Ist der Verteidigungskrieg der Ukrainer ein "gerechter Krieg"?

Gibt es den "­gerechten Krieg"?
Gibt es den "­gerechten Krieg"?

Lisa Rienermann

Gibt es den "­gerechten Krieg"?

Das Völkerrecht sagt: Man muss sich verteidigen ­dürfen. Gerecht ist aber mehr als recht. Zwei Perspektiven auf den "gerechten Krieg".

Wie versteht die russisch-orthodoxe Christenheit das Verhältnis von Kirche und Staat?

Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, steht fest an Putins Seite. An dieses Bild hat sich gewöhnt, wer Russlands Krieg gegen die Ukraine verfolgt. Warum unterstützt der Kirchenmann den russischen Präsidenten? Warum spricht er nicht offen davon, dass in der Ukraine Krieg herrscht? Warum intervenierte er nicht gleich, um seine Gläubigen in der Ukraine zu schützen?

Mittlerweile hat sich der ukrainische Teil seiner Kirche von ihm losgesagt. Hat sich der Patriarch tatsächlich zum "Messdiener Putins" gemacht, wovor ihn Papst Franziskus Anfang Mai in einem Interview zum Krieg in der Ukraine in der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" gewarnt hatte? Das Ideal einer engen Verbindung mit Staat und Nation lässt sich in der Geschichte der orthodoxen Kirche lange zurückverfolgen. Schon Kaiser Justinianos I., der von 527 bis 565 im östlichen Teil des Römischen Reiches herrschte, beschrieb das ideale Verhältnis zwischen geistlicher und staatlicher Macht als Symphonie, als "Zusammenklang". Der byzantinische Staat sorgte für die äußere Sicherheit und den Schutz der Christenheit, die Kirche für das Seelenheil.

Andriy Mykhaleyko

Andriy Mykhaleyko, Jahrgang 1976, studierte Theologie in Lemberg (Lwiw) und Eichstätt-Ingolstadt. Seit 2007 ist er Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Er wurde in Eichstätt promoviert und habilitierte sich auch dort. Bis 2012 lehrte er an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg, seit 2013 an der Katholischen Universität Eichstätt/Ingolstadt. Sein Schwerpunkt ist die Kirchengeschichte in Ost- und Mitteleuropa.
Daniela Olivares/BR

Wie versteht die russischorthodoxe Christenheit das Verhältnis von Kirche und Staat? Als die Osmanen 1453 Konstantinopel eroberten und Byzanz unterging, übernahmen die orthodoxen Herrscher des Moskauer Reichs diese Rolle. Seither verstehen sie sich als Beschützer der Orthodoxie. Und als sich Nationalstaaten bildeten und Südosteuropa sich vom Osmanischen Reich lossagte, spielten die Kirchen eine wichtige Rolle. Sie unterstützten die Nationalbewegungen und definierten sich über ihre Zugehörigkeit zu den neuen, unabhängigen Ländern Griechenland, Bulgarien, Serbien. Nicht zufällig nennen
sich die meisten orthodoxen Kirchen heute "Bulgarische Orthodoxe Kirche"
oder "Serbische Orthodoxe Kirche".

Auch die neuen Staaten wollten in ihrem Streben nach Unabhängigkeit auf ihrem Territorium eine von äußeren Einflüssen unabhängige Kirche haben. Das Prinzip, dass zu einem unabhängigen Staat eine unabhängige orthodoxe Kirche gehört, ist bis heute im orthodoxen Raum verbreitet. Durch ihre enge Bindung an den jeweiligen Staat oder eine Ethnie genießen die Kirchen Vorteile und Privilegien, die auch gesetzlich festgeschrieben sind. Natürlich birgt so eine Nähe die Gefahr, dass der Staat die Kirchen instrumentalisiert und für seine Zwecke missbraucht. Genau das geschieht gerade im Moskauer Patriarchat.

Anstatt seine Stimme gegen diesen furchtbaren Krieg zu erheben, weigert sich Patriarch Kyrill, zum Staat auf Distanz zu gehen – oder er wagt es nicht. Anstatt eine alternative Sichtweise zu vertreten, herrscht eine bedrückende Einstimmigkeit. Kyrill wiederholt ununterbrochen das propagandistische Narrativ des Staates, mit dem er den Krieg rechtfertigt. Er überhöht den Krieg sogar als "metaphysischen Krieg gegen das Böse".

