Bürgerkrieg in Äthiopien: Ein Pfarrer berichtet aus Addis Abeba

Hoffnung inmitten von Unruhen
Äthiopien - Hoffnung inmitten von Unruhe

Eduardo Soteras / Getty Images

Vor einigen Jahren zählte die äthiopische Wirtschaft noch zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Jetzt ist sie stark unter Druck geraten. Marktszene in Addis Abeba.

Äthiopien - Hoffnung inmitten von Unruhe

Der Bürgerkrieg in Äthiopien dauert an, die Wirtschaft stürzt ab. Und doch gibt es Begegnungen, die Mut machen, schreibt Auslandspfarrer Matthias Rohlfing.

Wir wussten vor unserer Ausreise im Sommer 2021 nach Äthiopien, dass es dort Unruhen gibt. Die Tigray People's Liberation Front (TPLF) strebt eine unabhängige nördliche Tigray-Region an, es kam zum Bürgerkrieg, die TPLF rückte scheinbar unaufhaltsam Richtung Hauptstadt vor. Die Botschaften brachten ihre Leute außer Landes. Fast unsere ganze Gemeinde musste das Land verlassen, auch meine Familie. Allein in dem großen bewachten Pfarrhaus horchte ich oft in die Nacht hinein, sammelte alles an Informationen und fürchtete mich ein wenig. Wir feierten Weihnachten zu zwölft am Kaminfeuer im Gemeindesaal.

Matthias Rohlfing

Matthias Rohlfing ist seit August 2021 Pastor an der evangelischen deutschsprachigen Kreuzkirche in Addis Abeba, Äthiopien. Spenden für die Deutsche Schule in Addis Abeba: www.melkam-edil.de (dort: Kontoverbindung). Unter anderem die Corona-Krise hat die kleine deutsche Gemeinde in Addis Abeba auf wenige aktive Mitglieder geschrumpft.

Auch die 370 Schülerinnen und Schüler der German Church School (GCS) kamen nicht fort. Die Lehrer versicherten mir immer wieder, wie dankbar sie sind, dass ich trotz der Gefahr bleibe. Die Rebellen drohten, die Straße zum Hafen von Dschibuti zu unterbrechen und Addis Abeba abzuschneiden. Lebensmittel wurden rasch teurer. Ein Rotary-Club in Deutschland half, Extralebensmittel für die Familien unserer Schule anzuschaffen.

Schließlich drängten die Regierungstruppen die Rebellen zurück. Anfang Februar waren die meisten Europäer wieder zurück. Doch noch immer kommen vor allem im Norden und Westen des Landes Menschen durch Waffengewalt ums Leben. Hochzeitsgäste werden erschossen, eine Moschee und eine Kirche gestürmt. Die Toten zu bestatten wird manchmal verboten. Wilde Tiere nehmen sich die erschossenen Nachbarn oder Familienmitglieder. Manchmal kommen Dutzende in aufflammenden Unruhen ums Leben. Die Wirtschaft ist im Sinkflug, die Inflation atemberaubend.

Und dann kam Mikias

Im März traf ich Mikias. Ich habe ihn in einem alten Film über unsere Armenschule gesehen. Da war er noch ein kleiner Junge im Staub vor seiner Hütte im Arm seiner Mutter. Mikias ist blind. In Äthiopien kann er nur ein Leben als Bettler führen. Die Mutter erzählt, wie die Nachbarn sie mobben. Und Mikias sagt, er wolle einmal Rechtsanwalt werden und seinem Land dienen, ausgerechnet! Dann bekam Mikias einen Platz an der GCS; sie ist eine inklusive Schule für Kinder in Armut und für Kinder mit Behinderungen.

Und jetzt, viele Jahre später, sitzt er mir als junger Mann gegenüber und erzählt, wie er Lebensmut, Selbstvertrauen, eine gute Schulbildung bekam. Wie die Schule ihre Ehemaligen bis zum Ende der Ausbildung unterstützt. Mikias hat Jura studiert und soeben seinen Abschluss gemacht!

Zahllose Spender finanzieren die Schule Jahr für Jahr. In diesem Jahr feiert sie ihr 50-jähriges Bestehen. Ehemalige können erzählen, wie sie der Armut entkamen. Das macht mich glücklich.

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