Streit über Impfungen: Wie geht es nach Corona weiter?

Kommt mal wieder runter!
Standpunkt - Kommt mal wieder runter!

Karina Tungari

Standpunkt - Kommt mal wieder runter!

Corona hat Risse in der Gesellschaft offenbart. Das Virus bleibt. Der Streit auch? Wie eine alte Tugend helfen kann, dass wir uns besser vertragen

Bald ist Ostern, und wir dürfen hoffen, dass die Lage dann entspannter ist als im Winter. Die schärfsten "Maßnahmen" – was für ein unsympathisches Wort! – sind am 20. März ausgelaufen. Das Virus aber wird wohl bleiben. Wann aus der Pandemie endgültig ein lästiger Infekt wird, müssen Fachleute beurteilen. Sie müssen uns auch sagen, ob im Herbst neue Varianten drohen, die anders sind als Omikron, vielleicht gefährlicher. Wir werden mit Corona leben müssen – und mit all dem, was da noch so war in den vergangenen zwei Jahren.

Nils Husmann

Nils Husmann ist geimpft und testet sich vor jedem Treffen, hat aber auch miterlebt, wie Kinder unter Kontakt­armut ­gelitten haben und wie sein Vater die Mutter nur selten im Pflegeheim ­besuchen durfte. Auf Dauer hält das keine Gesellschaft aus.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Das Virus hat uns kleingekriegt. Wir fühlten uns ohnmächtig, weil wir oft nicht wissen, sondern nur ahnen können, was die kommenden Wochen an neuen Erkenntnissen bringen werden. Wir müssen Experten vertrauen, die es besser wissen als wir.

In einer Pandemie wird sehr moralisch diskutiert, es geht um Leben und Tod. Allein in Deutschland sind über 120 000 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben, andere leiden an den Spätfolgen ihrer Infektion. Von einem tödlichen Verlauf bedroht sind vor allem Ältere; im Schnitt waren die Corona-Toten über 80 Jahre alt. ­Jüngere, die bei einer Infektion kaum um ihr Leben zu fürchten ­haben, mussten auf Risikogruppen – noch so ein unsympathisches Wort! – Rücksicht nehmen und auf vieles ver­zichten. Das hat besonders Kinder und Jugendliche schwer getroffen.

Kalt gelassen hat die Pandemie mit all ihren Entbehrungen, den vielen bohrenden Fragen und Diskussionen wohl niemanden. Das ist, immerhin, eine Gemeinsamkeit, wo sonst oft Streit und Wunden zurückbleiben – und das in einer Zeit, in der wir gelernt haben, uns aus dem Weg zu gehen. Wohl jede und jeder von uns kennt jemanden, mit dem man über Kreuz geraten ist über diese Fragen: Ob das alles übertrieben war oder viel zu lasch, ob Impfungen Fluch sind oder Segen, ob Schulen viel früher hätten öffnen oder länger ­geschlossen werden müssen. Wie kommen wir wieder besser miteinander aus?

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Vielleicht mit viel Demut. Nur was ist das, Demut? Im Duden ist sie definiert als "Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit" – puh. Klingt nach blindem Gehorsam und schon wieder nach ganz viel Ohnmacht.

Johann Hinrich Claussen, Kulturbe- auftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, erinnert an das frühe Christentum, als die Demut hoch geachtet war: "Sich vor der Allmacht Gottes zu verneigen, galt als Inbegriff des Glaubens." Mit der Reformation sei die Demut in Vergessenheit ge­raten. Auch weil man mit ihr ­angeben und darum wetteifern konnte, wer denn besonders gottgefällig lebe.

Und heute? Kaum jemand verneigt sich noch vor einer höheren Macht. Orientierung stiftet die Wissenschaft. Aber nicht alle ihre Erkenntnisse gelten unbegrenzt – erst recht nicht in der Pandemie, die auch für etliche Forschende Neuland war. Auch deshalb könnte Demut wichtig sein. Die evangelische Theologin Annette Behnken hat ein Buch über die Demut geschrieben und sagt: "Wir erleben viel Spaltung. Die Demut ist eine Beziehungstugend, die uns miteinander und mit der Welt verbindet und etwas Heilsames hat. Die Weisheit der Demut ist, dass sie um die Kraft der Schwäche weiß." Verbinden, heilen – das klingt nach einer guten Medizin!

