Jugendbuch: Autorin Stefanie Höfler im Interview

Keine Angst vor großen Themen
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C. Neidenbach, S. Höfler

Warum sich die Lehrerin und Autorin Stefanie Höfler Kindern und Jugendlichen näher fühlt als Erwachsenen. Und was sie so an der Armut interessiert.

Sie haben Ihren neuen Jugendroman "Feuerwanzen lügen nicht" jemandem namens Gisli gewidmet. Wer ist das?

Stefanie Höfler: Eine enge Freundin und ­eine meine Erstleserinnen, die mir immer sehr wertvolles Feedback gibt. Ihr gefällt oft das Kleine, Feine in meiner Schilderung von Beziehungen. Zum Beispiel eine Szene in ­"Feuerwanzen": Da kommt der alleiner­ziehende Vater des Jugendlichen Mischa eines Nachts nicht nach Hause. Als er am nächsten Tag wieder auftaucht, wird die Spannung im Raum so greifbar, dass sein bester Freund Nits sich neben Vater und Sohn vollkommen überflüssig vorkommt. Über diese Szene, in der sich vieles verdichtet, haben wir zum Beispiel gesprochen.

Worum geht es überhaupt in den "Feuerwanzen"?

Um eine jahrelange Freundschaft zweier Vierzehnjähriger mit einer großen Leerstelle: Der eine, Mischa, hat über Jahre verborgen, dass er und seine kleine Schwes­ter Amy keine Mutter haben und sein Vater nur sporadisch Geld verdient. Es geht um die Scham und die Kompensationsstrategien, die dieser junge Mensch entwickelt, um seine ­Situation zu verbergen. Warum tut er das, und was bedeutet das für die Freundschaft?

Warum hat Sie das Thema Armut in Deutschland beschäftigt?

Das Buch hat einen konkreten Auslöser. ­Meine Tochter hatte während der ganzen Grundschulzeit eine Freundin, die zeitweise fast täglich bei uns war, aber meine Tochter war nie bei ihr, wirklich nie. Ich wusste, dass die Mutter alleinerziehend ist und das Kind viel bei seinen Großeltern war. In meinem Schrift­stellerinnenkopf ging ein Vorstellungskino los. Eine Idee war das Bild von einer Wohnung, in der nichts ist und die man deshalb niemandem zeigen kann.

Stefanie Höfler

Stefanie Höfler, geboren 1978, studierte Germanistik, Anglistik und Skandinavistik in Freiburg und Dundee/Schottland. Sie ist Lehrerin und Theaterpädagogin und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort im Schwarzwald. Bei Beltz & Gelberg erschienen von ihr bereits die Romane »Mein Sommer mit Mucks«, »Tanz der Tiefseequalle« (ausgezeichnet mit dem LUCHS des Jahres) und »Der große schwarze Vogel«, die alle drei für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurden, sowie das Kinderbuch »Helsin Apelsin« und (zusammen mit Claudia Weikert) die Bilderbücher »Waldtage« und »Die Eroberung der Villa Herbstgold«. Höflers Bücher wurden zahlreich nominiert und ausgezeichnet, darunter auch mit dem Leipziger Lesekompass, dem Kranichsteiner Jugendliteratur Stipendium (»Der große schwarze Vogel«) und dem Stipendium zum Reinhold-Schneider-Preis 2020
PrivatStefanie Höfler

Stephanie von Selchow

Stephanie von Selchow ist freie Journalistin in Frankfurt am Main. Sie schreibt am liebsten über Menschen und Bücher und Menschen, die Bücher schreiben. Sie arbeitet viel für die evangelische Presse und leitet die Primarschulbibliothek der Europäischen Schule Frankfurt.
Rui Camilo

Wie definieren Sie Armut?

