Canan Topcu über Identität, Rassismus und Antirassismus

Antirassismus ja, aber nicht so
Antirassimus ja, aber nicht so

Paola Saliby

Ausgegrenzt zu werden, verletzt Menschen tief. Das geschieht in Deutschland jeden Tag. Trotzdem sollten wir einander zuhören, statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten.

Vorgelesen: Standpunkt "Antirassismus ja, aber nicht so"

Ich war sieben Jahre alt, ­meine Schwestern waren neun und zwölf, als mein Vater die ­Mutter nach Istanbul zum Flughafen begleitet hat. Nach seiner Rückkehr am Abend des folgenden Tages sagte er: "Eure Mutter ist jetzt in Almanya, von nun an bin ich Vater und Mutter für euch."

Auf Mutters Weggang wurde ich nicht vorbereitet. Die Eltern dachten vermutlich, dass es die schonendere Art ist, die Trennung nicht anzukündigen. Vater folgte der Mutter ein paar Monate später, meine mittlere Schwes­ter und ich kamen zu den Großeltern ins Dorf, meine älteste Schwester ins Internat. Ein Jahr später holten die Eltern uns nach. Auch nach fast 50 Jahren kommen mir die Tränen, wenn ich über die Zeit spreche, in der meine Eltern nach Deutschland gingen und uns zurückließen. Der Verlust, der Schmerz, die Wünsche, Hoffnungen und Träume, die damit verbunden sind, lassen sich schwer in Worte fassen. Migration ist ein Trauma, das mich ein Leben lang begleitet. 

Canan Topçu

Canan Topçu wurde 1965 in der Türkei geboren. Sie ist Journalistin und Dozentin mit den Schwerpunkten ­Migration, Integration, muslimisches Leben in Deutschland. Sie war Redakteurin bei der "Frankfurter Rundschau" und ­arbeitet als freie ­Autorin. 2021 erschien ihr Buch "Nicht mein Antirassismus" (Quadriga).
Foto: privat

Und doch bin ich dankbar dafür, dass sich meine Mutter 1972 auf den Weg gemacht hat, um als Gastarbeiterin in einer Schokoladenfabrik in Hamburg zu arbeiten. Ja, ich bin dankbar dafür, in diesem Land zu leben. Denn hier konnte ich die werden, die ich geworden bin. Ich hatte Chancen, konnte den Beruf ergreifen, den ich wollte, und Vorlieben und Talente entdecken. Das alles wäre in der Türkei so nicht möglich gewesen, auch aufgrund der finanziellen Situation ­meiner ­Eltern. Auf meinem Weg haben mich viele Menschen unterstützt – auch deshalb fühle ich mich Deutschland zugehörig. Und dieses Gefühl ist nichts, was mir gewährt werden muss oder aberkannt werden kann. Ich habe es mir selbst angeeignet.

Vielleicht kann ich deshalb vieles in der aktuellen Rassismusdebatte nicht nachvollziehen. Nein, ich empfinde es nicht als Ausgrenzung, wenn ich gefragt werde, woher ich komme. Wenn ein Kollege, mit dem ich schon öfter telefoniert habe, nicht sofort weiß, wer ich bin, führe ich das nicht auf meinen türkischen Namen zurück, sondern denke, dass er wahrscheinlich gerade mit anderem beschäftigt war. Als ich vor etwa 30 Jahren nicht sofort ein Volontariat bekommen ­habe, vermutete ich nicht Rassismus als Grund und versuchte es woanders noch einmal. Schließlich klappte es – unter anderem deshalb, weil mich einige der jetzt so oft geschmähten "alten weißen Männer" unterstützten. 

Es werden zu schnell rassistische Motive unterstellt

Damit kein Missverständnis entsteht: In Deutschland gibt es Rassismus. Menschen werden aufgrund ihres ­Aussehens, ihrer Religion oder an­derer Merkmale ausgegrenzt. Leider erleben sie auch Gewalt, und manchmal endet sie tödlich. Ich wohne in Hanau unweit der Orte, an denen ein Rechtsextremist am 19. Februar 2020 neun Menschen ermordete, und habe die Folgen des Attentats direkt miterlebt.