Die Demut kann eine Brücke ­schlagen zwischen zwei Gruppen von Menschen, die auf den ersten Blick nicht weiter voneinander entfernt sein könnten, aber eine Gemeinsamkeit haben: eine gewisse Hybris. Sie denken, sie hätten die Wahrheit gepachtet. Diese Vermessenheit speiste sich freilich aus unterschiedlichen Motiven. Da sind, auf der einen ­Seite, die Menschen, die sich und andere vor Corona schützen wollen und den Infektionsschutz über alles stellen. Am Anfang stand der Ausspruch: "Flatten the Curve!" Also: Haltet die Inzidenzkurve flach, damit Platz in den Krankenhäusern bleibt. Aber mit der Zeit verschob sich der Fokus auf immer neue Ziele. Sollten wir uns nicht bemühen, jeden Todesfall zu vermeiden? Was ist mit Long Covid, mit Spätfolgen, über die wir noch wenig wissen und die wir erst besser erforschen sollten? Müssen wir nicht warten, bis auch Kinder unter fünf Jahre geimpft werden können, ehe wir wieder leben wie vor 2020? ­Hehre Ziele, hinter denen sich – besonders in den sozialen Medien – Menschen versammelt haben, die zumindest ­eine Weile lang dachten, das Virus ließe sich ausmerzen. Aber das geht nicht. Erreger gehören zu unserem Leben wie der Tod, so schrecklich es auch ist, dass dieses Virus in die Welt gelangte.

Bei vielen Journalisten fand die "No Covid"-Strategie Anklang, verlief die Grenze ­zwischen sachlicher Berichterstattung und Aktivismus fließend, oft mit einem Fokus auf Furcht. In ­vielen Medien war von den schlimmsten Prognosen zu lesen. Eher selten war die Rede davon, dass sie von Worst- Case-Annahmen ausgingen. Den Redaktionen – auch unserer – ist die Fähigkeit zur Selbstkritik zu wünschen: Diente der x-te Bericht über schwerste Covid-Verläufe bei jungen Menschen wirklich noch der Information? Sind Leute darüber abgestumpft, verbittert oder sogar in den Trotz und hin zu gefährlichen "alternativen Medien" ge- trieben worden, weil sie schlicht keine Angst mehr haben wollten? Der Furor, mit dem Kommentatoren, die man politisch eher links der Mitte verorten darf, den Staat aufforderten, Ausgangssperren zu verhängen oder Versammlungsrechte einzuschränken, bleibt für mich eine verstörende Erfahrung in dieser Pandemie.

"Es ist ­abenteuerlich, wie medizinische Laien meinten, alles besser zu wissen"

Was in Telegram-Gruppen und bei "Spaziergängen" zu vernehmen war, folgte einer anderen Hybris, die Gedanken an Leiden und Tod anderer Menschen ausblendet: Das Virus ist Teil einer Verschwörung! Mir kann das Virus nichts ­anhaben, ich lebe gesund! Und wenn ich mich doch infiziere, dann stärkt das mein Immunsystem! Es ist besser und natürlicher, man macht eine Virus­infektion durch, als sich impfen zu lassen! – Es ist abenteuerlich, wie medizinische Laien der Wissenschaftsfeindlichkeit anheimfielen und meinten, alles ­besser zu wissen als Virologinnen, Epidemiologen oder ­Modelliererinnen. Mit Omikron mögen die sogenannten "Querdenker" Glück gehabt haben. Umso unerträglicher ist ihr andauerndes Lamento, sie lebten in einer Diktatur, und ihre Selbststilisierung zu Opfern. Verse wie "Von guten Mächten wunderbar geborgen" des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer auf sich zu beziehen, sich mit Sophie Scholl zu vergleichen, vielerorts aber unkritisch rechten Gruppen hinterherzulaufen – geht’s noch?

