Valie Export: Geburtenmadonna

Valie Export/Bildrecht, Wien 2021/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Valie Export: Geburtenmadonna

Frauen im Vollwaschgang
In der klassischen Kunst hatte Maria demütig zu sein. Das müsste mal aufhören, findet Valie Export.

Heilige Hausfrau! Was Michelangelo wohl zu dieser Fotocollage gesagt hätte? Eine Frau in der Sitzhaltung seiner berühmten "Pietà"-Maria, aber ohne Jesus in den Armen, dafür mit Waschmaschine unter dem Hintern. Vielleicht hätte den Renaissancemeister diese "Geburtenmadonna" der österreichischen Künstlerin Valie Export ins ­Grübeln gebracht. Demütig und passiv, so ist Maria bei Michel­angelo und so ist sie auch bei ­Valie Export. Nur dass jener sich daran erfreute, während diese in der ­demütigen eine gedemütigte, eine sich selbst aufgebende Maria sieht.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

In der Kunst eine Heilige – und im echten Leben? Diejenige, die den Dreck der anderen wegmacht. Es gibt eine erstaunliche gesellschaftliche Kontinuität von den Lebzeiten Jesu über Michelangelos Schaffensjahre bis in die coronagebeutelte Gegenwart: Die Herren der Schöpfung ziehen sich ganz gern aus der Affäre. Von Josef jedenfalls ist nicht überliefert, dass er dem unbefleckt Empfangenen die Stoffwindeln wechselte. Und als es hart auf hart kam und sein Ziehsohn am Kreuz hing, ist von ihm gar nicht mehr die Rede – und niemand wundert sich. Typisch. Ob in Valie Exports Fotocollage von 1976 das blutige Leichentuch des Heilands aus der Trommel ragt oder ob Marias ­eigenes Handtuch dringend eine 90-Grad-Wäsche braucht, ist fast einerlei. Das Blutrot ist die einzige Farbe im Bild und setzt hinter das nachdenkliche Leiden der Frau ein knalliges Ausrufezeichen.

Sie wälzt sich nackt in Glas, präsentiert ihre Vulva

Sowohl in als auch außerhalb der Kunstgeschichte will Valie Export die Herabsetzung der Frau nicht als quasi natürlich hinnehmen. Ihr Œuvre ist, um eine Waschmaschinen­metapher zu strapazieren, ein einziger Schleudergang. Seit den 1960er Jahren geht sie dem patriarchal organisierten Kunstbetrieb gehörig auf die Nerven. Valie Exports Performances provozieren und schockieren Österreich. Sie wälzt sich nackt in Glas, präsentiert ihre Vulva in einer im Schritt ausgeschnittenen Hose, Stichwort: Genitalschock, versetzt sich Elektro­schocks bis zur Bewusst­losigkeit und lässt sich in der Fußgänger­zone von Männern betatschen. Ihre Collagen wirken dagegen fast noch harmlos. Sie wurde als Pornografin verurteilt, 1970 entzog ein Gericht ihr das Sorgerecht für ihr Kind – sie machte trotzdem weiter.

Heute feiert die Kunstwelt sie als eine der ganz Großen. In Linz wird in einem eigenen Valie-Export-­Center ihr "Vorlass" verwaltet. Im Februar 2022 bekommt sie den Max-­Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main, hoch dotiert und höchst angesehen. Dabei ist es doch eigentlich wenig erfreulich, dass die feministische Kunst der Österreicherin so aktuell wie eh und je daherkommt. Die meisten Frauen können sich vermutlich nach wie vor ziemlich gut mit der Geburtenmadonna auf dem Bild identifizieren. Wie ärgerlich!

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