Kirchenmitglieder und ihre Vorurteile

"Nicht alle Kirchenmitglieder sind soziale, liebe Menschen"
"Nicht alle Kirchenmitglieder sind soziale, liebe Menschen"

Maren Amini

Die Kirchen sind ein Spiegel der Gesellschaft

"Nicht alle Kirchenmitglieder sind soziale, liebe Menschen"

Wie viele Vorurteile haben Christen? Sind sie toleranter als die Durchschnitts­deutschen? Oder gar rassistischer? Ergebnisse einer neuen Studie.

chrismon: Die zentrale Botschaft des Christentums ist Nächsten­liebe. Spiegelt sich das in den Einstellungen der Kirchenmitglieder wider?

Gert Pickel: Leider nicht. Christen und Christinnen in Deutschland unterscheiden sich kaum von der Gesamtbevölkerung, wenn es um Vorurteile gegenüber anderen Religionen, Kulturen oder um Geschlechterrollen geht. Allein beim Antisemitismus und der Muslimfeindlichkeit haben sie ­etwas weniger Vorurteile. So äußern 25 bis 40 Prozent der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder islamfeindliche Haltungen. In der Gesamtbevölkerung sind es im Schnitt 30 bis 50 Prozent, je nachdem, welche Frage man stellt.

Was haben Sie genau gefragt?

Wir haben Personen zum Beispiel die Aussage vorgelegt: Muslimen stehen in Deutschland die gleichen Rechte zu wie allen anderen. 67 Prozent der ­Katholiken, 68 Prozent der Protestanten, aber nur 60 Prozent der restlichen Bevölkerung stimmen zu.

Gert Pickel

Gert Pickel, 58, ist einer der elf Experten und Expertinnen, die die neue Studie durchgeführt haben. Er ist Professor für Religions- und Kirchen­soziologie am Institut für Praktische Theologie der ­Universität Leipzig und hat viel zu Rechtsextremismus, gruppenbezogenen Vorurteilen, ­politischer Kultur und Religiosität geforscht.
Swen ReichholdGert Pickel

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Wie sieht es mit Ressentiments ­gegen Sinti und Roma aus?

Zwischen 35 und 40 Prozent der ­Katholiken und Protestanten haben antiziganistische Vorurteile und hätten zum Beispiel gern, dass Sinti und Roma aus den Innenstädten entfernt werden. Gegenüber Geflüchteten sind Kirchenmitglieder etwas positiver ein- gestellt. Doch wenn sich Geflüchtete nicht so verhalten, wie man es von ihnen erwartet, schlägt die grundsätzliche Hilfsbereitschaft oft um in typisierende und generalisierende ­Zuschreibungen als "Fremde".

Wie antisemitisch sind die Kirchenmitglieder?

Zehn Prozent der Katholiken und zehn Prozent der Religionslosen finden, dass Juden einen zu großen Einfluss haben – aber nur sechs Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder. Höhere Zustimmungswerte bekommt man in allen Gruppen, wenn man nach israelbezogenem Antisemitismus fragt, der tradierte antisemitische Ressentiments mit dem Staat Israel verbindet.

Wie haben Sie danach gefragt?

Wir haben den Personen zum Beispiel diese Aussage vorgelegt: Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer. 14 Prozent der Religionslosen stimmten zu, zwölf Prozent der Katholiken und acht Prozent der Protestanten. 31 Prozent der Religionslosen finden, dass Israels Politik in Palästina genauso schlimm ist wie die Politik der Nazis im Zweiten Weltkrieg. ­Dieser Ansicht sind auch 30 Prozent der Katholiken und 26 Prozent der Protestanten. Dort, wo sich die Gesamtbevölkerung antisemitischer äußert, sind auch die Kirchenmitglieder ­antisemitischer. Protestanten äußern sich auffallend weniger antisemitisch. Da scheint der christlich-jüdische Dialog Wirkung zu zeigen. Er wird in der evangelischen Kirche intensiver geführt als in der katholischen.

