Flikshop: Eine Briefe-App für Häftlinge

Postkarte ins Leben
USA - Postkarten ins Leben

Katharina Poblotzki für brand eins / Privat

Wo er aufwuchs, taten viele Leute Dinge, die nicht legal sind. "Ich wollte einen Weg finden, diese Air Jordans zu kaufen, damit ich beim Basketballspiel cool aussehe", sagt Bullock.

USA - Postkarten ins Leben

Die Geschäftsidee kam ihm im Knast: Gefangenen zu einem besseren Kontakt nach draußen verhelfen. Marcus Bullock hat dafür eine App entwickelt.

16 Uhr, irgendein Tag, Zelle C 112 in einem Staatsgefängnis in Virginia, USA. Zwei Spinde, ein Waschbecken und eine Toilette. Ein zerkratzter Spiegel an der Wand, ein Fernseher mit 13-Zentimeter-Bildschirm. Marcus Bullock und sein Zellenmitbewohner treten an die offene Metalltür. Die Inhaftierten werden gezählt, wie jeden Tag. Dann kommt das Gold, wie es manche hier drin nennen. Keine reingeschmuggelten Drogen oder das Abendessen. Sie meinen die Post. Briefe, aus Papier, die doch eigentlich niemand mehr schreibt. Hinter Gittern sind sie die Verbindung zum Leben draußen. Zur schönen Vergangenheit. Zur ersehnten Zukunft. Für Bullock ist der Vergleich mit dem Edelmetall sogar noch zu klein: "Post ist mehr als Gold, Post ist Leben", sagt er heute, wenn er auf seine Zeit im Knast zurückblickt.

Wir kommunizieren über Chats, Instagram oder Tiktok. Jede ist mit jedem verbunden. Es sei denn, man sitzt in einem US-Gefängnis. Dort ist das Leben bis auf wenige Momente an zugänglichen Computern offline. Wenn sie E-Mails lesen oder schreiben, stehen Inhaftierte oft unter Druck: Die Mitinsassen warten. Jede Minute am Rechner kostet Geld. Die E-Mails werden mitgelesen und dürfen oft nicht länger als 1500 Zeichen sein. ­Handys sind verboten und die Kosten für offizielle Telefongespräche hoch, weil die Anbieter mit der Not der Gefangenen ein Geschäft machen.

 Marcus Bullock, 39. Heute, sagt er, sei er ausgeglichen. Das war nicht immer so.Katharina Poblotzki für brand eins

Wie kann eine Gesellschaft, die ständig online ist, mit denen in Kontakt bleiben, die es kaum sein dürfen? Bullocks Antwort ist ausgerechnet eine App: Er hat sie Flikshop genannt. Man wählt auf dem Smartphone ein Foto aus und schreibt ein paar Zeilen dazu, ähnlich wie bei Instagram. Ein paar Tage später landen Bild und Text als ausgedruckte Postkarte in der Gefängniszelle – für weniger als einen Dollar, Porto inklusive.

Fast im Alleingang hat Bullock das Unternehmen gegründet und über Jahre entwickelt. Heute kümmert sich eine Handvoll Mitarbeiter darum, dass die Postkarten in mehr als 2700 Gefängnissen in allen Bundesstaaten der USA ankommen. Im Frühjahr 2021 hatte Flikshop mehr als 170 000 Kundinnen und Kunden. Rund 700 000 Postkarten wurden über die App bislang in ­Gefängnisse in den USA geschickt. Rechtlich ist Flikshop eine sogenannte C Corporation, vergleichbar mit der Aktiengesellschaft, also ein gewinnorientiertes Unternehmen. Weil die Firma gerade in einer Finanzierungs­runde steckt, möchte Bullock nicht über aktuelle Umsatzzahlen sprechen.

Wo er aufwuchs, taten viele Leute illegale Dinge

Er ist heute 39 Jahre alt, ein großer, breitschultriger Mann. Morgens geht er joggen und trainiert im Kraftraum, bevor er seinen ­beiden Kindern Frühstück macht. Heute, sagt er, sei er ausgeglichen. Das war nicht immer so. ­Marcus Bullock wuchs in Washington D. C. auf. Seine Mutter war alleinerziehend, fuhr täglich fast 50 Kilometer zur Arbeit, machte nebenbei noch ihren College-Abschluss. Sie wollte Marcus und seiner Schwester zeigen, wie wichtig eine Ausbildung ist. Marcus mochte die Schule, gewann Debattierwettbewerbe, war ein talentierter Basketballer. Von seinem Taschengeld kaufte er Süßigkeiten und verkaufte sie in der Schule mit Gewinn weiter. "Marcus war schon immer ein Unternehmer", sagt seine Mutter.

