Weltweite Hungerkrise

Schaut endlich hin!
Weltweit hungern wieder mehr Menschen. Das Problem ist lösbar – gerät angesichts des Ukrainekriegs aber ins Hintertreffen.

Der Krieg in der Ukraine? Furchtbar, aber halt eine Krise mehr auf der Welt. So formulierte es ein Freund aus Indien, als wir vor einigen Wochen über den russischen Angriffskrieg diskutierten. Wer öfter mit Leuten aus anderen Weltregionen zu tun hat, kennt solche Reaktionen: Russland und die Ukraine sind für die Mehrheit der Menschen weit weg, andere Konflikte und Krisen näher und alltäglicher.

Sebastian Drescher

Sebastian Drescher ist Redakteur beim JS-Magazin, der evangelischen Zeitschrift für junge Soldaten, und chrismon.
PrivatSebastian Drescher

Dass "der Krieg", wie manche sagen, hier Medien und Politik dominiert, ist angesichts des Tabubruchs des russischen Vernichtungskriegs und der Folgen für Europa verständlich, führt aber nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie unweigerlich dazu, dass andere Krisen noch mehr als zuvor aus dem Blick geraten.

Unrühmliches Beispiel: die globale Ernährungskrise. Die Zahl der Menschen, die nicht genug zu essen haben oder sich nur einseitig ernähren können, ist zuletzt wieder dramatisch gestiegen. Und das, obwohl sich die Weltgemeinschaft 2015 darauf eingeschworen hatte, den Hunger bis Ende dieses Jahrzehnts ein für alle Mal auszumerzen.

Drohende Verknappung

Dass das Hungerleiden in vielen Regionen zunimmt, hat auch mit Russlands Angriff auf die Ukraine zu tun: Beide Länder produzieren viel Weizen, Russland liefert zudem Kunstdünger und Energie für die Landwirtschaft. Weil die Ukraine aufgrund blockierter Seewege nicht exportieren kann und Russland zwischenzeitlich nicht wollte, löste die drohende Verknappung an den Börsen eine Preisspirale aus. Das traf besonders Länder in Nordafrika und im Nahen Osten, die von Weizenimporten abhängig sind.

Das Problem war aber auch schon vor dem Ukrainekrieg immens. Laut dem jüngsten Welternährungsbericht der UN litten vergangenes Jahr bis zu 828 Millionen Menschen an Hunger, rund 150 Millionen mehr als 2019. Besonders betroffen sind unter anderem Afghanistan, der Jemen, der Südsudan und die Länder am Horn von Afrika, wo die schlimmste Dürre seit 40 Jahren Ernten vernichtet und Konflikte wie der Krieg im Norden Äthiopiens die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört haben.

Neben Klimawandel und Konflikten machen sich die Folgen der Pandemie bemerkbar. Die Corona-Einschränkungen haben vielerorts Lieferketten unterbrochen und ärmere Länder wirtschaftlich hart getroffen. Wo Menschen mit wenigen Dollar am Tag auskommen müssen, machen sich steigende Preise schneller und drastischer bemerkbar als bei uns. Da hilft es wenig, dass die Weizenpreise inzwischen fast wieder auf Vorkriegsniveau gesunken sind – denn auch schon damals waren sie sehr hoch.

Es ist genug für alle da

Die gute Nachricht bei alldem: Mangel herrscht nicht. Nahrungsmittel sind ausreichend vorhanden, selbst ohne den Weizen aus der Ukraine. Und es gibt Lösungen, wie die Ernährung für alle zu sichern ist. Länder im globalen Süden können unabhängiger von Importen und schwankenden Weltmarktpreisen werden, wenn sie selbst mehr für den eigenen Verbrauch anbauen, statt nur auf einzelne Exportprodukte wie Baumwolle oder Soja zu setzen. Und sie können Bauern und Landwirtschaft stärken, wenn sie auf lokale Sorten zurückgreifen, die sich oft besser an die Folgen des Klimawandels anpassen können.

Die Industriestaaten müssen ihren Beitrag leisten. Sie tragen Verantwortung, allein schon deshalb, weil hauptsächlich sie den Klimawandel verursacht haben, der dazu führen wird, dass künftig noch mehr Menschen hungern müssen. Die Industrienationen könnten viel bewegen. Etwa wenn die USA und die EU ihre Handelspolitik nicht nur an eigenen Exportinteressen ausrichten, sondern ärmeren Ländern ermöglichen, ihre Agrarmärkte zu schützen. Oder indem wir Europäer weniger Soja oder Mais als Futtermittel importieren, dessen Anbau andernorts riesige Flächen verbraucht.

Es fehlt der politische Wille

Vor allem aber muss der reiche Norden finanziell eingreifen, zum Beispiel mit großzügigen Schuldenerlassen für pandemiegebeutelte Staaten. Um akute Hungersnöte abzuwenden, braucht es Nothilfe in Form von Nahrungsmitteln und Bargeld. Den weltweiten Bedarf für diese Nothilfe dieses Jahr veranschlagen die UN auf 46 Milliarden US-Dollar. Davon sind bislang lediglich elf Milliarden finanziert.

Nichts weist darauf hin, dass die reichen Industriestaaten das Problem ernsthaft angehen wollen. Beim G-7-Treffen Ende Juni in Deutschland sagten sie im Kampf gegen den Welthunger zwar 4,5 Milliarden Dollar an Nothilfe zu, machten ansonsten aber nur unverbindliche Versprechen. Im Mittelpunkt stand Russlands Krieg und die Unterstützung für die Ukraine, für die die G-7 zusätzliche 2,8 Milliarden Dollar an Nothilfe in Aussicht stellten. So richtig und wichtig die Solidarität mit der Ukraine ist: Der verengte Blick auf den Krieg führt auch dazu, dass anderswo weniger geholfen wird.

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