 Maren Amini

"Je dogmatischer die Religiosität, umso homophober und sexistischer sind die Einstellungen"

Die katholische Lehre wertet Homo­sexualität nach wie vor ab, die evangelische Kirche steht der sexuellen Vielfalt viel offener gegenüber. Zeigt sich das in den Einstellungen der Gläubigen?

Erstaunlicherweise kaum. 79 Prozent der Katholiken finden, dass Homosexualität etwas völlig Normales ist, aber nur 76 Prozent der Protestanten. Man kann also nicht sagen, dass Protestanten mit sexueller Vielfalt und gleichgeschlechtlicher Sexualität so wahnsinnig gut zurechtkommen. Auffällig ist hier der Abstand zur Gesamtbevölkerung. Für 82 Prozent der religionslosen Deutschen ist gleichgeschlechtliche Liebe völlig normal.

Woran liegt es, dass Kirchenmitglieder homophober und sexistischer sind?

Der stärkste Faktor für jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bei Kirchenmitgliedern ist das Gefühl, anderen von Natur aus überlegen zu sein. Aber man darf nicht vergessen: Die Kirchenmitglieder sind eine plurale Gruppe. Die Vorurteile hängen auch weniger mit der Kirchenmitgliedschaft zusammen, sondern mit der Art der Religiosität. Je dogmatischer die Religiosität ausgerichtet ist, umso homophober und sexistischer sind die Einstellungen.

 Maren Amini

Wie viel Prozent der Kirchenmitglieder sind dogmatisch eingestellt?

Wir haben vor allem zwei Gruppen identifiziert: die Transreligiösen und die Monoreligiösen. 45 Prozent der Kirchenmitglieder – bei katholischen und evangelischen ist das ziemlich gleich – haben eine transreligiöse Orientierung. Transreligiös heißt: Sie sind überzeugt, dass alle großen Religionen den gleichen wahren Kern haben und finden andere Religionen bereichernd; sie sind bereit, religiöse Vorstellungen und Praktiken aus anderen Religionen in ihren eigenen Glauben zu übernehmen, und schließen in ihre Nächs­ten­­- liebe auch Personen außerhalb ihrer eigenen Religion ein. Die Mono­reli­giösen machen 22 Prozent aus, eine kleine, sehr aktive Gruppe. Sie gehen von der Überlegenheit des Christentums aus, sind bereit, für ihre Religio­nen größere Opfer zu bringen und versuchen, möglichst viele Menschen für das Christentum zu gewinnen. Der Abstand der monoreligiös geprägten Kirchenmitglieder zur Gesamtbe­völkerung bei Homophobie und Sexismus macht 30 bis 40 Prozent aus.

Liegt es also an den 22 Prozent Monoreligiösen, dass die Kirchenmitglieder insgesamt nicht besser abschneiden als der Rest der Gesellschaft?

Das könnte man so sagen. Denn die Transreligiösen neigen weniger zu Vorurteilen als die Gesamtbevölkerung. Dies gilt für faktisch alle untersuchten Vorurteile, abgesehen von Ressentiments gegenüber Armen und der Abwertung von Menschen mit Handicaps. Oft gleichen sich so die besonders stark und besonders wenig mit Vorurteilen belasteten Gruppen an Kirchenmitgliedern in der Gesamtheit aus.

"Die Kirchen sind ein Spiegel der Gesellschaft"

Argumentieren die Monoreligiösen theologisch?

