Ronja von Wurmb-Seibel über konstruktiven Journalismus

"Gebt der Gewalt keine Bühne!"
"Gebt der Gewalt keine Bühne!"

Alexey Furman/Getty Images

Olia (rechts) umarmt ihre Nachbarin, die nach Butscha (Ukraine) zurückkehrt

BUCHA, UKRAINE - APRIL 05: Olia, 53, (right) hugs her neighbor who returned to Bucha, on April 5, 2022 in Bucha, Ukraine. The Ukrainian government has accused Russian forces of committing a "deliberate massacre" as they occupied and eventually retreated from Bucha, 25km northwest of Kyiv. Dozens of bodies have been found in the days since Ukrainian forces regained control of the town. (Photo by Alexey Furman/Getty Images)

Wie viel Blut und Leid sind nötig in Berichten über den Krieg? Wie finden wir positive Nachrichten? Ronja von Wurmb-Seibel weiß Rat.

chrismon: Wenn ich auf mein Handy schaue, das Radio anmache, kommen als Erstes Nachrichten vom Krieg aus der Ukraine. Das zieht mich ganz schön runter. Wie gehen Sie damit um?

Ronja von Wurmb-Seibel: Ich konsumiere seit einigen Jahren keine klassischen Nachrichtensendungen mehr, weil mir häufig die Lösungsansätze fehlen. Ich informiere mich vor allem über aktuelle Sachbücher, Podcasts, Dokumentarfilme.

Als Journalistin will ich informiert bleiben über den Kriegsverlauf. Sachbücher sind mir nicht aktuell genug. Wie kann ich trotzdem verhindern, dass mich das Negative überflutet?

Nehmen Sie sich feste Zeiten und informieren Sie sich einmal, dreimal oder fünfmal am Tag für zehn Minuten. Stellen Sie die Pushnachrichten ab. Sie können sowieso nie alles erfahren. Wenn Sie sich feste Zeiten setzen und trennen zwischen dem, was in der Welt passiert, und dem, was in Ihrem Leben passiert, durchlöchern die Nachrichten Ihren Alltag nicht so sehr und Sie können besser damit umgehen.

Ronja von Wurmb-Seibel

Ronja von Wurmb-Seibel, geboren 1986, ist Autorin, Filmemacherin und Journalistin. Sie lebt im bayerischen Dünzelbach, wo sie gemeinsam mit ihrem Partner Niklas Schenck ein Gästehaus für Künstler:innen ins Leben gerufen hat. Zusammen mit Schenck hat sie die Produktionsfirma Brot + Zwiebel gegründet, für die sie als Produzentin und Regisseurin arbeitet. 2013/2014 lebte sie als Reporterin in Kabul, um über den Alltag der Menschen im Krieg zu berichten. Davor arbeitete sie als Redakteurin im Politik-Ressort der "Zeit". 2022 erschien ihr Buch "Wie wir die Welt sehen. Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien" im Kösel-Verlag.
Niklas von Wurmb-Seibel

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Sie haben in Afghanistan gelebt und viel Schlimmes mitbekommen. In Ihrem Buch habe ich gelesen, wie sehr Ihnen das zu schaffen machte. Was hat Ihnen geholfen?

Ich bin 2013 als Reporterin nach Kabul gezogen, gleich meine erste Recherche handelte von drogenabhängigen Kindern. Die Geschichte dieser Familie war so aussichtslos, dass ich mich fragte: Wem hilft das? Für mich war es schmerzhaft, die Geschichte zu recherchieren, für die Familie, sie zu erzählen, und für Leser und Leserinnen in Deutschland war es nur eine weitere schreckliche Geschichte aus Afghanistan. Ich wollte unbedingt einen Hoffnungsschimmer finden und fragte nach den Ursachen für den Drogenkonsum. Es stellte sich heraus, dass die Eltern Schmerzen gehabt hatten, als sie das erste Mal Drogen konsumiert hatten, aber keine Medikamente und keine medizinische Versorgung. Sie haben mit den Drogen ihre Schmerzen und später dann auch die der Kinder betäubt. Diese Erkenntnis machte die Geschichte nicht weniger schlimm, aber sie deutete den Ausweg an: Wir müssen das Gesundheitssystem verbessern. Seitdem frage ich bei allen Recherchen: Wie können wir das Problem lösen? Meine Formel dafür ist Scheiße plus X. Scheiße plus Lösungsansatz. Formaler gesprochen: konstruktiver Journalismus.

