Energiekrise: Arme sollen sparen, Reiche leben im Luxus

Pools für die Reichen, Waschlappen für den Rest
Wohlhabende in Politik, Medien und Wirtschaft leben unverhohlen im Luxus, während Millionen um ihre Existenz fürchten.

Viele Bürgerinnen und Bürger erhalten gerade oder in den kommenden Monaten Schreiben ihrer Energieversorger, dass die Preise für Strom, Warmwasser und Gas steigen werden. Gestern habe ich dann auch mal nachgeschaut: Wie viel mehr werde ich für Strom zahlen müssen, wenn mein aktueller Vertrag ausläuft? Die Kosten würden sich – Stand jetzt – vervierfachen. Beim Gas sieht es noch düsterer aus. Auch wenn das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung, das am Wochenende beschlossen wurde, an der einen oder anderen Stelle noch für Preisdeckelungen sorgen könnte, werden die Energiekosten für viele Millionen Menschen in Deutschland massiv ansteigen. Dazu kommen die höheren Preise für Lebensmittel und andere Waren wegen der Inflation. Die Tafeln melden Rekordanstürme.

Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur bei chrismon und epd Film. Er hat Germanistik und Geografie in Bamberg sowie Journalismus in Mainz studiert.
Lena Uphoff

Wir leben in Krisenzeiten. Da muss man sparen, das ist vielen Menschen bewusst. Einige schert das aber offenbar kein bisschen.

In Kronberg im Taunus geht das Wasser aus, weil einige Superreiche trotz Trockenheit und Warnungen der Gemeinde ihre Gärten gießen und Pools füllen wie eh und je, während die Wasserversorgung im restlichen Ort bald nicht mehr gesichert ist.

Seit Jahren steigen die Mieten in Deutschland. Immer mehr Menschen geben fast die Hälfte ihres Einkommens für Wohnkosten aus. Michael Zahn, der Ex-Chef des Wohnungskonzerns Deutsche Wohnen, erhielt eine Vergütung in Höhe von 18,25 Millionen Euro, wie im April bekannt wurde. Die durchschnittliche Miete in Deutschland beträgt 745 Euro. Herrn Zahns Vergütung würde also für fast 25.000 Monatsmieten reichen. Eine Kleinstadt könnte für diese Summe einen Monat mietfrei leben.

Bundestagsabgeordnete dürfen ihre Bahncard 100 für die 1. Klasse (Kosten: 7010 Euro), die sie gestellt bekommen, auch für private Fahrten nutzen, während Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) den Nutzerinnen und Nutzern des 9-Euro-Tickets eine "Gratismentalität" unterstellt – weil es manchen Familien ermöglichte, in den ersten Urlaub seit Jahren zu fahren. Ebenjener Minister feierte im Sommer eine Protzhochzeit auf Sylt, zu der CDU-Chef Friedrich Merz, der sich selbst zur "gehobenen Mittelschicht" zählt, mit dem Privatjet anreiste. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) empfiehlt den Bürgern, sie sollten sich mit dem Waschlappen waschen, statt zu duschen, um Geld zu sparen.

Ex-RBB-Intendantin Patricia Schlesinger ließ sich das Büro veredeln, einen Luxusdienstwagen stellen und ihr Gehalt auf 303.000 Euro erhöhen. Auch der Dienstwagen von WDR-Chef Tom Buhrow hat "leider" einen Massagesitz, wie er unlängst bedauerte. Die FDP hält unterdessen eisern am Dienstwagenprivileg fest. Wem es dient? Natürlich den Besserverdienenden.

Abstiegsgarantie statt Aufstiegsversprechen

Das Gebaren und die Vorschläge einiger Politiker*innen, Konzernchefs und auch Führungspersönlichkeiten öffentlich-rechtlicher Medien sind entkoppelt von den existenziellen Sorgen vieler Menschen. Von Solidarität und Empathie keine Spur. Es würde mich nicht wundern, wenn der nächste Vorschlag lautet, die Menschen sollten Kuchen essen, wenn sie kein Geld für Brot mehr haben – was angeblich schon die absolutistische französische Königin Marie-Antoinette ihrem hungernden Volk empfohlen hat.

Dieses Verhalten schadet der Demokratie in ihrem Kern. Ein Kern, in dem es um Gerechtigkeit geht, um Chancengleichheit, um ein Leben in relativem Wohlstand, das man sich durch ehrliche Arbeit erwirtschaften kann. Das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft ist spätestens seit der Finanzkrise passé. An diese Stelle tritt nun eine Art Abstiegsgarantie für die Mittelschicht, während Reiche immer reicher werden und jede Kritik daran als "Neiddebatte" abtun. Niemand braucht sich zu wundern, wenn es im Winter zu flächendeckenden Protesten kommt. Niemand weiß besser, solche Proteste für sich zu nutzen, als die Populisten und Extremisten. Wir schlittern von einer Krise in die nächste, aber einige Führungspersönlichkeiten in Deutschland prassen, protzen und stopfen sich die Taschen voll, während sie erzählen, dass man, um zu sparen, seltener duschen solle.

