Der Krieg, die Energie und das Tempolimit

Liebe FDP: So langsam wird's erbärmlich
Die Politik erklärt uns, warum wir kürzer duschen sollen. Richtig so. Aber Energie sparen kann man auch auf der Autobahn.

Robert Habeck ist sehr beliebt, Umfragen zufolge ist er sogar die Nummer eins unter den Spitzenpolitikerinnen und -politikern in Deutschland. Und das ist er nicht, obwohl er den Menschen deutlich erklärt, dass der Krieg in der Ukraine auch uns in Deutschland einiges an Entbehrungen abverlangt, sondern weil er ehrlich ist: Die Menschen in der Ukraine leiden unter russischen Bomben, aber auch wir müssen verzichten, auf Energie im Überfluss, damit Putin, der am Gashahn dreht, nicht noch besser an uns verdient.

Nils Husmann

war am Samstagabend auf der Autobahn unterwegs, als zwei hochmotorisierte Wagen vor ihm auf die A5 einfädelten, sofort Gas gaben, nach links zogen und dabei andere Verkehrsteilnehmer gefährdeten. Sieht man in Deutschland auf fast jeder Autobahnfahrt.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz informiert bereits über Energiespartipps. Ein Grad weniger an Raumtemperatur (kann man sich im Sommer nicht so richtig vorstellen, zugegeben) spart sechs Prozent an Energie ein. Ach ja: Und es wäre auch ganz gut, wenn wir nur noch fünf Minuten duschen würden, rät das Ministerium.

Im "Spiegel" kündigt Robert Habeck an, statt Gas- auch Kohlekraftwerke wieder hochzufahren, damit sie Strom liefern, die Gasspeicher aber trotzdem für den Winter gefüllt werden. Habeck sagt dazu: "Wir werden jetzt Kohlekraftwerke, die eigentlich schon draußen waren, wieder in den Markt nehmen, um Gaskraftwerke abschalten zu können. Aber wir können durch andere Einsparungen möglichst viel von dem CO₂ einsparen, das wir jetzt erbärmlicherweise wieder verbrennen."

Was Gas- und Kohlekraftwerke mit einem Tempolimit zu tun haben

Genau hier besteht der Zusammenhang mit einer Maßnahme, die eine Mehrheit der Menschen in Deutschland längst befürwortet: Auf 70 Prozent der Autobahnkilometer gilt keine "Geschwindigkeitshöchstgrenze" - was für ein Wort. Aber ich habe mal gelernt, dass dieser Begriff die notorischen Raser nicht so reizt wie "Tempolimit". Wortklauberei hilft allerdings nichts, denn wir brauchen es: das Tempolimit. Denn: Bei einem Tempolimit von 100 km/h sparen wir etwa 5,7 Prozent oder 5,4 Millionen Tonnen an CO₂, bei 130 km/h wären es immer noch zwei Prozent. Das hat das Umweltbundesamt errechnet. Bei den Temperaturen in Wohnungen sind uns solche Einsparziele heilig, auf der Autobahn sollen sie irrelevant sein? Passt nicht zusammen.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Vorteile, die ein Tempolimit mit sich bringt: Es gibt nachweislich weniger Unfälle, weniger Tote und weniger Verletzte. Der Verkehrsfluss verbessert sich, man kann schneller ans Ziel kommen, obwohl man langsamer fährt. Es wird leiser für Menschen, die in der Nähe einer Autobahn wohnen. Die Luft wird besser … Alles seit Jahren bekannt.

Jetzt kommt noch ein Grund hinzu: Wir leben in einer Zeit, in der die Politik uns darum bittet, kürzer zu duschen und weniger zu heizen. Dennoch verzichten wir darauf, eine Energiesparmaßnahme umzusetzen, die man sofort mit Mehrheit im Bundestag beschließen könnte. Das ist - um es mit Robert Habeck zu sagen - erbärmlich, und alle wissen, an wem das liegt: am kleinsten Koalitionspartner, der FDP, die viel von Freiheit spricht, aber oft nur den Egoismus einiger Unbelehrbarer damit bedient.

Eine freiheitlich orientierte Partei ist wichtig fürs Parteiensystem, das haben wir gesehen, wenn in der Pandemie die Mitspracherechte der Parlamente zu kurz kamen oder wenn Bürgerrechte erstritten werden müssen, etwa bei der Ehe für alle. Aber die Bockigkeit der FDP beim Tempolimit ist einfach nur peinlich.