Was bedeutet das für die aktuelle Kriegsberichterstattung?

Statt nur darauf zu schauen, wie militärische Eskalation funktioniert, könnten wir ganz grundsätzlich danach fragen, unter welchen Bedingungen ein Waffenstillstand oder Friedensverhandlungen möglich sind. Was hat in der Vergangenheit in einer solchen Situation geholfen? Es ist ja erforscht, unter welchen Bedingungen Frieden wahrscheinlicher wird. Was können wir daraus lernen? Was wären die ersten kleinen Schritte? Der extremste Kommentar, den ich gelesen habe, war: Ab jetzt müssen wir jeden Tag mit der Apokalypse rechnen. Das ist nicht seriös, das ist auch mit Fakten nicht zu begründen.

"Wie können wir Probleme lösen, statt nur über sie zu berichten?"

Mein Eindruck ist: Alle Vorschläge, die mit Diplomatie zu tun haben, werden gerade als naiv diffamiert. Wie kommt man da raus?

Wir sind so auf die Eskalation und die Gewalt fokussiert, dass selbst einer Geschichte, die halbwegs Negatives und Positives auslotet, sofort vorgeworfen wird, sie verharmlose. Ich glaube, es hilft, das immer wieder auseinanderzudröseln: Der Krieg ist schlimm. Und gerade weil er so schlimm ist und wir das auch berichten, ist es wichtig, nach Lösungsansätzen zu suchen.

Warum ziehen uns negative Nachrichten so an?

Das hat mit der evolutionsbiologischen Entwicklung unseres Gehirns zu tun. In der Zeit, in der wir Menschen uns noch vor wilden Tieren schützen mussten, war das eine Funktion, die uns geholfen hat, zu überleben: zuerst die Gefahr wahrnehmen. Heute steht uns diese Funktion aber die meiste Zeit im Weg. Wenn wir jedoch wissen, wie unsere Reflexe funktionieren, können wir sie hinterfragen.

In der Journalistenschule habe ich gelernt: "Hund beißt Mann" ist keine Nachricht. "Mann beißt Hund" schon.

Natürlich wäre die Feststellung, dass heute nichts passiert ist, keine Nachricht. Darum geht es aber auch nicht. Es geht darum, zu fragen, wie wir die großen Probleme unserer Zeit lösen können, anstatt immer nur über die Probleme zu berichten. Und es gibt auch ermutigende Entwicklungen, die berichtenswert wären und untergehen.

Ein Beispiel?

Die Kriminalitätsrate sinkt. Das ist eine spannende Entwicklung und eine wichtige Information, die – das zeigen Studien – die meisten von uns nicht kennen. Das können wir thematisieren, wir können recherchieren, woran es liegt. Wenn wir das wissen, können wir die Kriminalität vielleicht noch weiter senken. Oder die Debatte um den Tankrabatt: Da wird viel darüber geredet, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Mich würde viel mehr interessieren, wie andere Länder mit den gestiegenen Energiepreisen umgehen. Neuseeland zum Beispiel halbiert für drei Monate die Preise für den Nahverkehr. Wenn wir Alternativen und unterschiedliche Perspektiven kennen, ist die inhaltliche Diskussion spannender, als wenn wir nur über das Für und Wider einer einzigen Möglichkeit debattieren.

"Wir bekommen ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit"

Wie wirkt sich das aus, wenn wir so viele negative Nachrichten hören und sehen?