Der Club of Rome ("Die Grenzen des Wachstums") hat vor wenigen Tagen in einer neuen Studie geschrieben, dass wir den Planeten vor der Klimakatastrophe nicht retten können, "wenn nicht die reichsten zehn Prozent die Rechnung bezahlen" (die im Übrigen auch für 47 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich sind).

Es geht in dieser Debatte nicht um Neid. Niemand redet davon, dass alle einen Porsche, einen Privatjet oder einen Pool brauchen. Es geht um Grundbedürfnisse wie duschen, essen und heizen. Es geht um den fundamentalen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Und der geht verloren, wenn einige Reiche weiterleben, als wäre nichts gewesen, während ein großer Teil der Bevölkerung in Existenzängste rutscht.

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Lesermeinungen

Die Energiekrise ist gewollt und hausgemacht. Frau Baerbock hat lange vor dem Krieg Nordstream 2 verhindert. Das aus 2 Gründen: Die Verteuerung der Energie ist Strategie der Grünen und gleichzeitig konnte man sich der amerikanischen Regierung und dem wahrscheinlich nächsten Präsidenten Trump empfehlen. Es entspricht der Arroganz unserer Regierung der deutschen Bevölkerung glauben zu machen dass wir die russische Regierung durch Boykotts disziplinieren können. Bisher haben die Boykotts noch keinen Schuss verhindert und noch kein einziges Menschenleben gerettet. Dafür Russland zu deutlich höheren Einnahmen durch die gestiegenen Energiekosten verholfen. Alles auf Kosten der deutschen Bevölkerung

Ein toller Kommentar, der meine bodenständigen Sorgen im Alltag aufgreift! Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die erwähnten Ungerechtigkeiten, sondern um die Unfähigkeit, diese alltäglichen Probleme für den "Mittelstand", zu dem ich unsere kleine Familie zähle, zu lösen. Die Besorgnis wächst: Wir heizen weniger Zimmer im Winter, duschen weniger, waschen uns sogar mit dem #Waschlappen, kaufen weniger Obst, Gemüse und Fleisch und sparen für die Heizkostennachzahlung und unseren lang ersehnten Urlaub. Danach kommt dann wohl die eiskalte Dusche...

Es kann auch ganz anders kommen. Die übliche Denke könnte versagen. Hoffentlich nicht. Aber Ursachen, Veränderungen und Folgen haben Gesetze. Ein Markt kennt keine Gnade.

Ein LEBENSUNTERHALT ist Leben,  Ernähren, Gesundheit, Liebe und Glaube. Für 1 + 2 + 3 soll der Staat die Bedingungen vorhalten. Für 4 ist erst die Familie und dann man selbst zuständig und für 5 gibt es keinen greifbar Verantwortlichen. Wo kann man in der Not materielle Ansprüche reduzieren? Wo man was entbehren kann. An BIO, VEGAN, Champagner, Delikates, Kleidung, Möbel, Reisen, PKW, Restaurants, Dienstleistungen. Dort wird der Umsatz niedriger, werden Arbeitsplätze fallen, werden sich ganz Branchen neu formulieren müssen.ü Da der alte Preislevel nicht wieder kommt, muss auch auf Dauer alles  (wirklich alles!) verändert werden. Hierfür müssen dann die alten Werte plausibel sein, angepasst werden. Und das wäre dann auch der ultimative christliche Stresstest. Diese Zukunft beginnt demnächst. Der NAVI sagt in 0,3 bis 3 Km, die Gegenwart sagt 1 b. 3 Jahre

Vom Gerechtigkeitsempfinden her haben Sie unbestreitbar recht. Aber sowohl Luxus (ein Leben in unseren Breitengraden) als auch Armut (irgendwo ungerecht hineingeboren) sind unvermeidlich. Es geht nur um die Exesse. Und dann sagen Sie mal einem Saudi, dass er nur noch ein Kamel oder einen Kleinwagen haben darf. Sie bekommen ein Einreiseverbot und kein ÖL oder LNG (Flüssiggas) mehr.

Bitte bei der Wahrheit bleiben. Merz hat keinen Jet. Wenn Merz es mit seinem Propeller nicht mehr dürfen soll, müssen auch alle anderen Privatflugzeuge abgeschafft werden. Gibt es "moralische Finger", die auf die Kleinflugzeuge anderer politischer Farben zeigen? Pools nein danke. Gut, weil kein Gemeinschaftsnutzen! Und öffentliche Spassbäder sind gut? Die Haushalt-Heisswasserversorgung 365 Tage je 24 Stunden für eine Entnahme (Abwasch u. Dusche) von täglich ca. 20 Ltr. Mischung in zusammen 15 Minuten. Klimanlage für konstant 22 Grad. Wozu Kühl- und Gefrierschränke (bis 200 Ltr.), wenn man doch täglich einkaufen kann. Was für eine jahrelange Energie u. Gasverschwendung von weltweit unzähligen Haushalten und Firmen. Und wieviel ÖNV-Busse fahren ohne oder nur mit 1-5 Gästen? Das Trinkwasser wird doch als Spülung in erster Linie als Transportmittel für menschlichen "Abraum" verwendet. Wo bleibt der Protest? Wenn nur der meckern darf, der auch machbare Lösungen anbieten kann, müssen nahezu alle still sein. So "einfach" ist es für alle. Oder?