Wo er aufwuchs, taten viele Leute Dinge, die nicht legal sind. "Ich wollte einen Weg ­finden, diese Air Jordans zu kaufen, damit ich beim Basketballspiel cool aussehe", sagt Bullock. Dass er dafür zu weit ging, ­erkannte er zu spät: Er verkaufte Drogen und klaute Autos. Sonntags ging er in die Kirche. Alles in Ordnung. So sah das der Teenager Marcus.

"Junge, du hast ganz andere Probleme."

Bis zu jenem Samstagabend im Jahr 1996. Zusammen mit einem Freund näherte er sich auf dem Parkplatz eines Einkaufs­zentrums einem Auto. Die jungen Männer hatten ­eine Waffe dabei. Sie klopften damit an die ­Scheibe und zwangen den Besitzer zum Aussteigen. Bei diesem Raubüberfall wurde ­Marcus ­Bullock erwischt. Den Polizisten, die ihn in Handschellen abführten, sagte er noch, dass er Angst habe, seine Mutter würde ihm das ­Basketballspielen verbieten. Einer der ­Polizisten antwortete, so erinnert sich Bullock: "Junge, du hast ganz andere Probleme."

Er wurde verurteilt – Autodiebstahl, versuchter Raub und Verwendung einer Schusswaffe im Rahmen einer Straftat. Acht Jahre Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis für Erwachsene, so lautete die Strafe. Bullock war eine Woche zuvor 15 Jahre alt geworden.

Zoom-Anruf bei der Mutter. Sylvia Bullock ist "Mom in Chief" bei Flikshop, ein augenzwinkernder Titel. "Ich bin da, als Mutter, um Weisheit und Führung zu geben", sagt sie und lacht. Sie ist ordinierte Pastorin der von ihr gegründeten Kirche "Seek His Face Ministries Church". Dienstags ist Gebet, mittwochs Bibelstunde, sonntags Gottesdienst. Am Anfang des Prozesses hoffte sie noch, dass ihr Sohn nicht ins Gefängnis kommen würde. Dass er vielleicht an einem Mentorenprogramm der Kirche teilnehmen dürfe.

Er selbst glaubte noch im Gefängnis, dass er bald wieder entlassen werde: "Die werden mich doch nicht über Weihnachten drin ­lassen." Vielleicht war es Naivität, vielleicht sein Selbsterhaltungstrieb. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man ihn, einen Teenager, dort wirklich mit all diesen harten Jungs einsperren werde. Irgendwann, so dachte er lange, müsse der Richter oder der Staatsanwalt doch etwas tun, um ihn rauszuholen. Die Hoffnung auf eine schnelle Freilassung habe ihn durch die ersten Monate gebracht, sagt Bullock heute. Einmal fragte er auf dem Gefängnishof seinen Kumpel Danny B. beiläufig, wie lange er schon drin sei. Die Antwort: 31 Jahre.

Seine Mutter half, die Gegenwart zu ertragen

Beim ersten Treffen danach sagte er seiner Mutter: "Komm mich nicht mehr besuchen, schreib mir nicht, fang an zu trauern, denn ich werde es nicht rausschaffen." Er habe sich nicht mehr für das Leben interessiert, sagt ­Sylvia Bullock. Sie habe geantwortet: ­"Junge, du hast den Verstand verloren, wenn du glaubst, dass ich dich an das Gefängnis verliere." Sie versprach, ihm jeden Tag einen Brief zu schreiben.

Sie hielt Wort: In ihren Mittagspausen schrieb sie die Briefe und steckte sie mit ­einigen Fotos in einen Umschlag. Bilder aus dem Alltag, von einem saftigen Cheeseburger, vom Briefkasten, von Freunden. Als sie einen besser bezahlten Job fand und sich ein kleines Haus leisten konnte, schickte sie Fotos von einem Zimmer mit Bett, Kingsize, für den abwesenden Sohn. Er arrangierte sich mit dem Gefängnis. Seiner Mutter erzählte er nicht, dass er auch im Sommer manchmal eine mit alten Magazinen gefütterte Winterjacke trug, zum Schutz vor Messerangriffen. Obwohl Waffen im Gefängnis verboten sind, werden welche hineingeschmuggelt.