Kein Kind verhungert in Deutschland. Aber arme Kinder und Jugendliche können oft nicht teilhaben. Entweder, weil die Eltern es sich nicht leisten können. Oder weil sie in einer Situation aufwachsen, in der sie ­Dinge nicht tun können, die ihre Mitschüler ­machen, oder wenn, dann nur unter größerer Anstrengung. Dort, wo zum Beispiel in Nits’ Familie sehr selbstverständlich ein Obstkorb mit frischem Obst steht, steht in Mischas ­Küche diese Extrakasse. Für Bücher, die in der Schule ge­lesen werden, Ausflüge oder eben Amys heiß ersehnte Rollschuhe. Und diese Extrakasse füllt sich quälend langsam. Diese Zusatzausgaben, für die einen so klein, stellen oft für andere ein Problem dar.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe Armutsberichte gelesen und auch eine sehr gute Fernsehsendung über die Tafeln gesehen, in der viele Menschen zu Wort kamen. Außerdem bin ich Lehrerin, und an meiner alten Schule haben Schüler Sozialpraktika bei der Tafel gemacht und waren davon geschockt. Ich habe sie dort besucht, und auch mich hat beeindruckt, welche Menschen dort hingehen, wie unterschiedlich sie sind. Der bittere Satz "Wir essen, was andere wegwerfen" hat sich bei mir festgehakt.

Versuchen, nicht aufzufallen

Und nun erzählen Sie Jugendlichen von der Armut.

Ja, ich möchte einfach von allem erzählen, was es in der Welt gibt. Wenn ein pädagogischer Impetus dahintersteht, dann dieser: Ich möchte, dass Menschen sich in andere Menschen hineinversetzen. So wie ich es auch versuche: Wer wäre ich, wenn ich in einer völlig anderen Situation geboren wäre? Vielleicht als Mädchen in Syrien? Wer bin ich, wenn ich wie Mischa und Amy ohne Mutter und in einer völlig leeren Wohnung aufwachse? Für was spielt das eine Rolle und für was nicht?

Was, glauben Sie, ist typisch für einen ­armen Jugendlichen wie Mischa?

Natürlich kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Aber oft übernehmen Jugendliche wie er sehr früh Verantwortung, auch oft für Geschwister. Und sie versuchen, nicht aufzufallen. Das habe ich auch in der Schule bei Jugendlichen bemerkt, die nicht viel haben. Sie wollen funktionieren. Mischa ist zum Beispiel immer pünktlich und gut in der Schule, ohne mit seinem Wissen anzugeben.

Und er trägt jeden Tag ein weißes Hemd.

Ja. Das wirkt sehr sauber im Gegensatz zu dem vielen Chaos in seiner Familie. Aber damit kann er seine Situation auch gut verstecken, er muss keine Moden mitmachen. Das Hemd wird zu einer Art Markenzeichen, so fällt er nicht auf und hat keine Ausgaben. Das beobachte ich auch in der Schule. Wie geht man damit um, dass man eben nicht die hippen Turnschuhe hat oder das T-Shirt mit dem ganz bestimmten Logo? Mischa hat diese uralte ­Jacke, die die anderen cool finden, er selbst aber gar nicht unbedingt so. Innen- und Außensicht sind hier sehr unterschiedlich. Das hat mich übrigens auch bei meinem Buch "Tanz der Tiefseequalle" so interessiert.

Das ist ein Jugendroman über . . .

. . . einen Jugendlichen, der stark überge­wichtig ist, und über ein schönes Mädchen. Beide sind in einer Klasse. Und beide sehen sich von innen ganz anders, als sie von außen wahrgenommen werden. Beide Perspektiven zu kombinieren, war sehr spannend.

In "Feuerwanzen" verschweigt Mischa seine Armut. Warum tut er das, und was bedeutet Armut für ihn?

Er möchte so gern wie die anderen sein. Das unterscheidet übrigens Kinder und Jugend­liche. Kindern ist Anderssein relativ egal, aber so ab elf, zwölf Jahren möchte man auf ­keinen Fall irgendwie herausstechen. Das fängt bei meiner Tochter gerade an. Zudem beobachtet das Jugendamt Mischas Familie. ­Darüber ­habe ich auch mit Sozialarbeiterinnen gesprochen. Mischa hat einfach Angst, dass seine ­Familie gesprengt wird. Was durchaus passieren könnte, denn sein Vater liebt zwar seine Kinder, verstrickt sich aber in Klein­kriminalität. Die ganze Situation zu ­verbergen, wird immer anstrengender für Mischa. Das ist eine Riesenkraftanstrengung, wie Nits irgendwann endlich begreift.

