Einst in Ho-Chi-Minh-Stadt, jetzt in deutscher Kleinstadt

Von Vietnam nach Bayern
Von Vietnam nach Bayern

Sebastian Arlt

Thi C., 43: "Selbst Nachbarn, die mich nicht kennen, grüßen mich auf der Straße"

Von Vietnam nach Bayern

Dass die Deutschen sich so viel sorgen, erstaunt sie. Aber sie findet das Vorausdenken gut.

Thi C., 43:
Mein deutscher Freund und ich sind seit 14 Jahren zusammen. Wir lernten uns in meiner Heimat Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam kennen, einer Neun-Millionen-Metropole. Dort lebten wir auch bis vor kurzem. 2014 kam unser Sohn auf die Welt. Für seine Schul­bildung wollten wir immer nach Deutschland ziehen, aber irgendwie fanden wir nie den richtigen Zeitpunkt. Bis zum ­Sommer 2021. Der Vater meines Freundes war gestorben, seine Familie brauchte ihn jetzt. Also zogen wir nach Deutschland. Genauer gesagt nach Bayern.

Für mich war es eine Umstellung, obwohl ich die Gegend ja schon von vielen Urlauben kenne. Am meisten freue ich mich für meinen Sohn. Er wächst jetzt in einer Kleinstadt mit rund 20 000 Einwohnern auf. Er kann ­allein zum Schulbus oder zur Oma gehen. Das Leben hier ist sicher, die Stadt ist grün, die Luft sauber. Das weiß ich unheimlich zu schätzen. Und ich erlebe eine freundliche Atmosphäre. Selbst Nachbarn, die mich nicht kennen, ­grüßen mich auf der Straße.

Was ich vermisse, ist das Leben draußen; in Vietnam ist es immer warm, man braucht nur Flipflops an den ­Füßen, um rauszugehen; alle treffen sich auf der Straße. Aber es ist okay, mein Leben ist jetzt hier. Meine Eltern sind beide verstorben. Ich habe sechs Geschwister, wir ­telefonieren oft. So bleiben wir verbunden.

Ich mache einen Sprachkurs und nehme Fahrstunden, damit mein Führerschein anerkannt wird. Bisher bin ich mit Englisch klargekommen – jetzt mischen sich Vietnamesisch, Englisch und Deutsch in meinem Kopf. Das ist anstrengend. Noch dazu der Straßenverkehr. Mein Fahrlehrer schreit manchmal: "Aufpassen! Du musst schauen!" Das macht mich nervös.

Überrascht hat mich, dass die Deutschen Kinder so sehr mögen. Es gibt das Vorurteil, dass Deutsche keine ­Kinder wollen, aber jetzt bekomme ich mit, dass viele deutsche Frauen sich mehr Kinder wünschen. Auch die Väter ­kümmern sich sehr gut um ihre Kinder.

Hier haben die Menschen einen langfristigen Blick

Die Deutschen sorgen sich allgemein viel. Manchmal erstaunt mich das. Aber unterm Strich finde ich es gut. In Vietnam denken wir meistens nur für die nächsten drei Monate im Voraus. Hier haben die Menschen einen ­langfristigen Blick, sie übernehmen Verantwortung für sich und ihre Familien. Auch die Regierung denkt voraus. Die Wissenschaft hat die nächsten Generationen im Blick, ­etwa wenn es um den Klimawandel geht. Die Leute ­arbeiten aktiv, um ihre Zukunft zu gestalten. Das beeindruckt mich. Hier hat die Jugend eine Perspektive. In Vietnam habe ich Informatik studiert, aber einen Computer gab es nicht. Wir haben alles auf Papier gelernt.

In Vietnam habe ich lange Zeit Videos in der Marketingbranche produziert. Für einen Job in deutschen Medien reichen meine Sprachkenntnisse nicht aus, ich habe mich erkundigt. Aber bald nach unserer Ankunft bekam ich einen Job in einem Corona-Testzentrum.

Mein neuer Glücksort ist die Bücherei

Was ich wirklich gern mache, ist spielen und singen mit Kindern. Ich erkundigte mich in der Fachakademie der Diakonie im Ort nach Perspektiven in dieser Richtung. Dort fiel mir am Schwarzen Brett ein Zettel auf: Ein Kindergarten in der Nähe suchte Praktikanten. Ich stellte mich vor und bekam einen Praktikumsplatz. Jetzt gehe ich zweimal pro Woche in den Kindergarten. Ich liebe die Arbeit! Die Kinder sprechen fast alle bayerisch, aber ich gebe nicht auf. Ich lerne von den Kindern und sie von mir. Ich bin stolz auf das, was ich schon geschafft habe.

Im September beginnt meine Ausbildung zur Er­­zie­herin. Sie dauert vier Jahre. In der Lehrakademie für Sozialpädagogik werde ich zusammen mit 16-Jährigen lernen. Meine Schwiegerfamilie war erst skeptisch. Aber diese Ausbildung ist mir wichtig. Ich möchte unbedingt arbeiten, einen richtigen Beruf in Deutschland haben und mein eigenes Geld verdienen. Inzwischen respektieren das alle.

Mein neuer Glücksort ist die städtische Bücherei. Es ist so ein schöner Ort! Da gehe ich gern mit meinem Sohn hin. Ich freue mich, Zugang zu all dem Wissen zu haben. Ich lese gern etwas über die deutsche Geschichte. Und wenn mein Deutsch besser ist, will ich den Einbürgerungstest machen.

Protokoll: Karina Scholz

Leseempfehlung

Er war ans Haus gekettet, im Irak. Jetzt ist er 
in Berlin, kurvt mit dem Rollstuhl herum und lernt und lacht
Er arbeitet viel, unterstützt die Mutter in Ghana, schickt Geschenke - es reicht nie. Jetzt will er etwas ändern

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.