Wie die Casa Bună in Bukarest Roma-Kindern hilft

Kraft für ein besseres Leben
Rumänien

Anne Ackermann

Blick aus einem Wohnblock im Bukarester Viertel Ferentari. Hier wohnt die 13-jährige Rebecca mit ihrer drogenabhängigen Mutter

Rumänien

In Bukarest leben viele Romafamilien in Slums. Deshalb gibt es die Casa Bună am Rand der Stadt: Dort wird den Kindern geholfen, dort können sie durchatmen.

"Wo willst du hin?" Eine Frau schreit einem Mann hinterher. Der dreht sich kurz um, macht mit der Hand eine abfällige Bewegung, verdreht die Augen und geht weiter die Straße entlang. In den heruntergekommenen Wohnblöcken im Viertel Ferentari, Bukarest, wohnen vor allem Roma. Vielen Fenstern fehlen die Scheiben, von den Mauern ist der Putz abgesprungen. Der Inhalt aufgeplatzter Müllsäcke verteilt sich über die Straße. Dazwischen spielen Jugendliche Fußball. Vor den Eingängen stehen Frauen und Kinder beisammen. In den dunklen, unbeleuchteten Fluren stinkt es nach Urin. Männer auf den Treppenstufen geben das Geld, das sie tags­über als Tagelöhner auf dem Bau verdienen, für Drogen aus und setzen sich einen Schuss, egal ob Kinder in der Nähe spielen. "Drogen­allee" nennen die Bukarester diese Straße.

Tobias Asmuth

Tobias Asmuth, 50, freut sich, dass Valeriu ­Nicolae eine ­zweite Casa Bună in den Karpaten plant: Mehr Platz für die Menschen mit der ­unbändigen ­Energie.
PrivatTobias Asmuth

Anne Ackermann

Anne Ackermann, 41, Fotografin, staunte nicht schlecht, als ihr Handy während der nächtlichen Fahrt durch die Karpaten laut zu surren begann: Bärenalarm.

In einem der Blocks lebt die 13-jährige Rebecca zusammen mit ihrer drogenab­hängigen Mutter, die fünf Jahre im Gefängnis war. Rebecca hat sich hübsch angezogen, eine schwarze Hose, ein weißes Top, auf das eine dunkle Mähne fällt. "Ich bin sehr aufgeregt. Ich habe mit meiner Schulklasse noch nie ­einen Ausflug gemacht", sagt das Mädchen und lächelt schüchtern. Morgen wird sie mit anderen Jugendlichen in ein Freizeitlager in den Karpaten fahren.

Blau ist ­meine Lieblings­farbe, die Farbe der Hoffnung. Grün? – Das war letztes Jahr

Anca Sandu holt Rebecca vor ihrem Wohnblock zusammen mit ihrer zwölfjährigen ­Cousine ab, die auch Rebecca heißt. Sandu ist 44, geschieden, hat selbst eine Tochter im Teen­ager-Alter und engagiert sich bei der rumänischen Freiwilligenorganisation Casa Buna, was übersetzt "das gute Haus" ­bedeutet. Die Menschen dort wollen das Leben der ­Roma in Rumänien verbessern, vor allem das der Kinder. Anca gibt Nachhilfe, nachmittags in der Schule oder in der Casa Buna, auch für Rebecca, sie verteilt Kleiderspenden, transportiert gespendete Möbel oder bringt Essen zu Familien in Ferentari, das ein bekannter Koch jeden Mittwoch in seinem Restaurant "J'ai Bistrot" für die Casa Buna kocht.

"Und ist Anca eine gute Lehrerin?" ­Rebecca nickt sehr ernst und sagt: "Leider bin ich ­keine gute Schülerin." – "Aber du kannst eine ­gute Schülerin werden. Du strengst dich an", mischt sich Anca ein. Sie nimmt das Mädchen in den Arm und drückt es kurz. Dann steigt sie mit den beiden Rebeccas in einen kleinen Transporter und kämpft sich durch den dichten Feierabendverkehr von Bukarest.
Anca trägt ein blaues T-Shirt, blaue Leggins und große blaue Ohrringe: "Blau ist meine Lieblingsfarbe. Die Farbe der Hoffnung", sagt sie. Ist die nicht eigentlich grün? – "Das war letztes Jahr. Jetzt ist die Hoffnung blau." Anca hat ein besonderes Lachen. Es platzt aus ihr heraus, wird für einen kurzen Moment lauter, bevor es in einem fröhlichen Kichern ausläuft.

