Bildung zählt: Ein Ex-Sklave aus Westafrika berichtet

Lernen, um frei zu sein
Brahim Ramdhane

Frank Schultze/Zeitenspiegel

Ain Salama: Hier, wo früher ein Zeltdorf war, wuchs
Brahim Ramdhane als Sklavenkind auf

Brahim Ramdhane, ehemaliger Sklave und Gründer seiner NGO Sahel Fondation zeigt seinem Sohn Ismael den Ort Ain Salama in der Nähe von Boutilimit in Mauretanien, wo er als Sklave aufgewachsen ist und für seine Masterfamilie arbeiten musste. Er kämpft seit seiner Selbstbefreiung als Jugendlicher gegen die Sklaverei, gegen die Unterdrückung seines Volksstammes der Haratin und für faire Bildungschancen. © Frank Schultze / Zeitenspiegel

Einst war er ein Sklave – heute engagiert sich Brahim Ramdhane in Mauretanien gegen Unterdrückung und Leibeigen­schaft. Was ihm als Kind half, gibt er weiter: Bildung.

An einem Vormittag Ende August parkt Brahim Ramdhane, 55, seinen Geländewagen vor einer Düne in der Wüste Mauretaniens. Lederne Flipflops trennen seine Füße vom glühenden Sand, ein leichter Wind bläht sein westafrikanisches Gewand zu einem Ballon. Er starrt auf eine rostige Metallplatte auf einem weiß getünchten Brunnen, aus dem schon lange niemand mehr Wasser zieht. 160 Kilometer ist Brahim Ramdhane mit dem Auto aus der Hauptstadt Nouakchott hergekommen auf der Suche nach Spuren seiner Vergangenheit. Alles, was er vorfindet, sind Überreste dieses Brunnens. Keine Zelte mehr, kein Dorf, kein Mensch weit und breit.

Jelca Kollatsch

Jelca Kollatsch, 37, Reporterin, fand Ramdhanes Mutter stark, vor allem wie sie für ihren Sohn eintrat, sein Leben veränderte und so das System der Sklaverei untergrub.
Privat

Frank Schultze

Frank Schultze, 63, Fotograf, fragte sich: Können wir ­damit in die Zeitung? Denn vor Abreise hatte die Geheim­polizei ihn und die Autorin zu Ram­dhane befragt. Doch ­dieser drängte: Ihr müsst das tun!
Friedrich Stark

 Brahim Ramdhane zeigt seinem Sohn Ismael den Ort, wo er als Sklave für seine Masterfamilie Wasser vom Brunnen holen musste.Frank Schultze/Zeitenspiegel

Hier erinnert sich Brahim Ramdhane an seine Kindheit. Er sieht sich als Fünfjährigen Kautschuksäcke in den 60 Meter tiefen Schacht hinablassen, hört die quietschende Seilwinde, erinnert sich an die Hitze, in der er schuften musste. "Brahim, hol Wasser", "Bra­him, mach Tee", "Brahim, such die Esel", befahlen seine Master aus der Familie der Daddah. Wenn er hinaus zu diesem Brunnen rannte, ­bekleidet nur mit einem Lendenschurz oder alten Lumpen, brannte der Sand unter seinen nackten Füßen. Damals war er ein Sklave.

Brahim Ramdhane gehört zu den Haratin, ehemaligen Sklaven und deren Nachkommen, die sich heute als Volksgruppe verstehen. ­ Als "dunkelhäutige Mauren" machen sie knapp die Hälfte der viereinhalb Millionen Menschen in Mauretanien aus, neben den "weißen Mauren" und Subsahara-Afrikanern. Dass die Einteilung in "Schwarze" und ­"Weiße" als Sklavinnen, Sklaven und ­Sklavenhalter kein Naturgesetz ist und wohl auch nicht der Wille Allahs, lernte Ramdhane erst im Laufe seines Lebens.

