Heilige Schriften: Was Bibel und Koran eint

Was haben Christentum und Islam gemein?
Was macht den Koran aus?

Lisa Rienermann

Was macht den Koran aus?

Was in der Bibel deutungs­offene, teils paradoxe Erzählung ist, wird im Koran zum Lehrbeispiel: Theologen aus beiden Religionen über die Heiligen Schriften des Christentums und des Islam.

Was die Bibel ausmacht

Eine kleine Überraschung für alle, die Judentum und Christentum einerseits und den Islam andererseits nur als Gegensätze kennen: Zwischen ihren heiligen Schriften gibt es viele Überschneidungen. Die hebräische Bibel des Judentums (Christen sprechen vom "Alten Testament") wie auch das Neue Testament ­finden im Koran ein vielfältiges Echo. In ­diesem ­literarischen Nach- und Wider­hall zeigt sich zugleich, was diese drei Reli­gionen verbindet und unterscheidet. Besonders deutlich wird das, wenn man einige der Hauptfiguren betrachtet, die hier wie dort auf­treten, und schaut, wie jeweils von ihnen erzählt wird. Ihre Namen sind im Koran zumeist arabisiert. Aus Eva wurde "Hawwa", aus Abraham "Ibrahim", aus Hiob "Ayyub", aus Maria "Maryam" und aus Jesus "Isa".

Wichtiger ist, wie der Koran ihre jeweiligen Geschichten aufnimmt und verändert. Zum Beispiel Abraham: Von ihm erzählt das erste Buch Mose, Gott habe ihm aufgetragen, seinen einzigen, den lang ersehnten Sohn Isaak zu opfern. Erzählt wird, wie Abraham genau das – gegen jede Vernunft und Menschlichkeit – fast getan hätte, wenn ihn nicht im allerletzten Moment ein Engel von diesem Wahnsinn abgehalten hätte.

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der EKD
Andreas Schoelzel(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfrei

Von solch einer unerträglichen Spannung ist in den Koranversen über Ibrahim wenig zu spüren. Hier unterzieht Gott seinen Propheten schlicht einer – wenn auch strengen – Prüfung, bricht diese aber sofort ab, als er Ibrahims Bereitschaft zum Gehorsam wahrnimmt.

 Lisa Rienermann

Oder Hiob: Im hebräischen Original ist er ein Mensch, über den Gott gegen jede Gerechtigkeit die furchtbarsten Schicksalsschläge kommen lässt; Hiob fügt sich nicht, sondern klagt Gott scharf an, bis an die Grenze der Blasphemie. Der Ayyub des Koran dagegen erscheint als ein vorbildlich frommer Mann, den seine Geduld und Gottesfurcht selbst im schlimms­ten Leiden nicht verlässt.

Gegenüber den Erzählungen über Maria, die Mutter Jesu, wirkt im ­Koran das Rätselhafte und Skandalöse stark zurückgenommen: Dass sie vor ihrer Ehe schwanger wurde, Josef sie deshalb fast verlassen hätte, Jesus also als uneheliches Kind zur Welt kam – ­eine große Schande – und dies nur mit ­einer einzigartigen Gnade Gottes zu erklären ist. Von dieser Paradoxie aus Niedrigkeit und Hoheit ist im Koran wenig zu bemerken. Er vermerkt ledig­lich, dass Maryam ihren Sohn auf eine ebenso wundersame wie unanstößige Weise empfing. Damit erweist der Koran ihr großen Respekt – so wie auch ihrem Sohn, der als bedeutender Prophet Allahs gilt. Allerdings wird seine Geschichte ebenfalls erheblich verändert, vor allem ihr Ende: Das traumatische Drama von Jesu ­Passion, dass nämlich der Messias wie ein gewöhnlicher Schwerverbrecher hingerichtet wird, und die euphorische Wendung zum Guten, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, er­setzt der Koran durch eine weniger auf­regende ­Version. Demnach wurde ­Jesus gar nicht gekreuzigt. Das sei nur zum Schein geschehen.

Lesen Sie hier: Warum die Sieben eine besondere Zahl in der Bibel ist

Wenn zwei die gleiche ­Geschichte erzählen, ist sie noch lange nicht dieselbe. Dafür dürfte es hier einen litera­rischen Grund geben: Der ­Koran ist kein Erzählwerk. Wichtiger aber scheint ein theologisches Motiv zu sein. Denn die anderen Versionen des Koran verdanken sich einer Grund­idee, einem bestimmten Gottesbild. Es zeichnet Gott als den absolut Absoluten, dessen ewige Identität Allmacht und Barmherzigkeit sind und dessen Wille unveränderlich ist. Wohl darum kommt der Koran ohne die Spannungen aus, die die Erzählungen von Abraham, Hiob, Maria oder Jesus bestimmen. Was in der Bibel deutungs­offene, teils paradoxe Erzählung ist, wird im Koran zum Lehrbeispiel, zu einem Teil einer konsistenten, widerspruchsfreien Botschaft.
Aus christlicher Perspektive wirkt es, als vereinfache der Koran den bibli­schen Erzählstoff. Man gewinnt den Eindruck einer literarischen und theo­logischen Einebnung.