 Rebecca, 13, (oben links) mit ihrer Cousine, auch Rebecca, 12, in der Einfahrt der Casa Bună.
Unten: Basketballer Valeriu Nicolae gründete die Casa Bună im Bukarester Stadtteil Jilava. Anca Sandu hilft mit im Verein
Anne Ackermann

Anca parkt den Transporter am Rand einer großen Ausfallstraße in Jilava, ganz im Süden von Bukarest. Dort steht die Casa Buna. Im Garten hinter dem zweigeschossigen Haus tragen die Stauden schwer an Tomaten, ­wachsen ­Zucchini und Bohnen. Daneben ragt ein Walnussbaum empor. An seinen kräftigen ­Ästen hängen eine Schaukel und ein Boxsack. Die beiden Rebeccas ziehen sich als Erstes Roller­blades an und drehen auf einem ­kleinen Sportplatz neben dem Haus Runden; sie versuchen es, das Bremsen klappt noch nicht so gut. Bei jedem Sturz lachen, bei jeder ge­lungenen ­Kurve jubeln sie.

Dann setzen sie sich nebeneinander auf ­eine Bank beim Haus, strecken die Beine von sich, die schweren Rollerblades noch an den Füßen, und essen Kuchen. "Ich fühle mich so wohl, wenn ich hier bin", sagt die eine ­Rebecca. – "Es ist so ruhig. Ich bin immer gern hier. Alles ist dann gut", sagt die andere ­Rebecca. Anca Sandu bittet beide ins Haus: Sie sollen ihre langen Haare mit einem ­Shampoo gegen Läuse waschen. Ein Ritual, mit dem jeder Aufenthalt in der Casa Buna beginnt.

"Die Menschen dachten, ich sei verrückt. Heute wissen sie, dass ich es ernst meine"

Valeriu Nicolae, der Gründer der Casa Buna, ist stolz auf den Sportplatz. "Sein Belag ist besser als der aller städtischen Plätze. Aber er hat nur halb so viel gekostet, weil ich keine Beamten schmieren musste." Der kleine drahtige Mann in ausgewaschenem T-Shirt und kurzer Hose wirft Bälle auf den Basketballkorb. Fast jeder Wurf trifft, egal aus welcher Entfernung. Valeriu hat früher in der ersten rumänischen Liga gespielt und bewegt sich auch mit 50 Jahren geschmeidig über den roten Kunststoffbelag. Zwischen den ­Würfen erzählt er, wie er 2012 anfing, Kindern aus Ferentari zu helfen. "Die Menschen dort dachten, ich sei verrückt. Heute wissen sie, dass ich es ernst meine und nicht nach ein paar Monaten ­wieder verschwinde."

Am Anfang habe er einer Handvoll Kinder Kleidung und Lebensmittel gegeben. Vor drei Jahren habe er das Haus gekauft. "Die Kinder sagten, sie gehen in das ‚gute Haus‘. So kam unsere Organisation zu ihrem Namen." Casa Buna. Sie unterstützt heute regelmäßig etwa 270 Kinder und hilft auch ihren Geschwistern und Familien bei der Gesundheitsversorgung, mit Kleidung und Schuhen, Schulbedarf, ­Lebensmitteln, Möbeln und Geräten.

Fast alle Kinder gehen zur Schule, einigen hilft die Organisation bei der Wiedereinschulung, 24 von ihnen bekommen Nachhilfe vor der Prüfung für die achte Klasse.

Auch Valeriu ist Rom und kommt aus einer armen Familie. Er kennt das Leben von der Hand in den Mund, die Vorurteile der Gesellschaft, die jeden gesellschaftlichen Aufstieg erschweren. Er habe sich aber nie aufgegeben, das sei ein Unterschied zur heutigen Generation, sagt Valeriu. "Ich war ein guter Schüler und konnte noch im Kommunismus studieren. Später habe ich im Ausland als Kommunikationsberater gearbeitet."

Heute berät er nicht mehr andere Unternehmen, sondern spricht in eigener Sache. Zum Beispiel in einem viel gelesenen Blog über seine Arbeit in Ferentari, über minderjährige Prostituierte, junge Drogenabhängige, sinnlose Gewalttaten und die rumänische Gesellschaft, die solche Verhältnisse hinnimmt. "Ich mache mir mit dem Schreiben Luft", sagt er. Und bringt dadurch immer wieder Leute dazu, bei der Casa Buna mitzuhelfen.

