnte man im Labor testen, woher das Holz kommt. Wenn es um Brennholz geht, würde ich das Isotopenlabor "Agroisolab" in Jülich empfehlen. Aber das kostet natürlich Geld, nicht viele Menschen werden das auf sich nehmen. Wer technisch und körperlich in der Lage ist, kann sich Holz beim Förster kaufen und es selbst weiterverarbeiten. Auch Zertifikate wie das FSC-Siegel sind hilfreich, auch wenn sie leider keine hundertprozentige Garantie bieten können. Aber die wichtigste Nachricht ist: Alle Menschen, die angesichts der Energiekrise darüber nachdenken, sich einen Holz- oder Pelletofen einbauen zu lassen, sollten überlegen, ob es bessere Alternativen gibt. Eine Wärmepumpe zum Beispiel oder eine gute Isolierung. Das ist eine Lösung, die langfristig hilft und keine Schäden in Wäldern anrichtet.

Wer mit einer Pellet- eine alte Ölheizung ersetzt, bekommt sogar eine staatliche Förderung und sieht sich deshalb bestimmt auf der ökologisch richtigen Seite, zumal es immer heißt: Pellets werden aus Spänen oder Holzteilen gemacht, die sonst keiner haben möchte. Stimmt das?

Das stelle ich infrage. In der Holzindustrie gibt es keine wirklichen Abfälle. Früher gingen die Reste aus Sägewerken in die Papierindustrie oder sie wurden zu Spanplatten. Die Pelletindustrie ist nur neu dazu gekommen und die Nachfrage nach Pellets ist enorm, wir sehen Preissteigerungen von 200 Prozent und mehr im Vergleich zum Vorjahr. Die Reste aus Sägewerken können gar nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken - und Nachforschungen zeigen, dass viele Pellets aus Kanada stammen.

Hätten wir denn genügend Wald auf der Welt, als dass Holzverbrennung uns nun helfen könnte?

Wenn ich Kahlschläge in Mischwäldern, die über hundert Jahre alt sind, zulasse, müssen wir davon ausgehen, dass es 30 Jahre dauert, um das CO2, das bei der Holzverbrennung frei wird, auch nur annähernd in nachwachsenden Bäumen zu speichern. Und bis der Wald in all seinen ökologischen Funktionen - zum Beispiel für die Artenvielfalt - wiederhergestellt ist, dauert es mindestens 80 Jahre. Es geht auch nicht nur um eine steigende Nachfrage nach Brennholz.

"Wir müssen eine Diskussion führen, wie wir mit weniger Holz auskommen"

Sondern?

Viele Industriezweige wollen von der Kohle wegkommen. Energieversorger wollen Holz statt Kohle verfeuern, um ihre Klimabilanz zu verbessern. Die Textilindustrie hat Probleme mit Baumwolle, weil ihr Anbau viel Wasser verbraucht. Also steigt die Nachfrage nach Viskose, die in den allermeisten Fällen nichts anderes zur Grundlage hat als Holzfasern. Die chemische Industrie diskutiert, wie viel Holz sie braucht, um Öl durch Holz zu ersetzen. In diesem Jahr haben wir eine Studie veröffentlicht: Der globale Holzeinschlag liegt heute schon über dem, was die Wälder verkraften können. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Auch wenn wir massiv aufforsten, hilft uns das nicht. Die Politik muss dringend eine Diskussion führen, wie wir mit weniger Holz auskommen und Verschwendung stoppen, ich denke zum Beispiel an Werbeflyer, die meistens sowieso im Altpapier landen. Über 40 Prozent der industriellen Holzernte landen in der Papierindustrie, die ihrerseits zu den energieintensivsten Branchen überhaupt gehört. Das können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten.

Sie sind gelernter Tischler und wissen Holz zu schätzen. Wofür sollten wir in Zukunft noch Holz nutzen?

Der Hausbau ist eine der sinnvolleren Nutzungen, es gibt heute noch Häuser aus dem Mittelalter, in denen Holz und damit Kohlenstoff gebunden ist. Dicke Balken, die schon in Dachstühlen verbaut waren, sollten wir unbedingt aufbereiten und verwerten, wenn alte Häuser abgerissen werden.

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