"Die Russische Kirche hat offenbar nichts aus der Geschichte gelernt"

Neulich unterhielt ich mich mit einem orthodoxen Theologen, der über längere Zeit in Moskau mit Patriarch Kyrill zusammengearbeitet hatte. Ich fragte ihn, was die Russische Kirche 2008 motiviert habe, sich der Idee der "russischen Welt" anzuschließen, also der Ideologie einer russischen Dominanz innerhalb der russischsprachigen Welt, mindestens aber in Russland, der Ukraine und Belarus. Ich hatte angenommen, dies sei unter dem Druck des russischen Staates geschehen. Der orthodoxe Theologe sagte aber zu meinem Erstaunen, er sei Augenzeuge gewesen, wie die Kirche aus eigener Initiative dem Staat ihre Unterstützung angeboten habe. Er habe persönlich vor den Gefahren dieser Ideologie gewarnt, sagt er, in der Leitung der orthodoxen Kirche aber kein Gehör gefunden.

Demnach hat die Kirche also selbst die Ideologie vorangetrieben, mit der Putin nun seine aggressive Kriegspolitik begründet. Hätte der Staat die Kirche wenigstens unter Druck gesetzt, könnte man heute sagen: Sie hatte keine andere Wahl. Aber so hatte sie eine. Kyrill hätte auch das tun können, was man von einem Kirchenfürsten erwartet: Frieden predigen. So aber legte auch er die Saat des Hasses.

So viel Identifikation mit dem Staat bedrückt auch deshalb, weil die Russische Kirche in ihrer Mehrheit offenbar nichts aus der Geschichte gelernt hat. Erst in den 1920er und 1930er Jahren war sie vom sowjetischen Staat brutal verfolgt und fast ausgerottet worden. Hunderttausende Geistliche und Gläubige dieser Kirche wurden umgebracht oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Allein diese Erfahrung hätte Anlass bieten können, die Idee der Symphonie im Verhältnis zum Staat neu und kritisch zu überdenken. Aber die Kirche sah wohl eher eine andere Chance: ihren privilegierten Status innerhalb des Staates zurückzugewinnen.

Heute scheint die Zeit der Unterdrückung vergessen; der privilegierte Status ist wieder da, und es fehlen der Kirchenleitung Bereitschaft und Wille, ihn wieder aufs Spiel zu setzen. Russland definiert sich heute über einen anderen Ausschnitt aus seiner Vergangenheit. Es erklärt die Christianisierung der Rus im Jahr 988, dem historischen Reich zwischen Schwarzem Meer und dem arktischen "Weißen Meer", zum Kern seiner heutigen Identität. Es schaut weit nach hinten, anstatt aus dem Elend der jüngeren Vergangenheit im Sowjetstaat zu lernen und nach vorne zu schauen.

"Putin und Kyrill sprechen die gleiche Sprache"

Putin missbraucht die Kirche, um seine Idee von einem Großrussland mit einer Sprache zu füllen, die nach Größe und hehren Werten klingt. Kyrill hat sich zur Verfügung gestellt, wohl auch, weil er glaubt, hier würden sich seine kirchlichen Ansprüche auf religiöse Dominanz und Putins staatliche Ansprüche auf eine politische Dominanz in der osteuropäischen Region überschneiden. Putin und Kyrill sprechen die gleiche Sprache. Dass ein Verhältnis von Kirche und Staat auch anders aussehen kann, zeigt das Beispiel der Ukraine.

Hier bekennt sich, wie in Russland, die Mehrheit der Bevölkerung zum orthodoxen Glauben. Doch hier bildet die Orthodoxie keinen Monolith, kein geschlossenes Ganzes. Vielmehr ist sie in zwei rivalisierende Gruppen gespalten. Kirchlich-theologisch betrachtet ist diese Spaltung eine Anomalie, etwas, das nicht sein soll. In der aktuellen Lage erweist sie sich aber als ein Segen. Dank der konfessionellen Diversität kann keine Kirche in der Ukraine, weder eine orthodoxe noch die katholische, die Rolle einer Art Staatskirche beanspruchen. Keine kann behaupten, in allen Landes teilen über eine Mehrheit zu verfügen.