Jeder Mensch braucht ­etwas, das ihn antreibt. Ich beziehe meine Kraft aus der ­Empörung

Rebecca ist jeden Monat eine Woche im ­"guten Haus". Dann schläft sie oben in einem der vier hellen Zimmer mit vier, fünf anderen Kindern, jedes in einem eigenen Bett. In ihrer kleinen Wohnung in Ferentari übernachtet sie auf Matratzen auf dem Boden eines Zimmers – zusammen mit ihrer Mutter, deren neuem Mann und oft auch anderen Verwandten. Niemand weckt sie dort oder macht ihr morgens etwas zu essen. "Leider komme ich manchmal zu spät zur Schule", sagt Rebecca.

 Namensschilder an einer Wand in der Casa BunăAnne Ackermann

In der Casa Buna bekommt sie jeden Morgen Frühstück an einem großen Tisch in der offenen Küche. Dort wird auch zu Mittag gegessen und abends. Nach der Schule helfen ihr Freiwillige wie Anca Sandu bei den Hausaufgaben. Was sie später einmal werden möchte? Rebecca zuckt mit den Schultern. "Vielleicht Lehrerin oder Verkäuferin?" Erst mal wolle sie die Schule schaffen. Sie freue sich jedes Mal auf die Woche in der Casa Buna, aber sie vermisse auch ihre Mutter.

Wenn Rebecca nach dieser Woche zu ­ihrer Mutter heimkehrt, kommen die ­nächsten ­Kinder in die Casa Buna. Ein rotierendes System. "Ich will, dass sie hier die Energie für ein besseres Leben finden", sagt Valeriu ­Nicolae. Er hat es sich auf einem Sofa im Gemeinschaftsraum bequem gemacht. Wie überall im Haus stehen Kisten mit Büchern und Schreibheften auf dem Boden: "Jeder Mensch braucht etwas, das ihn antreibt. Ich zum Beispiel beziehe meine Kraft aus der Empörung über die Verhältnisse. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, jemals nicht empört gewesen zu sein. Das erste Mal hatte ich dieses Gefühl mit fünf Jahren. Da war ein Mädchen, ihre Mutter ließ sie nicht mit mir spielen, weil ich – wie sie sagte – ein kleiner Zigeuner war."

"Ich war noch nie in den Bergen. Ich bin so gespannt."

Warum ist er aus dem Ausland nach Rumänien zurückgekommen? Warum fing er an, zu den ­Leuten in die Slums gehen? ­Valeriu ­Nicolae erzählt, wie er 1990 mit 20 ­Jahren ein Waisenhaus besuchte und ­schockiert war, wie die Kinder dort lebten. "Ich ging nach ­Hause zu meiner Mutter und sagte: ‚Komm, wir ­backen Apfelkuchen, gehen hin und ­räumen auf.‘" Er möge sich selbst mehr und fühle sich nicht allein, wenn er etwas Sinnvolles tue. "Wir haben eine Menge toller Leute bei uns." Für die Casa Buna arbeiten fast 500 Frei­willige: Beamte, Geschäftsleute, Bankerinnen, Lehrer, Hausfrauen. 150 sind sehr aktiv. Jetzt in den Ferien organisieren sie vor allem Freizeitmöglichkeiten für die Kinder.

 Auf dem Weg ins Ferienlager in den Karpaten sammelt Anca Sandu nahe der Stadt Nucşoara Jugendliche ein. Viele kommen erstmals von zu Hause wegAnne Ackermann

Das Blau des Himmels beginnt zu strahlen, noch aber ist es an diesem Morgen kühl in den Karpaten. Anca steuert den Bus durch die kurvige Gebirgsstraße. Ein großes "Ah" und "Oh" geht durch den Bus, als am Ende eines langen Tals ein modernes Holzhaus auf einer Lichtung auftaucht.

Nach einer kurzen Begrüßung stellen sich die Jugendlichen den Betreibern des Gäste­hauses vor. Es wird viel gekichert, als ­Sebas­tian seinen Namen nennt ("Echt, so kann man heißen?") und Christianu erklärt, dass er Fußballer werden will ("Ronaldo!"). "Ich war noch nie in den Bergen", sagt Rebecca knapp und schüchtern. "Ich bin so gespannt."

Dunkle ­ Bäume, ­dunkler Boden und – was ist das? Ein Pilz? Kann man den essen?

Anca sammelt die Handys ein, für die Zeit des Aufenthalts. Sie erklärt, wer ­zusammen mit wem auf welches Zimmer kommt. Die ­Jungen und Mädchen entern die ­Stockbetten und richten sich ein. Viel Zeit bleibt nicht, dann gibt es einen Snack zu Mittag: Brot, Speck, ­Käse, Tomaten, Paprika, Äpfel, ­Pflaumen. ­Alles bio, alles regional. In ­Ferentari essen die wenigsten Jugendlichen Obst. Selbst das aus dem billigsten Supermarkt ist für die Familien zu teuer.

