Traumberuf: Bestattungsfachkraft

Die Kosmetikerin wird Bestatterin
Die Kosmetikerin wird Bestatterin

Hanna Lenz

Bestatterin Bettina Strang, 50: "Ich werde oft gefragt, wie ich das aushalte, so viele Tote"

Die Kosmetikerin wird Bestatterin

Seitdem schiebt sie Dinge, die ihr wichtig sind, nicht mehr auf

Bettina Strang, Jahrgang 1971:

Ich habe 22 Jahre in der Kosmetikbranche gearbeitet. Erst im Salon meiner Mutter, später in einer Kosmetikfirma. Schließlich kam ich an den Punkt, dass ich dachte: Was haben wir davon, wenn wir uns alle zu Tode tunen und optimieren, will ich wirklich Teil davon sein? Meine Arbeit fühlte sich nicht mehr stimmig an, obwohl ich den Kontakt zu ­meinen Kundinnen sehr mochte.

Eine Grenzerfahrung im Jahr 2017 brachte mich dazu, meinen Job in der Kosmetik tatsächlich zu kündigen: ­ Ich bin von einem alten Schulfreund vergewaltigt ­worden. Ich besuchte ihn zu Hause, er hat K.-o.-Tropfen in ­meinen Gin Tonic gemischt. An das, was passiert ist, hatte ich ­lückenhafte, aber eindeutige Erinnerungen. Ich zeigte ihn an, und glücklicherweise ist er verurteilt worden. Mir kam zugute, dass es schon zwei weitere Anzeigen gegen ihn gab. Nach dem Vorfall litt ich unter Panikattacken und suchte mir therapeutische Hilfe.

Vom Sterben abgekämpfte Körper

Ich hatte den starken Antrieb, etwas in meinem Leben zu ändern, machte mich selbstständig als Texterin. In der Zeit erfüllte ich mir auch einen Wunsch, den ich schon ­länger hatte: Ich machte ein Praktikum bei dem Ham­burger Bestattungsunternehmen Trostwerk. Von ­jeher hatte ich eine Affinität zu Tod und Friedhöfen. ­Vielleicht, weil ­meine Oma und mein Opa bei uns zu Hause ­gestorben sind, meine Mutter hat sie liebevoll gepflegt. Ich hatte kein Problem, den toten Körper meiner Großmutter zu ­berühren. Damals war ich 16. Nur dass der Bestatter sie übermäßig aufgehübscht hat, mit toupierten Haaren und rosigen Wangen, gefiel mir nicht, ich fand das künstlich.

Wenige Monate nach dem Praktikum bot mir das ­Unternehmen eine Festanstellung an. Ich sagte sofort zu, ich mochte das Team, in dem jeder mit Herzblut dabei ist, und wusste, dass dieser Job genau richtig für mich ist.

Oft kommen die Verstorbenen aus dem Krankenhaus, im verrutschten OP-Hemd, und vor mir liegt ein zerzauster, vom Sterben abgekämpfter Körper. Wenn ich diesen toten Menschen wasche und anziehe, mit seiner persönlichen Kleidung, vielleicht dem Lieblingspullover, kehrt etwas von seinem Wesen zurück. Das macht mich jedes Mal froh. Für die Angehörigen hat es etwas Heilsames und Friedvolles, wenn sie ihn dann so sehen, das sagen sie oft.

Mitunter komme ich an Grenzen

Am Anfang gab es natürlich auch Herausforderndes. Einmal zog ich eine Kanüle, die noch im Arm des Toten hing, und dann floss da plötzlich viel Blut. Ein anderes Mal galt es, einem Mann, bei dem im Krankenhaus ein Luftröhrenschnitt gemacht worden war, das Loch im Hals zuzunähen. Es hat mich zunächst große Überwindung ­gekostet, mit der Nadel in die Haut zu gehen, doch als Bestatterin muss man auch das Handwerkliche können.

Ich werde oft gefragt, wie ich das aushalte, so viele Tote, so viele Schicksale. Mein Naturell ist lebensfroh und recht stabil, denke ich. Mich einzufühlen und mitzufühlen, ohne mitzuleiden, das ist mir dabei wichtig. Und meine Arbeit fühlt sich sinnvoll an. Ich begegne immer wieder Angehörigen, die über ihre Gefühle unsicher sind: Bin ich traurig genug? Darf ich auch erleichtert sein? Sie sind total dankbar, wenn ich ihnen sage, dass hier alles erlaubt ist, dass sie auch lachen dürfen, wenn ihnen danach ist. Trauer ist nicht nur Traurigkeit. Es freut mich, wenn sie sagen, dass sie sich bei uns gut aufgehoben fühlen.

Der Tod kann jederzeit dazwischengrätschen

Mitunter komme ich an Grenzen, dann gehen mir Begegnungen sehr, sehr nah. Eine 17-Jährige hatte sich das Leben genommen. Die Eltern waren am Boden zerstört. Ich hätte gern ein riesiges Pflaster um die Mutter gewickelt, damit sie sich darin einpuppen kann. Ich ­hatte das ­Bedürfnis, den Schmerz von ihnen zu nehmen, gleichzeitig wusste ich, dass das nicht geht. Meine eigene Hilflosigkeit fand ich schrecklich. Später sprach ich mit ­Kolleginnen und Freunden darüber, das half mir. Oder ich gehe spazieren, am besten zügig und so lange, bis der Kopf wieder frei ist. Manchmal sind das schnell 15 Kilometer.

Ich merke, dass ich mich durch meine Arbeit mit dem Tod verändert habe: Ich kann das Leben besser ­schätzen. Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich gesund bin, eine warme Wohnung und genug zu essen habe. Und ich ­schiebe ­Dinge, die mir wichtig sind, nicht mehr auf. Denn der Tod kann jederzeit dazwischengrätschen.

Protokoll: Franziska Wolffheim

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