Wir bekommen ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit, und das beeinflusst, wie wir wählen, wie sicher wir uns fühlen, wie wir unsere Kinder erziehen. Wenn sich der Eindruck verfestigt, dass sich eine Krise an die andere reiht, ohne dass jemals etwas gelöst wird, hinterlässt das bei uns das Gefühl, dass ich sowieso nichts tun kann. Das führt dazu, dass wir passiv werden, nicht mehr wählen gehen, uns aus der Gesellschaft zurückziehen. Eine funktionierende Demokratie braucht ja aber, dass sich möglichst viele einbringen.

Sie schreiben in Ihrem Buch: "Wenn wir über Gewalt berichten und nicht auch über Wege, sie zu überwinden, tragen wir dazu bei, dass sich Angst und Schmerz weiterverbreiten. Wir geben der Gewalt eine Bühne und verhelfen ihr zu mehr Macht, auch wenn wir das Gegenteil erreichen wollen." Können wir über Kriege berichten – ohne Gewalt zu zeigen?

Die Kriegsparteien wollen Angst schüren, das ist in jedem Krieg so. Wollen wir Journalist*innen dabei mitmachen? In der ersten Woche des Ukraine-Krieges hatte das Magazin "Der Spiegel" eine riesige Explosion auf dem Cover, in der zweiten Woche zertrümmerte Häuser, in der dritten ein martialisch inszeniertes Porträt von Putin. Muss Gewalt so viel Platz einnehmen? Natürlich gibt es Verbrechen, die auch in Bildern gezeigt werden müssen, unbedingt. Es ist nur wichtig, sich immer wieder zu fragen: Wie viel Gewalt zeigen wir? Was lernen wir daraus? Wenn wir Leid zeigen, nur um Leid zu zeigen und uns nicht auch fragen, wie das Leid beendet werden kann, hat das aus meiner Sicht sehr schnell etwas Voyeuristisches. Den Menschen vor Ort ist jedenfalls nicht automatisch damit geholfen, wenn wir ihr Leid im Detail verfolgen.

"Die Überlebenden in den Fokus stellen"

Waren die Bilder von Butscha wichtig?

Es ist wichtig, Verbrechen zu dokumentieren und das auch zu zeigen. Die Frage ist, wie ich sie zeige und was ich drumherum erzähle. Vor einigen Jahren haben mein Partner und ich einen Dokumentarfilm über einen Selbstmordanschlag in Afghanistan gemacht. Wir hatten den kompletten Anschlag als Bildmaterial und die erste Version unseres Films enthielt auch einige Szenen daraus. Letztendlich haben wir aber nichts davon verwendet. Weil wir gemerkt haben: Wir lernen nichts aus der Gewalt. Das Blut bringt uns nichts bei. Wir stumpfen eher ab, wenn wir so etwas sehen. Stattdessen haben wir Menschen erzählen lassen, was sie gedacht und gefühlt haben, als sie die Explosion erlebt haben. Unser Eindruck war, dass Zuschauer*innen auf diese Art viel besser nachvollziehen können, was es tatsächlich bedeutet, so einen Anschlag zu erleben. Statt der Gewalt eine neue Bühne zu geben, haben wir die Überlebenden in den Fokus gerückt.

Ich muss nicht selbst Angst haben, um Angst zu verstehen?

Im Gegenteil: Wenn ich Angst habe, bin ich mit mir selbst beschäftigt und kann weniger gut mit anderen mitfühlen. Kriegsverbrechen müssen natürlich dokumentiert werden. Aber nicht alles davon muss eins zu eins veröffentlicht werden. Die meisten Medien tun das ja auch nicht.

Auch chrismon betreibt konstruktiven Journalismus, weil es für uns zur christlichen Haltung gehört, Zuversicht zu vermitteln. Wir berichten über Schicksalsschläge und Krisen und fragen immer, wie man die Krise überwinden kann. Aber was, wenn es keine Hoffnung gibt? Etwa weil die Taliban den Mädchen in Afghanistan verbieten, weiterführende Schulen zu besuchen. Wir veröffentlichen demnächst eine Geschichte über Mädchen, die von einer Lehrerin heimlich unterrichtet werden …

Dass eine Lehrerin Kinder trotz Lebensgefahr unterrichtet, ist ja schon ermutigend! Als die Taliban das erste Mal an der Regierung waren, gab es auch heimliche Schulen. Sie könnten noch nach einer Frau suchen, die damals auf diese Weise unterrichtet wurde, und sie fragen, was das in ihrem Leben bewirkt und verändert hat – inwiefern es ihr Hoffnung geben konnte in einer so schwierigen Zeit.

