Wie geht es den Menschen im Ahrtal ein Jahr nach der Flut?

"Kofferraum auf, Kaffeebecher raus und reden"
Ein Jahr nach der Flut - Wie geht es den Menschen

Jens Krick / picture alliance

Kerzen als Zeichen der Hoffnung im Ahrtal im Helfer-Camp in Grafschaft

Ein Jahr nach der Flut - Wie geht es den Menschen

Seelsorgerin und Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel hört seit einem Jahr den Menschen im Ahrtal zu.

Wie ging es den Menschen im Ahrtal nach der Katastrophe vor einem Jahr?

Julia-Rebecca Riedel: Direkt nach der Flut "scheiße". Das kann ich leider nicht anders sagen. Aber eine pauschale Antwort, die für alle Menschen in der Region gelten könnte, gibt es auf diese Frage nicht.

Warum nicht?

Viele Menschen hier nehmen sich gar nicht als betroffen wahr, die sagen mir: "Gehen Sie doch zu den Nachbarn dort hinten, die hat es schwerer getroffen!" Dann sage ich zum Beispiel: "Ihr habt doch auch kein Haus mehr, sogar eure Personalausweise waren weg. Ihr seid auch betroffen!" Und dann antworten sie mir: "Aber wir leben noch und haben keine Verwandten in den Fluten verloren." Und dann ist es natürlich auch so, dass die Flut viele Orte an der Ahr richtiggehend weggespült hat - während Sie in anderen Orten nicht weit weg im Café sitzen und Eis essen können und nichts davon mitbekommen, dass dort Menschen ihr Leben verloren haben, dort keine Straßen mehr sind und wieder woanders Helfer bis heute regelmäßig anrücken. Deswegen gibt es keine pauschalen Antworten.

Julia-Rebecca Riedel

Julia-Rebecca Riedel ist Pfarrerin und seit einem Jahr Vollzeit für die Evangelische Seelsorge und Beratung an der Ahr unterwegs.
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Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Und wie geht es den Menschen heute?

Auch das kann ich nicht pauschal für alle sagen. Es kommt sehr darauf an, wo man ist. Der Ort Kreuzberg zum Beispiel wurde nicht nur von der Flut der Ahr getroffen, sondern auch vom Wasser, das zwei weitere Bäche mit sich geführt haben. Die Menschen dort mussten nicht eine, sondern mehrere Wellen überstehen. Dort sieht es auch ein Jahr später - auch wenn die Bewohnerinnen und Helfer schon richtig viel geschafft haben - noch richtig schlimm aus. In anderen Orten wiederum kommen die Abriss- und Aufbauarbeiten gut voran. Und wieder an anderen Orten im Tal können Sie wunderbar Weinwandern - und Ihnen fällt erst hinterher ein, dass nur ein paar Kilometer entfernt Menschen ertrunken sind. Und vielen Menschen im Ahrtal geht es immer noch richtig "beschissen". Einige merken jetzt erst, was alles passiert ist.

Weil sie schreckliche Erlebnisse verarbeiten müssen?

Ja, die kommen immer wieder hoch. Wenn Sie nur lange genug mit den Menschen reden, weiß jede und jeder genau, was in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli passiert ist. Und wo sie waren. Sie erzählen, wie sie auf den Dächern auf Hilfe gewartet und Schreie gehört haben, die dann irgendwann verstummt sind. Ich kenne Helferinnen und Helfer, die einen Menschen in Sicherheit gebracht haben und dann zurückkehren wollten, um den zweiten auch noch zu retten. Aber der war nicht mehr da. In den ersten Tagen nach dem Unglück haben sie sich noch gesagt: "Der ist bestimmt in Sicherheit." Aber heute wissen sie natürlich, dass er tot ist. Der Verlust von Menschen und übrigens auch von vielen Tieren ist das eine, der der Häuser das andere. Das alles wirkt lange nach.

Inwiefern?

Die Frage nach den Häusern ist schwierig. Manche hoffen noch, dass ihre Häuser stehen bleiben können. An manchen Orten geht das, an anderen nicht. Oft ist einfach zu viel zerstört, das Haus ist einsturzgefährdet oder steht ungünstig mit Blick auf kommende Naturereignisse. Manche wollen auch gar nicht mehr oder können nicht mehr, weil das Geld nicht reicht. Ich traf neulich eine Frau, die zusah, wie ihr Haus nach und nach rückgebaut wurde. Da löste jeder Stein eine Erinnerungsspirale aus. Und immer wieder höre ich, wie sehr Flutopfer darunter leiden, dass Erinnerungen weggeschwemmt worden sind.

"Der Stern, den die Kinder früher gebastelt hatten - der ist für immer weg"

Was schildern diese Menschen Ihnen?

