Altes und Neues Testament - über Juden und Christen

Wozu hat die Bibel zwei Testamente?
Wozu hat die Bibel zwei Testamente?

Lisa Rienermann

Wozu hat die Bibel zwei Testamente?

Die Geschichte vom auserwählten Volk geht weiter. Eine Fortsetzung, aber anders, als viele denken.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Wozu hat die Bibel zwei Testamente?"

Das Publikum liebt neue Folgen. So erzählt der Regisseur George Lucas sein Star-Wars-Epos in neun Folgen: von einem, der aus Liebe böse wird; von seinem Sohn, der ihn bekämpft; von Helden, die sich der dunklen Seite der Macht entgegenstellen. Hinzu kommen ­weitere Folgen zu ­Nebenschauplätzen, ein schier unbegrenzter Stoff. Das ­Gute daran: Das Publikum kennt das ­Setting und die handelnden Personen, sie müssen nicht jedes Mal wieder vorgestellt werden.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist als chrismon-Redakteur verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

So gesehen ist auch das Neue Testament eine Art Fortsetzungsgeschichte. Der erste Teil der christlichen Bibel, das sogenannte Alte Testament, ­endet tragisch, Gott erwählt sich aus seiner Schöpfung ein Volk und schließt mit ihm folgenden Bund: Gott schenkt dem Volk fruchtbares Land; im Gegen­zug muss sich das Volk an Gottes Gebote halten. Doch das Volk hält sich nicht daran – und verliert sein Land. Schließlich ver­heißen Pro­pheten eine bessere Welt, in der nicht nur das auserwählte Volk, sondern alle Völker ihren Platz finden. Juden warten noch immer auf diese verheißene Welt. Christen glauben, sie habe bereits begonnen, mit Jesus von Nazareth und mit denen, die sich von seiner Liebe ergreifen lassen. Das wäre dann Folge zwei, das Neue Testament. 

Christen begannen, ­Juden zu ­schmähen, auszugrenzen, zu ver­folgen

Der antike Theologe Origenes (185–254 nach Christus) erklärte es etwas anders: Weil Gottes erstes Volk sich nicht an die Gebote hielt, habe Gott einen neuen Bund mit einem ­anderen Volk ­geschlossen, der Christenheit. Origenes vertrat das entschieden in der Sache, aber freundlich im Ton. Schon der ­Prophet Jeremia habe ­diesen ­neuen Bund ­angekündigt, einen Bund, nicht auf steinernen Gesetzes­tafeln festge­halten, sondern gleich in die Herzen der Gläubigen geschrieben. Origenes fand: Dieser neue Bund gelte ­Christen, weil sie geistlich mit Christus lebten: de­mütig, liebevoll, hilfsbereit, frei von Hass auf andere.

Spätere Christen griffen ­Origenes’ Worte auf und geiferten, ­Juden seien das verworfene Volk; im ­Alten ­Testament gehe es um Rache, im Neuen um Liebe. Sie begannen, ­Juden zu ­schmähen, auszugrenzen, zu ver­folgen und sich an ihnen zu be­reichern. Kurzum: Sie verhielten sich ganz und gar nicht wie geistliche Christen, denen an der Liebe gelegen ist. Würde Origenes das mit­bekommen, er müsste sich vor Gram im Grabe herum­drehen. Bestimmt würde er sagen: Wer Menschen so hasst, kann kein Christ sein.

Die Menschheit ist dabei, die ganze Welt zu verbrennen

Ja, der zweite Teil der Bibel ist die Fortsetzung zum ersten, aber etwas anders, als man es immer sagt. Das Wort "Testament" steht eigentlich für das hebräische Wort "Bund". Und wenn man vom "Alten" und vom "Neuen Testament" spricht, klingt das so, als gebe es nur einen alten und einen neuen Bund. Das ist aber falsch.

Der vordere Teil der christlichen Bibel erzählt von drei Bünden: Den ersten schließt Gott nach der Sintflut mit Noah und seinen ­Nachkommen, mit der ganzen Menschheit. Gott verspricht, nie wieder die Erde zu ­zerstören. Im Gegenzug solle die Menschheit Gott und die Schöpfung achten. Leider hält sich die Menschheit nicht daran. Stattdessen ist sie dabei, die ganze Welt zu verbrennen. Man kann nur hoffen, dass sie sich bald eines Besseren besinnt.
Den zweiten Bund schließt Gott mit Abraham, Urvater der Juden, Christen und Muslime. Doch statt sich als Familie des einen Urvaters unter einem Gott zu verstehen, überziehen Christen, Muslime und Juden einander mit Misstrauen und Gewalt.

Es geht darum, heilig und solidarisch zu sein

Erst den dritten Bund schließt Gott mit Israel am Berg Sinai: Land gegen Gesetzestreue. Schon in diesem Bund verlangt Gott von seinem Volk, heilig zu sein, solidarisch, die Nächsten zu lieben, siehe oben. – So weit das Alte Testament.

Das Neue Testament erzählt, wie Jesus, der Christus, alle Menschen in diesen Bund Gottes mit Israel einlädt. Alle Menschen sollen seine Christenheit werden. Das Setting bleibt das Gleiche. Es geht darum, heilig und solidarisch zu sein und die Nächsten zu lieben. Eine große Verpflichtung, die zu Bescheidenheit mahnt.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Weitz
Ab und zu liegt Chrismon der FAZ bei - und als Leser lese ich sie natürlich.
Eine „kleine“ Korrektur: Sie schreiben dass „Christen, Muslime und Juden einander mit Misstrauen und Gewalt“ überziehen. Dass Juden Christen und Muslime mit Gewalt überziehen mag, bezogen auf Christen und Muslime stimmen. Bei einzelnen Juden auch. Aber wenn ich die letzten 2000 Jahre überdenke…….Da widerspreche ich Ihnen völlig.Juden haben in den letzten zwei Jahrtausenden nie und niemanden mit Gewalt überzogen - ganz im Gegenteil.
Und ich wehre mich auch gegen Ihre Aussage, dass „alle Menschen sollen seine Christenheit werden“. Das ist Anmassung. Lassen Sie den Muslimen und den Juden ihren Glauben. Wichtig ist nur das jeder dem anderen seinen „alleinseligmachenden“ Glauben lässt und nicht meint sein Glaube sei der Allerbeste. Kein Mission, nie und bei niemandem. Auch nicht bei sogenannten „Heiden“.
Mit freundlichen Grüssen
Robert Krauthammer

Für mich stellt der Artikel von Burkhard Weitz klar: Israel erfährt und entwickelt als erstes unter den Völkern für alle Zukunft eine Vertrauens- und Treuebeziehung zu dem einen Gott, dessen Name unaussprechlich ist.
Durch den Juden Jesus, den sie als den Christus erfahren, sehen sich dann die Gläubigen in den Völkern hinzu geladen zu dieser Bundesbeziehung Gottes mit Israel. Dabei bleibt der Name des erwählten Bundesvolkes Israel vorbehalten.
Auch im Islam gibt es heute bereits Theologen, die diese Besonderheit Israels sehr ernst nehmen.

"Es geht darum, heilig und solidarisch zu sein"

Schön geschrieben, aber heilig und solidarisch sollte man noch genauer erklären: Heilig dem Geist der Gott/Vernunft ist gegenüber, ebenbildlich und unkorrumpierbar "wie im Himmel all so auf Erden", in einem geistig-heilendem Selbst- und Massenbewusstsein OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, denn der Geist der Gott/Vernunft ist, bedeutet Mensch/ALLE und kein Steuern zahlen, usw.!