Das Beispiel Hunsrück: Wie können wir klimaneutral werden?

Im gelobten Land?
Mörsdorf im Hunsrück

Bernd Roselieb

Deutschland. Mörsdorf. 08.09.2021 Photo: Bernd Roselieb

Die Welt muss ohne Kohle, Öl und Gas auskommen, um die Klimakrise aufzuhalten. Aber wie? In einem Landkreis in Rheinland-Pfalz zeigen ­engagierte Menschen, was da gehen kann: mit Herzblut, mit vielen guten Ideen und ohne Parteiengezänk. Ein Besuch im Hunsrück.

Manchmal haben Menschen das Glück, sich aussuchen zu können, wo sie leben möchten. Evelyn Brosowski zum Beispiel. Zur Jahrtausendwende übernahm sie mit ihrem Mann einen Betrieb in Simmern, Rheinland-Pfalz. Sitzbezüge für Autos stellt die Firma her. Die Chance war groß für sie als Diplom-Bekleidungs­ingenieurin, mit Stoffen kannten sie sich aus. Nur wo ­wohnen? Die ersten Jahre blieb das Paar in Simmern, wünschte sich aber ein Haus. Evelyn Brosowski weiß noch, dass sie auf Fahrrädern an Neuerkirch vorbeifuhren und oberhalb des Dorfes Rast machten. So viel Grün! Die Fachwerkhäuser! Hier wollten sie wohnen. 2006 war das, damals waren kaum Windkraftanlagen zu sehen, heute drehen sich allein neun Rotoren auf der Gemarkung der Gemeinde, im Landkreis sind es fast 300. War das die falsche Wahl? Evelyn Brosowski antwortet schnell: "Nein!"

 Evelyn Brosowski, Bürgermeister Volker Wichter, Bertram Fleck und Frank- Michael Uhle (v. l. n .r.) vor der solarthermischen Anlage in NeuerkirchBernd Roselieb

Neuerkirch, 300 Einwohner, ist ein Dorf mitten im Rhein-Hunsrück-Kreis, der gut 100 000 Einwohner hat. 0,12 Prozent der Menschen in Deutschland leben hier, zwischen Trier, Koblenz und Mainz. Provinz. Aber eine Gegend, von der 99,88 Prozent der Menschen in Deutschland lernen können, wie die Energiewende gelingen kann. Hier erzeugen Windräder und Photovoltaikanlagen dreimal mehr Strom, als Betriebe und Haushalte im Kreis verbrauchen.

Was im Hunsrück längst angefangen hat, steht dem Rest des Landes noch bevor: Im Frühjahr entschied das Bundesverfassungsgericht, dass junge Menschen in ­ihrer Freiheit eingeschränkt würden, wenn die Politik den ­Klimaschutz auf die Zeit nach 2030 verschiebt. Die Große Koalition verschärfte daraufhin die Gesetze. Bis 2030 sollen in Deutschland 65 Prozent weniger Kohlendioxid freigesetzt werden als 1990. Bis 2045 soll das Land klimaneutral sein, die EU verfolgt für Europa ähnliche Ziele. Aber wie soll das klappen?

"Ich gebe zu, ich habe das anfangs belächelt" - Frank-Michael Uhle

1999 trat der Architekt Frank-Michael Uhle seinen Pos­ten bei der Kreisverwaltung Rhein-Hunsrück an, einer seiner ersten Aufträge: ein Energiecontrolling für die öffentlichen Gebäude einrichten. "Ich gebe zu, ich habe das anfangs belächelt", sagt er heute. Klimaschutz war vor 22 Jahren ein Nischenthema. Aber Uhle merkte, dass er viel bewirken konnte, auch mit kleinen Schritten. Etwa, indem er den Hausmeistern erklärte, wie sie sparsamer heizen können. "Die beste Energie ist die, die man nicht verbraucht." Nach 14 Jahren zog Uhle Bilanz: Der Landkreis hatte an sieben Schulen und einem Verwaltungsgebäude zwei Millionen Euro an Energiekosten eingespart – und fast 10.000 Tonnen CO2*. Ein Aha-Erlebnis für den Architekten.