Natürlich sind die Kirchenverhältnisse in der Ukraine nicht ideal. Dennoch schafft die historisch gewachsene Vielfalt einen gewissen konfessionellen Ausgleich und ermöglicht eine kritische Distanz aller zum Staat. Die moderne Pluralität stellt die alte orthodoxe Ideologie der Symphonie, des Zusammenklangs, infrage und macht sie vielleicht sogar überflüssig.

Andriy Mykhaleyko

Ist der Verteidigungskrieg der Ukraine aus protestantischer Sicht ein "gerechter Krieg"?

Die ukrainische Armee hat niemanden angegriffen. Sie stellte für Russland keine Bedrohung dar. Aktuell verteidigt sie die Freiheit der Menschen in der Ukraine – für die große Mehrheit der Ukrainer und Ukrainerinnen ein hohes Gut, für das sie, wie es scheint, zu kämpfen bereit sind. Mehr noch: Die Gefolterten, Vergewaltigten und rücklings Erschossenen auf den Straßen und in den Kellern von Butscha, Hostomel, Borodjanka und anderen Kiewer Vororten lassen vermuten, welches Grauen der ukrainischen Bevölkerung droht, wenn die russische Invasion nicht abgewehrt wird. Nein, es ist überhaupt nichts Unrechtes daran, sich gegen Putins Armee zur Wehr zu setzen.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist als chrismon-Redakteur verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Ist aber ein Krieg deshalb schon "gerecht"? Artilleriebeschuss, egal von welcher Seite, zerstört Häuser, trifft Menschen in Schutzkellern und Menschen auf der Flucht. Jeder zerstörte Panzer, jeder von einer Stinger-Rakete getroffene Hubschrauber, jedes zum Absturz gebrachte Transportflugzeug ist zwar eine Bedrohung weniger für die Ukraine. Aber in den Maschinen hocken junge Männer, die auch verbrennen oder in den Tod stürzen. Das ist eine Katastrophe, nicht nur für ihre Partnerinnen, Eltern, Geschwister und Verwandten. Und auf beiden Seiten, auf russischer wie auf ukrainischer, bilden sich Kampfverbände von Söldnern oder Freiwilligen, von denen niemand weiß, wie sie sich nach dem Krieg wieder in die Gesellschaft eingliedern lassen.

"Gerechtigkeit" ist ein großes Wort. Es passe nicht auf Krieg, sagen friedensbewegte Christinnen und Christen. Was ist gerecht daran, wenn jemand sich zur Wehr setzen muss, wenn jemand um das Überleben kämpft? Das möge ein Kampf um Gerechtigkeit sein. Aber gerecht sei etwas anderes. Gerecht könne nur der Frieden sein. Andere halten dagegen: Putins Angriffskrieg bedeute eine Zeitenwende. Friedensbewegte Christen müssten von ihren Friedensträumereien ablassen. Sie sollten sich auf die alte Lehre vom gerechten Krieg zurückbesinnen, forderte in der "FAZ" vom 23. April etwa der Philosoph und Universitätsprofessor Uwe Steinhoff, der zur Ethik der Gewalt forscht: auf eine Lehre, die den reinen Verteidigungskrieg als gerecht anerkennt. Müssen die Friedensbewegten das?

"Aus Lehren wie der vom gerechten Krieg entwickelte sich später das moderne Kriegsvölkerrecht"

Die christliche Lehre vom gerechten Krieg geht auf eine Zeit zurück, als Christinnen und Christen nicht mehr verfolgt wurden, als sich die römischen Kaiser mit den Kirchenfürsten versöhnt hatten. In dieser Zeit formulierte Kirchenvater Augustin Prüfkriterien für einen gerechten Krieg. Es war der Versuch, die Anarchie der Schlacht einzuhegen, Regeln zu geben, wo sonst Willkür herrscht. Aus antiken Lehren wie der vom gerechten Krieg entwickelte sich später das moderne Kriegsvölkerrecht. Augustin fasste die Prüfkriterien nicht so, dass sie den römischen Kaisern ins Konzept passen konnten.

