Kolumbien nach der Wahl - eine Vikarin berichtet

Neue Hoffnung, neue Ängste
Posteingang - Kolumbien

Daniel Munoz / Getty Images

Am 19. Juni 2022 wurde Gustavo Petro zum Präsidenten des krisengeschüttelten Kolumbiens gewählt, nachdem er sich gegen seinen Konkurrenten, den Millionär und Geschäftsmann Rodolfo Hernandez, durchgesetzt hatte. Auch die größte kolumbianische Zeitung El Tiempo berichtete.

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Auf dem neuen Präsidenten Gustavo Petro ruhen viele Hoffnungen. Aber dass er den Kohlebergbau einschränken will, kommt nicht überall gut an

Mich hat der Ausgang der Wahl gefreut. Mit Gustavo Petro hat Kolumbien zum ersten Mal in seiner Geschichte einen linken Präsidenten - in einem Land, in dem vor einigen Jahrzehnten noch eine linke Partei, die Unión Patriótica, buchstäblich ausgelöscht und ihre Mitglieder von rechten Paramilitärs ermordet wurden. Genauso undenkbar war es noch vor einigen Jahren, dass mit Francia Márquez nun eine afroamerikanische und feministische Umweltaktivistin unsere Vizepräsidentin wird.

Adi Martinez

Adi Martinez ist Vikarin der evangelisch-lutherischen Kirche Kolumbiens.

Viele Kolumbianer und Kolumbianerinnen sind enttäuscht und unzufrieden. Die scheidende rechtskonservative Regierung unter Iván Duque hat es nicht geschafft, die ehemaligen Farc-Kämpfer wieder einzugliedern und die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden voranzubringen. Und sie hat beim Umgang mit der Corona-Pandemie offenbart, wie schamlos korrupt sie ist und wie wenig sie sich um die wachsende Not der Ärmeren kümmert.

Viele hier leben vom Kohlebergbau

Während die einen hoffen, dass sich die Verhältnisse bessern, warnen Konservative vor Zuständen wie in Venezuela. Und sie skandalisieren, dass mit Gustavo Petro nun ein Ex-Guerilla das Land regiert. Dabei gehörte er einer Bewegung an, die klare politische Ziele hat und diese seit drei Jahrzehnten als legale Partei verfolgt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sein Wahlkampf nicht frei von Lügen, Betrug und Skandalen war.

Die neue Regierung will mehr für soziale Gerechtigkeit und für Umweltschutz tun. Dazu gehört auch, weniger Kohle abzubauen und weniger Öl zu fördern. In meiner Gemeinde in der nördlichen Provinz Boyacá kommen diese Pläne nicht gut an. Es ist eine sehr ländliche Gegend. Viele Menschen leben von der Arbeit im Kohlebergbau. Es passieren zwar immer wieder Unfälle und der Bergbau schadet der Umwelt, die Arbeiter verdienen aber besser als bei einem Job in der Stadt.

Nach seinem Wahlsieg hat Petro angekündigt, sich für Versöhnung einzusetzen. Dafür beten auch wir, für die Heilung der vielen Wunden in unserer Gesellschaft. Unsere Rolle als evangelische Kirche muss darin bestehen, Initiativen für Frieden und Gerechtigkeit zu fördern, egal von wem sie kommen. Wir verstehen uns als aktive Kirche, die ihre Mitglieder zum Nachdenken und einem kritischen Blick anregt.

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