Doch es wird zu wenig differenziert, und schneller, als ich es für sinnvoll halte, werden rassistische Motive unterstellt. Für mich ist es ein Unterschied, ob ein dunkelhäutiger Mensch bespuckt und getreten wird oder ob eine Person gefragt wird, ob sie Urlaub in der "Heimat" gemacht hat, weil man von ihrem Äußeren darauf schließt, dass sie nicht aus Deutschland stammt.

Ich weiß, wie tief es einen verletzt, wenn man ausgegrenzt wird und sich ohnmächtig fühlt. Ich kann mich gut daran erinnern, wie es war, als ich in der Grundschule nicht genug Deutsch konnte, um den Lehrern verständlich zu machen, dass ich neugierig war und in der Tasche eines Mitschülers nur ­etwas nachschauen und nichts ­stehlen wollte, wie mir unterstellt wurde. Ich weiß noch, wie es war, von einem Klassenkameraden im Unterricht als "Kümmeltürkin" beschimpft zu werden – und der Lehrer nicht eingriff. Ich erinnere mich aber auch daran, wie ich aufstand, dem Jungen ­eine knallte und mich wieder hinsetzte. 

Ich definiere mich nicht als Opfer

Ich habe mir Diskriminierung nicht gefallen lassen. Mich zu wehren, hat mir meine Mutter beigebracht. Ich hatte es oft nicht leicht, umso mehr freue ich mich über das, was ich erreicht habe. Seit mehr als 25 Jahren engagiere ich mich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Auch deshalb kommt es mir nicht in den Sinn, mich als Opfer zu definieren. Dadurch würde ich mich ja selbst kleinmachen oder mich auf meine Verletzbarkeit ­reduzieren. Doch genau das tun einige aus den postmigrantischen Gruppen, die die Rassismusdebatte bestimmen. Folgt man ihren Schilderungen, ist Deutschland durch und durch rassis­tisch und auf strukturellem Rassismus aufgebaut. Die "Weißen" sind nach ihrer Logik die Täter und die "Schwarzen" – mal als Hautfarbe, mal politisch verwendet als Synonym für Minderheiten – die Opfer.

Die Welt in Schwarz und Weiß aufzuteilen, entspricht nicht meinem Menschenbild. Identitäten verändern sich und setzen sich aus vielen ­Facetten zusammen. Niemand ist nur Täter oder nur Opfer, Menschen aus Minderheitengruppen sind nicht per se benachteiligt oder die besseren Men- schen. Auch sind nicht alle ­"Weißen" privilegiert. Wer das behauptet, ­blendet die individuellen Lebenswege komplett aus und ignoriert, dass – um in der Antirassismus-Terminologie zu bleiben – auch "weiße" Menschen sich sozial, kulturell und wirtschaftlich "abgehängt" fühlen und es tatsächlich auch sind. Herzenswärme und Ge­wissen haben nichts mit Status zu tun und erst recht nichts mit Hautfarbe. Diese Eigenschaften den vermeintlich Privilegierten abzusprechen, schadet dem gemeinsamen Engagement für eine gerechtere Gesellschaft. 

Generelle Vorwürfe führen zu Abwehr und Weghören

Und darum muss es uns ­allen doch gehen: dass ­jede und jeder hier frei leben kann, nicht beurteilt wird nach dem Namen, nach der Hautfarbe und Herkunft; dass alle die gleichen Chancen bekommen und gerecht behandelt werden. Davon sind wir leider noch entfernt. Aber gewinnt man Verbündete, indem man Menschen vor den Kopf stößt? Ich beobachte im privaten und beruflichen Umfeld, dass Anschuldigungen und generelle Rassismusvorwürfe bei den einen zu Schuldgefühlen und Mitleid führen, bei anderen zu Abwehr und Weg­hören. Auch deshalb bin ich für das Abwägen von Für und Wider und für Besonnenheit im Umgang miteinander. Versäumnisse gilt es mit Bedacht nachzuholen. Dass jetzt auf jedem Werbeplakat und in jeder Firmenbroschüre dunkelhäutige Personen oder Frauen mit Kopftuch abgebildet werden, ist mir zu plakativ und zu platt.