Wirklich gerecht könne ein Krieg nur sein, schrieb Augustin, wenn er den Frieden wiederherstelle, wenn er sich gegen eine bestehende Verletzung der Rechtsordnung wende, wenn er von einer legitimen Staatsführung angeordnet sei und wenn er überdies nicht gegen Gottes Gebot verstoße. Schon dieses vierte Kriterium macht in den allermeisten Fällen unmöglich, glaubhaft von einem gerechten Krieg zu sprechen. Gottes Gebote reichen weit. Das Gebot der Feindesliebe – also, dass man auch im Feind einen Mitmenschen erkennt – lässt zum Beispiel nicht zu, dass die verteidigende Partei, so notwendig ihre Selbstverteidigung sein mag, dem Hass und der Unversöhnlichkeit nachgibt.

Umso bemerkenswerter, wenn russische Soldaten, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden, in der Ukraine rechtsstaatliche Verfahren erwarten dürfen. Wenn Mütter russischer Soldaten Informationen aus der Ukraine über den Verbleib ihrer Söhne zugespielt werden. Ob auch das erste Kriterium, die Wiederherstellung des Friedens, auf den Krieg in der Ukraine zutrifft, wird man erst im Nachhinein beurteilen können.

Irdische Gerechtigkeit blieb insofern für Augustin, den Vater der christlichen Lehre vom gerechten Krieg, weitgehend eine Utopie. Mit der Bergpredigt lasse sich keine Politik machen, hatte Altbundeskanzler Helmut Schmidt formuliert. Daran erinnern politisch Konservative, die auch auf Luthers sogenannte Zwei-Reiche-Lehre verweisen. Sie sehe vor, dass sich die Kirche um das Reich Gottes kümmert und aus der Politik raushalte: aus dem Reich der Welt, das eigenen Regeln und realistischen Vorstellungen von Gerechtigkeit folge. Allerdings sucht man eine Zwei-Reiche-Lehre bei Luther vergebens.

"Der Begriff "Zwei-Reiche-Lehre" war anfangs ein Spottbegriff"

Der Reformator hat nie den Glauben ins Reich der Innerlichkeit verbannt und die Politik ihren eigenen Maßstäben überlassen. Als die Fürsten aufgrund eines Reichstagsbeschlusses Luthers Schriften verbieten sollten, schrieb er "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei". These: Jedermann sei der Obrigkeit Gehorsam schuldig; Gott habe sie eingesetzt, damit sie für Ordnung sorgt. Doch wenn das Seelenheil in Gefahr sei, müsse man dem Gewissen folgen und sich gottlosen Befehlen widersetzen. Während der Bauernaufstände ermutigte Luther die Fürsten, die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen – um der Ordnung willen; ganz offenkundig mischte sich der Theologe auch da in politische Fragen ein. Als ein frommer Ritter später, nach den grausigen Bauernkriegen, nachfragte, "ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können", unterschied Luther in der gleichnamigen Schrift "Person" und "Amt". Als Person habe der Ritter mit seinem Gewissen zu tun. Sein "Amt" oder seine Aufgabe als Ritter sehe es aber vor, die Ordnung wiederherzustellen – mit den Mitteln, die ihm dafür zur Verfügung stehen.

Der Begriff "Zwei-Reiche-Lehre" war anfangs ein Spottbegriff. Der Theologe Karl Barth brachte ihn auf – ziemlich genau vor 100 Jahren. Der linke reformierte Theologe münzte ihn polemisch auf die Staatslehren konservativer Lutheraner, die Staat und Kirche als ein organisches Ganzes zu denken versuchten, weil ihnen missfiel, wie die Weimarer Verfassung Kirche und Staat voneinander trennte. Barth unterstellte diesen Lutheranern, sie wollten das Politische der Staatsmacht allein überlassen.

Barth, der später zum Vordenker der Bekennenden Kirche wurde, einer innerkirchlichen Opposition gegen den totalen NS-Staat, sollte mit seiner Unterstellung auf bittere Weise recht behalten: Als der totale Staat 1935 Rassengesetze verabschiedete, als er Deutsche mit Vorfahren jüdischen Glaubens ausgrenzte und so die Voraussetzung dafür schuf, sie zu verfolgen und zu vernichten, hielten dieselben konservativen Lutheraner still.

