Gefängnis: Was bringt Strafe?

"Wenn ich hier raus bin..."
" Wenn ich hier raus bin..."

Jonas Ruhs

Manchmal, sagt Oleg T.*, sei er in der Stadt über 200 km/h gefahren. "Ich bereue das."

" Wenn ich hier raus bin..."

Was bringt Strafe? Häftlinge und Mitarbeiter der Jugendstrafanstalt Berlin über Taten, Vertrauen, Rückfallquote.

Oleg T., 21 Jahre, Gefangener*:

Das Schwierigste im Knast ist es, Ruhe zu finden. ­Du musst vergessen, was draußen abgeht, nur dann kannst du drinnen leben. Ich bin hier, weil ich Raser war. Autos sind mein Leben, mein Auto ist wie mein Zuhause. Ich sitze am Steuer, seit ich neun Jahre alt war. Mit zwölf hatte ich mein erstes eigenes Auto, das war in Russland.

In Deutschland habe ich mit 17 meinen Führerschein gemacht und durfte nur mit Begleitung fahren. Zwei Monate, bevor ich 18 wurde, dachte ich mir: Egal, ich fahre trotzdem. Ich bin erwischt worden, der Führerschein war weg. Ich bin weiter gefahren, 33 Mal wurde ich insgesamt ohne Führerschein erwischt. Später habe ich mir ein ­fremdes Kennzeichen an mein Auto geschraubt, weil ich selbst keine Autos mehr anmelden durfte. Dafür habe ich dann die Haftstrafe bekommen, fast drei Jahre.

Manchmal bin ich in der Stadt über 200 km/h gefahren. Das ist sehr schlimm, ich bereue das, ich habe da nicht nachgedacht. Aber ich habe noch nie in meinem Leben einen Unfall gebaut. Meine Strafe ist nicht gerecht, das ist zu viel.

 Autos sind sein Leben, schon mit neun saß er in Russland am Steuer, sagt Oleg T.Jonas Ruhs

Mein Eindruck ist, dass es hier einige Beamte gibt, die dich am liebsten den ganzen Tag einschließen würden. Die mögen zum Beispiel auch nicht, dass wir einen Raum mit Playstation haben. Die sagen, so was gehört nicht in den Knast. Aber es ist doch gut, dass es das gibt, weil wir so nicht vergessen, dass es draußen etwas Schönes gibt.

Ein anderer Pluspunkt ist, dass man sieht, wie die Freunde draußen wirklich sind. Schreiben sie dir einen Brief oder schicken dir vielleicht ein Foto? Rufen sie wenigs­tens deine Mutter an und fragen, ob es dir gut geht oder ihr etwas braucht? Früher hatte ich sehr viele Freunde. Jetzt habe ich nur noch einen.
Meine Erfahrung ist, dass es in Deutschland so ist: Du begehst eine Straftat, dann die zweite, erst mal passiert nichts. Bei der dritten kriegst du vielleicht Sozialstunden und der Richter sagt: "Mach jetzt nicht weiter so!" Beim nächsten Mal gehst du in den Arrest, aber ich bin ehrlich: Das ist Kindergarten. Danach kriegst du Bewährung, dann mit einem guten Anwalt noch mal Bewährung – und erst dann kommst du in den Knast.

Aber dann hast du schon zehn Mal Scheiße gebaut und längst gemerkt: Ey, das bringt einen Haufen Geld! Hätte der Richter beim ersten Mal gesagt: Jetzt gehst du ein Jahr in den Knast, ich glaube, dann hätte das vielen Leuten was gebracht. Viele hier sagen: "Scheiß auf Knast, draußen mach ich weiter wie bisher." Aber ich habe etwas zu verlieren. Ich habe eine Tochter, sie ist ein Jahr und neun Monate alt. Bei der Geburt war ich dabei, nach drei Monaten wurde ich verhaftet. Meine Familie ist mir sehr wichtig. Darüber ­hätte ich früher nachdenken müssen. Ich habe mit dem Knast nicht nur mir wehgetan, sondern auch meinem Kind und meiner Frau.

Eines habe ich verstanden: Auch wenn ich gut fahre, kann ich mir niemals sicher sein, dass nicht ein Kind auf die Straße rennt. Jetzt denke ich: Bitte lass das nicht passieren. Nicht mit meinem Kind, mit niemandem so ein Unfall.