Gläubige, die sich anderen Religionen überlegen fühlen, lehnen häufig die hermeneutisch-kritische Exegese ab und übertragen biblische Aussagen eins zu eins auf heute. Sie argumentieren etwa, dass nirgendwo in der Bibel stehe, dass Frauen ordiniert werden sollen. Das sagt man zwar nicht mehr laut, aber die Einstellungen sind doch noch existent. Sexuelle Vielfalt ist ein Reizthema für diese Gruppe. Es ist für manche auch die Brücke zum rechtspopulistischen und rechtsextremen Spektrum. Sie finden rechte Positio­nen zwar nicht im Allgemeinen gut, aber sehen in den rechten Gruppen Verbündete im Kampf gegen sexuelle Vielfalt und Frauenrechte. Diese kleine Gruppe ist laut und aktiv und sorgt dafür, dass man im kirchlichen Raum auf einmal scharfe Auseinandersetzungen haben kann.

 Maren Amini

Sammeln sich diese 22 Prozent in bestimmten Regionen?

Im Erzgebirge, im Siegerland, in Teilen Baden-Württembergs, Gebieten, die man gern als "Bible Belts" bezeichnet, sind sie stärker vertreten als in anderen Teilen Deutschlands. Und sie sammeln sich in Gemeinden, wo der Pfarrer eher ihren Positionen zuneigt.

Zeigt sich die Polarisierung zwischen Mono- und Transreligiösen auch bei der Hilfe für Geflüchtete?

Durchaus. Während sich viele Religiöse mit einem universalen Menschenbild für Geflüchtete engagieren, grenzen sich monoreligiös geprägte Kirchenmitglieder eher ab und ­stärken die Identität der eigenen Gruppe, indem sie andere abwerten.

"Ein Drittel der Protestanten findet, Armut ist selbstverschuldet"

Sie haben auch die Einstellungen der Kirchenmitglieder zu arbeitslosen und obdachlosen Menschen untersucht. Was haben Sie herausgefunden?

Obdachlose treffen auf erhebliche Vorurteile in der Gesellschaft. Das gilt für Kirchenmitglieder nicht weniger als für Menschen ohne Religionszugehörigkeit, wobei die Vorurteile bei Protestantinnen und Protestanten um Nuancen geringer ausfallen. Schaut man genauer hin, wird auch hier die Polarisierung deutlich: Viele enga­gie­ren sich, aber eine Minderheit findet das gar nicht gut. Auch in den Kirchen ist leistungsorientiertes Denken stark verbreitet. 57 Prozent der Katholiken und 54 Prozent der Protestanten sind überzeugt, dass sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen, über ein Drittel findet, dass Armut selbst verschuldet ist. Nicht alle Kirchenmitglieder sind soziale, liebe Menschen.

Ist das eine gute oder schlechte Nachricht?

Sagen wir mal so: Wir haben in der Kirche nicht nur homophobe Leute und Muslimhasser, wie man manchmal denken könnte, wenn man hört, was da so an Vorurteilen etwa gegen evangelikale Gemeinden im Umlauf ist. Aber auch das Selbstbild einiger Kirchenvertreter, wir sind ja alle gute Menschen, entspricht nicht der Wirklichkeit. Die Kirchen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Im Gemeindekirchenrat sind Leute vertreten, die mit der AfD sympathisieren, und welche, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. In Zukunft werden die Konflikte in den Gemeinden zunehmen.

 Maren Amini

Warum?

Wem Kirche und Religion nicht mehr wichtig ist, tritt aus. Es bleiben die­jenigen, die etwas bewegen wollen: die einen in Richtung Soziales, Flüchtlingshilfe, Moderne, und die anderen wollen genau das verhindern. Diese beiden Gruppen werden künftig in den Gemeinden aufeinanderprallen.

"In den Kirchen wird noch diskutiert"

Wie gehen die Gemeinden mit diesen Spannungen um?

Es kommt immer auf das Umfeld an. Schon allein in Sachsen, wo ich lebe, ist es sehr unterschiedlich. Ich trete zum Beispiel für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ein und hätte es im Erzgebirge relativ schwer, mit meiner Meinung durchzudringen. In Leipzig ist es umgekehrt, da haben es Menschen schwer, die konservativer und weniger plural in den genannten Dingen denken.