Danach geht es in den Wald. Vertrauensspiele. Beim ersten tasten sie sich mit verbundenen Augen durch das Unterholz, an einem Faden entlang, der zwischen den Bäumen gespannt ist. Beim nächsten Spiel führt ein Kind ein anderes an einen bestimmten Ort und muss ganz genau erklären, was es dort sieht. "Dunkle Bäume, dunkler Boden und: Was ist das?", fragt Rebecca: "Ein Pilz? Kann man den essen?"

 Oben rechts: Am ersten Tag werden Handys eingesammelt. Am zweiten Tag lockert sich die Stimmung. Unten: Vertrauensspiele schulen die Sinne, stärken das Selbstvertrauen und das Gefühl für den eigenen Körper. Schon im Wald zu sein, ist für viele heilsamAnne Ackermann

Am Nachmittag spielen viele Jungen und Mädchen auf einer Wiese Fußball. Rebecca steht lieber am Rand und schaut zu. Dann umarmt sie Anca, die auch zuschaut. Als ­eine Betreuerin ruft: "Hey, schon wieder ihr zwei!", lacht Anca und antwortet auf Englisch: ­"Perfect match!" Sie meint: Wir beide passen sehr gut zusammen.

"Für viele Jungen und Mädchen ist es nicht einfach, regelmäßig in die Schule zu gehen", erzählt Anca später. "Daheim bekommen sie nur wenig Unterstützung. Auch wenn ­Rebecca gern in die Schule geht, fehlt sie oft im Unterricht." Für sie und für die anderen ist das Ferienlager eine Belohnung dafür, dass sie in der Schule durchhalten.

Die Tage in den Bergen sind auch für Anca eine Auszeit. Sie freut sich auf die morgige Wanderung. In der vergangenen Zeit war sie manchmal frustriert und traurig. Vor ein paar Wochen hatte Rebeccas Mutter sie angespuckt. "Es gab keinen Grund, sie war einfach auf Droge. Ich versuche, nicht zu urteilen und keine Erwartungen und Hoffnungen zu haben", sagt Anca. "Ich tue einfach, was ich tun kann."

Die Milchstraße in der Dunkelheit der Karpaten

Nach dem Abendessen kündigt Valeriu an, dass später ein Astronom kommen werde. Fragende Gesichter. "Ein Mensch, der die Sterne erforscht. Er kommt mit einem Teleskop, mit dem man die Sterne besser sehen kann." Der Astronom aus Bras¸ov verspätet sich, es ist schon fast zehn Uhr, als sein ­Wagen auf den Hof fährt. Er trägt etwas über die Geburt von Sternen vor, wie sie verglühen und dass ihr Licht Millionen Lichtjahre braucht, um zu uns zu kommen. Rebecca fallen vor Müdigkeit fast die Augen zu. Dann dauert es wieder ganz lange, bis der Astronom vor dem Haus sein Teleskop justiert hat. Aber auch so kann man in der Dunkelheit der Karpaten die Milchstraße bewundern.

In der Kälte der Nacht wartet Rebecca geduldig, dass sie durch das Teleskop schauen darf. Als sie an der Reihe ist, blickt sie sehr lange durch das Okular und lässt sich ­erklären, welche Sterne sie gerade sieht.
"Wie war es?"
"Verrückt", sagt sie und geht ins Haus.
"Verrückt?"
"Ja, und wunderschön."

Infobox

Die Lage der Roma in Rumänien

Von den 20 Millionen Einwohnern Rumä­niens sind offiziell drei Prozent­ Roma; ­faktisch dürften es fünf Prozent sein, also bis zu einer Million Menschen. Viele von ­ihnen werden diskriminiert, sind sozial ­ausgeschlossen und finden aus der Armut nicht heraus. Dafür sorgen ein niedriges ­Bildungsniveau, Arbeitslosigkeit, höhere Kriminalitätsraten (bei kleineren Delikten), eine schlechte Gesundheitsversorgung, schlechte Wohnverhältnisse und ein ­geringer Zusammenhalt innerhalb ihrer ­Gemeinschaften. Bis ins 19. Jahrhundert lebten Roma in den rumänischen Fürstentümern im Rechtsstatus der Sklaverei. 1855/56 wurden sie rechtlich befreit, ­erhielten aber kein Land. So entstand auf ­einen Schlag ein ausgegrenztes Land­proletariat. Im Kommunismus wurden Roma in den Aufbau der Industrie einbezogen. ­Einer schmalen Schicht von Roma gelang der Aufstieg. Mit dem Übergang zur ­Marktwirtschaft brach die ­rumänische ­Industrie zusammen. Einfache Arbeiten wurden wegrationalisiert. Unter denen, die ihre Arbeit verloren, waren viele Roma. Armuts­ghettos ­wuchsen rasant, auf dem Land und in Bukarest.