"Alle Deutschen ­haben das Recht, ­Beruf, Arbeits­platz und Ausbildungs­stätte frei zu wählen. (. . .) Zwangs­arbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheits­entziehung zulässig." Artikel 12 Absatz 1 und 3, Grundgesetz

Reinhard Fenske, 53 Jahre, Werkstattleiter:

Wir reparieren Motorräder und wechseln Auto­reifen. Sieben Inhaftierte, mein Kollege und ich, in einer gut ausgestatteten Werkstatt. Ich bin jetzt seit 15 Jahren hier, vorher habe ich als Kfz-Meister in einem großen Betrieb gearbeitet. Am Anfang war es ein komisches Gefühl. Du musst jede Tür aufschließen und hinter dir wieder zuschließen, du schließt dich quasi selbst ein. Aber du gewöhnst dich daran.

Ich hatte einen guten Mentor. Er sagte: Du kannst zwar die Akten der Inhaftierten lesen – aber du kannst auch die jungen Männer nach der Arbeit beurteilen, die sie bei dir leisten. Das mache ich bis heute so. Ich habe in noch keine einzige Akte geschaut.

Natürlich gibt es im Gefängnis eine Art Zwang zur Arbeit. Deshalb ist es wichtig, dass die Gefangenen die Wende hinkriegen, vom "Du musst das machen" zum ­ "Du machst das für dich selbst". Wir haben viele junge Männer, die null an sich glauben. Und dann reparieren sie zum ersten Mal einen Motor. Da sind die stolz wie sonst was! Sie schaffen mit ihren Händen etwas, das bleibt. Viele erleben zum ersten Mal eine ­Wertschätzung für ihre Arbeit. Der beste Moment ist, wenn die ­Kunden ihr Motorrad abholen und sich bei den Gefangenen ­bedanken. Da leuchten ihre Augen wie Kerzen am Weihnachtsbaum!

Die Rückfallquoten sind hoch, viele junge Männer sehe ich wieder. Aber meine Erfahrung ist auch: Wer drinnen eine Ausbildung abschließt, hat es draußen viel leichter. Insgesamt haben in 15 Jahren sieben Leute bei mir einen Abschluss gemacht. Einer leitet sogar eine eigene Werkstatt.

Oft ist die Haftdauer zu kurz, um eine Ausbildung abzuschließen. Draußen wird es dann für viele schwer: Allein jeden Tag aufstehen, pünktlich sein – da scheitern viele. Vor der Entlassung wette ich mit den Jugendlichen: Wenn du draußen deine Ausbildung fertig machst, lade ich dich zum Essen ein, Lokal deiner Wahl. Bisher hat das keiner geschafft.

 Wer drinnen eine Ausbildung abschließt, hat es draußen leichter, sagt der Werkstatt­leiter Reinhard FenskeJonas Ruhs

Ich arbeite gern mit Straftätern, aber manchmal ­wünsche ich mir, dass man den Opfern von Straftaten mindes­tens genauso viel Aufmerksamkeit schenkt. Bei meinen Nachbarn wurde mal eingebrochen, das hat sie total aus der Bahn geworfen. Der Polizist, der kam, hat zwar angeboten, sie weiter zu begleiten. Aber er hat das in seiner Freizeit gemacht, weil er in der Nachbarschaft wohnte. Ich bin erschrocken, wie sehr sie auf sich gestellt waren.

Ein Kollege sagte mal, dass man an etwas glauben muss, wenn man im Gefängnis arbeitet. Ich glaube nicht an Gott. Aber ich glaube, dass man etwas zurückkriegt, wenn man in jemanden investiert. Und wenn es nur ist, dass ein Gefangener am Auto seiner Mutter die Reifen wechseln kann.

Der deutsche Staat gab 2020 rund 3,7 Milliarden Euro für Gefängnisse aus, das sind 174 Euro pro Tag und Inhaftiertem. Gefängnisse sind Ländersache, die Budgets variieren. Das Land Berlin zahlt am Tag im Schnitt 217 Euro pro Gefangenem.

Barış E., 20 Jahre, Gefangener:

Die ersten zwei Wochen im Knast waren die schlimms­ten, die ich in meinem Leben hatte. Wenn die Tür schließt, weißt du: Es gibt kein Zurück. Dann kommen die Gedanken. Plötzlich waren da tausend Probleme – und ich dachte, ich hatte nie welche.