Weder die einen noch die anderen sind wirklich tolerant?

Das kann man inhaltlich nicht gleichsetzen mit Blick auf die Offenheit der Gesellschaft. Aber man möchte seine Position durchsetzen, das ist in den Kirchen nicht anders als in der restlichen Gesellschaft. Der Unterschied ist allerdings: In den Kirchen gibt es noch Räume, in denen man diskutiert und sich mit Positionen auseinandersetzt, die einem nicht passen. Andern­orts fehlen diese Räume.

Ich habe in Ihrer Studie aber auch gelesen, dass Konflikte in Kirchengemeinden oft unter der Decke gehalten werden.

Man versucht, kritische Themen eher zu vermeiden. Das ist ja erst einmal nicht verwerflich. Aber irgendwann kommen die Probleme eben doch hoch. Zum Beispiel, wenn Gemeindemitglieder Geflüchtete aufnehmen wollen und andere sind dagegen. Da werden die unterschiedlichen Posi­tionen auf einmal sichtbar. Auch wer wie rechtspopulistisch tickt.

 Maren Amini

Woran machen Sie Rechtsextremismus fest? Woran Rechtspopulismus?

Rechtsextremistische Positionen zielen auf die Abschaffung der Demo­kratie und der Verfassung. Man fordert einen starken Führer und ein Einparteiensystem. Rechtspopulistische Positionen zeichnet aus, dass sie in hohem Maße Politiker, eine gefühlte "Elite" und die plurale Gesellschaft ablehnen, ohne direkt einen Systemwechsel zu fordern.

"Die Kirchenmitglieder sind prodemokratischer als die Bevölkerung"

Wie rechtspopulistisch sind die Kirchen­mitglieder?

Die meisten sind etwas prodemokratischer als die Bevölkerung. Was damit zusammenhängt, dass die ­Kirchengemeinden mehr Räume für Gespräche bieten, da gibt es noch mehr Vertrauen untereinander. Grundsätzlich gilt hier, je religiöser in einem offenen, liberalen Sinne, umso demokratiefreundlicher sind die ­Kirchenmitglieder.

Sie haben Ihre Befragungen während der Pandemie durchgeführt. Sind Sie auch auf Verschwörungsgläubige gestoßen?

Verschwörungsmythen finden sich besonders bei dogmatisch eingestellten Gläubigen, da kommt zum ­Tragen, dass man sich anderen überlegen fühlt und sich gegenseitig bestärkt. Am stärksten sind Para­gläubige für Verschwörungsmythen empfänglich.

Paraglaube?

Darunter verstehe ich Menschen, die an Horoskope, Wunderheiler oder Bachblütentheorie glauben. Die ­können sich oft auch vorstellen, dass es Chemtrails gibt oder dass einem beim Impfen Chips eingesetzt werden. In den Kirchengemeinden finden sich 15 bis 20 Prozent Paragläubige – mehr als außerhalb der Kirchen.

 Maren Amini

"Wir müssen die Studierenden besser vorbereiten"

Pfarrer und Pfarrerinnen werden in Zukunft mehr Konflikte austragen müssen. Sind sie darauf vorbereitet?

Da sehe ich noch Luft nach oben. Sie müssen stärker ihre Rolle klären, ­sortieren, was die Erwartungen der verschiedenen Seiten sind und Kompromisse suchen. Das ist normal in ­einer pluralen Gesellschaft, aber nicht einfach. Wir müssen die Studierenden besser darauf vorbereiten.

Was kann die Theologie beitragen?

Wir brauchen eine stärkere Verbindung der Theologie an den Universitäten mit Gegenwartsfragen. Wenn im Gemeindekirchenrat ein AfD-Mann sitzt und alle Beschlüsse torpediert, nutzt es nichts, in die hohe Theologie abzuschweifen. Da muss ich konkret argumentieren und mein Wissen praktisch umsetzen.