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Lesermeinungen

Als Lehrerin in einem großen Berufsschulcentrum arbeite ich auch im sonderpädagogischen Bereich mit SchülerInnen ohne Hauptschulabschluss. Unter den, hauptsächlich Mädchen im Alter ab 15 Jahre, sind viele Angehörige aus Sinti und Roma Familien. Da ist erst einmal die Frage, warum so viele junge Leute keinen Hauptschulabschluss in der Regelschule erreicht haben. Es ist fast nie eine Frage der Intelligenz, sondern hat meistens andere Gründe. Dazu gehören zu unregelmäßigem Schulbesuch, Mütter brauchen ihre Töchter für die Haushaltsführung oder Kinderbetreuung, Väter als Familienoberhaupt sehen keinen Sinn in der Schulbildung ihrer Töchter. Sie sollen besser bei Mutter und Großmutter helfen und lernen ihre spätere Familie zu versorgen. Die Mütter kommen in die Schule und sind vor allem daran interessiert, dass ihre Töchter sich gut benehmen und ordentlich gekleidet nach den Gepflogenheiten der Sippe erscheinen. Höflichkeit und Respekt ist ihr oberste Erziehungsziel.

Bei Schuleintritt stellten sich alle vor und wir sprechen über Wünsche und Träume für die Zukunft und was sie sich von dieser Schule erwarten. Keine Schülerin wusste ob sie Sinti oder Roma ist. Sie sagten einfach sie seien Zigeuner. Ansonsten hatten sie Zukunftsträume und Berufswünsche wie alle Jugendliche.

Um zu gewährleisten, dass in der Schule alle mit Material gut versorgt werden, haben wir mit der Lehr- und Lernmittelfreiheit von der Schere über ein Lineal und Papier alles besorgt aber nach dem Unterricht eingesammelt. Scheren wurden beispielsweise wohl daheim dringend benötigt und mussten immer massiv eingefordert werden mit dem Versprechen, dass sie alle Materialien am Ende des Jahres behalten dürfen. Sonst wäre nach kurzer Zeit kein Material mehr in der Schule gewesen. Diese Erfahrung hat jeder junge Lehrer einmal gemacht.

Alle wussten dass „Zigeuner“ in der Gesellschaft diskriminiert werden. Das war eine prima Lösung für eine fehlende Praktikumsstelle. Man stellte fest, dass die Betriebe keine Sinti und Romas nehmen. Alle Betriebe, die ich angerufen habe, stritten das ab und gaben mir Zusagen. Dadurch kamen die eigentlichen Probleme zu Tage. Leider verbieten die Reinheits- und Meidungsvorschriften, die bei allen Roma stark verbreitet sind, sehr viele Praktikumsstellen. Bei den Sinti gelten alle Berufe, die mit Körperflüssigkeiten in Berührung kommen, oder Berufe, die mit Tierfleisch und -blut zu tun haben (z.B. Metzger), als unrein. Im Kindergarten muss z.B. die Nase geputzt und der Po abgewischt werden. Das erlaubt das Familienoberhaupt nicht. Der Einwand, dass man heutzutage Handschuhe tragen kann, nutzt nichts. So entfallen auch alle Berufe im Reinigungssektor und im Ernährungssektor. Natürlich hatten diese Vorschriften einmal den Sinn das Volk vor Krankheiten zu schützen. Es wirkt heute aber als Hemmschuh für junge Leute. Sollen sie sich gegen das Familienoberhaupt stellen? Das wollen auch Vater und Mutter nicht, weil sie dann alle ausgeschlossen werden von der Gemeinschaft. Sie leben dann ohne Familienbande und werden von unserer Gesellschaft auch nicht so einfach angenommen. Das ist das Schlimmste was ihnen passieren kann. Also sagt man lieber, dass man keine Praktikumsstelle gefunden hat und diskriminiert wird. Das war auch das Ergebnis eines Projekts der Hochschule Koblenz, das jedem Schüler zu seinem Traumberuf verhelfen sollte. Weil das nicht klappte, war im Abschlussbericht die Diskriminierung schuld. Da kannte leider Keiner die Hintergründe und die Zwickmühle der jungen Leute bei der Berufswahl. Die Jugendlichen wollen ihre wirklichen Probleme nicht offenbaren.