Nach fünf Minuten kam einer an meine Zellentür und hat gefragt: Wer bist du? Ich hab gesagt: Verpiss dich! Später kam er wieder und hat mir Tabak geschenkt. Er hat das gemacht, weil ich gezeigt habe, dass ich nicht für Spielchen zu haben bin. Man sollte hier nicht den Obermacker ­spielen, aber man sollte auch nicht derjenige sein, der sich unterkriegen lässt. Wenn man sich einmal was wegnehmen lässt, ist man immer das Opfer.

Ich bin draußen einbrechen gegangen. Das ist einfach. Wissen Sie, wie oft mir das passiert ist, dass ich in eine Wohnung gehe, einen Tresor finde und plötzlich Geld habe? Es hat sogar Spaß gemacht, das war ein Kick. Aber ich habe das vor allem gemacht, weil ich nichts anderes kannte.

Wenn jemand zu mir käme und mir einen Job anbieten würde – da würde ich niemals Nein sagen! Aber wir, die im Knast sind, haben nicht gelernt, hartnäckig zu sein: Wenn einer Nein sagt, wenn dann noch einer Nein sagt, da frage ich den Dritten erst gar nicht mehr nach einem Job.

Ich habe hier keine Freunde. Das sind zwar gute Jungs hier, jeder hat seine Art, mal was Cooles, mal was Lustiges. Aber man weiß nie: Vielleicht nutzt jemand das, was ich ihm anvertraut habe, um mich fertigzumachen. Deswegen: Was ich fühle, was ich denke, das bleibt alles bei mir.

Ich vermisse es, zu laufen, ohne dass es ein Ende gibt. Wenn du draußen bist, läufst du die Straße runter, vielleicht links, dann rechts, immer weiter. Hier drinnen laufe ich vom Haus zur Schule, von der Schule zum Haus. Oder eine kleine Runde im Hof, der ist nicht viel größer als ein Sandkasten. Es macht mich kaputt, nicht laufen zu können und immer kontrolliert zu werden.

Ich stehe jeden Tag um 7.20 Uhr auf, Gesicht waschen, Zähne putzen, Frühgebet. Danach die erste Kontrolle: Auf Drogen, Handys, zu viel Tabak, das sind alles Dinge, mit denen man hier handeln kann. Bis 14.30 Uhr ist Schule, zwischendurch bekommen wir nur Toast. Wenn du jeden Tag diesen weichen Toast isst, kommt irgendwann ein Würgereiz. Nachmittags gehe ich zum Fußball oder zum Anti-Aggressions-Training, freitags zum Gebet. Spätestens ab 20 Uhr bin ich auf der Zelle. Allein.

Abends kann man am Fenster reden, wenn man will. Man schreit den Namen und wartet, dass jemand antwortet. Aber die meisten reden nur Scheiße: Bruder, was würdest du machen, wenn du eine Million hättest? Bruder, was würdest du machen, wenn du genau jetzt draußen wärst? Das passiert aber nicht, denke ich dann. Warum fragt ihr das?

Wenn ich am Fenster bin, versuche ich, die Leute in meine Religion einzubeziehen. Ich sage, dass der Islam Frieden bedeutet. Oder wir reden über früher. Ein ­bisschen die Erinnerung wecken, das macht Hoffnung.

Jeder kennt Rocky Balboa. Der Trainer von Rocky sagt: Solange es keinen Gong gibt, gibst du nicht auf. So ist das hier drin: Du bist am Boden, du kannst nicht mehr, aber es war noch kein Gong da. Man braucht dieses Gefühl: ­Keiner ist da, niemand hilft dir, also muss ich das jetzt selbst machen. Strafe ist was Schönes. Man lernt nur, wenn man weiß, wie es ist, am Boden zu sein.

Ich habe Glück. Ich bin einer von denen, die sich positiv verändert haben. Ich habe gelernt, mit Menschen klarzukommen, auch wenn ich sie nicht mag. Ich muss einen Menschen nicht verletzen, um ihm zu sagen, dass ich ihn nicht leiden kann.