Es war gut gemeint, dass Weihnachten von überall her zum Beispiel Christbaumkugeln ins Tal geschickt wurden. Aber der Stern, den die Kinder früher selbst gebastelt hatten und der immer am Baum hing - der ist für immer weg. Und die ganzen Fotos auch. Leider gibt es auch immer noch Menschen, die nichts haben, an denen jede Hilfe vorbeigegangen ist. Und manchen ist das, was sie noch hatten, auch noch geklaut worden. Das gibt's auch. Viel tolle Hilfe, aber eben auch Diebstahl und Plünderungen.

Auch solche Geschichten haben Sie gehört?

Ja, eine Mutter hat sich riesig gefreut, dass sie ihren Kindern nicht sagen musste: "Eure Schmuckkästen hat der Schlamm verschluckt." Alle Lieblingshaarklammern und so waren noch da. Und dann ein paar Tage später: Schlammspuren vor den Betten der Kinder und die Kästchen waren weg. Während die Familie in einer Notunterkunft war, sie hatten keine Haustüre mehr, war das halbe Haus voll Dreck und Wasser.

Wie finden die Menschen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen, um zu reden?

Zum Beispiel, indem wir in die Orte kommen. Das war von Anfang so geplant und auch gut so. Wir waren unterwegs, haben geguckt: Wer ist draußen, wer arbeitet am Haus? Und dann haben wir die Menschen angesprochen. Die Kirchengemeinden haben auch Hinweise gegeben, wo wir helfen können. Nach und nach sind so Netzwerke entstanden. Die Leute im Tal wissen, dass wir da sind. Ein festes Büro habe ich nicht, ich lebe aus dem Kofferraum. Manchmal fahre ich auch die Friedhöfe an, komme dort mit den Menschen ins Gespräch. Im Winter hatte ich Kaffee dabei, und wenn jemand länger reden wollte: Kofferraum auf, Kaffeebecher raus und reden.

"Viele sagen: 'Wir wissen, warum uns das passiert ist - weil wir Raubbau an der Natur betrieben haben.'"

Kommt dann auch die Frage auf: Warum hat Gott so eine Katastrophe zugelassen?

Ich war in den allerersten Tagen nach der Flut noch an der Erft in Nordrhein-Westfalen im Einsatz - ja, dort habe ich die Frage gehört. Ich habe versucht, Psalmen mit den Menschen zu beten: "Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle." Das kam bei vielen gut an, viele haben aber auch geschimpft und gesagt: "Geh' weg mit deinem Gott, ich kann das grad nicht hören." Im Ahrtal habe ich diese Frage aber noch nicht ein einziges Mal gehört. Hier sind wir ganz einfach die Flutseelsorger von der Kirche und der Diakonie Katastrophenhilfe RWL. Die Menschen sind dankbar, dass wir da sind für Alltagsgespräche über ihren Ärger, weil es zum Beispiel gerade Verzug gibt mit den Leuten vom Bau. Wir helfen auch bei Anträgen. Meine Kolleginnen und Kollegen begleiten viele zu Ämtern oder haben ihnen zum Beispiel im Winter Brennholz besorgt. Ältere Menschen fragen mich - wenn sie wissen, dass ich Pfarrerin bin - auch mal nach einem Gebet: "Sagen Sie uns bitte was Tröstliches." Viele sagen mir aber: "Wir wissen, warum uns das passiert ist - weil wir Raubbau an der Natur betrieben haben."

Wie geht es Ihnen persönlich?

Nach einem Jahr wird die Haut dünner und die Reißleine kürzer. Zwölf-Stunden-Schichten kann ich nicht mehr machen. Ich brauche Pausen. Das ist wichtig für meinen Beruf, sonst rauschen die Geschichten nur noch vorbei, und ich kann nicht zuhören. Kraft geben mir die schönen Erlebnisse, die es ja auch gibt.

Zum Beispiel?

Vieles ist wieder aufgebaut worden. Und die Menschen versuchen, es nachhaltiger zu errichten, als es vorher war - umweltbewusster. Die Jugend im Tal ist sehr aktiv, fragt sich: Wie wollen wir hier in Zukunft leben? Auch das macht mir Mut. Der Zusammenhalt war direkt nach der Flut groß - und ist es noch immer. Die Leute stehen zusammen, helfen und unterstützen sich. Und es gibt immer wieder kleine Lichtblicke. Kürzlich hatte ich ein Taufgespräch bei einer Familie, die sich gefreut hat, dass ihr neuer Rollrasen gekommen war. Die waren glücklich, aber nicht, weil sie immer schon auf Rollrasen abgefahren sind.

Sondern?

Weil das einfach der neue Rasen sein wird, auf dem das Kind endlich laufen, spielen und für schöne Erinnerungen sorgen kann.

Spendeninfo

Die Evangelische Seelsorge und Beratung im Ahrtal ist Teil des Einsatzes der Diakonie Katastrophenhilfe, eng verzahnt mit der Hochwasserhilfe der Stiftung Bethel.

Spenden sind unter diesem Link möglich.

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