"Ich bin in vielem nicht typisch erwachsen"

Warum erzählen Sie aus Nits’ Perspektive?

Er beobachtet von außen, und gleichzeitig steht er Mischa sehr nahe. Er ist sein Freund. Ich konnte nicht angemessen aus der Innen­perspektive erzählen, ich habe ja nicht Mischas Erfahrung gemacht. Außerdem ist es schriftstellerisch interessanter, weil Nits von der Realität überrascht wird.

Wie versetzen Sie sich in Jugendliche hinein?

Ich mache mir nicht viele Gedanken darüber, ob ich gerade einen jüngeren oder älteren Menschen von innen schildere, sondern versuche, dem jeweiligen Individuum nahezukommen. Es könnte sein, dass mir junge Menschen mehr liegen, weil ich in vielem wohl eher nicht so typisch erwachsen bin. Ich bin eher emotional als abgeklärt, eher spontan als überlegt: Deshalb fühle ich mich Kindern und Jugendlichen vielleicht insgesamt näher als Erwachsenen. Ich finde es aber auch einfach spannender, die Zeit zwischen acht und 18 in Worte zu fassen, in der so viel Großes zum ersten Mal passiert, als das Leben einer 40-Jährigen.

Wie es scheint, haben wegen der Inflation bald immer mehr ­Menschen weniger Geld zur Verfügung. Was muss sich in ­unserer Gesellschaft ändern?

Mich beschäftigt gerade, dass Leute ihren Kindern Dinge nicht mehr kaufen können, weil sie zu teuer sind. Das fängt bei der ­Butter an. Wir können nicht ändern, dass Krieg herrscht und Energie teurer wird. Aber wir müssen darüber nachdenken, wie wir darauf ant­worten können, dass Menschen ihren Kindern ­alles Mögliche nicht mehr bieten können. In ­meiner Schule hier auf dem Dorf im Schwarzwald machen wir Kultur, spielen Theater, ­bauen die Schulbibliothek auf und machen endlich ­wieder mehr Ausflüge mit den ­Kindern und Jugendlichen. Wir müssen überlegen, in was wir Geld investieren können, um Kindern Dinge zu ermöglichen, wenn es die Eltern vielleicht nicht mehr können.

Aus was für sozialen Verhältnissen kommen die Kinder an der Schule, an der Sie unterrichten?

Die Kinder und Jugendlichen sind behütet, haben kaum Migrationshintergrund, aber viele der hier meist unakademischen Eltern haben nicht so viel Geld. In der Corona-Zeit ist mir aufgefallen, dass nicht nur Jugendliche verzweifelt waren, sondern auch Eltern, weil ihre Arbeit wegbrach oder sich die Probleme in der Familie verschärften. Ich glaube aber, dass das überall so war und ist. Der Krieg und die Energie­krise mit all den wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Ängsten treiben ja jetzt nur auf die Spitze, was mit Corona angefangen hat.

Was raten Sie Wohlhabenderen, wie sie mit ärmeren Mitmenschen umgehen sollen?

Wenn ich überhaupt einen Rat weiß, dann: Menschen in dem bestärken, was sie sind, und nicht in dem, was sie haben. Aber es ist auch etwas anmaßend zu sagen: Du bist nicht, was du hast. Denn ich habe ja genug. Und ich weiß eben nicht aus der Innensicht, was es mit einem macht, wenn man nichts hat. Ein allgemeiner Ratschlag wäre noch: Bitte redet miteinander, auch und gerade, wenn es große Probleme gibt. Ich nehme im Alltag jetzt verstärkt wahr, dass die Menschen sich voneinander entfernen, weil sie nicht mehr kommunizieren. Spaltung ist gefährlich: Einfühlung und gegenseitiges Verständnis geht verloren, wo man nicht mehr miteinander spricht.