Statt von einem Extrem ins ­andere zu verfallen, sollten wir das Verbindende suchen. Das gemeinsame Erleben von kulturellen Ereignissen schaffe Zugehörigkeit und zwischenmenschliche Verbundenheit, schreibt der Neurowissenschaftler Joachim Bauer in seinem Buch "Das empathische Gen". Es war wohl Intuition, dass ich mich als Zehntklässlerin für ein Schülerabo des hannoverschen Schauspielhauses anmeldete. Dabei zu sein, zusammen mit vielen anderen Menschen dem Geschehen auf der Bühne zuzuschauen und der ­Musik zuzuhören, war ein großartiges Gefühl. Ein Gefühl von Erhabenheit. Und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Das kann mir niemand nehmen. 

Ich tauge nicht als Revolutionärin

Das Identitätsmerkmal rassis­tische Erfahrung reicht meinen Erfahrungen nach als sozialer Kitt nur bedingt. Wie aber können wir ­erreichen, dass junge Leute ihre Identität nicht über ihre Diskriminierungserfahrungen definieren? Die Schulen können das Zugehörigkeitsgefühl stärken. Dafür brauchen wir mehr und besser ausgebildete Lehrkräfte und Sozialarbeiter und mehr Zeit, um mit den Jugendlichen zu diskutieren und mit ihnen gemeinsam kulturelle Ereignisse zu gestalten und zu erleben. Schulen sollten nicht nur Wissen vermitteln, sondern mehr als bisher soziale Kompetenzen trainieren, Wege aufzeigen, wie man Konflikte löst und gewaltfrei kommuniziert. Das Leben in einer diverseren Gesellschaft gilt es zu lernen und einzuüben.

Ich tauge nicht als Revolutionärin und glaube nicht an einen radikalen Umbruch. Ich engagiere mich lieber da, wo ich in meinem Umfeld etwas bewirken kann – etwa als ­Schulpatin und Hochschuldozentin. Ich gebe ­Seminare unter anderem zu Literatur und Vielfaltsgesellschaft, dabei ist es mir besonders wichtig, dass die Studierenden untereinander ins Gespräch kommen über Vorurteile, Heimat und Zugehörigkeit und sich über ihre Erfahrungen austauschen. Um das anzuregen, organisiere ich Lesungen wie zuletzt mit David Mayonga, einem schwarzen Autor und "waschechten Bayern". Ich erlebe, wie auf diese Weise gegenseitige Wertschätzung wächst und auch Gelassenheit. Beides täte uns allen gut. Denke ich.

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Lesermeinungen

Werte Damen und Herren,
Zustimmung zum "Standpunkt" von Canan Topçu. Sie beschreibt richtig die Abwehrreaktionen, die der Dauerbeschuldigung "Rassismus" bei vielen Wohlmeinenden hervorruft.
Auch die evangelische Kirche tut meines Erachtens gut daran, sich darüber Gedanken zu machen. Ich kenne jemanden, der anlässlich Editorials in der Mitgliederzeitschrift ausgetreten ist. Sie waren nicht der eine Grund, aber der Anlass - der letzte Tropfen -, der ihn dazu bewegte. Er wollte sich nicht als (bewusst oder unbewusst) rassistisch denkender Mensch beschimpfen lassen.
Viele Grüße
Klaus Max Smolka

Liebe Frau Topcu,
Vielen Dank für Ihren Artikel, der mich sehr gefreut hat. Schön, dass Sie bei uns heimisch geworden sind und schön, dass auch Menschen, die Rassismus erlebt haben, mit dem radikalen Antirassismus nichts anfangen können. Das macht mir Mut, wieder an eine liebevollere, sinnvollere Diskussion zu glauben. Nur die wird uns voranbringen.
Herzliche Grüße

