Studium trotz Lese-Rechtschreib-Schwäche

Lesen ist einfach nicht so ihr Ding
Anfänge - Lesen

Melina Mörsdorf

Diana Brandt Olm, 57, lernt vor allem übers Hören. Und sie liebt Hörspiele

Anfänge - Lesen

Trotzdem wurde was aus der Legasthenikerin. Als Putzfrau fing sie an – und dann studierte sie.

Diana Brandt Olm, 57:

Früher habe ich gedacht, ich könnte höchstens Putzfrau werden. Mir fällt Lesen und ­Schreiben schwer, ich hab Legasthenie, wie meine ­Mutter und mein Bruder. In der Schule ging es mir nicht gut. Bis ich in der neunten Klasse auf ein Internat kam, das ist so üblich in Dänemark. Dort bekam ich Hörbücher. Ich lernte mehr und wurde selbstbewusster. Mein Traumberuf war immer Pädagogin, Menschen unterstützen beim Lernen. Aber dass ich das tatsächlich mal werden könnte, glaubte ich damals nicht.

Nach dem Schulabschluss arbeitete ich als Haushalts­hilfe bei älteren Menschen, ich heiratete, bekam einen Sohn. Später war ich Putzfrau in einem Pflegeheim. Dafür muss man nicht lesen können, dachte ich. Aber als mir ­eine Kollegin nicht richtig erklärt hat, wie ein Putzmittel zu benutzen ist, hatte ich einen schlimmen Unfall. Statt einen Tropfen in einen großen Eimer zu geben, gab ich das Mittel pur auf die Fliesen. Das hat einen Teil meiner Lunge verätzt.

Da beschloss ich: Jetzt reicht’s! Keine Heimlichkeiten mehr! Als ich mich bei der Grafikabteilung eines Hörbuchverlags bewarb, sagte ich sofort: Ich kann nicht gut lesen und schreiben, aber ich bin total kreativ und zuverlässig. Nach einem Probearbeiten bekam ich den Job. Wenn ich Hilfe brauchte, halfen mir die anderen. Eine Strategie, die ich auch anderen Betroffenen empfehle. Denn, weißt du was? Du kannst nie mehr als ein Nein bekommen. Ich hatte die Nase voll von Ausreden: Brille vergessen oder sich ein Formular angeblich in Ruhe zu Hause durch­­- lesen zu wollen, es sich aber in Wirklichkeit vom Partner vorlesen lassen.

Nach der Trennung von meinem damaligen Mann zog ich um und arbeitete am neuen Ort in einem Kinder­garten als Aushilfe. Und dann sagte mein Chef zu mir: "Du bist so eine tolle Mitarbeiterin, warum machst du nicht noch das Pädagogikstudium dazu? Du kannst doch ­dabei Unterstützung bekommen." Aber ich brauchte noch zwei Schuljahre bis zur Hochschulreife. Diese Zeit war unfassbar anstrengend, denn ich arbeitete parallel ­weiter im Kindergarten. Und dann hat es wirklich geklappt: ­ Ich bekam einen der 150 Studienplätze, auf die sich 2500 Leute beworben hatten.

Mein Vater las mir Fachbücher ein

Aber damals, 1996, gab es keine pädagogische Fachliteratur zum Hören. Ich sagte meinem Vater: Du musst mir helfen. Früher hatte er nach seiner Arbeit keine ­Energie dazu gehabt, aber jetzt war er in Rente. Er las mir ­Bücher ein und nahm sie mit dem Kassettenrekorder auf. Ich hörte mir die Bänder zwei-, dreimal an, dann konnte ich die Bücher auswendig. Das Studium habe ich tatsächlich geschafft, auch weil ich für Aufgaben mehr Zeit bekam und sie mir bei Prüfungen vorlesen lassen durfte. Danach fing ich in einer dänischen Wohneinrichtung für be­hinderte Kinder und Jugendliche an. Auch dort sagte ich sofort: Ich bin Legasthenikerin. Es war kein Problem.

Ich war geschockt, als ich nach Deutschland kam

Mein jetziger Mann ist Polizist in Deutschland, er konnte den Job nicht in Dänemark machen, also zog ich 2002 zu ihm, meldete mich wieder beim Arbeitsamt – und wurde dort total entmutigt. Der Berater meinte, ich bräuchte mir nicht einzubilden, als Legasthenikerin hier schnell einen Job zu finden. Ganz ehrlich: Ich war geschockt, als ich nach Deutschland kam. Was Wissen und Akzeptanz von Legasthenie angeht, ist Dänemark zwanzig Jahre weiter.

Ich fand mich mit der Ansage aus dem Arbeitsamt nicht ab. Nun war ich so weit gekommen, ich wollte ­weiter in meinem Traumjob arbeiten. Deswegen stellte ich mich beim Verein Lebenshilfe persönlich vor, arbeitete zur ­Probe in der Betreuung von Menschen mit Behinderung – und hatte wieder einen Job.

Schließlich ging ich mehrere Jahre in Lese- und Schreibkurse der Volkshochschule, und das in meiner Zweitsprache Deutsch. Das hat richtig viel gebracht. Nur manchmal habe ich noch schlechte Tage, an denen alle Buchstaben gleich aussehen.

Ich sage immer: Leute, ich kann nicht so gut lesen oder schreiben – aber ich bin noch lange nicht dumm! In Deutschland haben über sechs Millionen Menschen ­Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Die will ich ermutigen: Es lohnt sich in jedem Alter, so einen Kurs zu machen. Das Leben wird dadurch viel leichter und ­freudvoller. Sogar meine Mutter in Dänemark hat den Kurs gemacht und konnte danach endlich Zeitung lesen und die Speisekarte.

Protokoll: Julia Weigelt

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