"Luther lebte in einer mittelalterlich-apokalyptischen Vorstellungswelt"

Das sei Politik, sagten sie, keine Sache des Glaubens. Barth hingegen wandte sich 1936 in einer Denkschrift "an den Führer und Reichskanzler" persönlich und protestierte, dass "dem Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhass verpflichtet" – obwohl die Christenheit auf das Gebot der Nächstenliebe verpflichtet sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg entspann sich eine heftige Debatte darüber, wie man Luthers Äußerungen zu Kirche und Obrigkeit am besten zusammenfassen könne.

Heute spricht die Theologenzunft von Luthers "Reiche- und Regimenten-Lehre". Dass Luther "zwei Reiche" unterschied, das Reich der Welt und das Reich Christi, entspricht einer alten theologischen Tradition. Luther glaubte: In der Welt wüte der Satan. Er stachele die Bauern an, die herrschende Ordnung außer Kraft zu setzen; er treibe Ablasshändler zu List und Betrug; er setze sich sogar die Papstkrone auf und stürze die Kirche ins Unheil. Doch ultimativ werde Gott dem Treiben des Satans Einhalt gebieten. – Luther lebte nun einmal in dieser mittelalterlich-apokalyptischen Vorstellungswelt.

Mit den "zwei Regimenten" meinte Luther zwei "Regierungsweisen". Um Satans
Treiben in der Welt Einhalt zu gebieten, gebe Gott den Menschen eine staatliche Ordnung. Sie weise das Böse (Hinterlist, Verbrechen, Krieg) in Schranken, damit die Menschen in relativem Frieden leben können. Diese staatliche Ordnung brauche Polizei- und Verteidigungskräfte, die auch Gewalt anwenden müssten. Luther hatte dabei immer den Obrigkeitsstaat vor Augen; er kannte ja keinen anderen. Gleichzeitig regiere Gott durch Christus in den Herzen der Gläubigen, verändere sie von innen heraus und verhelfe ihnen so zu einem friedlichen Miteinander – ganz ohne äußeren Zwang.

"Wenn man schon einen solchen Krieg unterstützt, dann soll es bitte auch ein gerechter Krieg sein"

Aufklärer wie Immanuel Kant säkularisierten den Gedanken. Einem gebildeten und vernunftgeleiteten Bürgertum, so hoffte er, das zuerst nach dem Reiche der reinen praktischen Vernunft trachte, dem falle die Wohltat des ewigen Friedens von selbst zu. Die Vernunft und Herzen der Menschen zu erreichen, sie für ein friedliches Miteinander zu öffnen, darauf zielt auch christliche Friedensarbeit heute. Mit einer Trennung von Glauben und Politik hat das alles gar nichts zu tun. Gerade in einer Demokratie sind alle Menschen, alle Vereine, Verbände und Institutionen, einschließlich der Kirchen, aufgerufen, ihre politische Haltung kundzutun und an dem öffentlichen Prozess der Gesetzgebung mitzuwirken. Auch wenn es um den Krieg Russlands gegen die Ukraine geht, sollen sie Stellung beziehen.

Aus protestantischer Sicht ist das Ziel, eine internationale Rechtsordnung wiederherzustellen, richtig und wichtig – eine politische Aufgabe. Aber auch der Wunsch, mit der Ukraine auf der Seite der Gerechtigkeit, des Guten zu stehen, ist überall groß. Und klar: Wenn man schon einen solchen Krieg unterstützt, dann soll es bitte auch ein gerechter Krieg sein. Und die Kirche soll ihren Segen dazu geben. Aber gerade in Deutschland haben die evangelischen Kirchen im Laufe ihrer Geschichte eines gelernt: So sehr der Freiheitskampf in der Ukraine
dazu beitragen mag, die Rechtsordnung wiederherzustellen, so sehr scheuen sie sich, das Wort "gerecht" inflationär zu gebrauchen. Sie sollten daher auch nach Ende jedes Krieges weiter an den unvollendeten Frieden erinnern.

