Wie der richtige Strommix den Netzausbau günstiger macht

"Energiekosten werden für viele Menschen zur Existenzfrage"
Biogas, Windkraft und Solarkollektoren: Der richtige Strommix macht den Unterschied

Ingo Wagner / picture alliance / dpa

Biogas, Windkraft und Photovoltaik: Der richtige Strommix macht den Unterschied - und entlastet die Verteilnetze

Interview - Energiekosten

Brauchen wir wirklich neue Stromautobahnen, damit die Energiewende gelingt? Und was ist mit den kleineren Stromnetzen, die bis an unsere Haustüren reichen – sind sie auch fit für Strom aus Wind und Sonne? Rainer Kleedörfer vom Energieversorger N-ERGIE erklärt, dass sich die Energiewende vor allem im Verteilnetz entscheidet. Sein Unternehmen muss heute schon an sonnigen Tagen große Photovoltaikanlagen auf Freiflächen abregeln, weil zu viel Strom im Netz ist. Kleedörfer plädiert für mehr Gemeinsinn bei der Energiewende und warnt: Wenn alle nur an ihren Vorteil denken, scheitert das Jahrhundertprojekt.

In einem Vortrag haben Sie in diesem Sommer gesagt, dass die Energiewende zu scheitern droht. Warum diese drastischen Worte?

Rainer Kleedörfer: Es gibt nur eine bestimmte Zahl an Menschen, die die Energiewende umsetzen können, ob das die Ingenieurin ist oder der Baggerfahrer – und all die vielen Berufsbilder dazwischen. Wir haben einen Fachkräftemangel. Es wäre klug, sich auf das zu konzentrieren, was den größten Beitrag zum Klimaschutz hat. Und das zu lassen, was keinen oder nur einen kleinen Beitrag leistet. Es muss eine gute Rahmengesetzgebung her, die sich am Gemeinwohl orientiert. Bisher macht bei der Energiewende jeder das, was ihm persönlich als sinnvoll erscheint. Eine große Freiflächenanlage verspricht Rendite? Dann kommt sie. Es fehlt ein Gesetz, das die guten Absichten in eine sinnvolle Richtung steuert. Sonst riskieren wir die Akzeptanz für die Energiewende.

Rainer Kleedörfer

Rainer Kleedörfer ist Bereichsleiter Unternehmensentwicklung bei der N‑ERGIE AG, einem Nürnberger Energieversorger, der auch das Verteilnetz für Strom in Teilen Bayerns und Frankens betreibt. Kleedörfer ist gelernter Energiegeräteelektroniker und studierter Kaufmann.
Olaf TiedjeRainer Kleedörfer

Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Warum?

Weil jede Maßnahme Geld kostet und die Systemkosten nach oben treibt. Die Gaspreise steigen massiv. Und auch bei Strom zeichnen sich starke Preiserhöhungen ab.

Ist schon absehbar, wie hoch die Strompreise klettern werden?

Das ist noch nicht absehbar und hängt wesentlich davon ab, nach welchem Beschaffungskonzept der jeweilige Stromlieferant einkauft. Es gibt aber Prognosen, die in Richtung von 45 bis 50 Cent für die Kilowattstunde Strom für private Haushalte gehen (Zum Vergleich: Strom kostete die Verbraucherinnen und Verbraucher in privaten Haushalten im zweiten Halbjahr 2021- also vor dem russischen Angriff auf die Ukraine - durchschnittlich 32,87 Cent je Kilowattstunde, Anm. d. Redaktion). Energiekosten werden für viele Menschen zur Existenzfrage. Wenn wir eine Grundsatzdebatte bekämen, dass die Energiewende ein großer Mist sei und wir wieder Kohlekraftwerke bauen sollten, wäre das ein beängstigender Rückschritt. Und den müssen wir verhindern. Die Menschen wollen verstehen und wissen, warum wir welche Maßnahmen bei der Energiewende ergreifen.