 Brahim Ramdhane mit seinem Sohn Ismael in der kleinen Bibliothek, wo er sich als Kind Bücher ausleihen konnteFrank Schultze/Zeitenspiegel

Schon mit vier Jahren molk Brahim ­morgens die Ziegen

Ein Zufall führte dazu, dass er die Schule besuchte. Heute trägt er mit seiner Stiftung dazu bei, dass mehr Haratin-Kinder zur ­Schule gehen. Auch dank seines Engagements wurde in Mauretanien als letztem Land der Welt Sklaverei im Jahr 2007 unter Strafe gestellt. Bis sie auch aus den Köpfen der Menschen verschwunden ist, wird noch viel Zeit vergehen.

Vor 50 Jahre lebten in Ain Salama mit ­seinem Brunnen fünf Sklavenhalterfamilien der Daddah-Sippe und 25 Sklavenfamilien. ­Allein seiner Masterfamilie dienten neben ­seiner Mutter und Brahim selbst zwei Dutzend weitere Leibeigene. Die großen Zelte der ­Master waren das Zentrum des Dorfes, drum herum standen die kleineren Zelte ihrer Sklaven. Dazwischen die Gehege für Ziegen und Kühe, etwas außerhalb Zelte für den Koranunterricht und die Schule.

Schon mit vier Jahren molk Brahim ­morgens die Ziegen und trieb sie ­anschließend in die Wüstensteppe auf der Suche nach Gras und Büschen. Zurück im Dorf musste er sich mit den Frühstücksresten der Sklavenhalter begnügen. Danach suchte er kilometerweit nach Feuerholz. Mit einer Kordel verschnürt trug er es auf dem Kopf nach Hause und stapelte es um die Feuerstelle. Ruhe fand er nie.

 Pure Armut, Wellblechhütten im Armenviertel Darnaim in Nouakshott. Hier leben überwiegend Menschen vom Volksstamm der HaratinFrank Schultze/Zeitenspiegel

Nur die weißen Kinder aus den großen ­Zelten besuchten die Koranschule

"Meine Mutter wollte, dass ich ein guter und geschätzter Diener bin," erzählt Ram­dhane. Die achtfache Mutter, tiefreligiös und Analphabetin, glaubte, dass Aufmüpfige ins Fegefeuer müssten. Deshalb schlug sie ihn, wenn ihr Sohn nicht arbeiten wollte. Brahim Ramdhane sagt: "Sie tat das, weil sie mich liebte." Ihr Ansehen als gute Dienerin sollte sich für ihren Sohn noch auszahlen.

 Mit Kohle oder Tinte auf Holz: Suren für die KoranschuleFrank Schultze/Zeitenspiegel

Nur die weißen Kinder aus den großen ­Zelten besuchten ab ihrem vierten Geburtstag die Koranschule, lernten Lesen und Schreiben. Sie trugen Schuhe, die sie gegen den heißen Sand schützten, und schöne Boubous, traditionelle Gewänder. Sie schliefen bei ihren Eltern auf Tapis, Betten aus Hölzern und Fell. Manchmal riefen die Master Brahim am Abend zu sich. Dann musste er an ihrem Fußende im Sand schlafen, getrennt von seiner Familie.

Im Oktober 1971 war Brahim fast sechs ­Jahre alt, als 13 freie Kinder in Ain Salama nach der Koranschule auf ihre Einschulung warteten. Die Regierung bezahlte nur dann einen Lehrer, wenn er mindestens 15 Schüler unterrichtete. Deshalb griffen die Sklavenhalter jedes Jahr zu einem Trick: Sie setzten Sklavenkinder auf die freien Plätze, wenn der Schulinspektor aus der Hauptstadt kam. ­Erteilte er die Genehmigung, mussten die ­Sklavenkinder wieder verschwinden. Die Haratin sollten schuften statt Arabisch, Franzö- sisch, Mathematik und den Koran zu lernen.

 KInder vor der Koranschule, die Sahel-Stiftung ermöglicht kostenlose BildungFrank Schultze/Zeitenspiegel

"Muss Brahim die Schule verlassen, verlasse ich euch"

Das Unvorstellbare geschah an Brahims erstem Schultag: Seine Mutter, sonst untertänig, rebellierte gegen die Willkür. "Muss Brahim die Schule verlassen, verlasse ich euch", drohte sie. Sie galt als unverzichtbar für die Master. Brahim durfte bleiben.

