Ein Pfarrer in Jerusalem über Ausschreitungen auf dem Tempelberg

Hört das denn nie auf?
Palästinenser protestieren nach dem letzten Freitagsgebet im Ramadan vor der Al-Aqsa Moschee. Jerusalem

Khila Mahrm/Anadolu Agency/Getty Images)

Palästinensische Demonstranten nach dem letzten Freitagsgebet im Ramadan vor der Al-Aqsa Moschee in Jerusalem.

JERUSALEM - APRIL 29: Palestinians gather in the courtyard of the Al-Aqsa Mosque after the Friday prayer during a protest against the Israeli forces' violations on Al-Aqsa Mosque in Jerusalem on April 29, 2022. About 160 thousand Muslims gather to perform the last Friday Prayer of Ramadan at Al-Aqsa Mosque. (Photo by Khila Mahrm/Anadolu Agency via Getty Images)

Pfarrer Joachim Lenz wohnt in Jerusalem 400 Meter vom Tempelberg entfernt. Wie er die jüngsten Auseinandersetzungen dort erlebt.

Vergangene Woche roch es durch die geöffneten Fenster nach verbranntem Holz. Seltsam, dachte ich, wieso verfeuert jemand in der Altstadt von Jerusalem Holz? Der Nachrichtenticker gab kurz darauf die Erklärung: Auf dem Tempelberg, dem Haram asch-Scharif, war bei einer der fast täglichen Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Muslimen und israelischer Polizei ein Baum in Brand geraten. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld am Feuer.

Joachim Lenz

Joachim Lenz ist seit 2020 evangelischer Propst in Jerusalem. Er wurde 1961 in Wuppertal geboren, war Pfarrer in Enkirch, danach rund zehn Jahre als Pastor für den Evangelischen Kirchentag tätig und von 2015 bis 2019 Theologischer Vorstand und Direktor der Berliner Stadtmission.
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Die Propstei liegt am Schnittpunkt von christlichem, jüdischem und muslimischen Viertel, der Tempelberg ist keine 400 Meter entfernt. Ich kann den Nahostkonflikt in meiner Wohnung riechen und hören. Feuerwerk, Schüsse oder Schockgranaten meine ich inzwischen am Klang unterscheiden zu können – eine Fertigkeit, die ich nie haben wollte. An Karfreitag und am Ostermorgen hat mich jeweils eine Mischung der verschiedenen Knallsorten geweckt. Trotzdem war die gemeinsame Karfreitagsprozession von Evangelischen und Anglikanern um 6 Uhr morgens ganz friedlich. Aufregung und Randale waren 100 Meter entfernt. Verschiedene Welten liegen hier ganz nah beieinander.

Am 29. April, dem letzten Freitag im Ramadan, der vom Iran als israelfeindlicher Al-Quds-Tag ausgerufen wurde, ist es weitgehend friedlich geblieben. Gott sei Dank! "Nur" der übliche Krach der Ausschreitungen, "nur" etwas mehr als drei Dutzend Verletzte, viele Tausend friedliche Beterinnen und Beter an der Al-Aqsa-Moschee. Ich bin erleichtert, obwohl sich vieles in mir sperrt, die dauernde Anspannung und latente Gewalt im Heiligen Land als normal anzuerkennen. Es geht ja schon seit Jahren so. Wie und wann soll es denn besser werden?

Die Bahn half bei der Ermordung der Juden

Szenenwechsel: Gestern war ich in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem beim Staatsakt zum Yom Hashoa, dem nationalen Holocaust-Gedenktag. Wir legten dort im Namen der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde einen Kranz nieder. Vorn lädt ein großformatiges Plakat in die aktuelle Ausstellung der Gedenkstätte ein. Es zeigt ein altes Foto von Menschen neben einem Eisenbahnwaggon – für mich sofort als Holocaust-Dokument erkennbar. Die Reichsbahn hatte während des Nationalsozialismus nach Kräften beim Massenmord an jüdischen Menschen geholfen. Und jetzt? Bei der Gedenkfeier legt nach der Bundestagspräsidentin Bärbel Bas auch Bahnchef Richard Lutz einen Kranz nieder. Mir fällt ein, dass die Deutsche Bahn in den vergangenen Wochen Hilfsgüter in die Ukraine geliefert und Flüchtlinge mit Sonderzügen nach Berlin in Sicherheit gebracht hat. Kostenlos und schnell. Krasses Gegenprogramm, denke ich und atme durch: Doch, manches wird auch besser.

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