Katastrophale Lage im Libanon: Bericht aus Beirut

Auf Wunder hoffen
Auf Wunder hoffen

Karin Uckrow

Ein Graffiti im Beiruter Stadtteil Hamra, in dem die Autorin wohnt.

Auf Wunder hoffen

Die wirtschaftliche Krise im Libanon verschärft sich weiter, Besserung ist nicht in Sicht. Manchmal hilft nur beten

Seit drei Jahren durchlebt der Libanon die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Die Weltbank spricht von einer der global schlimmsten ökonomischen Krisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die libanesische Währung hat seit 2019 mehr als 90 Prozent ihres Wertes verloren, die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich versechsfacht, und 80 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze.

Karin Uckrow

Karin Uckrow lebt in Beirut und leitet die Dialog- und Verbindungsstelle Nahost bei Misereor. Die Betriebswirtin engagiert sich auch in der deutschen evangelischen Gemeinde zu Beirut.
PrivatKarin Uckrow

Auch vor 2019 gab es Missstände und eine nur unzureichende öffentliche Infrastruktur. Aber ich spürte immer eine gewisse Leichtigkeit in der libanesischen Bevölkerung, mit diesen Schwierigkeiten umzugehen. Doch die Probleme sind jetzt so massiv, dass ich oft nur noch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erlebe. Viele Familien kämpfen schlicht um das Überleben. "Ich erlebe es zum ersten Mal, dass Familien nach Lebensmitteln und nicht nach Schulgeld fragen", sagte eine Kollegin kürzlich.

Seit der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 kehren viele Libanesen und Libanesinnen dem Land den Rücken. Vor allem die jungen, gut ausgebildeten Fachkräfte haben gute Chancen, sich ein neues Leben in einem anderen Land aufzubauen.

Schulen und Krankenhäuser vor dem Kollaps

Ich kann die Menschen verstehen, die den Libanon verlassen, und ich bin beeindruckt von denen, die bleiben und an einer besseren Zukunft mitarbeiten wollen. Viele Initiativen und Organisationen sind in den Nachbarschaften aktiv, viele engagieren sich politisch und gehen immer noch auf die Straße und tun ihre Meinung kund. Auch Künstler äußern sich - etwa durch die Graffitis in meinem Viertel Hamra. Sie zeigen eindrucksvoll, wie sich viele Libanesen fühlen.

Die wirtschaftliche Situation verschärft sich weiter rasant, und es gibt wenig Aussicht, dass sich etwas bessert. Mehr Familien verarmen, Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen stehen vor dem Kollaps. Ich traf kürzlich Kollegen einer Organisation, die sich seit Jahrzehnten für die Therapie und Resozialisierung Drogenabhängiger einsetzt. Ich fragte den Leiter, Father Toni, wie sie es schaffen, die Einrichtung am Leben zu erhalten. Er antwortete spontan: "We pray. And we live by miracles", auf Deutsch: "Wir beten. Und wir leben von Wundern." Ich schaute ihn etwas verduzt an, dann lachten wir beide. Und ich spürte ein wenig von der Leichtigkeit, die kurzzeitig die Aussichtslosigkeit vertrieb.

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Lesermeinungen

Der Libanon. Das Bild für uns: Ein Staat am oder im Abgrund? Ein Volk dass offensichtlich nicht in der Lage ist, sich selbst zu regieren und sich nicht von sich selbst befreien kann. Stimmt das so, oder ist diese Annahme arrogant? Was kann man gegen diese Ohnmacht tun? Wer hat das Recht dazu? Das könnte ein Problem für viele geben, wenn sich in einer Demokratie die Einzelinteressen gegenseitig mit Gewalt, Polemik und Lügen ausschliessen. Mit Fragen kann man kein Problem lösen. Mit Taten eher. Von wem?