Wenn ich raus bin, will ich eine Lehre zum Friseur ­machen. Ich will in Rostock leben, da wohnt meine Schwes­ter. Ich habe dann ein Haus mit Garten, die Sonne scheint, im Hintergrund ein Regenbogen, wie im Film. Da stehe ich mit meiner Frau, selbst gepresster Orangensaft in der Hand, auf der Wiese spielen unsere Kinder: Tochter und Sohn, die machen Hopserlauf in Zeitlupe. Ich will einfach chillen, eine Familie und keine Probleme.

In deutschen Gefängnissen sitzen etwa 44 000 Strafgefangene, rund 3100 sind Jugendliche. Knapp 95 Prozent aller Inhaftierten sind Männer.

Sebastian Brunzendorf, 49 Jahre, Sportbeamter:

Sport ist unglaublich wichtig für die Jugendlichen. Sie haben sogar einen gesetzlichen Anspruch darauf: zwei Stunden pro Woche. Es gibt eine Turnhalle, einen Raum mit Fitnessgeräten, draußen mehrere Fußballplätze. Die Hafträume der Insassen haben nur etwa acht Quadratmeter, der Bewegungsdrang ist groß.

 Der Bewegungs­drang der Insassen ist groß. Beliebt ist Fitness: Eine gestählte Figur verschafft RespektJonas Ruhs

Besonders beliebt sind Fußball und natürlich Fitness. Ein bisschen Klischee: Ein dicker Oberarm, eine gestählte Figur, die machen unter den anderen Insassen Eindruck, verschaffen Respekt. Wir bemühen uns aber, die Insassen konditionell zu fordern oder auszupowern. Wenn wir Intervalltraining ausschreiben, haben wir in kurzer Zeit bis zu 70 Bewerbungen. Wir bauen dann Stationen auf, 45 Sekunden Belastung, eine Minute Pause, ­Koordination, Ausdauer, Beweglichkeit, davor eine anspruchsvolle ­Erwärmung. Die Ergebnisse tragen wir in Excel-Tabellen ein und hängen sie aus. Der Wettbewerb soll Ansporn sein.

Sport ist auch Frustabbau, im positiven Sinne. Wenn die Insassen sich eine Stunde beim Fußball auspowern, dann sind sie zufrieden, kaputt, gehen duschen und ins Bett. Das macht den Job auch für meine Kollegen auf den Häusern einfacher, das ist eine Win-win-Situation.

Manchmal versuchen Insassen beim Sportunterricht, verbotene Gegenstände zu tauschen. Gerade wenn wir draußen auf den Sportplätzen sind oder beim Laufen, kann es sein, dass mal etwas über die Mauer fliegt. Wir unterbrechen dann sofort, ein Beamter beaufsichtigt die Gruppe, der andere konfisziert das Päckchen. Wenn ein Insasse hinrennt, liegt die Vermutung nahe, dass es für ihn bestimmt war. Vollzugslockerungen haben sich dann meist erledigt.

Sport heißt auch: Regeln einhalten. Für viele zum ­ers­ten Mal, sie sind ja im Gefängnis, weil sie Grenzen überschritten haben. Ich finde, es braucht auch im Alltag mehr Sanktionen. Wenn man eine Grenze überschreitet, sollte man dafür die Konsequenzen tragen. Früher gab es bei Fehlverhalten schneller einen Einschluss, ein, zwei, drei Tage auf Zelle. Heute liegt der Fokus auf Gesprächen, ­einer zweiten Chance. Ich glaube, manchmal ist eine ­Strafe ­besser, als alles auszudiskutieren.

"Das Leben im ­Vollzug ist den ­allgemeinen Lebens­verhältnissen ­soweit wie möglich ­anzugleichen." § 3 Absatz 3, Strafvollzugsgesetz Berlin

Michael M., 26 Jahre, Gefangener*:

Das Leben besteht aus Regeln, man muss sich dran halten. Wenn man die Regeln nicht beachtet, ist Strafe rechtens. Draußen habe ich in einer parallelen Welt gelebt. Mir war alles egal, für mich waren die Gesetze nicht richtig spürbar. Ich wurde zwar ein paar Mal angeklagt, aber das waren Babystrafen, Anti-Aggressions-Training oder Sozialstunden. Ich habe vielen Menschen Leid angetan. Durch die Haft bin ich wach geworden. Wenn ich nicht eingesperrt worden wäre, hätte ich weitergemacht.