Man sieht am Streit über die Frage, ob wir den Betrieb der drei letzten Atomkraftwerke in Deutschland strecken müssen, dass diese Debatte sehr schwierig und emotional wird.

Die Debatte entspringt der puren Not. Es geht um das Thema Versorgungssicherheit. Minister Habeck hat auf seine typische Art erklärt, dass wir eine Vielzahl an neuen Gaskraftwerken brauchen, als Ergänzung zu Wind und Sonne. Es gibt Studien, die den Bedarf an Gaskraftwerken zwischen 24.000 und 40.000 Megawatt verorten. Das wären mehrere Dutzend neue Gaskraftwerke. Bis zum Abend des 23. Februar schien ja auch alles klar zu sein, dann kam der Krieg. Diese Kraftwerke fehlen, und mir ist nicht bekannt, dass jemand in Deutschland ein Gaskraftwerk plant, geschweige denn baut. Wir müssen zügig die Debatte beginnen, wo wir diese Kraftwerke bauen, sonst wird das Eis dünn.

Gas ist ein fossiler Brennstoff, der die Klimakrise verschärft. Sprechen wir über grünen Wasserstoff, den wir dort klimaneutral verstromen?

Für uns ist es selbstverständlich, dass es jedenfalls klimaneutrale Gase sein müssen.

Sie sind also kein Gegner der Energiewende?

Nein, überhaupt nicht! Wir versorgen große Gebiete Nordbayerns mit Strom, Erdgas, Wasser und Fernwärme und stehen dabei voll zur Energiewende und den Klimaschutzzielen.

Allein in Ihrem Netzgebiet erwarten Sie in den kommenden zehn Jahren vier Mal mehr Stromeinspeisungen aus erneuerbaren Energien. Als Befürworter der Energiewende müssen Sie in Feierlaune sein.

Dass wir mehr Erneuerbare brauchen, ist richtig. Aber die Frage ist: Wo bauen wir sie aus? Und welche Technologien nutzen wir?

"Eine Vielzahl von großen Freiflächen-Photovoltaikanlagen hat nur eine geringe Chance, Strom ins Netz einzuspeisen"

Was meinen Sie konkret damit?

Im Winter können wir kaum auf Photovoltaik zurückgreifen. Nachts auch nicht. Aber gerade bei der Photovoltaik beobachten wir – hier bei uns in der Region und insgesamt in Süddeutschland – eine ungeheure Dynamik. Das sehen wir auch mit einem weinenden Auge, weil eine Vielzahl von großen Freiflächen-Photovoltaikanlagen gebaut wird, die über Jahre hinaus nur eine geringe Chance haben, Strom ins Netz einzuspeisen.

Warum ist das so?

Wir haben nicht genügend Kapazitäten in unserem Stromnetz, um den Strom zu transportieren. Wenn die Sonne im Sommer scheint, ist mittags zu viel Strom da.

Müssen Sie dann Anlagen abregeln, also vom Netz nehmen?

Ja, das geschieht heute leider schon, und dieses Problem wird sich noch verschärfen, weil viele große Anlagen auf Freiflächen geplant sind.

Nun hören die Leute seit Jahren in den Nachrichten und im Wahlkampf, dass die großen Stromautoautobahnen kommen. Dann ist doch alles in Ordnung, dann bekommen Sie den Strom transportiert!

So einfach ist es leider nicht. Dazu muss man wissen: Das deutsche Stromnetz hat mehrere Netzebenen. Das fängt an mit dem klassischen Niederspannungsnetz, an dem unser aller Hausanschluss hängt. Die meisten dieser Ebenen bilden das regionale Verteilnetz, für das Unternehmen wie wir zuständig sind. Und dann gibt es das überregionale Übertragungsnetz, dazu gehören auch die sogenannten Stromautobahnen. Es ist ein europäisches Verbundsystem, das im Prinzip von der Ukraine bis nach Portugal reicht. Unternehmen wie die N-ERGIE müssen Betriebe und Haushalte über die Verteilnetze sicher und verlässlich mit Strom versorgen. Was an Maßnahmen zur Energiewende gehört, findet zu annähernd hundert Prozent im Verteilnetz statt. Da geht es um Windenergie- und Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Ladesäulen für E-Autos und so weiter – die hängen alle am Verteilnetz. Ohne die Verteilnetze geht nichts.