Infobox

Infos zur Studie

Die Evangelische Kirche in Deutschland beauftragte 2019 ein interdisziplinäres Forschungsteam mit ­dieser ersten repräsentativen ­Studie, um heraus­zufinden, wie evangelische und katholische ­Kirchenmitglieder (ohne Freikirchen) im Vergleich zu religions­losen Deutschen gesellschaftspolitisch denken. Im Mai/Juni 2020 wurden 2503 Face-to-­Face-Interviews mit Selbstausfüller-Fragebögen durchgeführt, Social-­Media-Äußerungen, Postings, E-Mails an kirchliche Adressaten zum Thema Seenot­rettung untersucht und vier Kirchengemeinden in ­Ost- und Westdeutschland ­beleuchtet. Die Studie "Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung" hat 280 Seiten und ist in der Evangeli­schen Verlags­anstalt Leipzig erschienen.

Nichts mehr verpassen. Erhalten Sie regelmäßig alle Reportagen, Interviews und Kommentare im Monatsabo. Jetzt testen im Probeabo von chrismon plus. Gedruckt und digital – hier bestellen

Leseempfehlung

Das Leben von Zwanzigjährigen dreht sich um sie selbst und ihre Familie. Gerhard Wegner hat sie befragt
Kasachisch kochen mit Bankern. Den Gottesdienst opulent zelebrieren. Und das Pfarrhaus immer offen lassen. In Frankfurt, Laucha und Hannover ­macht die evangelische Kirche vieles richtig
Noemi Harnickell ist im Pfarrhaus aufgewachsen, Kirche ist für sie etwas Gutes. Viele sind irritiert, wenn sie davon erzählt
Kirche im Netz und die Gemeinde im Dorf: Pfarrerin Josephine Teske vom Netzwerk yeet wurde in den Rat der EKD gewählt
Die digitale Seelsorgerin spricht auf Instagram mit Menschen über ihren Glauben. Der Pfarrer aus Dresden hatte analog genug zu tun – bis vor kurzem
Die Autorin Iris Wolff und der Autor Senthuran Varatharajah über die Kunst, Worte zu finden

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Diese Lüge ist normal. Bigotterie ist, wenn man 2 Göttern dienen will, die sich gegenseitig ausschliessen. Die Not und Bedrohung ausserhalb wissen und nur für sich zuhause in Limburg und Rom den Prunk und Protz sehen wollen. Oder: Das Konkordatsgeld (bis heute!) nehmen und zu tolerieren, wenn Hitler die Werte zertrümmert, die man für sich beansprucht. Oder: Sich selbst in der Not "einen schönen Fuss machen" und mit schönen Wünschen und Beerdigungsreden zusehen, wie Putin wütet. Und dann noch hoffen, dass man selbst verschont bleibt. Erschreckend und irrsinnig ist dann noch, dass bei allem Leid ein Atom- und Weltkrieg noch am gerechtesten ist, weil er alle erreicht. So brutal lernt man zu denken, wenn man den "Gutmenschen" auf den Leim geht. Zum "Selbstschämen".

Bi steht oft für zwei. Also von mir aus: Bigotterie steht für Zweigötterdienst. Der soll böse sein, wenn die Götter sich ausschließen. Das kann gar nicht sein. Alle Götter lieben gnadenlos ihre jeweiligen Fans und haben nur deren Bestes im Sinn. Deshalb werden die Götter ganz ungehalten, wenn die Gläubigen drohen, zum Feind überzulaufen. Das ist also eine wichtige Gemeinsamkeit von Göttern, kein Zeichen von Ausschluss.

Putin konnte es nicht mehr mit ansehen, wie die ukrainische Regierung die Russland wohl gesonnenen Zeitgenossen in der Ostukraine bedrängte und bombardierte. Deshalb hat er aus christlicher Pflicht zur Nächstenliebe seine Truppen losgeschickt. Die Nato konnte es nicht mehr mit ansehen, wie die russische Regierung die Russland übel gesonnenen Zeitgenossen in der Ukraine bedrängte und bombardierte. Deshalb hat sie aus christlicher Pflicht zur Nächstenliebe ihren Stellvertreterkrieg auf Touren gebracht.