Vielleicht lernen die Liberalen ja von Robert Habeck: Nicht die sind beliebt, die stur auf ihren Programmen beharren - sondern die, die mutig entscheiden, sich erklären, eigene Positionen abräumen. Und es ist nicht nur in Umfragen etwas zu gewinnen. Bei den jüngsten Landtagswahlen im Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen hat die FDP Klatschen kassiert. Woran das wohl liegt?

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Lesermeinungen

Ein Tempolimit gehört derzeit zu unseren geringsten Problemen.
Unsere Politiker führen uns, aufgrund ihrer geradezu autistischen "Spezialisierung" von/zu wettbewerbsbedingter Symptomatik, direkt in den atomaren Abgrund, denn der kriegerische Konflikt, der sehrwohl eine gleichermaßen Mitverantwortung des Westens beinhaltet, erfordert nun dringendst eine Kommunikation die sowohl den GLAUBWÜRDIGEN Respekt und die Achtung von Menschen und Umwelt koordiniert - Friedensverhandlungen mit allen Ländern/Menschen dieses vom zeitgeistlich-reformistischen Kreislauf des imperialistisch-faschistischen Erbensystems geschundenen Planeten, für ein globales Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, "wie im Himmel all so auf Erden".

Noch schneller, und man bremst sich im Stau aus. 130 sind kein Allheilmittel, aber für eine Reise als Maximum gut geeignet. Was wir bräuchten, ist ein Tempolimit der Zivilisation, denn die treibt uns doch in schwindelnde Höhen und Abgründe. An dieser Schraube dreht niemand. Wird vermutlich auch niemand drehen können. Erst wenn der Zivilisation "der Saft" ausgeht, drosselt (erdrosselt?) sie sich selbst.

GIER, HABEN, DUMMHEIT, SCHULD statt GEIST, GOTT, VERNUNFT, SEELE? Selbstverständlich verhandeln. Was bieten wir an? Freiheit, Boden und Missbrauch? Religionen und Werte sind dabei nur Störfaktoren. Die, die hier schreiben dürfen, auch. Einen Tag später (wie in Odessa) kommt dann eine neue Forderungsliste. Putin, XI und die Inder wollen eine neue Weltordnung nach ihren Gnaden. Die sind zusammen sich selbst genug.

Schon mal überlegt, dass die Politik in der Demokratie immer das Ergebnis von Wahlen ist? Schon mal beobachtet, dass die meisten Wähler ihren Emotionen und den täglichen Vorteilen (billigbillig, egal auf wessen Kosten!) folgen und langfristige Sachzwänge bestritten und dann auch nicht gewählt werden? Wenn die alte Zukunft am neuen Tag Wirklichkeit geworden ist, ist es niemand gewesen. Am wenigsten die Wähler, die aber ihre eigene Wahl bezahlen müssen. Ausnahmen wird es immer geben, aber generell können wir uns nicht beklagen. Kleine Länder sind häufig leichter zu regieren. Alle Klagen und Wünsche laufen darauf hinaus, dass zu ihrer Erfüllung der Mensch neu "geschöpft" werden müsste. Wer das nicht akzeptiert und sich deshalb zwischen unrealistischen Wünschen, aberwitzigen Formulierungen und Schlagworten verliert, wird immer die Realitäten mit Märchen verwechseln.

"die Politik in der Demokratie immer das Ergebnis von Wahlen ist"

Da sind Sie wohl an gefälschte Wahlzettel geraten! Mir werden regelmäßig bei der Wahl Zettel ausgehändigt, wo es keine Politik anzukreuzen gibt, sondern Personen oder Listen. In der Demokratie ist das Ergebnis der Wahl die Ermächtigung der Gewählten, die Politik zu betreiben, zu der die Gewählten aufgelegt sind.

Und wenn die Wähler sich dann noch einbilden, sie hätten durch den Einwurf des Zettels in die Urne soeben Politik bestimmt, dann herrscht zu Recht umso größere Freude und Heiterkeit bei den Gewählten. Deswegen ja auch die unverstellt von Herzen kommenden Dankbarkeitsbezeugungen der Gewählten an die Wähler nach der Wahl.

Fritz Kurz

Sie haben das nicht gemerkt, es waren Belege für Analphabeten. Hier wird im Stimmbruch gesungen. Ja Herr Kurz, wie hätten Sie es denn gerne. Sie als einziger Lehrer in mehrwöchigen Wahlvorbereitungsschulen? Als Lehrstoff die Anarchie und das Papier ohne Text, dafür aber mit Fragezeichen. Die Auszählung der Aufführung dann das geringste Problem. Der Lehrer hinter der Tür und feiert seine Vorführung

Zu kurz gedacht. Das kommt davon, wenn man immer nur die Bilder in Zeitungen, bei Wahlen und auch sonst sieht, aber nicht den Text dazu liest, hört oder wahrnehmen will. So mit seiner eigenen Intelligenz umzugehen, führt zur Ahnungslosigkeit.