Manchmal, wenn es Ärger gab, eine ­Schlägerei etwa, kam Bullock in Einzelhaft, ins "Loch". "Das waren die schlimmsten ­Momente, weil ich nicht mit ihm sprechen konnte", sagt Sylvia Bullock. In normalen Zeiten teilte er sich eine wenige Quadratmeter große Zelle mit einem anderen Inhaftierten, schlief im unteren der Doppelstockbetten. Auf dem Rücken liegend sah er all die Fotos, die seine Mutter geschickt hatte. Er stellte sich vor, wie er Unternehmer werde und seine Mutter und seine Schwester unterstützen könnte.

Seine Mutter half Bullock, die Gegenwart zu ertragen, der Rapper Jay-Z ließ ihn von der Zukunft träumen. Exzessiv hörte er seine Musik. Auch Jay-Z hatte mit einer alleiner­ziehenden Mutter und als Drogendealer einen schweren Start ins Leben gehabt. Auch als Musiker hatte er zunächst nur "Nein" gehört. Dann gründete er ein Label und wurde mit Musik und Geschäftssinn zum wohl ersten Hip-Hop-Milliardär. Sein Leitspruch: "I’m not a business man, I’m a business, man" ("Ich bin kein Geschäftsmann, ich bin ein Geschäft, Mann"). Der Rapper wurde Bullocks Vorbild. Um sich auf das Leben in Freiheit vorzubereiten, belegte der Teenager im Gefängnis Collegekurse über Wirtschaft und Computersoftware und brachte sich bei, wie man einen Businessplan entwirft.

Bullock sah die Marktlücke

Nach seiner Entlassung schrieb Bullock Dutzende Bewerbungen. Auf jedem Formular stand die Frage: "Wurden Sie jemals wegen einer Straftat verurteilt?" Er kreuzte "Ja" an, die Unternehmen sagten ab. Bis er einmal die ­Frage las: "Wurden Sie innerhalb der vergangenen sieben Jahre verurteilt?" Wurde er nicht. Als Management-Trainee bei ­Duron Paints & Wallcovering rührte er für den Mindestlohn Farbe an. Einmal hörte er, wie Maler über fehlende Aufträge klagten – und wie Kunden nicht nur Farbe wollten, sondern auch jemanden suchten, der oder die ihnen die Küche streicht. Der Mann, der über Jahre hinter Gittern auf eine Chance gewartet hatte, sah die Marktlücke. Anfangs brachte er Maler*innen und Kunden gegen eine Gebühr zusammen. Bald wurde ein Unternehmen für Malerarbeiten und Renovierungen daraus. Es sprach sich herum, dass seine Leute zuver­lässig arbeiteten. Er bekam sogar Aufträge von McDonald’s-Filialen und dem Flughafen Baltimore-Washington. Bullock wurde Unter­nehmer – und stellte ehemalige Inhaftierte ein.

In seinem neuen bürgerlichen Leben ­kaufte Bullock Autos, reiste viel, hatte bald das erste Smartphone. Er wurde ehrgeizig – und zuversichtlich, seine selbst gesteckten Ziele ­erreichen zu können. Bei einem Trip nach New York blickte er vom Hotel aus auf den Times Square und sagte seiner Freundin, die er später heiratete: "Eines Tages werde ich auf einem solchen Bildschirm zu sehen sein."

2012 kam die erste Flikshop-Postkarte an

Bei ihrer Entlassung hören Inhaftierte oft, dass sie den Kontakt zu den anderen Insassen abbrechen sollten. Der Knast sei kriminell, wer draußen bleiben wolle, suche sich lieber neue Freunde. Bullock aber war mit 15 Jahren ins Gefängnis gekommen. Die Freundschaften aus seiner Jugend im Knast wollte er nicht beenden, er hielt Kontakt, ließ die Freunde an seinem Leben teilhaben. Sie antworteten: "Alter, erinnerst du dich an die Bilder deiner Mutter? Schick uns Fotos aus deinem Leben!" Diese auszudrucken und in einen Umschlag zu stecken, war ihm zu aufwendig. Er suchte nach einer App, mit der er den Kontakt zu seinen Freunden halten könnte, fand nichts – und die Idee für Flikshop war geboren.