Frieden hat überhaupt erst dann eine Chance, wenn die Ursachen der Kriege überwunden sind, wenn geschehenes Unrecht gesühnt, wenn beide Parteien wieder so weit sind, sich miteinander auszusöhnen. Einen Krieg als gerecht zu etikettieren, geht schnell. Auf den gerechten Frieden hinzuwirken, ist mühsam und dauert. Aber genau darin liegt nach protestantischer Auffassung die Aufgabe der Christenheit.

Burkhard Weitz

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Weitz,
kaum hat Chrismon in einer früheren Ausgabe zugestanden, dass die evangelische Friedenslehre einen Angriff wie von Putin auf die Ukraine nicht für möglich gehalten hätte, und dass dies zu einer Überarbeitung ihrer Anschauungen führen müsse, schon kommen Sie mit neuen Unklarheiten um die Ecke.
Der "gerechte" Krieg muss den Frieden wiederherstellen und darf nicht zu Hass und Unversöhnlichkeit führen, die für eine spätere Nachkriegsordnung kein friedliches Miteinander ermöglichten. Finden Sie nicht, dass Sie den Ukrainern damit Unmögliches zumuten? Wie sollen sie wissen ob sie mit ihrer Verteidigung den Frieden wiederherstellen können, insbesondere wenn andere Staaten sie nicht in ihrem Recht unterstützen? Wenn eine Frau vergewaltigt wird und sich wehrt, kann man diese Handlung doch nicht unter dem Gesichtspunkt des späteren Erfolges oder Nicht-Erfolges bewerten.
Schließlich darf er nicht gegen Gottes Gebot verstoßen. Das Gebot heißt: Du sollst nicht töten!, was wohl eine fehlerhafte Übersetzung ist und müsste heißen: Du sollst nicht morden! Dies kann man wohl bei Notwehrmaßnahmen voraussetzen. Aber wie sollen die Überfallenen sich auch von Hass und und Unversöhnlichkeit während des Krieges und später freihalten, wenn der überfallende Staat mit seiner aggressiven Politik immer noch existiert?
Woher stammen die Anforderungen? Sie berichten, vom Theoretiker Augustinus! 1500Jahre alt. Wäre das nicht ein Grund, sie vor ihrer Zitierung kritisch auf ihre Praktikabilität zu prüfen?
Alles in allem sind das doch Anforderungen, die die Dinge nur verkomplizieren und klare moralische Maximen verwässern. Mir ist offen gestanden in Anlehnung an Bertolt Brecht lieber: Wie soll der Frieden in die Welt kommen, wenn nicht durch den Sieg der Friedlichen.
Ansonsten wünsche ich Ihnen viel Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen

Helmut Lambert

Kriege können angesichts der waffenstrotzenden Welt niemals mehr Lösungen für bestehende Konflikte sein. Sie verursachen nur Leid und Tote auf allen Seiten der Kriegsparteien. Wer meint, dass immer mehr Waffenlieferungen den Krieg in der Ukraine beenden wird, der betreibt nur die Geschäfte der Rüstungsindustrie. Schade, dass sich unsere Regierenden dieser Binsenweisheit verwehren und sich vor den weltpolitischen Karren der US-Regierung und der Waffenlobby spannen lassen.
Die Mehrheit unserer Bevölkerung sieht das mittlerweile anders, aber das scheint unsere Regierung nicht zu interessieren.
Claus Hörrmann
01844 Neustadt in Sachsen OT Polenz

"Kriege können angesichts der waffenstrotzenden Welt niemals mehr Lösungen für bestehende Konflikte sein." Kriege werden geführt, um durch den angestrebten Sieg ein politisches Ziel zu erreichen. Kriege wie auch die unkriegerischen Formen der Politik schaffen die Zustände, in denen sich der Normalmensch mit lauter Konflikten konfrontiert sieht. Es ist ein verbreiteter Fehler, sich Politik als das Geschäft von Konfliktlösung vorzustellen.

"Sie verursachen nur Leid und Tote auf allen Seiten der Kriegsparteien." Das "nur" ist falsch. Tod und Leid sind die miteingeplanten Kosten für die Freiheit oder was gerade als Höchstwert und Kriegsziel dran ist.