 Stefanie Höflers Bücher erscheinen bei Beltz & Gelberg: "Mein Sommer mit Mucks", "Tanz der
Tiefseequalle" und "Der große schwarze Vogel" waren alle drei für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Im Juli 2022 erschien "Feuerwanzen lügen nicht".
S. Höfler

Sie schreiben über Tod, Armut, häusliche ­Gewalt, Mobbing, Adipositas, aber auch über Freundschaft und Solidarität. Warum ­wählen Sie so ernste Themen?

Ich schreibe über alles, was da ist. Und ich ­habe eine Grundüberzeugung: Der Mensch ist gut. Das klingt vielleicht naiv, aber ich mache diese Erfahrung. Mir sind selbst katastrophale Dinge im Leben passiert, aber es gab immer Menschen, die mich aufgefangen haben und die ich auch jederzeit bereit wäre aufzu­fangen. Ich glaube zutiefst an die menschliche Solidarität. Und ich glaube, dass man ernsten ­Dingen mit sehr viel Humor begegnen kann. Man kann Katastrophen nicht weglachen, aber erträglicher machen.

Was für katastrophale Dinge sind Ihnen ­passiert?

Mein erster Lebenspartner ist gestorben, als ich 32 Jahre war und meine Tochter ein Jahr alt. Ich habe sogar an diesem Tag lachen müssen: über die Bestatter, die es nicht hinbekommen haben, den Sarg auf würdige Art zu tragen, über eine restlos überforderte Seelsorgerin mit komischer Frisur. Es durchzieht mein Leben, dass ich in den katastrophalsten Situationen die Komik entdecken kann. Diese Haltung fließt in meine Bücher mit ein.

Wie denn zum Beispiel?

Indem auch dort absurde und witzige Dinge geschehen. Nits etwa sieht in einer superpeinlichen Situation die Feuerwanzen, die über die Schuhe von Mischa klettern und fragt sich, ob die Wanzen eigentlich Ehrgeiz haben . . . Man muss nur die Augen aufmachen: Es gibt ­immer auch eine komische Seite.

Nits hat viel Sprachwitz.

Ja, und ich verwende beim Schreiben auf nichts so viel Zeit wie auf die Sprache. Nits ist ein unruhiger, hibbeliger Junge, hat aber eines Tages das Reimen für sich entdeckt. Ich wollte eine slangige Sprache voller Reime, manchmal auch unreiner Reime und Al­literationen schaffen. Nicht nur mit den ­Reimen am Anfang der Kapitel, sondern es sollte durchgängig klauende Kinder, krächzende Krähen, einen fiesen Felix, Seifen­planet-und-Reifenpaket-Reime geben. Nichts ist mir so wichtig wie die Sprache der Figur, die erzählt. Nichts freut mich mehr, als wenn Jugendlichen die Sprache der Figur auffällt und sie sie gut finden.

Auch unbefangene Kinder­figuren sorgen für Leichtigkeit in Ihren Büchern.

Ja, in den "Feuerwanzen" ist Mischas kleine Schwester Amy die "Comic relief"-Figur.

Auf Deutsch: "komische Entlas­tung" – ein Stilmittel in Literatur und Film.

Genau, so kann man Spannung lösen. In "Der große schwarze Vogel" lasse ich den sechsjährigen Krümel vor der Beerdigung nachts den Sarg seiner Mutter bunt bemalen. Kinder gehen oft viel unkomplizierter und unbefangener mit Situationen um als Jugendliche und Erwachsene. Es gibt aber in meinen Büchern oft auch helfende oder zumindest solidarische Erwachsene im Hintergrund.

Warum?

Das rührt wohl aus meiner glücklichen Kindheit. Ich bekam das Gefühl vermittelt, dass meine Eltern zwar nicht alles verstehen, was ich so treibe, aber trotzdem emotional voll hinter mir stehen. Das Gefühl versuche ich jetzt auch meinen Kindern zu geben. Johanna ist elf, Wenzel acht Jahre alt.

Ruhe im Draußensein finden

Welche literarischen Vorbilder haben Sie?

