Wie mimikama gegen Falschnachrichten im Internet kämpft

"Mit den Protesten in der Ukraine ging es los"
Fake News

Alshi/Getty Images

Desinformationen machen als Sprachnachrichten auf Telegram die Runde oder wirken im Internet wie echte Nachrichten. Andre Wolf erklärt, wie er sie enttarnt – und wie Theologie dabei helfen kann.

chrismon: Sie haben seit Jahren mit Falschnachrichten zu tun. Was hat Ihnen am meisten zugesetzt?

Andre Wolf: 2015 und 2016 hatten wir es mit dem sogenannten "Anonymous.Kollektiv" zu tun. Dahinter steckte ein Mann, der Waffen über das Internet verkaufte, er sitzt heute in Haft. Wir wurden bedroht. Das war gefährlich. Und dann gibt es immer wieder Gerüchte, bei denen wir wie gegen Windmühlen kämpfen wie 2018 bei den "Momo"-Kettenbriefen.

"Momo"-Kettenbriefe?

Das waren Kurznachrichten, die über Whatsapp vor allem an Kinder und Jugendliche versendet wurden, mit gruseligem Foto von Momo. Sie behauptete, wer die Nachricht nicht oft genug teile, bekomme um Mitternacht Besuch von ihr. Dazu gab es Gerüchte über Kinder, denen Momo etwas angetan haben soll. Es gab immer wieder Leute, die behaupteten, es gebe Momo wirklich. Seit Corona kommen solche Briefe viel seltener vor.

Andre Wolf

Andre Wolf hat ­Theologie studiert und arbeitet in Wien bei Mimikama, einem Verein zur ­Aufklärung von Internet­missbrauch – anfangs ehren- ­amtlich, seit 2015 im Haupt­beruf. Auf www.mimikama.at stellt der Westfale Falschnachrichten ­richtig. 2021 erschien sein Buch "Angriff auf die Demokratie" in der edition a.
Privat

Aber Corona beschäftigt Sie auch?

Die Dynamik, mit der sich Desinformationen in der Pandemie verbreiten, fordert uns immer wieder heraus. Die nächste Stufe ist absehbar, Corona-­Leugner werden sagen: "Seht doch, wir hatten recht, Corona ist vorbei!" Aber sie verschweigen, dass es viele Infektionen und – zum Glück gibt es sie! – Impfungen brauchte, ehe es ­besser wird. Jede Pandemie endet einmal, trotzdem war sie nicht erfunden.

Gäbe es ohne Social Media, also ohne soziale Medien wie Facebook oder Telegram, keine Fake News?

Fake News sind wohl so alt wie die Menschheit. Die sozialen Medien sind nur besonders geeignete Träger für Falschmeldungen – sie sind günstig und können überall und weltweit genutzt werden. Früher saß die Familie gemeinsam vorm Fernseher und hat die Informationen konsumiert, die Redaktionen gefiltert und aufbereitet haben. Heute kann sich jeder mit dem Smartphone zurückziehen und wird überall erreicht, das ist ein Einfallstor für Desinformationen.

"Mit den Protesten auf dem Maidan-Platz ging es los mit den Falschnachrichten"

Wann ging es los mit den Falsch­meldungen im Internet?

Mit der Ukrainekrise und den Protesten auf dem Maidan-Platz. Davor hatten wir bei Mimikama nur selten mit politischen Inhalten zu tun, es ging eher um Themen wie Betrug im Netz. Russland erkannte damals, dass es über die sozialen Medien Einfluss auf Europa nehmen kann. Plötzlich kamen Behauptungen auf wie die, das ZDF berichte falsch über die Ukraine. Auch die AfD hat Social Media von Anfang an genutzt, 2015 kamen Flüchtende aus Syrien und dem Nahen Osten, dann ist es schnell eskaliert. In der AfD verläuft die Kommunikation nicht von oben nach unten, die Kreisverbände teilen nicht einfach die Inhalte der Bundespartei. Jeder Ortsverband hat seine Kanäle, seinen Mikrokosmos. Die AfD spricht die Menschen mit vielen ­Themen auf vielen Ebenen an. Die sozialen Medien haben Menschen politisiert, die vorher unpolitisch waren.

Was passiert bei Mimikama, wenn ­Ihnen jemand schreibt: "Guckt mal, ich glaube, hier wird eine Falsch­nachricht verbreitet"?

Anfragen landen in einer Art Chatgruppe, etwa 30 Leute tauschen sich in ihr aus. Eine weiß vielleicht schon etwas, andere sind sehr fit im Umgang mit Suchmaschinen, gerade auch mit der Bildersuche. Ihre Erkenntnisse reichen sie an die Autorinnen und Autoren weiter, die das Wissen in Meldungen für unsere Internetseite zusammentragen und erklären. Dazu kommt die Archivarbeit. Sie ist sehr wichtig, denn die Themen und Narrative wiederholen sich.

Fühlen Sie sich wie Sisyphos, weil die Arbeit immer wieder von vorn beginnt?

