Sinnfluencerin Josephine Teske ist Mitglied im Rat der EKD

"Wir müssen einen anderen Kurs fahren"
Josephine Teske

Jens Schulze/epd-bild

Josephine Teske (Foto vom 07.11.2021), Pfarrerin in Schleswig-Holstein, kandidiert bei der Wahl des Rates der EKD am 09.11.2021 in Bremen.

Seenotrettung, Kirche im Netz und die Gemeinde im Dorf: Pfarrerin Josephine Teske wurde in den Rat der EKD gewählt. Wir haben mit ihr vor der Wahl über ihre Bewerbung gesprochen - und das Interview nach der Wahl angepasst.

Welche Aufgaben stehen Synode und Rat Ihrer Meinung bevor?

Josephine Teske: Wir müssen als Kirche einen anderen Kurs fahren. Wir stehen vor großen Veränderungen, müssen Altes und Wertgeschätztes loswerden. Und das gut begleiten und in die Gemeinden kommunizieren. Wir stehen vor großen Veränderungen, die auch Trauerprozesse sein werden.

Welches Alte und Wertgeschätzte meinen Sie?

Unsere Gemeinden verändern sich. Zum einen gehen die Kirchensteuerzuweisungen zurück. Das hat Konsequenzen für das Gemeindeleben, personell und damit inhaltlich. Wir können jetzt schon längst nicht mehr die Angebote machen, die wir gerne hätten. Zum anderen verändert sich unsere Welt rasant. Als Kirche müssen wir versuchen, zumindest mitzuhalten. Unser gewohntes Selbstverständnis ein Stück loslassen und dafür arbeiten, nicht an Relevanz zu verlieren. Auch das tun zu müssen, kann schmerzhaft sein.

Josephine Teske

Josephine Teske, Jahrgang 1988, ist Pastorin in Büdelsdorf am Nord-Ostsee-Kanal, ­alleinerziehende ­Mutter und begeisterte Insta­gram-Nutzerin (@seligkeitsdinge_). Außerdem gehört sie zu den "Sinnfluencern" bei yeet, dem Netzwerk der ­evangelischen Kirche.
Patrick Desbrosses

Die neue Synode übernimmt auch Aufgaben von der vorigen Synode: die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie etwa. Welche Rolle wird das spielen?

Eine ganz große. Das ist ja längst nicht abgeschlossen. Ich hoffe, dass es ein großes Thema sein wird. Schuld und Versöhnung sind große Themen. Das Zuhören ist ein großer Faktor. Es geht darum, dass die Opfer sich gehört fühlen.

In seiner Abschiedsrede vor der Synode hat der scheidende Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm am Sonntag den Zusammenhang von Frommsein und Politischsein betont. Zum Beispiel wird das EKD-finanzierte Seenotrettungsschiff im Mittelmeer zur Rettung von Flüchtlingen eng mit der Person dieses Ratsvorsitzenden verknüpft. Welche Rolle wird die Seenotrettung künftig spielen?

Auch weiterhin eine ganz große. Wir müssen da am Ball bleiben und als Kirche immer wieder Position beziehen und ein starkes Rückgrat zeigen. Wir müssen kommunizieren, warum wir uns als Kirche dafür einsetzen.

Warum?

Weil es hier um Menschenleben geht. Wir lassen niemanden ertrinken. Keine Menschenseele, das muss klar sein! Es dürfte in unserem Land überhaupt keine Frage sein! Dass wir als Kirche uns dafür rechtfertigen müssen, ein Schiff zu schicken, das finde ich ehrlich gesagt für unser Land beschämend. Ich frage dann: Sollen wir diese Menschen ertrinken lassen? Die Antwort ist dann häufig; Nein, natürlich nicht! Aha, was also dann? Na nicht zu uns! Wohin dann? Zurück in ein Kriegsland, wo sie Folter und Tod erwarten? Dann gibt es häufig Schweigen. Für mich ist es keine Frage, aber wenn sie eine christliche Begründung wollen, dann sage ich: Dieses Schiff ist ein Gebot der Nächstenliebe.