2012, drei Jahre, nachdem Bullock erstmals gegoogelt hatte, wie man eine App entwickelt, kam die erste Flikshop-Postkarte im ­Gefängnis an. Dass sein Geschäftsmodell schwierig sein würde, war dem Gründer klar. "Ich bin ein schwarzer, vorbestrafter Mann, der mit ­einer neuen Technik etwas in die ­sichersten Einrichtungen der Welt bringen wollte", sagt er und lacht. Die Menschen, mit denen er ­verhandelte, die Gefängnisdirektoren und Vertreter der Ministerien, waren meist weiße Männer über 50, die keine Ahnung von Apps hatten. Ihnen ging es vor allem um Sicherheit. Deshalb sagten erst einmal alle Nein.

Er war das gewohnt. Im Gefängnis sei ein "Nein" die Antwort auf fast jeden Wunsch, jede Frage. "Ich schnipste das Nein-Männchen von meiner Schulter und machte weiter", sagt Bullock. Mit Erfolg. 2018 stand er wieder am Times Square und blickte auf den riesigen Nasdaq-Bildschirm. Darauf sah er sein Foto und seine Geschichte und die von Flikshop.

 Sylvia Bullock, Pfarrerin und "Mom in Chief" bei FlikshopKatharina Poblotzki für brand eins

Ein Jahr später erzählte er im Weißen Haus dem damaligen Präsidenten Donald Trump von seinen Plänen. Da hatte er seine Renovierungsfirma längst verkauft, sein Knastfreund Anthony Belton ist dort heute im Führungsteam. Bullock und ­Belton hatten einander im Brunswick Correctional Center in Virginia kennengelernt, da war der Marcus gerade 18 Jahre alt und lief, statt ­ mit den anderen Gewichte zu stemmen, mit Wirtschaftsbüchern über den Gefängnishof. "Er hatte einen Geschäftssinn", sagt Belton.

Die beiden freundeten sich an und überlegten, wie sie nach der Entlassung Geld verdienen könnten. Nach mehr als 13 Jahren im Knast gründete Belton einen Hausmeister­service. Auch er muss immer wieder an den Mail Call denken. "Wenn im Gefängnis die Post gebracht wird, steht da ein Haufen erwachsener Männer, die wie Welpen darauf warten, gefüttert zu werden", sagt er.

"Post kann die Stimmung im Gefängnis sehr beruhigen", sagt Anthony Gangi, der seit 18 Jahren im Strafvollzug arbeitet. Er überwacht als Supervisor die Abläufe in einem Gefängnis mit etwa 2400 Inhaftierten in New Jersey. "Flikshop macht unsere Arbeit leichter", sagt er. Klassische Post bedeute für ein Gefängnis immer Arbeit und Risiko. Briefe werden gescannt und gelesen, oft auch kopiert. Die Inhaftierten bekommen nicht das Original – da unter Fotos oder zwischen dem Papier Drogen versteckt sein könnten. Wenn Flikshop ausgedruckte Karten schickt, hat das Gefängnispersonal weniger Arbeit.

Die Pandemie hat Kontakte nach draußen erschwert

Die Firma ist nicht allein auf diesem Markt. Nach Bullocks Gründung haben andere ehemalige Inhaftierte Apps auf den Markt gebracht, die nach gleichem Muster die Kommunikation zwischen Drinnen und Draußen erleichtern. Frederick Hutson etwa, der mehr als vier Jahre wegen Drogenhandels in einem Bundesgefängnis gesessen hatte, nannte 2013 sein Start-up Pigeonly nach den historischen Brieftaubendiensten. Kunden abonnieren die App für eine monatliche Gebühr von weniger als 20 Dollar, um Fotos und Nachrichten zu versenden und Zugang zu ­billigen Telefontarifen zu haben.