Wie wirkt hingegen der Erzählstoff des Koran auf Musliminnen und Mus­lime? ­Lesen Sie, wie Mouhanad Khorchide ­seine ­heilige Schrift versteht, den Koran:

Was den Koran ausmacht

Früher, wenn Gäste an unsere Grund­schule kamen, wurde zu ihren Ehren der Koran rezitiert. Das war so üblich in Saudi-­Arabien, wohin meine palästinensischen Eltern geflohen waren. An der Schule in der Hauptstadt Riad galt ich als guter ­Rezitator und sollte die Aufgabe oft übernehmen. Wohl deshalb hat mir mein Religionslehrer gegen Ende des vierten Schuljahres eine Kassette des berühmten Rezitators Abdulbaset geschenkt. Der Lehrer hatte die Aufnahme mit zwei Rekordern überspielt, den einen auf "play", den anderen auf "record". Die Tonqualität muss grauenhaft gewesen sein. Aber ich hörte sie einen ganzen Sommer lang: die zwölfte Koransure über Josef, hier Yusuf, den seine Brüder in einen Brunnen werfen, der nach Ägypten verkauft wird und dort Karriere macht – und schließlich als rechte Hand des Königs auch seine Brüder in einer Hungersnot retten kann. Abdulbasets Stimme konnte sehr hoch sein und auch tief, wenn die Brüder auf Böses sinnen. Abdulbaset trug so emotional vor, wie Josef in den Brunnen geworfen wird, wie der trauernde Vater erblindet, wie sich Vater und Sohn wiederbegegnen, ich ging ganz in der Erzählung auf.

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide

Mouhanad Khorchide lehrt Islamwissenschaft an der Uni Münster. 2022 erschien im Tyrolia "Bibel trifft Koran" (144 S., 19,95 €), das Khorchide zusammen mit Angelika Walser schrieb.

Der Koran will gesungen, rezitiert werden, um die überwältigende Schönheit, mit der sich Gott offen­bart, erfahrbar zu machen, um die Menschen zur Liebe zu entzünden. Gerade die zwölfte Sure, die auf der ­Kassette meiner Jugend erklang, ist voller Brüche, voller Überraschungen, voller Entwicklung. Yusuf ­leidet, ihn treffen Rückschläge, man fiebert mit. Wohl deshalb hatte der Lehrer gerade diese Sure damals für mich Neunjährigen ausgesucht.

In der Koranrezitation entfalten sich die unterschied­lichsten Emotionen: der Empathie, der ­Liebe, der Barmherzigkeit, des Mitleids, der Hoffnung, des Opti­mis­mus, aber auch negative Emotionen des Zorns, des Ver­zweifelns, der Rache, der Überlegen- und Unterlegenheit, auch solche der Wut. Sie alle erzählen die Ge­schichte der Menschen mit dem einen Gott, der sich berühren und bewegen lässt. Die Trostsuren 93 und 94 lassen er­ahnen, woraus der Prophet Mohammed ­Hoffnung schöpfte, als er anfangs auf schroffe Ablehnung stieß.

 Lisa Rienermann

Trotz aller Ästhetik in seiner Offenbarung bleibt Gott doch das unbedingte Unerreichbare. Deshalb bedarf der Koran – wie jede andere heilige Schrift – der Auslegung. Der Koran kann sehr mehrdeutig sein. Er beschreibt Gott als Ersten, aber auch als Letzten, als Offensichtlichsten, aber auch als Verborgenen, als ­Vergebenden, aber auch als Strafenden.

Der Koran erzählt, was aus der Bibel bekannt ist, ­etwas anders – aber auch in unterschiedlichen ­Versionen. Die Schöpfungserzählung von Adam und Eva zum Beispiel: In der zweiten Sure lehnt Iblis ab (eine Art Satan), sich vor dem Menschenpaar niederzuwerfen. Später werden Adam und Eva aus dem Para­dies vertrieben. Nach der siebten Sure wird Iblis aus dem Paradies vertrieben. Nach der 20. Sure warnt Gott Adam vorm schlechten Beispiel des Iblis. Koran­kritiker monieren, die Aussagen passten nicht zueinander, seien gar widersprüchlich. Aus muslimischer Sicht offen­bart Gott, was er sagen will, unterschiedlich: je nach Publikum, an das er sich richtet, und je nach Situation.