Die Fans beider Seiten können ihren jeweiligen irdischen und himmlischen Göttern gehorsamst vermelden, dass die Heimatfront steht und die wahre Front sich bewegt.

Das hat nichts mit Bigotterie zu tun. So funktioniert Monogotterie, also Gottesglaube. Sowohl der Glaube an den himmlischen Gott, wie auch der Glaube an den Staat, der seine gläubigen und ungläubigen Insassen über alle Maßen liebt. Solange sie mitmachen, versteht sich. Aber sie werden auch weiterhin mitmachen. Wetten?

Fritz Kurz

Transreligiöse, Monoreligiöse und die Anderen ?
Ich möchte hiermit auf den Artikel reagieren, der in der Mai-Ausgabe von Chrismonplus erschienen ist unter dem Titel « Nicht alle Kirchenmitglieder sind soziale, liebe Menschen ».
Der Gegensatz zwischen trans- und monoreligiösen Christen finde ich ein bisschen vereinfachend, denn diese zwei Kategorien machen nur 67 % der Gesamtzahl der Kirchenmitglieder aus. Wer sind die anderen 33 % ? Ich fühle mich weder der einen noch der anderen Kategorie zugehörig. Einerseits respektiere ich alle Religionen und meine Nächstenliebe muss selbstverständlicherweise allen Menschen gelten. Andererseits würde ich nicht Vorstellungen und Praktiken von anderen Religionen übernehmen. Wozu eigentlich ? Im Christentum allein gibt es schon so viel Vielfalt und so viel Raum für unterschiedliche Vorstellungen und Praktiken !
Darüber hinaus denke ich nicht, dass das Christenum den anderen Religionen per se überlegen ist, aber ich finde schon, dass die Vorstellung von einem Mensch gewordenen Gott, der sein Leben aus reiner Liebe für die ganze Menschheit hingibt und dann wieder aufersteht, einzigartig ist ! Keine andere Religion hat diese Botschaft in ihrem Kern ! Diese Botschaft und deren Folgen für das Leben den anderen Menschen nahezubringen durch Wort und Tat, scheint mir Teil des natürlichen Auftrages eines jeden Christen zu sein. Deswegen bin ich noch lange kein monoreligiöser Christ, der homophob und sexistisch eingestellt ist, ganz im Gegenteil !

Mit freundlichen Grüssen
Herr Théophile MALLO

URTEILE sind BESSER (Gründe) ALS VORURTEILE. Ein Urteil nur aufgrund der Äusserlichkeit wird als falsch bezeichnet. Aber häufig kann man gar nicht anders. Irrtum normal. Sie sind in der Bahn, suchen einen Platz, laufen von Abteil zu Abteil. Dann entscheiden Sie. Nach welchem Anblick? Das Vorurteil hat zugeschlagen. Sind Sie einem vermeintlichen Risiko ausgewichen. Das geschieht täglich. Sie kaufen Spargel vom Discounter. Vorurteil: Den besseren hat EDEKA oder der Bauer direkt. Der Bauer hat EDEKA und den Discounter mit tagesfrischer Ware beliefert. Er selbst verkauft 2. Wahl vom Vortag. Und jetzt? Ich kann selten ein Urteil vorher prüfen. Das Vorurteil für Sachentscheidungen ist häufig nicht zu vermeiden. Personen oder Gruppen abzuwerten ist falsch. Besuchen Sie einen fremden Kulturkreis, sind sie auch betroffen.

Der Paraglaube, das ist Neudeutsch für Aberglaube, ist also abzulehnen. Der seriöse Glaube hingegen ist heute zwar nicht mehr als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen, spielt aber in einer ganz anderen Liga. Da wäre eben mal aufzumerken, wie ihm das gelingt.