Vor der Schule molk er nun die Ziegen für das Frühstück der Master, mittags holte er Wasser auf dem Rücken der Esel, am Nachmittag kehrte er zur Schule zurück. Abends beugte er sich im Schein einer Öllampe über das arabische Alphabet und zeichnete Buchstabe für Buchstabe in sein Heft. Schnell hatte er den Vorsprung der Klasse aus der Koranschule aufgeholt, nach der 7. Klasse wurde er in die Mittelschule versetzt, in der Stadt.

Brahim Ramdhane steigt in seinen Toyota und verlässt den Ort seiner ersten Lebensjahre. Er fährt die staubige Straße Richtung Boutilimit, wo er zur Mittelschule ging, vorbei an Ziegen, die ihre Hälse nach den langen Blättern eines Niembaumes strecken, an Kamelen, die gemächlich durchs Buschland stolzieren.

"Mein Gefühl von Freiheit begann hier"

In nur wenigen Minuten ist er in der Transit- stadt Boutilimit angekommen. Rund um eine Kreuzung staut sich der Verkehr aus ­Pick-ups, Kleinbussen und Autos mit Teppichen auf dem Dach, Sitzkissen und Säcken auf den ­Ladeflächen und überfüllten Sitzplätzen. Ziegen reisen angebunden auf dem Dach ebenso mit wie Kamele auf Ladeflächen. Hier ­versorgen sich die Fahrer mit Brot, Wasser und Diesel für lange Touren in die Wüste.

Auf dem Gelände seiner ehemaligen Mittelschule kauen zwei Esel im Schatten eines Baumes an Blättern. Zwischen Büschen und Gräsern steht ein rostender Pick-up mit ­platten Reifen und ausgeschlachtetem Cockpit. "Mein Gefühl von Freiheit begann hier", sagt ­Ram­dhane und steuert das zentrale Gebäude an, ein grauer gemauerter Riegel mit zwei Klassenzimmern. Ziegenkötel liegen auf der Schwelle. Es ist angenehm kühl. Licht­streifen fallen durch schmale Fensterschlitze auf 18 staubige Schulbänke. ­Brahim Ramdhane setzt sich mit überkreuzten ­Armen in die zweite Bank der mittleren ­Reihe und denkt an jene Zeit, in der er das letzte Mal auf diesem Platz saß.

1978 war das. Rund 30 Jungen und ­Mädchen saßen damals vor ihren Heften und lernten französische Grammatik. Helle Gesichter, wie sie die Kinder der Sklavenhalter hatten. Auch dunkle. Brahim staunte. Hatte Allah die Sklaven nicht dunkel erschaffen? Wie konnte es sein, dass er hier mit Kindern lernte, die aussahen wie er, aber keine Leibeigenen ­waren? Offenbar war es kein unumstößliches Gesetz, dass die Hautfarbe den Lebensweg bestimmt.

 Brahim Ramdhane mit seiner Frau Mariam (li.) und Tochter Tutu zuhause in BoutilimitFrank Schultze/Zeitenspiegel

Brahim setzte sich demonstrativ ins Zelt der Master

Mauretaniens Kinder erhielten ihren Status durch die Mutter: War sie Sklavin, gehörten die Kinder den Mastern. Nach der ersten Schulwoche lief Brahim durch den Sand nach Hause, in sein Dorf Ain ­Salama, wo er sich wieder vom Schüler in ­einen Sklaven verwandeln sollte. Aber er wollte nicht mehr. Er setzte sich demonstrativ ins Zelt der Master. Die Daddahs erkannten seine Wandlung. Da sie den Schulbesuch akzeptierten, behandelten sie ihn nun auf Augenhöhe.