Nur bei bestimmten Themen wie ­Gruselkettenbriefen. In der Corona- Zeit verändern sich auch die Themen. Da rollt der Stein nicht immer wieder den Berg herunter, da sind wir eher wie eine Lokomotive, die dampfend einen hohen Berg hinauffährt.

Zum Jahreswechsel gab es einen Brief von "Ärzte stehen auf", in dem Mediziner falsche Behauptungen zu Corona aufstellten. Wie widerlegt man so etwas als Laie?

Wir haben auch eine Ärztin im Team und sind vernetzt, haben zum Beispiel Rufnummern von führenden Virologen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal aus dem Stegreif erklären kann, wie ein Antigentest funktioniert und dass der positiv ausfällt, wenn man das Stäbchen in Cola hält.

Ernsthaft?

Ja, weil die Tests auf den pH-Wert von Menschen geeicht sind. Der Corona-­Test reagiert also nicht etwa positiv, weil er von vornherein auf Positiv geeicht ist, um die Corona-Maßnahmen zu rechtfertigen. Das wird in einer ­Fake News behauptet, die in Form einer Sprachnachricht Abertausende Menschen erreicht hat. Der Test reagiert positiv, weil die meisten Flüssig­keiten entweder zu basisch oder zu säurehaltig sind. Solche Erkenntnisse präsentieren wir bewusst, kurz, knapp und verständlich. Und schnell. Viel Zeit bleibt uns nie. Falschbehauptungen muss man rasch einfangen.

Warum?

Weil sie sonst sehr wirkmächtig werden können. Hier in Österreich kam neulich das Gerücht auf, 600 Polizis­tinnen und Polizisten würden sich dafür aussprechen, der Staat müsse aufhören, die Gesellschaft mit den Corona-Maßnahmen zu spalten. Wenn sich so eine Nachricht länger unwiderlegt hält, sagen sich die Menschen natürlich: "Ja, wenn selbst die Polizei so etwas sagt, muss es doch stimmen!" Doch es kam recht zügig heraus, dass die 600 Personen nicht existieren oder nicht der Polizei zuzuordnen sind.

"Wenn ich in Telegram-­Gruppen schaue, sehe ich Umsturzfantasien" - Andre Wolf

Ihr Buch heißt "Angriff auf die Demokratie" – ist das nicht übertrieben?

Nein, was wir in den sozialen ­Medien sehen, ist definitiv ein Angriff von rechts. Linke Demokratiefeinde gibt es fraglos auch, sie sind derzeit aber ruhiger. Gerade wenn ich in Telegram-­Gruppen schaue, sehe ich Umsturzfantasien. Das hat auch der Sturm aufs Capitol im vergangenen Jahr gezeigt. Die Rechten verfolgen viele Strategien, um Menschen in ­ihrer politischen Willensbildung zu beeinflussen. Fake News gehören dazu. Und Andersdenkende sollen ­ruhiggestellt werden. Besonders ­junge und gebildete Frauen leiden in den sozialen Medien unter Silencing.

Silencing? Was ist das?

Das Wort leitet sich ab vom ­engli­schen silence, also der Stille. Wenn sich eine Frau dafür ausspricht, Geflüchteten zu helfen, wünscht man ihr, vergewaltigt zu werden. Oder man greift Frauen gezielt an, indem man Äußerlichkeiten thematisiert, das sogenannte Body­shaming. So will man Menschen zum Schweigen bringen. Das ist antidemokratisch.

Warum trifft der Hass junge Frauen?

Sie stehen dem klassischen Bild der Rechten entgegen – heiraten, sich um die Familie kümmern, der Mann sorgt fürs Einkommen. 2016, als in Österreich der Grüne Alexander Van der Bellen zum Präsidenten gewählt wurde, zeigten die Wahlanalysen, dass besonders junge Frauen für ihn gestimmt hatten. Von AFD-Mitgliedern in Deutschland kamen damals Reaktionen auf Twitter, zum Beispiel dass der Feminismus die Gesellschaft zerrissen habe, hoffentlich könne das repariert werden. Repariert! Rechte sehen in der Einstellung gebildeter Frauen also etwas Kaputtes, das man reparieren müsse.

Wer steht hinter dem Angriff auf die Demokratie?

Rechte Parteien, die immer eine Anti­haltung einnehmen. Beispiel Österreich: Vor Corona war die FPÖ immer für Impfpflichten – nun ist sie die Gegnerin. Beispiel Deutschland: Als es losging mit Corona, forderte Alice Weidel von der AfD einen strengen Lockdown. Nun ist die AfD gegen jede Corona-Maßnahme. Und dann gibt es Kräfte, die ein Interesse an einer schwachen Europäischen Union haben, die in einer Kleinstaaterei gefangen bleibt. Das geht problemlos über die sozialen Medien, indem man Desinformationen streut. Das be­herrschen die USA, die Russen be­treiben es intensiv, und China ist nicht zu unterschätzen. Durch Corona gehört auch eine große Esoterikszene zu den Angreifern, der es darum geht, irgendwelche Präparate und Kristallsteine zu verkaufen. Gerade Corona-Leugner haben gut an Corona verdient.