"Wer meint, dass immer mehr Waffenlieferungen den Krieg in der Ukraine beenden wird, der betreibt nur die Geschäfte der Rüstungsindustrie." Mit den Waffenlieferungen soll doch der Krieg nicht beendet, sondern gewonnen werden! Es trifft zu, dass die Eigentümer des Reichtums, der in der Rüstungsindustrie investiert ist, bei einem Krieg alle Gründe haben, sich wie die Schneekönige zu freuen. Trotzdem ist Krieg nicht das Geschäft der Rüstungsindustrie, sondern das der politischen Führung. Insofern lässt sich weder die russische noch die deutsche Regierung vor den Karren irgendeiner Waffenlobby spannen.

Die russische Führung erhoffte sich, in einem schnellen Feldzug - dehalb das Insistieren auf der Bezeichnung Militäroperation - in der Ukraine eine russlandfreundliche Führung zu installieren. Diese Absicht ist in die Hose gegangen.

Die politischen Führer der NATO-Staaten erhoffen sich durch ihren Stellvertreterkrieg, Russland als politische Großmacht ausschalten zu können. Ob diese Absicht auch in die Hose geht oder gelingt, werden wir Untertanen noch rechtzeitig mitgeteilt bekommen. Spätestens wenn der ABC-Alarm aufheult.

Friedrich Feger

"Aber in den Maschinen hocken junge Männer, die auch verbrennen oder in den Tod stürzen. Das ist eine Katastrophe,"

Der - wegen der Sprachbarriere selbstverständlich fiktive - ukrainische Soldat hat aus chrismon genau das erfahren, woran er auch schon selber mit Begeisterung glaubte: Er kämpft für die gute, zufällig auch NATO-Seite, der Feind kämpft für die böse, zufällig auch Russlandseite. Jetzt ist es ihm also gelungen, einen Hubschrauber in einen fliegenden Sarg zu verwandeln, bevor dessen Besatzung ihn umbrachte.

Und wenn er nun gerade selber mit dem Leben davongekommen ist und die gute Sache vorangebracht hat, soll er ausgerechnet zum Mitleid mit dem Feind moralisch verpflichtet werden. Da wird er sich zu beherrschen wissen.

Auf seinen Denkfehler soll er gerade nicht hingewiesen werden. Er verbucht für sich einen Erfolg, weil er noch lebt. Dumm nur, dass sein Abschnittskommandeur ihn nicht der Division als gefallen melden muss und der Generalstab hocherfreut ist, dass der Schütze A. und weitere noch nicht gefallene Kameraden somit für weiteres Verheiztwerden zur Verfügung stehen. So schaut der Erfolg aus.

Wenn schon Antreten zum Mitleid, dann gefälligst mit sich selbst.

Traugott Schweiger

KRIEG und FRIEDE. Es wird häufig falsch gedacht und danach argumentiert. Das Gegenteil von Krieg ist nicht Friede, sondern Verteidigung. Wie Angriff und Abwehr, frei und unfrei. Mit wenigen Ausnahmen hat ein Krieg immer das Ziel des Machtgewinns oder des Machterhalts. Ausnahmen sind präventive Gefahrenabwehr durch Rüstung, Kalter Krieg, Impfungen gegen Viren als Ergebnis ein gesundheitlicher Friede. Ein Krieg zwingt zur Verteidigung. Erst die Folge einer erfolgreichen Verteidigung ist der Friede. Auch eine Niederlage (1945) kann zum Frieden führen. Außerdem ist zu unterscheiden zwischen einem unfreien Frieden (Ex-DDR) und einem freien Frieden. Wer einen unfreien Frieden akzeptiert, wer die Toleranz der Intoleranz predigt, der provoziert Kugeln und wird gutmütig zum Kriegstreiber.

Ein Verteidigungskrieg als Antwort auf einem Angriff kann sehr wohl dann zum Frieden führen, wenn sonst der Unfriede droht.. Aber auch ein Aufstand gegen Despoten ist ein Krieg, der gewaltsam Veränderungen als Ziel hat. Wenn meine höchsten Werte in Gefahr geraten, darf ich sie dann verteidigen? Wenn mein Nachbar die gleichen Werte hat wie ich, darf ich ihm dann wirksam helfen? Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Märtyrer?

