Bei Anruf Angst: Nachgefragt bei der Telefonseelsorge

"Muss ich meine Kinder in Sicherheit bringen?"
Mann mit Gesichtsschutzmaske, der zwischen hohen Gebäuden mit einem Handy telefoniert

Abraham Gonzalez Fernandez/photocase

Bei der Telefonseelsorge in Frankfurt am Main ist die Angst vor dem Krieg in der Ukraine angekommen.

Rufen die Menschen seit dem russischen Angriff auf die Ukraine häufiger bei der Telefonseelsorge an?

Markus Mütze: Bei der Telefonseelsorge rufen seit vielen Jahren generell erheblich mehr Menschen an, als Kapazitäten für Gespräche zur Verfügung stehen. Schon seit der Corona-Pandemie sind wir bestrebt, zusätzliche Kapazitäten bereitzustellen. Und seit Kriegsbeginn am 24. Februar geht es durchschnittlich in jedem fünften Anruf um den Ukrainekrieg. Wir versuchen, wie schon 2020 zu Beginn der Pandemie, unseren zweiten Dienstraum in der Evangelischen Telefonseelsorge vermehrt zu besetzen. Das zusätzliche Engagement der Ehrenamtlichen am Telefon ist beachtlich, aber natürlich stoßen wir da auch an Grenzen.

Wer ruft besonders häufig an?

Die meisten Anrufe, in denen es um den Krieg geht, kommen von Menschen der Generation 45 plus. Im Chat, wo der Altersdurchschnitt normalerweise bei 15 bis 25 liegt, kommen die Anfragen zu diesem Thema eher von den 20- bis 40-Jährigen.

Markus Mütze

Markus Mütze ist stellvertretender Leiter der Evangelischen Telefonseelsorge Frankfurt am Main.
PrivatMarkus Mütze

Daniel Friesen

Daniel Friesen, Jahrgang 1998, studiert an der Freien Universität Berlin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Politikwissenschaft. Parallel lernt er Russisch. Vom 24. Februar bis zum 15. April 2022 hospitiert er in der chrismon-Redaktion.
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Worum geht es in den Telefonaten, die den Krieg thematisieren?

Zum einen rufen Menschen an, die selbst Kriegserfahrungen gemacht haben oder aus ihren Familiengeschichten viel über Krieg und Flucht gehört haben. Zum anderen gibt es Menschen, die in Dauerschleife Nachrichtensendungen konsumieren und sich unter diesen Eindrücken ohnmächtig und hilflos fühlen. Beide Gruppen verbindet das Gefühl der Angst oder der Wut oder einfach auch der Unsicherheit.

Welche Sorgen äußern Anrufer konkret?

Eine große Sorge ist, dass uns der Krieg in Deutschland unmittelbar betreffen könnte. "Muss ich meine Kinder jetzt in Sicherheit bringen?" oder "Ich muss auswandern!" - das sind Fragen und Aussagen, die uns begegnen. Nach dem Brand im Atomkraftwerk Saporischschja kam die Frage auf, ob es eine Nuklearkatastrophe mit unmittelbaren Folgen für Deutschland gebe. Solche Fragen kann auch die Telefonseelsorge nicht beantworten, aber das ist auch nicht unser Auftrag. Es geht vielmehr darum, einen Raum zu öffnen für die Ängste und Sorgen, auch bezogen auf die Ukrainekrise.

Spielt auch Corona noch eine Rolle?

Ja, zum Teil. Einerseits war es schon seit 2020 so, dass Corona an sich nicht primär das Thema ist, aber die Pandemie verstärkt wie durch ein Brennglas die Fragen, die Menschen beschäftigen - zum Beispiel das große Thema Einsamkeit. Andererseits hatten wohl viele Menschen auf die Lockerung der Corona-Maßnahmen gehofft und damit ein Gefühl der Entspannung verbunden – und sehen sich jetzt mit dem Thema Krieg in Europa konfrontiert. "Erst wird unser Land durch Corona-Maßnahmen gespalten, extreme oder extremistische Positionen nehmen zu … Und jetzt kommt der Krieg noch dazu", hören wir am Telefon. Einigen gelingt aber auch eine kluge Selbstreflexion: "Was habe ich mich über die Maßnahmen in der Pandemie aufgeregt oder geärgert … Jetzt aber wird mir klar, dass es hier um etwas ganz anderes, viel Schlimmeres geht."

Was raten Sie Menschen, die starke Ängste und Sorgen wegen der Ukraine haben?

In der Telefonseelsorge geht es zunächst darum, den Emotionen der Anrufenden Raum zu geben. Das wirkt oft bereits entlastend, denn nicht immer kann man in der Familie oder im Freundeskreis offen über Ängste sprechen. Oder es ist niemand da, mit dem man sprechen könnte. Wir empfinden Angst zwar als unangenehm, aber diese Emotion ist weder "schlecht", noch sollte man sie "wegargumentieren". Im zweiten Schritt geht es um die Frage: Was kann ich für mich konkret tun, um Angst und Ohnmacht zu mindern und mich wieder handlungsfähiger zu erleben? Das ist immer eine individuelle Frage.

"Wer hilft, erlebt sich wieder als handlungsfähiger"

Und was wäre das?

Wenn Menschen gemeinsam Flüchtlingen helfen oder für den Frieden demonstrieren oder Spenden organisieren, erleben sie sich wieder als handlungsfähiger. Vielleicht ist es auch möglich, mit anderen Menschen in den Austausch zu gehen – sofern sie einem "guttun". Der Medienkonsum spielt zudem beim Umgang mit Angst eine zwiespältige Rolle. Man sollte sich überlegen, welche Menge an Nachrichten persönlich verkraftbar ist. Die Dauerberieselung mit als schlecht empfundenen Nachrichten ist keine gute Idee.

Inwiefern?

Ich denke, der Mensch ist dafür auf Dauer nicht stabil genug. Es kann helfen, den Nachrichtenkonsum einzuschränken und sich nicht ständig in die Details zu vertiefen, sondern sich gezielt, seriös und zeitlich beschränkt zu informieren. Am Telefon stellen wir fest, dass eine Konzentration auf das Hier und Jetzt der persönlichen Begegnung und die Beschäftigung mit anderen Themen – zumindest für die Dauer des Seelsorgegesprächs - bereits entlastend wirken kann: Was gibt Ihnen im Hier und Jetzt Sicherheit?

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