Auf Ihren Wahlzetteln gibt es schöne Fotos mit erläuternden Texten darunter? Das ist unterhaltsam. Dann mal viel Spaß beim eifrigen Wählen!

Fritz Kurz

Lieber Herr Husmann,

haben Sie auch Belege zu Ihren Thesen zur Wirkung eines Tempolimits auf Autbahnen oder nur Meinung? Meiner Meinung nach snid die Wirkungen im Hinblick auf Verkehrssicherheit und CO2 Einsparung vernachlässigbar und Nu? Jemandem (oder einer Partei) die nicht meiner eigenen grundgrünen Meinung ist Erbärmlichkeit vorzuwerfen finde ich wiederum - wie soll ich sagen - arm.

Darum geht es doch gar nicht mehr. Auf den BABs wird immer mehr 100-130 eingehalten. Selten höher. Nur auf Nebenstrecken kann noch gerast werden und die Raser kann man nicht stilllegen. Wie in den USA, Frankeich und Italien. Die Verkehrssicherheit ist dadurch leicht erhöht, aber die CO2-Wirkung nahe NULL. Wenn die die Zahl der PKWs und LKWs nicht erheblich reduziert wird, bleibt es so mit der Belastung. Allerdings könnte die Beeinträchtigung auf Dauer erzieherisch wirken. Wobei, ein Volk zu erziehen, klingt despotisch. Auch nicht gut. Andererseits lässt auch Putin mit dem Gaspreis im Winter die Temperaturen sinken. Diese "Erziehung" wirkt also. Das wesentlich größere Problem ist die Logistik. Die Kern-Frage ist noch nicht öffentlich beantwortet, aber ernüchternd. Wieviel Produktkilometer sind notwendig, um auch nur eine Kartoffel vom Acker bis zu mir bzw. zu allen anderen (10-700 Km?) zu bringen? Die Kilometer für den Dünger und dessen Rohstoffe und die Landwirtschaftlichen Fahrzeuge auf dem Acker noch nicht eingerechnet. Diese Ernte hat noch mit großem Abstand die geringsten Logistikentfernungen. Ein Brötchen schon wesentlich mehr, wenn der Weizen aus Kanada oder der Ukraine kommt und die Mühlen und Bäcker auch erreicht werden müssen. Und die Rosen aus Kenia? Für ein Handy, mit all seinen Rohstoffen und Einzelteilen, dürfte die Transportleistung in der Größenordnung von einem mehrfachen 6-stelligen Bereich liegen. Wenn es reicht. Der Vergleich hinkt, weil sich im Container 1 Mio. Handys die Fracht teilen. Aber die Container müssen häufig leer zurückgesandt werden. Ohne den ganzen Konsumschrott an Vasen, Geschenk- und Wegwerfartikeln, den abgelaufenen Lebensmitteln und den T-Shirts, die nur einmal getragen werden (Shein!), könnten vermutlich die Gesamttransportleistung einer Volkswirtschaft und die Folgewirkungen (Reparaturen an der Infrastruktur) erheblich sinken. So sieht eben unsere Amazon-Zivilisation auch aus. Aber an dieses Problem geht kein Volk bei Wahlen ran, obwohl die eigene „zivilisierte“ Nase doch wesentlich näher ist als das Klima.

Erbärmlich ist es nicht, aber total unverständlich. Tempo 130 ist doch schon längst weit unterschritten. Nach München über Stuttgart und zurück (750 Km) 11 Stunden, im Mittel knapp 70. Über Heilbronn sicher 10 Stunden. Von FFM nach Kassel ein Horror. Täglich In Köln und um Köln herum, eine Zumutung. Und die Bahn kann keine spontane Individualität leisten. Man wird zum Stoiker. Nur auf wenigen BABs geht es entspannter zu. Da will ich aber nicht hin. Die paar Volltrottel, die noch von Ampel zu Ampel rasen, wird es immer geben. Immer mehr fahren auf freier Strecke 120-130. Wie in der Schweiz. Das Problem ist nicht das Tempo, sondern die Zahl. Und die drosselt und erstickt unseren Mobilitätswahn. Neben Frieden und Wohlstand ist die uneigeschränkte persönliche Mobilität (was machen wir heute?) ein unverzichtbares Recht.