Die Pandemie hat Inhaftierten Kontakte nach draußen weiter erschwert. Über Monate waren Besuche, wenn überhaupt, nur eingeschränkt möglich. Corona hat auch die Arbeit von Flikshop verändert. Bullock trägt beim Zoom-Interview seinen Laptop durch die Büro­- räume in Washington, ein paar Blocks vom Potomac River entfernt. Über dem Bildschirm ist zu sehen: Alle Plätze sind leer, die Mitarbeiter im Homeoffice. Dennoch: Die Pandemie hat dem Unternehmen einen Schub gegeben. Im ersten Monat des Lockdown stieg der Umsatz um 60 Prozent und wuchs auch danach.

Hoffnung, dass sich für die Gefangenen die Dinge bessern

Bei den Postkarten soll es nicht bleiben. "Ich hatte meine Mutter, meine Träume, die Musik von Jay-Z. Aber manche Leute haben niemanden", sagt Bullock. Er will Flikshop zur Plattform machen. NGOs und Anwaltskanzleien sollen sich austauschen können, Unternehmen neue Angestellte finden, Inhaftierte Zugang zu Behörden bekommen. Das Ziel: ein besserer Einstieg ins Leben nach dem Knast. Die Flikshop School of Business bietet ­Kurse in Gefängnissen an und hilft gerade Ent­lassenen, sich weiterzubilden. Anthony ­Belton gehört heute zu dem Team, das Kurse ent­wickelt. Viele Inhaftierte, die seit Jahren ihre Zukunft ausmalen, können hier ihre Ideen vorstellen. Marcus Bullock sagt: "Die Gesellschaft braucht diesen Ehrgeiz, diese Kraft."

Und es gibt Hoffnung, dass sich für die Gefangenen die Dinge bessern. Die Stadt New York führte 2019 als erste Großstadt kostenlose Telefonate ein. Und Connecticut hat im Juni 2021 als erster US-Bundesstaat ein Gesetz verabschiedet, nach dem Telefonate, E-Mails und Videogespräche für Inhaftierte und ­ihre Familien ab Oktober 2022 kostenlos sein ­werden.

"Postkarte ins Leben" erschien auch in brand eins 08/2021

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Kostbare Verbindung

In den USA ist es für Gefangene schwierig, den Kontakt nach draußen zu halten. Die Insassen leiden darunter – auch weil Unternehmen aus ihrer Notlage Profit schlagen. "Es gibt ein unerbittliches Bestreben, Inhaftierte zu Einnahmequellen für private und öffentliche Kassen zu machen", heißt es in einem Bericht der Prison Policy Initiative (PPI).

Die Gefängnis-Telefonie ist ein Milliarden-Dollar-Markt. Inhaftierte können nicht einfach einen billigen Festnetzvertrag abschließen oder Vorwahlnummern nutzen, die ihre Kosten niedrig halten. Handys sind ohnehin verboten. Das macht es privaten, gewinnorientierten Telefongesellschaften leicht.

Zwei Unternehmen, Global Tel Link und Securus, beherrschen nach PPI-Recherchen den Markt. In staatlichen Einrichtungen sind die Telefonkosten mittlerweile auf maximal 21 US-Cent pro Minute gedeckelt. In lokalen Gefängnissen in Arkansas kosten 15 Minuten am Telefon dagegen fast 25 Dollar. Und auch bei E-Mails oder Videotelefonie-Programmen für Gefängnisse ist der Zugang begrenzt, die Kosten sind hoch.

In Deutschland hat das Unternehmen Telio als Quasi-Monopolist einer Recherche von Netzpolitik.org zufolge Verträge mit 15 der 16 Bundesländer geschlossen. Lokale Gespräche kosten in Sachsen rund vier Cent pro Minute, bei Anrufen ins Mobilnetz sind es bis zu 20 Cent, bei Gesprächen ins Ausland sogar bis zu 1,19 Euro. Keine amerikanischen Verhältnisse, aber doch Preise, die deutlich über dem liegen, was es außerhalb von Gefängnissen kostet zu telefonieren. 

Hierzulande haben Inhaftierte keinen grundsätzlichen Anspruch darauf, E-Mails zu schreiben oder per Video zu telefonieren. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hob 2017 zwar die Bedeutung von modernen Medien im heutigen Alltag hervor. In seinem Urteil erklärte er aber, dass die Vertragsstaaten Häftlingen keinen pauschalen Zugang zum Internet ermöglichen müssen.

Wenn sich Inhaftierte allerdings vor der Entlassung nicht online um eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz bemühen können, erschwert das ihren Start ins neue Leben.

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