 Handys sind verboten. Auf dem Flur gibt es ein Telefon – aber alle können mithörenJonas Ruhs

Auf dem Flur gibt es ein Telefon, da kann man mit ­einigen Freunden und der Familie draußen telefonieren. Nur hören da alle mit. Ich hatte deshalb mal ein Handy, um auch private Gespräche zu haben. Das ist verboten und ich bin erwischt worden. Ich glaube, dass einer gesungen hat, dem ich das Handy nicht leihen wollte. Für mich hieß das: neun Tage Einschluss.

Ich hatte draußen keinen Schulabschluss und war Leiharbeiter. Wie so ein moderner Sklave wurde ich von A nach B geschickt. Hier habe ich eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht. Das war ein Riesen-Push fürs Selbstbewusstsein. Ich will meinen Kindern etwas bieten.

Wenn mich heute jemand beleidigt, habe ich keine ­Minderwertigkeitskomplexe mehr und denke, boah, der kratzt an meiner Ehre. Ich steh da einfach drüber.

Jörg Eilermann, 60 Jahre, Justizbeamter:

Wer den Schlüssel hat, hat die Macht, heißt es. Das stimmt, ich schließe Leute ein. Aber ich habe deswegen kein schlechtes Gewissen. Ich schließe ja auch wieder auf. Ich führe die Erstgespräche bei Zugängen. Viele Jugendliche sind gerade festgenommen worden und kommen in Untersuchungshaft. Ich sage ihnen: Bei mir gilt die Unschuldsvermutung. Was draußen passiert ist, das beurteilen Rechtsanwälte, Polizisten, Richter, da mische ich nicht mit. Viele fassen dann Vertrauen.

Ich erkläre ihnen, wie das hier abläuft und frage nach ihren Lebensumständen: Eltern, Schule, Drogenabhängigkeit, wirtschaftliche Verhältnisse. Für viele Raucher ist Tabak wichtig. Wir können hier auch mal eine Zigarette anbieten, wir nennen das Kriseninterventionstabak.

Strafe muss sein, keine Frage. Ohne Strafe würde ich auch eine Bank überfallen. Ob sie aber etwas bringt? Viele fallen nach der Haft in ihre alte Welt zurück – und es geht weiter wie zuvor. Frustrierend finde ich das nicht. Man darf die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Resozialisierung ist leider oft mehr Theorie als Praxis, das haben mir meine Kollegen früh in meiner beruflichen Laufbahn gesagt.

Ich bin in meinem Berufsleben zweimal angegriffen worden, das ist schon lange her. Einmal hat mich ein Insasse mit einer Gabel angegriffen und am Hals gestreift. Das zweite Mal haben wir einen Insassen in einen besonders gesicherten Haftraum gebracht. Das ist ein Raum im Keller, da gibt es nicht viel, nur eine Liege. Wir nutzen ihn meist bei akuter Suizidgefährdung – um sicherzustellen, dass sich der Gefangene nicht selbst verletzt. Auf dem Weg in den Keller hat sich der Gefangene plötzlich auf mich geschmissen. Es gab ein Handgemenge, dann hatten wir die Situation wieder unter Kontrolle. Jahre später habe ich den Gefangenen draußen wieder getroffen. Er hat sich entschuldigt.

Draußen gibt es wenig Interesse an meinen Beruf. Nicht mal meiner Frau erzähle ich viel. Manchmal fange ich an, von "meinen Jungs" zu sprechen, wenn ich über die Gefangenen rede. Das sind nicht "deine Jungs", sagt sie dann. Das sind Knackis.

Es gibt sicher härtere Kollegen als mich. Aber wenn alle so wären wie ich, würde der Laden nicht laufen. Ich bin seit 36 Jahren Justizbeamter, das ist ein großer Teil meines Lebens. Aber nächstes Jahr ist Schluss, dann gehe ich in Pension.

Was wir anders machen könnten? Ich finde, wir machen schon ganz schön viel. Man kann Deutsch lernen, zur Schule gehen, eine Ausbildung anfangen, Theater machen. Wichtig wäre eine Unterstützung nach der Haft. Viele sind alleine aufgeschmissen. Aber das ist nicht unser Auftrag, für den Knast ist das mit der Entlassung abgeschlossen.