"Alles Mitgefühl bringt nichts, wenn wir handlungsunfähig sind"

Wie war das für Sie, als die Taliban vergangenes Jahr die Herrschaft übernommen haben?

Ich habe wahnsinnig viele Nachrichten von sehr verzweifelten Freund*innen und Kolleg*innen bekommen. Ich habe ja mit vielen Afghanen und Afghaninnen zusammengearbeitet bei meinen Recherchen, sie haben damals mein Leben beschützt, daraus leite ich die Verantwortung ab, das Gleiche für sie zu tun oder es zumindest zu versuchen. Aber auch Hunderte andere Menschen, die ich nicht kannte, haben mich kontaktiert und schilderten mir ihre verzweifelte Situation. Im ersten Moment war ich extrem hoffnungslos. Dann habe ich mir gesagt: Reiß dich zusammen! Was kannst du jetzt tun? Zu verzweifeln kam mir wie ein Luxus vor. Am Anfang fiel mir nur ein, mit Interviews auf die Situation aufmerksam zu machen, eine Petition zu starten, Spenden zu sammeln. Nach und nach haben wir aber immer mehr Sachen gefunden, die wir tun können. Inzwischen ist es uns gelungen, für 15 unserer früheren Mitarbeitenden und ihre Familien Visa für Deutschland und ihre Ausreise zu organisieren und hier für sie Gastfamilien zu finden. Egal, wie verzweifelt eine Situation sich im ersten Moment anfühlt: Wir können immer etwas tun, wenn wir mit kleinen Schritten anfangen. Alles Mitgefühl der Welt bringt nichts, wenn wir handlungsunfähig sind.

"Was ist diese Woche gut gelaufen?"

Auch im Privaten erzählen wir uns oft erst mal die negativen Erlebnisse. Was hilft?

Sich zu fragen, was heute gut gelaufen ist oder überraschend schön war – und ein Gespräch damit beginnen. Viele von uns machen genau das Gegenteil: Wir starten ein Gespräch mit negativem Zeug, das komplett banal ist: Ein Zug hatte Verspätung, wir sind im Stau gestanden, so was. Aus der Forschung wissen wir, wenn wir ein Gespräch mit etwas Negativem beginnen, ist es extrem schwer, diese Spur wieder zu verlassen. Wenn wir aber mit etwas Positivem einsteigen, ist die Chance größer, dass sich auch das Gespräch in diese Richtung entwickelt.

Manchmal ist es auch entlastend, sich Frust von der Seele zu reden.

Wenn es uns wirklich schlechtgeht oder uns etwas belastet, ist es total wichtig, davon zu erzählen. Mir geht es mehr um das alltägliche Genörgel, um das kaputte Handy, die Handwerker, die nicht kommen. Sachen, die vielleicht kurz nerven, aber eigentlich nicht wirklich schlimm sind. Ich glaube, für viele Menschen fühlt es sich vielleicht erst mal ein bisschen gefährlich an, über das zu sprechen, was sie schön finden oder was sie berührt. Wir machen uns damit verletzbar. Andere könnten mit einer blöden Bemerkung reagieren oder sich über uns lustig machen. Nörgeln und grummeln dagegen sind sozial eigentlich immer akzeptiert. Es ist etwas, mit dem wir experimentieren können: Wir können nach schönen Dingen fragen. Was ist diese Woche gut gelaufen? Worauf freust du dich? Meine Erfahrung ist: Da kommen oft ganz intensive und überraschende Momente dabei raus. Wir lernen uns neu kennen! Manchmal entsteht so eine neue Verbundenheit.

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