Nochmal andersrum. Ist nur die Summe von Angriff und Abwehr ein Krieg und das Gegenteil der Friede? Ist dann der Angriff ohne Verteidigung kein Krieg und was ist dann ein Friede? Wenn ein Krieg endet, herrscht dann Frieden? Oder hat nur der Zustand gewechselt und es ist für die Verlierer ein permanenter Angriff, ein Krieg gegen seine selbstbestimmte Freiheit? Wenn ein Friede mit einer selbstbestimmten Freiheit gleichgesetzt wird, muss ein verlorener Krieg, oder eine erzwungene Waffenruhe nicht zwangsläufig Friede bedeuten. Ein gerechter Krieg ist es dann, wenn meine Wertvorstellungen verteidigt werden sollen. Da alle Kulturen unterschiedliche Wertvorstellungen haben, kann es keinen gerechten Krieg für alle Beteiligten geben. Ein Burkini für alle ist kein Friede.

Werter Herr Ockenga, bevor Sie sich bei Ihren Selbstdialogen zu sehr verheddern, ein paar Klarstellungen. In jedem Krieg greifen die Bösen an und die Guten verteidigen sich. Denn Angriff ist böse und Verteidigung ist gut. Also kann es nur so sein. Praktischerweise ist die eigene Seite immer die gute und der Feind ist die böse. Das merkt man am besten daran, dass der Feind, von dem wir doch wissen, dass er böse ist, glatt behauptet, er sei der Gute und wir seien böse. Daran zeigt sich die Bosheit des Feindes am klarsten. Der falsche Fuchzger lügt wie gedruckt und macht Kriegspropaganda. Wir hingegen informieren.

Um was geht es beim Krieg, also beim Kampf Gut gegen Böse? Um das Schönste und Wichtigste, was man sich überhaupt denken kann: Um Werte. Sonst macht das Volk, das beim Krieg immerhin so schnöde Angelegenheiten wie Besitz, Gesundheit und Leben aufs Spiel zu setzen hat, nicht mit genügender Begeisterung mit. Solche Werte können selbstverständlich nicht erst dann als Trumpfkarte gespielt werden, wenn geschossen wird. Die müssen lange vorher systematisch gepflegt werden. Deswegen sind die Kirchen und andere moralisch hochstehende Organisationen ständig gefragt. Im Frieden, damit der anständige Bürger weiß, welche Werte er ganz toll zu finden hat. Im Krieg dann zur Aufrechterhaltung der Kriegsmoral. Werte sind eben nicht zu haben ohne diese wiederkehrenden Blutbäder.

Fritz Kurz

Einer Gehirnwäsche kann sich kaum einer entziehen. Im engsten Sinn demokratisch sind auch Wahlen unter diesem Einfluss. Warum sollte auch eine Mehrheit, der es gut geht, was anderes wollen. Kyrill hat schon mal von 33 bis 45 gelebt. Wem es gut geht, weil er seine Werte verkauft hat (Kyrill ohne Sorgen und das Konkordat bis jetzt), lebt und betet so, wie seine "Vorgesetzten" es möchten. Ist er ohne Tadel? Unrecht ist auch ein Krieg durch Unterdrückung und mit Kugeln als ständige Drohung. Nur mit einem gerechten Krieg kann ein menschenwürdiger Friede beginnen. Die Pazifisten des letzten offenen Briefs sind die Propheten des Unrechts, die Statthalter Putins, die Verkäufer ihrer christlichen Werte. Mein gutes Gewissen, meine Ruhe, meine Selbstgewissheit als Gegenleistung für die Toleranz des Bösen. Weil ich so "kooperativ" bin werde ich hoffentlich als Dank verschont. Bitte nach mir die Sintflut. Vorzeigechristen? Auch Kant konnte noch nichts über die Möglichkeiten der modernen medialen Gehirnwäsche wissen. Was er aber gewusst haben muss war, dass es schon immer Despoten, Kaiser, Könige, Religionen und Familienväter gegeben hat, die ihre Abhängigen mit Gewalt "überzeugten“, Kants Appell an das gebildete und vernunftgeleitete Bürgertum als Voraussetzung für Frieden war schon 1933 vergebens. Die Gesellschaften ändern sich, und die Sackgassen werden nicht weniger.