Homo-Ehe in der Schweiz

Von queeren Menschen lernen
Von queeren Menschen lernen

Priscilla Schwendimann

Bei Gott sind alle Menschen willkommen, sagt Pfarrerin Schwendimann - und versucht, in der queeren Community das Vertrauen in die Kirche zu stärken.

Am 1. Juli 2022 ist sie endlich Realität: die Ehe für alle beziehungsweise die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in der Schweiz. In meinem Umfeld heiraten auch gleich zwei lesbische Paare.

Priscilla Schwendimann

Priscilla Schwendimann, Jahrgang 1992, ist die erste reformierte Pfarrerin für die queeren Gemeinschaften in der Stadt Zürich. Mit ihrem YouTube-Kanal "Holy Shit" ist sie auch Mitglied im yeet-Netzwerk. 2022 ist sie vom Schweizer Fernsehen SRF mit dem Award "Brückenbauerin des Jahres" ausgezeichnet worden.
Privat

Es freut mich, dass es sich um eine wirkliche Gleichstellung handelt und nicht um eine Scheingleichstellung wie in Deutschland. Lesbische Paare haben in der Schweiz nun Zugang zur Samendatenbank und sind per Geburt beide Eltern der Kinder. In Deutschland ist bislang nur die biologische Mutter die Mutter. Die soziale Mutter muss das Kind zuerst adoptieren.

Als der Kampf um die Ehe für alle in die heiße Phase kam, wurde ich unerwartet ins Zentrum der politischen Diskussion katapultiert. Plötzlich wollten alle Medien wissen: Warum, Frau Pfarrerin, braucht es die Ehe für alle?

Ich trenne strikt zwischen dem Gesetz, vor dem alle Menschen gleichbehandelt werden müssen, und der Handhabung durch Religionsgemeinschaften. Religionsgemeinschaften sind nicht verpflichtet, Menschen gleich zu behandeln, solange sie keine staatlichen Gelder erhalten. Und: In einer Glaubensgemeinschaft muss mensch nicht Mitglied sein – das ist der entscheidende Punkt.

Alle wollen angenommen sein

Es erfüllt mich mit Stolz, der reformierten Kirche anzugehören, die sich bereits 2019 als Gesamtkirche für die Ehe für alle ausgesprochen hat, vor dem Parlament oder dem Volk. Seit August 2021 habe ich ein Pfarramt für die queere Community inne. Meine Berufung ist es, Kirche zu bauen, Menschen von Gott zu erzählen, ihnen zuzuhören, gezielt in der queeren Community. Und ich habe gelernt: Das Bedürfnis ist im Grundsatz überall dasselbe: angenommen sein. Die Ehe für alle ist daher nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben als Kirche im Bereich queer viel Schaden angerichtet, da wird es Kraft, Überzeugungsarbeit und Zeit brauchen, das Vertrauen wieder aufzubauen. Das Anerkennen des Leids, das wir als Kirchen verursacht haben, ist zentral für die Versöhnung, die wir uns wünschen.

Am 18. Juni fand in Zürich das Pride Festival statt. Wir waren als Christ*innen präsent mit dem Slogan: "Gott ist und liebt vielfältig – wir auch" und bekamen diesmal viel positive Rückmeldung. Das war vor fünf Jahren nicht so. Es tut sich was. Zum Pride-Gottesdienst kam der Vorstand des Pride-Komitees. Sie meinten, endlich das Gefühl zu haben, willkommen zu sein. Und davon bin ich von ganzem Herzen überzeugt: Bei Gott sind alle Menschen willkommen, ganz besonders die Vulnerablen und Verstoßenen, und um ehrlich zu sein: Sie lehren mich viel von Gottes Weite und Vielfalt.

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