Er durfte sogar mit ihnen vom selben Teller ­essen. Er war überrascht und verstand: "Sie behandeln mich so, wie ich mich gebe." ­Brahim befand sich in einem Graubereich der Rollen zwischen Schüler und Sklave, also tes­tete er sie aus. Als sein Mas­ter eine Sklavin arbeiten schickte, giftete er: "Mach die Arbeit doch selbst." Störrisch reckt er sein Kinn in die Luft: "Warum brauchst du Sklaven dafür?"

Auch seiner Mutter machte er Vorwürfe. "Warum gehst du nicht fort?" – "Warum ziehst du nicht in die Stadt?" Seine Mutter antwortete: "Die Master sind meine Familie, so wie du es bist." Erst wenn Brahim sein eigenes Geld verdient, verspricht sie, wird sie zu ihm ziehen und ein freies Leben führen.

"Wir wollen Mauretanien nicht spalten, wir wollen Gleichheit"

Nach drei Jahren bestand er die Mittelschulprüfung, erhielt ein Stipendium und zog nach Rosso, wo er ans Gymnasium wechselte. Dort würde er künftig leben, in einem Schüler- wohnheim. 1980 war das – damals saß der 17-jährige Brahim zwei Wochen jeden Tag in einem Gerichtssaal in Rosso. Er wollte seinen Onkel Mohamed Messoud unterstützen, der zusammen mit anderen Männern angeklagt war. Ein Staatsanwalt habe verlesen: "Leitung einer nichtregistrierten Organisation, Widerstand gegen die Polizei und Anstiftung zur Spaltung des Landes." Messoud und die anderen gehörten zur Anti-Sklaverei-­Bewegung "El Hor" ("Der Freie"). Als Anfang desselben Jahres eine junge Frau auf einem Markt in Atar öffentlich als Sklavin verkauft worden war, hatte "El Hor" Demonstrationen in allen größeren Städten des Landes organisiert. Polizisten verhafteten die Anführer, die Regierung wollte an ihnen ein Exempel statuieren.

Der Staatsanwalt forderte die Todesstrafe, erzählt Brahim. Empört sprang er auf und rief: "Das sind doch keine Mörder!" Es kam zu einem Tumult im Saal, Anwälte schrien, Angehörige weinten. Dann hatten die Angeklagten das Wort. "Wir wollen Mauretanien nicht spalten, wir wollen Gleichheit. Sklaverei ist gegen das Menschenrecht." Erstmals ­ hörte Brahim, wie Menschen öffentlich die Sklaverei anprangern. Fortan wusste Brahim: "Ich will Anführer werden, wie sie."

 Eine Mutter lernt mit den Kindern gemeinsamFrank Schultze/Zeitenspiegel

Nicht Eisenketten binden die Leibeigenen, sondern Unbildung und psychische Unterdrückung

1980 wurde die Sklaverei abgeschafft, blieb jedoch straffrei. Brahim Ramdhane wurde Lehrer für Philosophie, heiratete seine Freundin aus der Mittelschule. Alle paar Jahre schickte ihn die Schulbehörde in eine andere Stadt in dem Wüstenstaat, der doppelt so groß ist wie Spanien. Seine Familie zog mit.
2007 stellte das mauretanische Parlament Sklaverei unter Strafe. Seit 2010 engagierte sich Brahim Randhame mit Freunden in der Organisation IRA-Mauretanien. Ihre Mitglieder führten Polizisten zu den Häusern von Sklavenhaltern, um sie zum Handeln zu zwingen und die Sklaven freizulassen. Einige Sklavenhalter wurden befragt, niemand verurteilt. Stattdessen mussten viele Aktivisten ins Gefängnis. "Wir haben vielen Sklaven geholfen, sich zu befreien", sagt Ramdhane. Doch nicht Eisenketten binden die Leibeigenen, sondern Unbildung und psychische Unterdrückung.

Ende August 2021 brennt die Sonne auf die Millionenstadt Nouakchott. Kein ­Lüftchen weht an diesem Tag im Haratin-Stadtteil ­Darnaim. Auf der Hauptstraße hupen klapprige Autos, kleine Lebensmittelläden, ­Wäschereien und Werkstätten reihen sich aneinander. In ­einer sandigen Seitenstraße fressen ­Ziegen den angewehten Müll, Kinder spielen ­zwischen Mauern aus Betonstein.