Dann bauen wir doch nicht nur die Stromautobahnen, sondern auch die Verteilnetze aus!

Das würde zehn Jahre und länger dauern. Deshalb ist unsere Frage immer: Welche Maßnahme im Netzausbau leistet den besten Beitrag für den Klimaschutz und die Energiewende? Die Zeit drängt, das Thema hat schließlich auch einen sozialpolitischen Aspekt.

"Wir sind nicht gegen Netzausbau – aber gegen einen überdimensionierten Netzausbau"

Was haben Stromnetze mit Sozialpolitik zu tun?

Jeder Kilometer Netzausbau kostet Geld. Wenn ich den falschen Kilometer ausbaue, kann ich nicht mehr den richtigen Kilometer ausbauen. Und für die Stromnetze müssen wir alle über unsere Stromrechnung bezahlen. Wir sind nicht gegen Netzausbau – aber gegen einen überdimensionierten Netzausbau.

Was wäre denn ein sinnvoller Netzausbau?

Wenn ich Windenergieanlagen an einem bestimmten Ort baue und ein Verteilstromnetz dorthin errichte, kann ich auf dem gleichen Leitungsstrang auch Photovoltaikanlagen anschließen. Wind- und Sonnenenergie ergänzen sich, das wäre ein gut gesteuerter Ausbau, der Kosten spart.

Der Windstrom aus dem Norden muss in den Süden, deshalb brauchen wir Stromautobahnen. Sonst, heißt es häufig, scheitere die Energiewende. Was meinen Sie?

Es wird einen sinnvollen Ausbau geben müssen, auch im Übertragungsnetz. Aber wenn man davon ausgeht, dass im Süden weiter fast nur Photovoltaik und im Norden weiter fast nur Wind zugebaut wird, hat das natürlich Folgen.

Nämlich?

Im Sommer überschwemme ich den Norden und auch Skandinavien mit Strom aus Photovoltaik aus dem Süden. Und dann wird die Photovoltaik aus dem Süden auch den Strom aus der Windkraft im Norden verdrängen. Im Winter ist es andersherum. Windstrom aus dem Norden überschwemmt den Süden und verdrängt dort den Sonnenstrom. Da muss die Frage erlaubt sein, ob es klug wäre, im Norden – also ab etwa Thüringen – verstärkt Photovoltaik zu nutzen? Im Norden gibt es zu viel Windenergie im Vergleich zum Sonnenstrom. Und grundsätzlich muss die Frage nach mehr Energie aus Biomasse auf den Tisch, deutschlandweit. Dann hätte man einen guten Mix, der teuren Netzausbau spart.

Ihr Sorgenkind sind derzeit die großen Freiflächenanlagen, auf denen Photovoltaikmodule Strom erzeugen – im Sommer in der Mittagszeit mehr, als Sie im Stromnetz aufnehmen können. Können wir die nicht nutzen, um dort Wasserstroff herzustellen?

Das rechnet sich nicht. Neben so einer Anlage stünde je ein einzelner Elektrolyseur…

Elektrolyseur? Was ist das?

Eine Anlage, die mit Hilfe von Strom aus Wasser Wasserstoff produziert. Ein Jahr hat 8670 Stunden. An vielleicht 1000 bis 1500 Stunden würde eine Photovoltaik-Freiflächenanlage einen Stromüberschuss liefern, mit dem man Wasserstoff erzeugen könnte. Aber so ein Elektrolyseur muss mindestens 3000 Stunden im Jahr laufen, um wirtschaftlich zu sein. Sonst wäre der Wasserstoff zu teuer. Aber Batteriespeicher wären sinnvoll neben solchen Anlagen.

Warum gibt es sie dann nicht?