Die Rückfallquote innerhalb von zwölf Jahren beträgt unter erwachsenen Gefangenen 67 Prozent, unter Jugendlichen 84 Prozent. Jeder dritte Erwachsene landet erneut im Gefängnis, bei den Jugendlichen jeder zweite. Die höchsten Rückfallquoten gibt es bei Diebstahls- und Raubdelikten.

Ender Çetin, 45 Jahre, Imam:

Normalerweise freuen sich Imame, wenn viele ­Leute zum Gebet kommen. Ich bin traurig, wenn ich beim Freitagsgebet im Gefängnis viele Jugendliche sehe. Anscheinend sind Menschen religiös und trotzdem ­kriminell. Dabei ist Kriminalität etwas, das keine Religion gutheißt.

Mein erster Eindruck vom Gefängnis war: dunkel, grau, beklemmend. Irgendetwas hat sich in mir gewehrt. Und doch wollte ich als Imam bewusst in die Jugendstrafanstalt. Ich kann mich mit vielen der Jugendlichen identifizieren. Ich bin in Neukölln aufgewachsen, als Kind typischer Gastarbeiter. Ich wollte damals auch zu den ­"ausländischen" Gangs gehören. Die Gesellschaft sah uns als "Ausländer", ich war in einer "Ausländerklasse", das hat dazu geführt, dass wir uns solidarisiert haben. Mein Vater hat irgendwann entschieden, dass wir in einen anderen Bezirk ziehen. Wenn ich keinen Schutz gehabt hätte, von der Familie, von Freunden, wäre ich vielleicht auch in der Kriminalität gelandet.

Manchmal sagen mir Jugendliche: "Eigentlich ist es gut, dass ich hier gelandet bin. Draußen würde ich noch viel mehr Mist bauen." Ich unterstütze das: "Vielleicht hat etwas dazu geführt, dass du jetzt im Gefängnis bist, vielleicht wollte Gott es irgendwie. Um dich zu beschützen vor schlimmeren Dingen, die am Ende lebensgefährlich sein können." Ich sage aber auch: "Du kannst nicht alles auf Gottes Willen schieben, du bist verantwortlich für deine Taten – und für deine Zukunft."

Viele Jugendliche kennen die Strafe aus der Religion. Gott bestraft dich, wenn du dies tust oder das nicht tust. Ich möchte aber, dass die Jugendlichen einen barmherzigen Gott kennenlernen. Wenn alles, was du eigentlich machen willst, haram ist, verboten, dann bleibt Religion doch fern und abstrakt. Dann ist klar: Ich kann das sowieso nicht umsetzen.

Gerade überlege ich, wie wir auch nach der Haft für ehemalige Gefangene da sein können. Viele Jugendliche versprechen anzurufen, wenn sie draußen sind. Aber sie melden sich nie. Wir könnten uns treffen, gemeinsam ­essen, Zeit verbringen, bowlen gehen. Mein Angebot ­wäre religiös, aber es könnte auch Sport sein oder gemeinsames Reisen. Wichtig ist eine Begleitung, die einen daran ­erinnert, dass es Alternativen gibt. Man muss nicht zurück in das alte Viertel, in den alten Freundeskreis.

 Der Imam Ender Çetin wäre gern auch nach der Haft für frühere Häftlinge da. "Aber sie melden sich nie."Jonas Ruhs

Ich würde mich freuen, wenn wir als Gefängnis-Imame Supervisoren besuchen könnten. Oft gehe ich nach Hause und belaste meine Frau mit den Geschichten der Jugendlichen, die ich tagsüber gehört habe. Sie berühren meine Frau und mich so sehr, dass wir manchmal anfangen zu weinen.

Ich merke, dass sich viele Jugendliche vor mir schämen, im Gefängnis zu sitzen. Ich bin jemand aus ihrer eigenen Community, noch dazu mit einer religiösen Funktion. Ich wünsche mir, dass sie dasselbe der Gesamtgesellschaft ­gegenüber fühlen.

In der Jugendstrafanstalt Berlin sind derzeit 271 Jugendliche inhaftiert. Das Gefängnis hat 323 Mitarbeitende. Die Jugendlichen verbringen im Durchschnitt 18 Monate in Haft.