Aminetou zeigt, dass sich die Nachkommen von Sklaven aus ihrem Elend befreien können

Hier eilt Aminetou, 20 Jahre alt, groß gebaut, in ein schwarzes Gewand und lachs­farbenes Kopftuch gehüllt, mit gebeugtem Kopf über die Straße zu ihrer Tante. Dort backt sie jeden Morgen in den Schulferien Muffins und liefert sie an Lebensmittelläden. Dass Aminetou noch zur Schule geht, ist ein kleines Wunder. Von dem Ferienjob bezahlt sie ihre Schulbücher und das Internetkontingent für ihr Handy, um damit lernen zu können. Die junge Frau verkörpert alles, wofür Brahim Ramdhane die vergangenen Jahre gekämpft hat. Sie zeigt, dass sich die Nachkommen von Sklaven aus ihrem Elend befreien können, wenn sie Zugang zu Bildung erhalten.

 Aminetou, 20, ist sehr begabt. Sie will Medizin studierenFrank Schultze/Zeitenspiegel

Zwei Mal scheiterte Aminetou am Examen der Mittelschule. Ihre Eltern konnten nicht helfen. Der Vater schuftet auf dem Bau, und ihre Mutter sitzt Tag für Tag über Getreideschüsseln gebeugt, siebt Weizengrieß, um Couscous für den Markt herzustellen. Beide lernten als Kinder den Koran, sonst nichts. Ihre sieben Kinder sollen es besser haben als sie. Doch das ist gar nicht so einfach. In Aminetous Klasse lernten 90 Kinder, die Lehrer für naturwissenschaftliche Fächer erschienen nur selten zum Unterricht, so schlecht wurden sie bezahlt, und wenn sie kamen, unterrichteten sie nur halbherzig. "Es war eine furchtbare Zeitverschwendung", sagt Aminetou. Doch sie ließ sich nicht entmutigen und suchte Hilfe. Die fand sie mithilfe ihres Onkels vor drei Jahren in einem roten zweigeschossigen Eckhaus im Zentrum Nouakchotts.

"Schüler, die lernen wollen, fördern wir durch Privatschulen"

Hier prangt ein Schild an der Hauswand: "Hauptsitz der Sahel-­Stiftung. Für die Verteidigung der Menschenrechte, die Unterstützung von Bildung und sozialem Frieden." Hinter einem klobigen Schreibtisch aus dunklem Holz sitzt Brahim Ramdhane. Er klärt mit den Mitarbeitern Fragen zur Schülerzeremonie. Er unterschreibt Empfehlungsschreiben für Ehrenamtliche. Zwischendurch klingeln seine beiden Mobil­telefone. Die Papiere vor ihm flattern im Wind der Ventilatoren. Durch das geöffnete Fenster dringen Schreie von Eseln und das Hupen des Verkehrs herein. Eine dünne Schicht aus Sandstaub liegt auf Couchtisch, Sesseln und gerahmten Fotos an den Wänden. Auf einem Bild verleiht John Kerry, damals US-Außenminister, Brahim Ramdhane eine gerahmte Urkunde: Eine Auszeichnung für sein Engagement gegen Sklaverei.