"Ich möchte die digitale Welt ernst nehmen als einen Verkündigungsort"

Sie haben in Ihrer Bewerbungsrede für den Rat betont, wie wichtig die Gemeinden sind. Wie können solch große Themen an die Gemeinden angebunden werden?

Zum ersten Thema: Wir haben bei uns im Kirchenkreis eine Präventionsbeauftragte für sexualisierte Gewalt. Wir kommunizieren auch in die Gemeinden hinein, mit Flyern, die überall in den Gemeindehäusern ausliegen: Da können sich Opfer sexualisierter Gewalt melden, da finden sie Ansprechpartner*innen. Anders ist das bei politischen Themen wie die Seenotrettung. Ich binde sie in meine Predigten ein – und auch in persönliche Gespräche.

Welche Impulse wollen Sie im Rat der EKD geben?

Ich habe zwei Schwerpunkte: Die digitale Innovation, ich möchte die digitale Welt – wie auch immer wir sie definieren – ernstnehmen als einen Verkündigungsort. Das bedeutet, dass dafür auch Stellenanteile geschaffen werden, für alle. Nicht nur für Pastorinnen und Pastoren, sondern auch für Gemeindepädagoginnen und Diakone, Kirchenmusiker:innen, die digital unterwegs sind. Ein anderer Schwerpunkt sind für mich Work-Life-Balance und mentale Gesundheit. Gerade wir als Arbeitgeberin Kirche müssten mehr auf die Work-Life-Balance achten: Wie belasten wir unsere Angestellten, achten wir auf Überstunden? Bei Pastorinnen und Pastoren, die keine wöchentliche Stundenzahl haben, geht es darum, wie sie entlastet und unterstützt werden können darin, auf sich Acht zu geben. Das ist schwer einzuhalten.

Und was meinen Sie mit mentaler Gesundheit?

Alle, die verbeamtet werden, dürfen in ihrer Akte vom Gesundheitsamt nicht stehen haben, dass sie eine Psychotherapie gemacht haben. Ich finde es aber wichtig, dass man Therapien für sich nutzen kann, dass sie einer Anstellung nicht im Wege stehen. Denn alle in der Kirche, die Seelsorge betreiben, uns um die Seelen anderer kümmern, dürfen sich doch unbedingt auch um die eigene Gesundheit und um die eigene Seele kümmern, ohne dass das zu Komplikationen bei der Anstellung führt. Bei den bestehenden Regelungen nehmen viele keine Therapie, obwohl sie es bräuchten – aus Angst, dann nicht verbeamtet zu werden. Viele Student*innen brauchen aber Therapie, aus unterschiedlichen Gründen. Eine Therapie zu machen, ist eine Stärke; es zeigt, dass man sich um sich kümmert.

"Ich höre immer wieder, wie unzufrieden diejenigen sind, die in der Kirche anfangen zu arbeiten"

Sie sind erstmals auf der Tagung einer EKD-Synode. Haben Sie sich schon vernetzen können?

Zufällig saß ich heute morgen mit Vertretern des Kirchenamtes beim Frühstück und habe mich lange mit dem Noch-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm darüber unterhalten: Was brauchen wir als digitale Kirche? Was brauchen Berufsanfänger*innen? Es ist wichtig, dass wir unseren Nachwuchs im Blick haben. Ich höre immer wieder, wie unzufrieden, fast verzweifelt diejenigen sind, die in der Kirche gerade anfangen zu arbeiten. Weil sie an den alten Strukturen sich die Zähne ausbeißen, weil sie immer wieder gegen geschlossene Türen rennen mit ihren neuen Ideen und sie nicht mit ihrem frischen Wind in die Gemeinden wirken dürfen.

Ein Beispiel?

