Das Kunstwerk - Miriam Cahn, Schön!

Miriam Cahn, Schön!, 2016, Öl auf Leinwand, Courtesy: The Artist and Meyer Riegger, Basel/Berlin/Karlsruhe

Das Kunstwerk - Miriam Cahn, Schön!

Flucht. Das Kunstwerk von Miriam Cahn: "schön" (2016)

Es brennt!
Die Familie hat nur die nackte Haut gerettet. Und eine Puppe. "schön" nennt Miriam Cahn ihr flammendes Bild.

Das Motto könnte lauten: Malen, was Sache ist. Nur ist das, was die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn malt, nichts für schwache Nerven. Sexualisierte Gewalt, Krieg – oder wie hier: Flucht. Mann, Frau, Kind in beißend heißer Landschaft, einer Wüste? Offensichtlich auf der Suche nach einem besseren Leben. Oder bei dem Versuch, wenigstens dem Tod zu entkommen. Vertreibung und Migration sind zwei der großen Themen von Miriam Cahn, die sie seit vielen Jahren in etlichen und drastischen Variationen ausbaut.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

Das Bild hier, "schön" (von 2016), ist noch eines der harmlosen. Miriam Cahn malt Gewalt als festen Bestandteil unseres Lebens. Ihre berühmtesten Bilder zeigen ertrinkende Menschen in einem unwirklich blau leuchtenden Mittelmeer. Oder eine neue Version von ­Gustave Courbets "Der Ursprung der Welt", das weibliche Genital, extrem gespreizt und mit riesiger Klitoris.

Überhaupt Sex: bei Cahn nie einfach nur angenehm, immer auch Macht und Missbrauch. Männer mit zum Bersten erigierten Penissen in der einen Hand, die andere Hand zur Faust geballt. Zorn sei ihr Motor, sagt die Künstlerin, der nackte Körper ein Werkzeug, um zu zeigen, was ist. Es sind klare Botschaften, für barocke Schwülstigkeiten ist Miriam Cahn nicht zu haben. ­Unsere Alltagsheucheleien, schöne Schleier vor der Wirklichkeit, wischt sie beiseite.

Nackte Menschen mit buchstäblich nichts als sich selbst

Dass wir uns im Sommerurlaub am ­Mittelmeer bräunen, während ein paar Wellen weiter Menschen ertrinken – für sie ist das eine große Schande, gegen die sie schon lange künstlerisch aufbegehrt. Der Krieg in der Ukraine dürfte Miriam Cahn leider bestätigen. Nicht nur weil er zeigt, wie viele Menschen heute Flucht und Vertreibung erleiden. Sondern auch weil klar wird, wie zynisch Europa die flüchtenden Menschen in willkommen und wertlos unterteilt. Glaubt man Experten der Welthungerhilfe, sind die Millionen Frauen und Kinder aus der Ukraine nur ein Bruchteil der Anzahl von Menschen, die sich bald etwa aus der ­Sahelzone auf den Weg machen – hungernd, aber mit Hoffnung im Gepäck. Wer Miriam Cahns Bilder kennt, wird von dieser Nachricht nicht überrascht sein.

Ihr Werk ist durchdrungen von der Ahnung, wie zerbrechlich unser Alltag ist. Und trotz all des Leids, von dem ihre Bilder erzählen, trotz der Verletzlichkeit, mit der sie wie auch hier nackte Menschen zeigt, die mit buchstäblich nichts als sich selbst versuchen, dem Elend zu entkommen: Ihre Bilder haben etwas Betörendes, vielleicht sogar betörend Schönes. So wie hier im Bild: Mischt sich ein fast schon kitschiger, orangeroter Sonnenuntergang da hinein? Oder sind es nur die Farben von Blut, von Feuer und Konflikt?

Ein ästhetischer Bruch durchzieht Miriam Cahns Werk. Früher Kreidezeichnungen mit traumartiger Unschärfe, Gesichter mit hypnotisierenden Blicken, heute vor allem knallige Ölfarben, Wachmacher-Bilder, die einen reinziehen und lange nicht mehr loslassen. Cahn, Jahrgang 1949, wuchs selbst in schwierigen Verhältnissen auf, die Mutter depressiv, die Schwester drogenabhängig. Kultur, so sagte sie mal, sei ihre Rettung gewesen. Früh im Leben setzt sie sich Ziele: Niemals heiraten, das ist klar. Ehe, Familie, alles, was nach sozialer Enge und "Frau von . . . " klingt, lehnt sie für sich ab. Wer sie bloß eine Feministin nennt, untertreibt maßlos. Ihre Kunst ist klar, aufgeräumt, ­direkt.

Sie ist unbequem wie nur wenige Künstler zurzeit

Tempo muss drin sein und Melodie – in der Art, wie die Bilder entstehen, wie sie die Künstlerin später für Ausstellungen hängt und wie sie wirken. Selbst für ihre größten Arbeiten braucht sie höchstens ein paar Stunden. Und fast noch schneller ­werden ihr die Bilder heute abgekauft.

Doch das scheint sie am allerwenigsten zu interessieren. Sie ist unbequem wie nur wenige Künstler zurzeit. Gerade schafft sie in der Schweiz einen Präzedenzfall: Weil das Kunsthaus Zürich die Sammlung von Emil Bührle zeigt, der Waffen an die ­Nazis lieferte und Kunst von verfolgten Juden erwarb, hat die Jüdin Miriam Cahn das Museum aufgefordert, ihre Bilder an sie zurückzugeben.

Langsam, aber sicher hat die Öffentlichkeit die Schweizerin als eine ihrer gegenwärtig wichtigsten Künstlerinnen entdeckt. Sie haben gute Chancen, ihre Werke 2022/23 irgendwo zu sehen – auf der Venedig-Biennale, in der Albertina in Wien, im Pariser Palais de Tokyo. Gehen Sie hin!

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