Steht im Horoskop, dass heute ein guter Tag für einen Neuanfang in der Liebe sei, dann grinst sich der halbwegs aufgeklärte Zeitgenosse zu Recht eins. Weist Frau Pastorin in der Predigt darauf hin, dass der Glaube zu manchem ungeahnten Neuanfang befähigt, sieht man keine spöttischen Gesichter.

Lebt der Wunderheiler in der Moderne, dann darf der Verdacht geäußert werden, dass Scharlatanerie am Werk sei. Hat der Wunderheiler vor rund zweitausend Jahren zugeschlagen, dann "ist die Gottesherrschaft schon in der Gegenwart als die alle Verhältnisse verwandelnde endzeitliche Macht wirksam". Aha! Das Zitat stammt von S. 89 der online-Präsentation von Jürgen Roloff, Jesus, München, 2004. Der Autor ist guter Transreligiöser, nicht böser Monoreligiöser.

Wer den "Gemeinen Odermennig" rituell verarbeitet und zu sich nimmt, dürfte einem Humbug aufsitzen, auch wenn von Bachblütentherapeuten behauptet wird, das täte seinem Seelenzustand gut. Wer Brot und Wein rituell bespricht und sich von dessen Verzehr in der Gemeinschaft von Gleichgesinnten manches verspricht, mag sich vielleicht irren. Aber schlichter Humbug? Nie und nimmer!

Traugott Schweiger

Glauben bedeutet, etwas für wahr ohne Beweis annehmen. Was bedeutet annehmen? Was unterscheidet den Aberglauben vom Glauben?
Vermutlich jeweils nur die intensive persönliche Gewissheit.

Der Glaube, wenn es sich denn um Religiosität handelt, ist als ein Ergebnis auf das Jenseits gerichtet. Ist er im Diesseits nicht erlebbar (warum hat der Herr das zugelassen?) könnte er abhanden kommen. Er könnte sich aber auch einer anderen hoffentlich später erlebbaren Irrationalität zuwenden. Der Aberglaube ist hier zuhause, alltäglich und ohne Folgen. Für ihn gibt es weder eine Rechenschaft noch eine Zukunft über sich selbst hinaus. Verliert man einen Aberglaube, wird man weder "im Geiste" ärmer oder reicher, noch muß man zum Psychologen. Der Glaube setzt auf Hoffnung. Der Aberglaube kennt nur das Willkürliche und ist ohne eine je motivierende Hoffnung. Der Glaube kennt Menschenrechte, der Aberglaube besteht weder aus Recht, noch aus Unrecht.

"Der Glaube kennt Menschenrechte". Klar. Wer ein Fan von Glauben und Menschenrechten ist, freut sich, dass seine Idole so vorbildlich Seite an Seite schreiten.

Wem zu Menschenrechten etwas anderes einfällt als selbstverständlicher Beifall, verfällt nicht der Freude. Jede Herrschaft hat Fahnen, hinter denen sich die der Herrschaft Unterworfenen gefälligst mit Begeisterung sammeln sollen. Diese Fahnen gibt es nicht nur als gefärbte und zugeschnittene Stoffbahnen der Truppe. Viel wichtiger sind die gedanklichen Fahnen. Das war mal der Lebensraum im Osten, andernorts der Aufbau des Sozialismus und hier und heute sind es die Menschenrechte.

Ist es nicht toll, dass es zu den Menschenrechten gehört, nicht gefoltert zu werden? Es dürfte kaum jemanden geben, der gefoltert werden will. Dumm ist nur Folgendes: Wenn der amerikanische Vernehmungsbeamte zum Waterboarding schreitet, um Informationen herauszuholen, dann macht er das doch nicht, weil ihm die Menschenrechte schnurz wären. Ganz im Gegenteil! Er will doch den Menschenrechten zum Sieg verhelfen. Deshalb muss derjenige, der der Unterstützung des Terrors verdächtig ist, eben wirkungsvoll angefasst werden.