Hat Corona das Lager der Demokratiegegner vergrößert oder bestand die Gefahr schon vorher?

Rechtspopulisten und Rechtsextreme vereinnahmen gezielt Menschen, die aus der bürgerlichen Mitte kommen und die Corona-Maßnahmen oder Impfungen ablehnen. Menschen aus dieser Mitte sind hier bei den ­Demonstrationen in Wien immer mit dabei, oft mit Kindern. Zu ­behaupten, das seien alles Nazis, ist Unsinn. Aber die Rechten hatten es schon vor ­Corona geschafft, den Rahmen des Sagbaren immer größer zu ziehen. Ein Beispiel ist der Verschwörungsmythos vom Great Reset, dem großen Bevölkerungsaustausch. Der findet natürlich nicht statt. Aber diese identitäre Ideologie wurde immer weiter mit Scheinbeweisen ­vorangetrieben. Corona bietet den Rechten die ­Chance, solche Mythen in die Mitte der Gesellschaft zu streuen.

Haben die Medien Fehler gemacht?

In der Corona-Zeit haben manche ­Medien zu sehr mit der Angst gezündelt nach dem Motto: Mit Corona wirst du sicher auf der Intensivstation landen. Manche Menschen trauen sich gar nicht mehr hinaus, was die demo­kratische Öffentlichkeit schwächt. Mir fehlt es an Sachlichkeit und Daten. Wo kann ich mich anstecken? Welche Orte sind ein Risiko? Wie mache ich diese Orte sicherer? Wir haben Daten über Inzidenzen, Bettenbelegungen, aber keine Clusteranalysen. Könnte ich die Lage klarer analysieren, könnte ich Ängste abbauen. Wissen ist immer ein Gegner der Angst.

"Ich bringe Menschen bei, wie Medien ­arbeiten, wie das ­Internet ­funktioniert und was ­Narrative sind" - Andre Wolf

Wie können wir das Problem mit den Fake News lösen?

Als Bildungsromantiker setze ich auf das Prebunking, das heißt, ich bringe Menschen bei, wie Medien arbeiten, wie das Internet funktioniert und was Narrative sind. Ich möchte Menschen dabei helfen, Manipulationsversuche erkennen zu können. Dafür müssen sie wissen, was ein Kommentar ist und dass ein Blog im Internet immer tendenziös ist. Uns schicken Leute Links zu Blogs und fragen: "Stimmt das, was der sagt?" Wir antworten dann: Der schreibt seine Meinung, wählt Fakten aus, lässt andere weg, verdichtet Anekdoten zu einem ­großen Ganzen. Der will ­überzeugen! Es gibt tolle Blogs, aber die ­Menschen müssen wissen, dass es sich dabei um keine neutrale Nachricht ­handelt. Ich will ­anderen nicht ­meine ­Meinung überstülpen, sondern sie ­befähigen, sich ihre eigene Meinung bilden zu können. Dafür sind Schulen ­wichtig, klar. Schwieriger ist es bei ­Erwachsenen, die lassen sich nicht mehr viel sagen, besonders, wenn sie älter und männlich sind.

Brauchen wir schärfere Gesetze?

Wir haben genügend Gesetze, sie werden aber nicht durchgesetzt. Lügen darf jeder, solange nicht Menschen zu Schaden kommen. Aber Hass muss sich niemand gefallen lassen. Die Absender sind leider oft schwer zu ermitteln, Internetseiten oft in anderen Ländern mit laxen Bestimmungen registriert.

Kann eine Klarnamenpflicht helfen?

Ich werde regelmäßig von Leuten mit Hass überzogen, die ihren echten ­Namen darunter setzen. Wir kennen das aus dem Auto: Wenn ich drinsitze, neige ich dazu, andere zu beschimpfen, weil ich abgekapselt bin. Im Netz sehe ich den anderen auch nicht, dann schimpft man los.

Hilft Ihnen Ihr theologisches Rüstzeug bei der Arbeit?

Sehr! Ich wende alles, was ich zur Exegese gelernt habe, bei Mimikama an. Nur nicht an der Bibel, aber vom Prinzip her. Wir wissen alle, dass die Erde nicht in sieben Tagen entstanden ist und Jona auch nicht im Bauch eines Wales war. Aber Theologen lernen, wann diese Geschichten ­geschrieben wurden, von wem und warum. Das mache ich heute auch, denn wer Falschnachrichten in die Welt setzt, tut es aus einer bestimmten Zeit und einer Absicht heraus – nur leider aus keiner guten.

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Lesermeinungen

Die Werbung nicht vergessen! Sie wird genommen als Lüge, als Versprechen als Wahrheit. Wie man es braucht. Was würde uns ohne sie fehlen, was würden wir nicht .mehr benötigen? Noch böser: Die beworbene Lüge lässt sie für die "Klugen" harmlos erscheine. Für die Werber aber sind die Anderen die verführten Leichtgläubigen und "Geldesel". . Mit dem Verbot der Werbung daß Klima retten, ?