Debatte um die "Judensau" in Wittenberg

Ab ins Museum
Öffentlich mahnen: Ja. Aber nicht mit antisemitischen Schmähwerken!

Es ist ein mittelalterliches Schmähbild der übelsten Art. Eine Sau, an deren Zitzen Männer mit Spitzhüten saugen und Juden darstellen sollen. Ein dritter schaut in den After. Darüber die Aufschrift: "Schem HaMphoras", ein hebräischer Verweis auf den unaussprechlichen Namen Gottes bei den Juden. Das Relief ist noch immer über dem Südeingang der Stadtkirche zu Wittenberg zu sehen. Ein Skandal.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz war als chrismon-Redakteur bis Oktober 2022 verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika. Seit November 2022 betreut er als ordinierter Pfarrer eine Gemeinde in Offenbach.
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Die Stadtkirchengemeinde hat eine Gedenktafel angebracht, die das antisemitische Werk historisch einordnet. Dennoch sah sich ein Jude aus Bonn beleidigt und klagte. Doch drei Gerichtsinstanzen bescheinigten der Wittenberger Gemeinde: Weil sie das Werk historisch eingeordnet habe, sei der objektive Tatbestand der Beleidigung nicht erfüllt.

Muss eine Kirchengemeinde nicht alles daransetzen, dass von ihrem Haus keine Beleidigung ausgeht – egal, was die Rechtslage sagt? Ein Expertengremium empfiehlt nun, die Skulptur ins Museum zu befördern. Richtig so. Und das gilt nicht nur für Wittenberg. Auch die anderen "Judensäue" gehören in die historische Mottenkiste: Wasserspeier am Kölner Dom, an St. Laurentius zu Ahrweiler und an der Stiftskirche von Bad Wimpfen. Schnitzwerke im Chorgestühl der Dome zu Erfurt, Nordhausen und Köln. Sandsteinfiguren, wie die in der Marienkirche zu Lemgo. Nein, wir müssen das bleischwere Erbe des Antisemitismus nicht verleugnen. Aber wir müssen es auch nicht so präsentieren.

Leseempfehlung

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, wünscht sich, dass das Relief "Judensau" von der Wittenberger Stadtkirche entfernt wird.
Schon zu seinen Lebzeiten wurden Luthers Ideen politisch missbraucht. Thomas Müntzer zettelte Aufstände an. Auch Kaiserreich, Nationalsozialisten, DDR-Regime nutzten den Theologen für ihre Zwecke. Ein Ausstellung auf der Wartburg zeigt den wirklichen und den verfälschten Luther
Die Documenta in Kassel hat ihren Antisemitismus-Skandal. Folgt bald der nächste auf der Versammlung des Weltkirchenrats?
Nein. Es ist Zeit verbal abzurüsten und antisemitischen Legenden den Boden zu entziehen
Wir haben die jüdische Schriftstellerin Mirna Funk gebeten, einen Bibelvers vorzustellen. Sie hat eine Wutrede geschrieben
Gemeinsames Erinnern gibt es nicht, sagen Max Czollek und Michel Friedman. Und: Was unsere Gesellschaft zusammenhält – und wo noch viel getan werden muss

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.