Demut kennt keine Gewinner und keine Verlierer. Sie kann helfen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Es ist nicht leicht zu er­kennen und noch schwerer zuzugeben, dass man es übertrieben, die eigene Meinung absolut gestellt hat. Und natürlich ist der Vergleich zwischen Menschen, denen der Schutz anderer wichtig ist, und anderen, die jedes Risiko leugnen, unfair. Die einen argumentierten für ihre Mitmenschen, die anderen oft nur für sich. Aber es kann nicht in unserem Sinne sein, dass Menschen, Freunde oder Verwandte nicht mehr miteinander reden oder das Vertrauen in die Demokratie verloren haben, weil das Thema Corona zwischen ­ihnen steht. Wer offen eingesteht, den eigenen Einfluss überschätzt und es auch nicht besser als andere gewusst zu haben – ja, der kann vielleicht wirklich wieder mit anderen in eine Beziehung kommen. Vermeintliche "Querdenker" wie absolute Infektionsvermeider haben den Diskurs bestimmt, sie waren laut, besonders im Internet. Aber beide Gruppen sind klein im Verhältnis zu einer Gruppe – der grauen Masse. Grau, das klingt so abschätzig.

Aber welche Farbe hat eigentlich die Demut? Es gibt eine berühmte Demutsgeste – sich in den Staub zu werfen. Und vielleicht wäre die Farbe der Demut ja ein schönes, staubiges Grau. Das würde passen zu den vielen, vielen Menschen, die den Mut in der Corona-Zeit nicht verloren, auf andere Rücksicht genommen und versucht haben, sich durch die oft verwirrenden Beschlüsse der Politik zu hangeln.

Über diese Gruppe haben wir viel zu selten berichtet.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Husmann,
vielen Dank für Ihren sachlichen und klaren Artikel. Ich kann Ihnen nur beispflichten und bin froh,
endlich etwas Sachliches in diesen seit zwei Jahren so hysterischen Corona-Zeiten gelesen zu haben. Was ich in den letzten Jahren über das Gattungswesen Mensch gelernt habe, habe ich in meinen 67 Jahren nicht gelernt und ich muss sagen, ich bin restlos desillusioniert worden.
Ich hätte nicht gedacht, dass die meisten Menschen von so viel Angst besetzt sind und das gilt bis hinauf in die höchsten Kreise der Politiker, der Virologen und Journalisten. Alle wissen, wer gemeint ist.
Denn meine These ist, dass alle zwar rationale und mehr oder weniger wissenschaftliche Gründe hinsichtlich der freiheitseinschränkenden Maßnahmen erwähnen, ihre Auffassung jedoch von ihrer jeweiligen Persönlichkeit geprägt ist. Ist diese Richtung Freiheit oder Sicherheit ausgerichtet, ist diese Richtung Ängstlichkeit oder Richtung Mut bzw. Richtung Vertrauen ins Leben ausgerichtet.
Sie nennen zwar bei den Angstmachern keine Namen, aber selbst ein ansonsten seriöses Medium wie die SZ ist in diesen letzten zwei Jahren unter Christina Berndt u.a. in eine Richtung abgerutscht, die man nur als hysterisch und angstmachend bezeichnen kann.
Was ich auch gelernt habe ist, dass Menschen völlig irrational handeln, wenn sie von Angst getrieben werden.
Ein schönes Beispiel ist derjenige, der alleine im Auto sitzt und eine Maske aufhat. Das Gleiche gilt für den alleinigen Spaziergang im Freien. Beides habe ich oft genug gesehen.
Lassen Sie es mich so zusammenfassen:
Die letzten beiden Jahre haben mich hinsichtlich des Menschen sehr pessimistisch und desillusioniert zurückgelassen. Ich habe auch gemerkt, dass meine Generation bis 2020 in einem viel zu großen Optimismus hinsichtlich der wahren Natur des Menschen aufgewachsen ist und ich leiste der Generation meiner Eltern, die die Krieg und Nachkriegszeit als Erwachsene miterlebt haben, Abbitte, denn ihre Skepsis gegenüber der Mehrheit und ihrer Ängstlichkeit und Ellenbogenmentalität (Hamstern) war gerechtfertigt.
Mit freundlichen Grüßen
Bernd Haberkorn
Buchenberg

Sehr geehrter Herr Husmann,
ich möchte mich sehr, sehr herzlich für Ihren Beitrag bedanken, der mir in jeder Hinsicht aus der Seele gesprochen hat.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Jörg Alvermann