Matthias Gutjahr, 49 Jahre, Sozialarbeiter bei Gangway e. V.:

Wir begleiten Jugendliche vor und nach der Haftentlassung. Unser Ziel ist es, den Drehtüreffekt zurück ins Gefängnis zu unterbrechen. Wir ­fragen: Was braucht der Gefangene, wenn er rauskommt? Hat er eine Wohnung, legale Papiere, eine Aussicht auf ­eine Ausbildung oder noch Schulden? Alle unsere Angebote sind freiwillig.

Vor der Haftentlassung machen wir begleitete Ausgänge und holen den Inhaftierten am Tag der Entlassung an der Pforte ab, wenn er das will. Dann schleusen wir ihn durch den Ämterdschungel. Viele kennen sich nicht aus. Gehen sie einmal zum falschen Amt und werden weggeschickt, kommen sie selten wieder – und gehen ihren alten Weg.

Oft werden Entlassene rückfällig, wenn der Bedarf nach Geld groß ist. Manchmal werden die Leute mit einem Berg Schulden entlassen. Das können Anwalts- oder Gerichtskosten sein, die meisten sind aber verschuldet, weil sie sich so ihren Drogenkonsum finanziert haben.

Für manche ist das Gefängnis die Rettung. Für diejenigen, die sich mit chemischen Drogen so runtergerockt haben, dass sie kaum 50 Kilo wiegen. Stichwort Crystal oder Heroin. Im Knast landen sie auf Entzug oder kriegen Medikamente. Das ist natürlich keine schöne Zeit, aber danach sieht es oft besser aus. Häufig sagen sie: Ohne das Gefängnis wäre ich tot.

Der Weg raus aus der Kriminalität ist trotzdem schwer. Viele haben in ihrem Leben einen miesen Start gehabt, da machen wir uns mal nichts vor. Sie haben ja nicht einfach so gesagt: Ich werde kriminell. In den meisten Fällen sind sie selbst Opfer gewesen.

Die Arbeit kann frustrierend sein. Wir machen deshalb jeden Mittwoch in der Teamsitzung eine kurze Runde, in der wir alle positiven Sachen aus der vergangenen Woche aufzählen. Zum Beispiel ist heute ein Jugendlicher selbstständig um acht Uhr von Wilhelmsruh mit der S-Bahn nach Tempelhof zum Jobcenter gefahren, um sich da ­mittellos zu erklären und sich eine Barauszahlung geben zu lassen. Ich hätte alles gegen ihn gewettet. Solche Sachen merkst du dir.

Rund zehn Prozent aller Inhaftierten in Deutschland sitzen "Ersatzfreiheitsstrafen" in Gefängnissen ab, weil sie Bußgelder nicht bezahlt haben – etwa fürs Schwarzfahren. Rund 75 Prozent sind arbeitslos, ein Drittel suchtkrank.

Bill Borchert, 50 Jahre, Anstaltsleiter:

Ein Gefängnis ist eigentlich kein guter Ort. Aber wenn ich mir die Biografien unserer jungen ­Männer anschaue, dann bringt die Strafe oft, dass sie rausgenommen werden aus einem Teufelskreis, der ihnen nicht guttut. Wir versuchen, ihnen eine andere Perspektive aufzuzeigen. Das ist der einzige gute Punkt an Strafe.

 Im Gefängnis sind sie raus aus dem Teufelskreis, der ihnen nicht guttut, sagt Anstaltsleiter Bill BorchertJonas Ruhs

Wenn Sie den Justizvollzug in Deutschland statistisch betrachten, können Sie sagen: Wir müssen den Laden dichtmachen. Die Rückfallquoten sind sehr hoch, aber man muss sich auch die Straftaten ansehen. Für mich ist es ein Teilerfolg, wenn ein junger Mann, der als Intensivtäter wegen massiven Körperverletzungsdelikten verurteilt wurde, fünf Jahre nach der Entlassung mit kleineren Delikten auffällt – mit einem Kaufhausdiebstahl oder Schwarzfahren.
Bei vielen jungen Männern hat ein Mangel an Erziehung zur Straftat geführt. In gewisser Weise müssen wir das hier nachholen.