 Brahim Ramdhane in seinem Büro in NouakshottFrank Schultze/Zeitenspiegel

Von hier aus leitet Brahim Ramdhane heute seine Sahel-Stiftung. Mit kostenlosem Koranunterricht, der Beantragung von Ausweispapieren, ohne die Kinder nicht zur Schule gehen können, mit Druck auf die Behörden und Schulplätzen in Privatschulen geht er gegen die Ausgrenzung der Haratin vor. Die schwarzen Mauren bilden mit knapp der Hälfte die größte Bevölkerungsgruppe im Land, sind in öffentlichen Ämtern oder in kulturellen und wirtschaftlichen Positionen jedoch kaum anzutreffen. Damit sich das ändert, müssten Haratin die gleiche Bildung erhalten. "Schüler, die lernen wollen, gute Leistungen haben und eine Idee, wo sie in der Gesellschaft arbeiten wollen, fördern wir durch Privatschulen", sagt Ramdhane. An Privatschulen lernen Kinder in kleineren ­Klassen und die Lehrer werden besser bezahlt. Seit 2017 schickt Brahim Ramdhane daher jährlich mehr als 1000 Kinder in ganz Mauretanien in Privatschulen. Dafür verhandelt er mit den Direktoren der Schulen kostenlose Plätze oder bezahlt das Schulgeld mit Spendengel­dern, die er vor allem von privaten Förderern und Nichtregierungsorganisationen aus dem Ausland erhält. Einen dieser Plätze bekam vor drei Jahren die Schülerin Aminetou.

"Dein Wissen gibt dir die Kraft, deine Welt zu verändern"

Am Ende des Tages, als die ­Muffins gebacken und ausgeliefert sind, beugt sie sich über ihr Heft. Sie lernt in einem freiwilligen Ferienkurs für ­ihren naturwissenschaftlichen Schwerpunkt. Nach dem Schulwechsel bestand sie das ­Examen der Mittelschule ohne Schwierigkeiten. Im ersten Jahr der Oberstufe erarbeitete sie sich den Titel als zweitbeste Schülerin ihrer ­Klasse. Ein Jahr später ist sie aktuell Klassenbeste. "Es fühlt sich toll an, die Beste zu sein," sagt Aminetou mit strahlenden Augen, "einerseits, weil ich es mir selber erarbeitet habe, andererseits, weil meine Eltern stolz sind und Ramdhane in der Sahel-Stiftung sieht, dass er mit mir die Richtige fördert, eine, die wirklich lernen will."

Aminetou will Ärztin werden. Darum lernt sie an sechs Abenden in der Woche, statt bei ihrer großen Familie zu sein. Im letzten Jahrgang haben nur acht Prozent aller Schülerinnen das Abitur bestanden, damit hat Mauretanien die niedrigste Abiturquote der Welt.

Brahim Ramdhane lehnt sich in seinem ­wackeligen Schreibtischstuhl zurück und schaut auf seinem Smartphone das Video der Zere­monie an, die seine Stiftung heute mit 80 Kindern, ihren Eltern und Sponsoren im Hof der Stiftung gefeiert hat. Ein Meer aus bunten Gewändern im ersten Nachmittagsschatten des hohen Hauses. Blechern klingt die ­Natio­nalhymne aus den Lautsprechern, die Kinder singen lautstark mit. In einem goldenen Dashiki, einem westafrikanischen Anzug, sitzt Ramdhane hinter einer Reihe von Mikrofonen. Er erinnert mit erhobener Stimme an den weiten Weg, den die meisten Familien hinter sich haben, an die Sklaverei und die Armut. Und er ruft den Kindern zu: "Du bist frei. Dein Wissen gibt dir die Kraft, deine Welt zu verändern. Wer nicht lernt, wird niemals frei sein!"

 Brahim Ramdhane in der Wüste MauretaniensFrank Schultze/Zeitenspiegel

Infobox

Moderne Sklaverei

Artikel 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbietet Leibeigenschaft, Sklaverei und Sklavenhandel.

Die Nichtregierungsorganisation Anti-Slavery International schätzt, dass heute 40 Millionen Menschen weltweit gegen ihren Willen ohne Lohn arbeiten, unter Androhung von Gewalt oder Verschleppung, in Gefangenschaft oder indem ihre ­Peiniger ihnen den Pass entziehen. Ein Viertel von ihnen seien Kinder, 71 Prozent Frauen und Mädchen. Am meisten verbreitet sei Schuldknechtschaft. Auch Menschenhandel und Zwangs­arbeit führen laut Anti-Slavery International in Sklaverei, ebenso die meisten Kinderehen. Vor allem in Mauretanien, Niger, Mali, im Tschad und im Sudan können Kinder in Sklaverei hineingeboren werden, wenn ihre Mütter schon unfrei sind.

Mehr Infos:  www.antislavery.org

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