Ich lese wahnsinnig viel, auch viele Kinder- und Jugendbücher. Als Kind habe ich Astrid Lindgren geliebt, Roald Dahl und Christine Nöstlinger. Generell mag ich Autor*innen, die es schaffen, das Ernste und das Komische zu mischen. Aber auch in der Gegenwart gibt es tolle Kolleg*innen, die mich inspirieren, zurzeit vor allem ziemlich viele Autorinnen, mit denen ich teils auch vernetzt bin: Frida Nilsson mit ihren realistischen Schilderungen von Kindheit, über die ich Tränen lachen kann. ­Susann Kreller, die wunderbar Gefühlslagen beschreiben kann, Liebeskummer zum Beispiel. Oder Elisabeth Steinkellner.

In vielen Ihrer Bücher spielen Natur und Tiere eine Rolle. Warum?

Ich komme vom Dorf und lebe jetzt ja auch wieder auf dem Land. Als Kind war ich ­immer draußen, im Wald, auf den Feldern. Wir ­haben uns im Mais versteckt, wir sind auf ­alle Bäume geklettert – das mache ich übrigens immer noch. Wir waren frei draußen und ich musste mich auch nicht dauernd zu Hause zurückmelden. Ich vertraue jetzt auch ­meinen Kindern, sie dürfen in ihrem bekannten Umfeld hier allein unterwegs sein. Aber auch Erwachsene können Ruhe im Draußensein finden. Ich kommuniziere schrecklich viel in meinem Alltag und die Natur erdet mich – ich umarme Bäume, streiche über die Rinde, rieche den Sommer- kiefernduft im Wald.

Das spiegelt sich in Ihrem Bilderbuch "Waldtage" wider.

Ja, das habe ich zusammen mit der Illustratorin Claudia Weikert gemacht. Da entdecken Kindergartenkinder viel mehr im Wald, als sie sich haben träumen lassen. Die erwachsenen Begleiterinnen sehen dagegen nicht alles. Ich glaube, Kinder sehen draußen mehr.

Sie sind eine erfolgreiche Autorin. Warum arbeiten Sie immer noch als Lehrerin und Theaterpädagogin?

Weil ich es liebe. Ich habe auch schon mal zwei Jahre nur geschrieben, aber da hat mir die Schule sehr gefehlt. Es ist ein Balanceakt, der viel Reibung erzeugt. Aber irgendwie muss ich beides machen – die Nähe zu Jugendlichen tut auch meinen Büchern gut.

Ihre drei Jugendromane wurden alle für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, gewonnen hat ihn aber noch keins. Wie ­finden Sie das?

Ich antworte jetzt mal sehr weise: Ich ­brauche diesen Preis nicht. Ich bin wirtschaftlich versorgt, andere brauchen ihn vielleicht dringen­der. Aber ich hätte ihn doch sehr gern für den "Großen schwarzen Vogel" bekommen. Weil ich diesem Buch mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte. Es ist mein ehrlichstes Buch, weil ich die Erfahrung von plötzlichem, viel zu frühem Tod ja selbst gemacht habe. Das Buch wurde außerdem nicht nur von der ­Kritiker-, sondern auch von der Jugendjury nominiert und die Begründung dafür war so schön, dass ich vor Freude geweint habe.

Wie hat die jugendliche Jury ihre Entscheidung begründet?

Es sei ein Buch über alles, was wichtig ist. Und dass Jugendliche über den Tod sprechen wollen. Und über das Weiterleben danach. Ich fühlte mich durch ihr Urteil bestätigt darin, dass Jugendliche gerade das, was Erwachsene ihnen thematisch vielleicht nicht zutrauen, von sich aus lesen wollen, und zwar unbedingt. Und genau diese angstfreie Neugier liebe ich an meinen Leserinnen und Lesern.

Stefanie Höflers ­Bücher erscheinen bei Beltz & Gelberg: "Mein Sommer mit Mucks", "Tanz der Tiefseequalle" und "Der große schwarze Vogel" waren alle drei für den Deutschen Jugend­literaturpreis ­nominiert. Im Juli 2022 erschien "Feuerwanzen lügen nicht".

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