Also: Die Menschenrechte sind die Großartigkeit, zu deren Verfolgung gelegentlich auch gefoltert werden muss. Wer das nicht haben will, sollte sich hüten, sich hinter der Fahne namens Menschenrechte einzureihen.

Für den Glauben gilt Ähnliches. Gott ist ganz großartig und deshalb der Glaube an ihn entspechend wunderbar. Bei so einer Herrlichkeit gibt es dann kein Halten mehr. Die Folgen sind entsprechend und bekannt.

Kein Wunder, dass Glaube und Menschenrechte so gut zusammenpassen.

Traugott Schweiger

Diese Bigotterie ist doch kein Alleinstellungsmerkmal der Politik! Gefoltert und Kriege geführt wurde doch im Namen Christi immer. Spurlose Nächstenliebe. Der "Bi-Gott" der Macht, des Prunks, des Geldes, der irdischen Genüsse und der Sexualität war doch schon immer mächtiger als das reine christliche Verständnis. Fürstbischöfe mit allen Lastern. Streng genommen müssten sich doch alle chr. Kirchen und Sekten von dieser Vergangenheit lossagen und alle Brücken sprengen. Die irdischen "Heiligen" ? Eine pure Anmassung zur Gefügigkeit der mit der Aussicht auf die Hölle Gefolterten. Das "Menschenrecht" des chr. Glaubens kann man deshalb auch aus einem ganz anderen Winkel betrachten. Im Westen und allen anderen Richtungen nichts Neues.

Nein, mit Bigotterie hat das Alles nichts zu tun. Bigotterie bedeutet Scheinheiligkeit, also ein so tun als ob. Weder der staatliche Folterer noch der Gefolterte verstellen sich. Sie sind überzeugt von ihren Idealen. Es geht nicht um Scheinheiligkeit. Es geht um die waschechte Heiligkeit. Sowohl die Heiligkeit aus der Glaubenswelt, wie auch die Entsprechung bei den politischen Idealen.

Traugott Schweiger

In der Intensität unterscheiden sich Glaube und Aberglaube nicht. Sowohl beim Glauben wie beim Aberglauben gibt es von der XL-Profi-Qualität bis zur windelweichen Halbherzigkeit alle Ausprägungen. Der Unterschied liegt in der Nützlichkeit für die vorherrschenden Zwecke. Mit dem Glauben an Gott und Zubehör kann man die Mannschaft wunderbar am Arbeiten, Mitmachen und Gehorchen halten. Mit dem Glauben an das Horoskop, die Bachblütenessenzen und die Wunderheilerei lässt sich zwar auch reichlich Unheil stiften, aber doch nicht die Züchtung von freien Bürgern oder wie die selbstbewussten, stolzen Untertanen jeweils heißen.

Traugott Schweiger

Die Gläubigen auch nicht. Und was ist mit den "Zuckersüssen", die mit voller Überzeugung fordern, dass doch alle Welt (demnächst?) besser werden sollte und muss und dafür Gesetze erlassen werden müssen. Habt ihr alle schon friedlich geerbt? Könnt ihr selbst alle eure Schwächen ausschalten? Finger hoch, der Friedensnobelpreis winkt.

Ich habe nochmal alles gelesen. In der Summe ist der Inhalt eine Katastrophe. Für welchen normalen "Glaubensgeist" ist das denn alles noch verständlich? Ist man nur noch mit einem theologischen Uniseminar in der Lage zu glauben?. Oder andersrum. Führt ein solcher Diskurs zum Un- oder Irrglauben? Wie niedrig muss denn nun ein IQ sein, um noch ehrlich (=einfältig?) Glauben zu dürfen. Diese Theologie hat sich verirrt. So wird der Glaube zu einem hochintellektuellen (?) Scharmützel. Vermutlich eher eine Adankungsurkunde .