Der Artikel von Frau Topcu ist eine wichtige ausgleichende Stimme in der oft holzschnittartigen Rassismus- Diskussion! Es ist doch wirklich so, dass nicht jeder abschätzige Blick schon Rassismus bedeutet, aber andererseits besteht klar Rassismus in Deutschland. Und es gibt die häßliche Schwester "Ausländerfeindlichkeit". Doch im letzteren Fall sollte man zweimal hinsehen.
Denn für diese Feindlichkeit - allerdings darf sie nie aggressiv sein - im Sinne einer kritischen Ablehnung gibt es durchaus Gründe. Beispiel Duisburg, mein Wohnort: Der Großteil der Ladendiebstähle (und zwar zahlenmäßig) wird von bulgarischen und rumänischen Kindern und Jugendlichen verübt, Ämterbetrug durch bulgarische, rumänische und türkische sowie arabische Zuwanderer gehört zum Alltag, es gibt in mehreren Stadtteilen Hausprostitution durch bulgarische und rumänische Familien, dazu natürlich hier in der Stadt sowie in Essen, Köln oder Berlin der organisierte Drogenhandel und andere größere Straftaten. Und auch Duisburg leidet unter der Clankriminalität. Hier geht es ausschließlich um Kriminalität von Ausländern und Migranten.
Wir könnten auch noch die Unterdrückung von Frauen ansprechen oder das Macho-Gehabe von jungen Männern oder das schlechte Benehmen im öffentlichen Raum (mit und ohne Autos).
Es ist daher ein vielschichtiges Bild.

Freundliche Grüße

Sehr geehrte Frau Topcu,
haben Sie vielen Dank für Ihren Artikel ! Er spricht mir und meiner bosnischen Freundin aus der Seele ! Damit können wir uns absolut identifizieren !
Mit freundlichem Gruß

Beatrice Seichter

Sehr geehrte Damen und Herren,
den Artikel oder die Stellungnahme von Frau Canan Topcu fand ich super. Wenn alle/viele so denken und handeln würden, glaube ich, wäre einiges einfacher und vor allen Dingen friedlicher in dieser Welt! Auch die Diskussionen um das Thema wären entspannter.
Ich habe mich sehr gefreut über den Beitrag und könnte mir vorstellen, dass der Austausch mit Frau Topcu in jeder Beziehung (unter dem Aspekt der verschiedenartigen Themen in dem Zusammenhang...) sehr bereichernd wäre!

Freundliche Grüße
Michael Fritsch

Sehr geehrte Frau Topcu,

leider kam meine Mail, die ich an chrismon adressierte, als unzustellbar zurück, deshalb schreibe ich Ihnen auf diesem Umweg.

Danke für Ihre Worte, den „Standpunkt“ im Christian-Magazin, der so vieles ausspricht, was ich in der öffentlichen Debatte vermisse. Es ist nicht meine Herkunft, Hautfarbe, Religion, sogenannte Zugehörigkeit zur Mehrheit oder zur Minderheit usw. und macht mich zu einem besseren oder zu einem schlechteren Menschen. Wertschätzung und Gelassenheit im gesellschaftlichen Miteinander zu lernen, einzuüben und auch zu leben (als Vorbild) darf ich nicht allein den Bildungsinstitutionen überlassen oder auch „ anlasten“. Viel zu oft stehen Schulen und Kindergärten dabei alleine da, Eltern überlassen immer wieder diese (mühevolle?) Aufgabe, vielleicht besser gesagt, diese Haltung, den Institutionen. Es wird gerne vergessen, dass zwischen Eltern und Institution idealerweise auch eine Erziehungspartnerschaft bestehen sollte, vor allem auch wenn es um soziale Kompetenzen geht, die eine Gesellschaft braucht, um überhaupt funktionieren zu können.
Der immer mehr vorherrschende Individual-Egoismus taugt offensichtlich nicht für ein gutes gesellschaftliches Miteinander, wo außer dem „ICH“ tatsächlich auch noch ein „DU“ existiert und aus dem dann ein „WIR“ entstehen sollte… Es braucht eben, wie ein Sprichwort sagt, ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen - und Erziehung braucht viele positive Vorbilder. Das, meine ich, täte uns allen, altersunabhängig, auch gut. Deshalb wünsche ich mir, dass viele Menschen Ihre „Ermutigung“ lesen und leben würden. Herzlichen Dank!
Freundliche Grüsse,
Anne Stilz