Ich betrachte das Gefängnis als ­Lebensraum für alle, für die Bediensteten und für die ­Gefangenen. Ich will, dass wir uns wohlfühlen – bei allen Schwierigkeiten. Ich will versuchen, dass wir die Trennung zwischen Bediensteten und Gefangenen ein Stück weit überwinden. Es geht mir nicht um eine Verbrüderung – aber zum Beispiel darum, dass man als Bediensteter in den Gefangenen nicht immer nur Straftäter sieht. Das Schöne an unserem Rechtssystem ist ja, dass mit der Verhängung des Strafurteils der Anspruch an den Verurteilten abgegolten ist. Die Strafe ist der Freiheitsentzug. Die Strafe ist nicht, dass wir es besonders ungemütlich machen. Der Ton ist manchmal rau, machen wir uns nichts vor. Das haben Sie aber auch in Schulklassen: dass es Grüppchen­bildung gibt, dass Schwächere verhöhnt werden.

Seit ich in der Jugendstrafanstalt bin, denke ich immer wieder darüber nach, was meine Eltern mir mitgegeben haben und was den Leuten fehlt. Ein einfaches Beispiel: An meinem Geburtstag gab es einen Geburtstagstisch mit Kuchen. Oder wer nimmt einen mal in den Arm, wenn es einem schlecht geht? All das fällt hier aus.

Einige sagen, man lernt im Gefängnis im Schlechten von den anderen. Das wird immer wieder passieren, die Subkultur kriegen wir nicht ganz weg. Aber meine Erfahrung ist: Je mehr es eine Perspektive gibt, desto weniger Regelbrüche gibt es. Mit steigender Lockerungsquote müssen wir deutlich weniger Disziplinarmaßnahmen verhängen.

Ich glaube, dass insgesamt erfolgreich ist, was wir ­machen. Aber: Im Schnitt sind die Leute nur 18 Monate hier. Wie viel schafft man in dieser Zeit? Das ist vielleicht ein Lernprozess – ein Anstoß, aber in vielen Fällen kein Abschluss.

Jonas Seufert

Im Berliner Jugend- knast kennen viele Häftlinge den Autor ­Jonas Seufert – als Teil von "Zweidrittel FM", einem Podcast über den Alltag in Jugendhaft: www.zweidrittelfm.com
Privat

­Jonas Ruhs

Der erste Besuch in ­einer JVA hinterlässt bei dem Fotografen ­Jonas Ruhs gespaltene Gefühle. Er ist froh, kommen und gehen zu dürfen. Eine klare ­Antwort dazu, was Strafe bringt, sieht er für sich jedoch nicht.
Klaus J.A. Mellenthin

Fabian Grieger

Seit dem ersten Gefängnis­besuch vor zwei Jahren ­treiben den Autor Fabian Grieger ­diese Fragen um: Ist es richtig, Menschen mit Haft zu bestrafen? Und wenn ja, wen und wie?
Privat

* Name geändert

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe heute den Bericht über Jugendstrafe in Ihrer Zeitung gelesen. Es kamen Gewaltverbrecher zu Wort. Die einzig erträgliche Aussage kam von dem Ausbildungsleiter Reinhard Fenske. Er wünsche sich oft, dass den Opfern der Gewalttäter mindestens genauso viel Aufmerksamkeit zustehen sollte wie den Verbrechern. Sie müssen sich unbedingt mal mit Opfern unterhalten, welche bleibende körperliche und seelische Schäden von solchen Gewalttaten zurückbehalten haben. Opfer sind in den meisten Fällen zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort und wachen schwerverletzt auf Intensivstationen auf und haben nicht mehr das Leben was sie vorher hatten. Es widert mich an, dass in Ihrem Medium solche Gewaltverbrecher zu Wort kommen können. Dieser Russe der mit 200km/h durch eine Stadt fuhr, hat mE jedes Recht auf Mitgefühl verwirkt!
Ich appelliere an Sie, bringen Sie eine Reportage über Opfer von Gewalttätern!
Beste Grüße
Roland Schubert

Liebes Redaktionsteam,
es ist ein interessanter Artikel unter vielen Gesichtspunkten.
Allerdings finde ich es schade, dass es ausschließlich um Männer geht.
Kommen Frauen nicht ins Gefängnis? Arbeiten dort keine?
Auch die weibliche Seite ist wichtig, ihre Aspekte auch.
Findet Susanne Lohmann, Bad Salzuflen