Neue Gottesdienstformate. Schon wenn am 10-Uhr-Gottesdienst festgehalten wird. Es sind oft nur kleine Dinge, die man nicht umsetzen darf, wenn die Menschen in der Gemeinde zwar bereit wären, aber die Gremien in der Gemeinde das nicht zulassen. Oder wenn man digital unterwegs ist und das als Hobby angesehen wird. Dabei ist digitale Arbeit wirklich Arbeit.

In Ihrer Bewerbungsrede für den Rat erzählten Sie von Ihrer Herkunft aus der atheistischen Uckermark, von ihrer festen Frömmigkeit als Pastorin auf dem Land und wie Sie die analogen und digitalen Welten zusammenbringen wollen. Möchten Sie etwas ergänzen?

Für zwei Netzwerke bin ich dankbar: für Yeet, das EKD-geförderte Netzwerk, und ruach.jetzt, ein ökumenisches digitales Netzwerk, von unten gegründet für den unkomplizierten Austausch auch mit den katholischen Schwestern und Brüdern, egal ob haupt- oder ehrenamtlich: Leute auf Youtube, Blogger*innen, Menschen mit Infoseiten auf Instagram. Wir unterstützen und beraten einander.

"Ich kann ja nur die sein, die ich bin"

Kann Ihre digitale Gemeinde mit dem Rat der EKD etwas anfangen?

Nein, da muss ich immer wieder erklären: Was ist die EKD, was ist eine Synode, was macht der Rat? Ich habe aber auch gemerkt: Es ist ihnen egal, was der Rat ist, sie freuen sich für mich, weil sie merkten, dass mir die Kandidatur wichtig war.

Was sagen Sie ihnen, warum Sie das machen?

Mein Ziel ist ja, die Welt zu verändern – zu einem besseren Ort. Das tue ich in meiner Gemeinde, auf Instagram, und jetzt möchte ich das auch auf dieser Ebene versuchen, im Rat, wo ich auch anderen Einfluss habe.

Indem Sie die Gemeinden stärken und Hauptamtlichen in der Kirche zu mehr Achtsamkeit für sich selbst verhelfen wollen?

Was ich auf Instagram und auch meiner Gemeinde vor Ort immer wieder mitzugeben versuche, das ist: dass wir von unseren Schwächen und Brüchen im Leben erzählen können. Und dass wir über unseren Glauben offen ins Gespräch miteinander kommen und uns auch verletzlich machen. Aber dass wir so viel Respekt voreinander haben, dass wir das nicht ausnutzen. Wenn wir ehrlich miteinander sind, verstehen wir einander besser. Dann wird unsere Gesellschaft eine, die nicht nur von Nächstenliebe spricht, sondern sie auch lebt.

Nun wird in der Synode viel taktiert, auch hintenherum, sicher auch oft mit Verletzungen. Wie passt das für Sie zusammen?

Weiß ich noch nicht. Ich kann ja nur die sein, die ich bin. Falls ich in den Rat gewählt werden, kann ich meinen Kurs nur so weiterfahren. Vielleicht breche ich ja was auf und kann auch hier was verändern. Ich bin optimistisch.

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Lesermeinungen

"Ich kann ja nur die sein, die ich bin"

Aber schon mit der Verbeamtung, werden sie KORRUMPIERT etwas anderes zu sein als die Masse, die, KONFUSIONIERT für die wettbewerbsbedingte Symptomatik, möglichst nicht einmal davon träumen soll das ALLE, sozusagen als Beamte, ein Teil eines somit dann UNKORRUMPIERBAREN Gemeinschaftseigentums ("wie im Himmel all so auf Erden") zu sein!?

Ich träume davon, dass ich eines Tages sagen kann: Ich bin, was WIR ALLE sein sollen, MENSCH, gewandelt und FUSIONIERT, von "Individualbewusster" Konfusion und geistigen Stillstand seit der "Vertreibung aus dem Paradies" (Mensch erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung), zu gottgefälligen/vernünftigen Möglichkeiten wirklicher Wahrhaftigkeit in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewusstsein und Freiem Willen, aber vor allem in der ganzen Kraft des Geistes, der fortan möglichst nie wieder stillsteht.