Lesen Sie hier: Werden Muslime besonders oft kriminell?

Die Mosegeschichte wird noch häufiger erzählt als die von Adam und Eva, stets mit neuen Aspekten. Wie kommt man da zu einer gültigen Auslegung? Ideal­typisch gab es schon immer mindestens zwei Möglichkeiten, den Koran zu verstehen. Monologisch: dass Gott aus der Ewigkeit für die Ewigkeit redet. Oder ­dia­logisch: dass Gott auf die Adressaten des Koran eingeht, die nicht nur passive Empfänger sind, sondern handelnde Subjekte, auf die Gott sich einlässt.
Sure 4:11 bestimmt zum Beispiel, dass männliche Kinder doppelt so viel erben wie weibliche. Mono­logisch gelesen ist dies ein göttliches Gesetz, das jeder­zeit exakt so gilt. Die dialogische Lesart sieht die his­torische Situation: Damals waren Mädchen vom Erbe ausgeschlossen. Der Koran wollte auch ihnen einen Anteil vom Erbe zukommen lassen. Die Männer sollten die Frauen endlich als selbstbestimmte Subjekte wahrnehmen. Es war ein erster Schritt in einem stark patriarchalisch geprägten Umfeld. Der Koran hat einen Prozess zur Gleichberechtigung angestoßen, einen Prozess, den wir fortführen und möglichst vollenden sollen.

Infobox

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Mouhanad Khorchide,
haben Sie herzlichen Dank für Ihre anspruchsvollen Ausführungen zum Wesen des Koran. Insbesondere Ihre Erkenntnis, der Koran habe einen Prozess zur Gleichberechtigung angestoßen, hat mich zum Nachdenken bewegt. Und dabei habe ich entdeckt, dass dieser Prozess, der vor weit mehr als tausend Jahren begonnen hat, kurz vor seiner Vollendung steht. Mit welcher Macht das Projekt der Emanzipation von Mädchen und Frauen in islamischen Ländern vorangetrieben wird, lässt sich momentan in Afghanistan besonders schön beobachten. Ich finde es immer wieder toll, wenn wissenschaftliche Hypothesen von harten Fakten gestützt werden. Sie doch wohl auch - oder?
Mit freundlichen Grüßen
Roland Schütze

Was? Das "Individualbewusstsein" im geistigen Stillstand seit Mensch erstem und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung ("Vertreibung aus dem Paradies") und die gleichermaßen wettbewerbsbedingt-konfusionierte und zeitgeistlich-reformistisch gepflegte Bewusstseinsschwäche in Angst und Gewalt, was auch für alle "anderen" Religionen gilt.

Johannes 4,24 - Gott ist die Vernunft des Geistes der uns alle im SELBEN Maße "durchströmt" / durchströmen würde, wenn wir unsere Vernunftbegabung zum geistig-heilenden Selbst- und Massenbewusstsein / zum zweifelsfrei-eindeutig ganzheitlichen Wesen Mensch, OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, wirklich-wahrhaftig zum Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden" gottgefällig/vernünftig fusionieren würden, dann wäre auch Jesus Frust in Matthäus 21,18-22 nicht mehr bedeutsam, weil Mensch/ALLE die Vorsehung/"göttliche Sicherung" vor dem Freien Willen überwunden und das Jüngste Gericht mit ebenbildlichem Verantwortungsbewusstsein umgangen hätte, für einen neuen/weiteren Geist / eine neue/weitere Seele, in der GANZEN schöpferischen Kraft des Geistes.

Seit Mathematiker und Physiker, ziemlich zweifelsfrei, das Universum als holographisches und somit sozusagen programmiertes berechnet haben, sollte ein gemeinsames Umdenken und Agieren unser "Zusammenleben" im Sinne des Ursprungs bewirken, doch immernoch ist der Glaube an die Sinnhaftigkeit von zufälliger Einmaligkeit spalterisch-destruktiv richtungsbestimmend.

Muss man auch nicht. Konvusius ist der Vater des Vergleichs. Das AT als Vorläufer für alle Drei. Das AT als Widerspruch aller Göttlichkeit. Im AT wird der später christliche Gott in seiner Dreieinigkeit mit den Rache-Eigenschaften griechischer Anarcho-Gottheiten dargestellt. Wo sind denn im AT für alle 3 monotheistischen Religionen die menschlichen Ideale der heutigen Anbetung? Warum beginnt das Christentum erst im Jahre 33?. Davor alles total unchristlich, weil alle vor dem Jahr (ca) 33 ohne Segen geblieben sind. Letztlich bleibt nur das Vaterunser mit seiner Sinnbildlichkeit.