Die Technik ist serienreif. Ich speichere mittags Strom und gebe ihn nachts ins Netz ab, das ist sinnvoll. Aber die Betreiber haben derzeit keinen Anreiz, solche Speicher zu bauen. Sie bekommen auch Geld für Strom, den sie gar nicht einspeisen. Auch das bezahlen die Menschen über ihre Stromrechnung, auch das kostet Akzeptanz. Diese Vergütung muss bei neuen Anlagen auf null. Dann hätten die Betreiber von sich aus eine Motivation, Batteriespeicher zu bauen. Dafür braucht es dringend eine Gesetzesänderung.

Sie sind also skeptisch bei großen Photovoltaikanlagen, die auf einer freien Fläche entstehen. Ich kann mir vorstellen, dass Hausbesitzer, die Module auf ihrem Dach haben, oder Mieterinnen und Mieter, die sich für Mieterstrommodelle einsetzen oder die ein Balkonkraftwerk haben, nun denken: "Ich habe alles falsch gemacht und schade der Energiewende sogar noch…" Können Sie diese Menschen beruhigen?

Ja! Wer Photovoltaikanlagen auf dem Dach hat, nutzt viel von diesem Strom selbst. Auch auf Firmendächern von Betrieben sind sie sinnvoll. Gerade in den großen Städten sieht man viele Dächer, auf denen wir unbedingt Strom erzeugen sollten. Dort wird er ja auch gebraucht.

Leseempfehlung

Im Hunsrück ist zu sehen, wie wir Kohle, Öl und Gas ersetzen können: mit Herzblut, guten Ideen und ohne Parteiengezänk
EEG-Umlage, Photovoltaik, Wasserstoff: Die Energiewende kann ganz schön kompliziert, aber auch interessant sein. Unser Energiewende-Glossar klärt Sie auf!
Im Wahlkampf sind sich (fast) alle einig: Deutschland braucht neue Stromautobahnen. Aber stimmt das überhaupt?
Bis 2030 möchte die EU ihre Treibhausgasemissionen um 55 Prozent senken. Geht das nur mit Atomkraft? Ein Interview

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Eine Energiewende auf einem wesentlich niedrigeren Bedarfsniveau ist vorstellbar. Aber neben Produktion und Dienstleistung auch noch Mobilität, Heizung, Kühlung , Gesundheit, Verteidigung Bildung, Lebensqualtät und sozialer Friede mit Windräder oder gar bei mehrwöchiger Dunkelflaute zu garantieren, übersteigt jede Vorstellungskraft. Religionen und Ideologien haben gemeinsam, dass sie vom Paradies träumen. Die Einen unbeweisbar und ohne eine lebende Verantwortung, die Anderen lassen sich dafür zeitlich begrenzt wählen und verschieben die Verantwortung auf die lange Bank.

Alles ist in Bewegung und wir mittendrin. Die URSACHEN (Folgen der Menschheitsgeschichte), ZEIT (Beschleunigung seit ca. 500 Jahren) und DAUER (für uns ewig bis zur nächsten Kaltzeit) sind bekannt. Klima-Motor und Selbstschussanlage ist die Menge. Bei uns ca. 232 Personen pro Quadratkilometer, Malediven 1810, Bangladesh 1127, Palästina 818, Ruanda 504, Indien 424, Holland 420, Japan 333. In den Stadtstaaten ein Vielfaches. Das "Fass" läuft über. Jetzt 8 Milliarden, in spätesten 80 Jahren -was sind schon 3 Generationen!- geschätzt 10 Milliarden. Für das Problem gibt es keine menschliche Lösung. Bangladesh hatte 1972 ca. 25 Mio., jetzt 167 Mio.. In anderen Ländern (Afrika!) ähnlich. Die Verringerung der Kindersterblichkeit hat zu einer Bevölkerungsexplosion geführt. Bei uns bis zum Krieg. Und jetzt sollen unsere Gesetze das ändern. Ein Regen hat viele Tropfen und eine Wolke kann man nicht einfangen. Fakten wiegen schwer und Hoffnungen leicht