Uhles erster Arbeitsauftrag war damals von Bertram Fleck gekommen, von 1989 bis 2015 Landrat im Kreis. Fleck ist heute aus Mainz angereist, die Zeit im Hunsrück lässt ihn nicht los. Er trifft sich mit Uhle auf dem Gelände der Rhein-Hunsrück Entsorgung in einem Infozentrum, in dem sich schon Besuchergruppen aus Dutzenden ­Ländern über die Energiewende informiert haben. Nebenan steht eine Anlage, die den Müll aus den Biotonnen im Landkreis in Gas umwandelt. In einem Kraftwerk werden 4,5 Millionen Kilowattstunden Strom daraus. Eine Million davon benötigt die Anlage selbst für den Betrieb; der Rest versorgt 1000 Haushalte mit Strom. Der Hügel hinter dem Infozentrum ist eine alte Mülldeponie, darauf steht eine große Photovoltaikanlage.

 Natürliche Rasenmäher: Schafe grasen zwischen der Photovoltaikanlage
auf der ehemaligen Mülldeponie bei Simmern im Hunsrück
Bernd Roselieb

Auf dem Weg zum Hügel zählt Bertram Fleck, der Landrat außer Dienst, das Erfolgsrezept des Rhein-Hunsrück-­Kreises an den Fingern ab, erster Finger: "Sie müssen überparteilich arbeiten!" Zweiter Finger: "An der Spitze brauchen Sie Herzblut!" Seine Leidenschaft rührt von ­einer Erfahrung mit seinem Vater her. Der baute, Fleck war noch ein junger Mann, ein Haus und überlegte: Einfach­verglasung oder Doppelverglasung für die Fenster? Fleck erinnert sich an die erste Ölrechnung: "19 Pfennig ­kostete der Liter Heizöl damals, Ende der Sechziger, und mein ­Vater sagte, dass Doppelfenster sich nie rentieren würden." Heute kostet der Liter Heizöl mehr als 70 Cent. Den ­Glauben daran, dass Energie für alle Zeiten billig sein würde, hat Bertram Fleck früher als andere aufgegeben. Er hängt der Anekdote eine Weile nach, ehe er auf seine Erfolgsformel für den Hunsrück zurückkommt. "Drittens", sagt er und schlägt den Mittelfinger der rechten auf die linke Hand, "drittens brauchen Sie solche Kerle hier, die anpacken. So wie den Uhle!" Der blickt kurz zu Boden und lächelt.

"Sie ­müssen über­parteilich ­arbeiten. Und Sie brauchen Herzblut. Und ­Kerle, die mit ­anpacken" - Bertram Fleck

Über Parteigrenzen hinweg nach Lösungen suchen? Klingt machbar, erst recht auf kommunaler Ebene, wo man sich persönlich kennt. Aber Frank-Michael Uhle, der Klimaschutzmanager, weiß noch, dass Flecks Umgang mit Menschen aus anderen Parteien ganz anders war, als er es aus seiner Heimat in Cochem an der Mosel kannte. Wenn damals ein Sozialdemokrat oder eine Grüne in die ­Kneipe kamen, seien die erst mal mit ein paar provokanten ­Sprüchen belegt worden. "Und bei meiner ersten Rundtour mit dem Landrat vor über 20 Jahren sah ich: Der spricht ja wirklich mit allen, dem geht es nur um die Sache."

Bertram Fleck und Frank-Michael Uhle sind in der CDU. "Viele CDU-Leute haben das mit der Energie und dem Klimaschutz nicht kapiert, die haben gesagt: ‚Lass die doch absaufen auf den Malediven, das ist nicht unser Problem!‘", schimpft Bertram Fleck. Seit der Europawahl 2019 ändert sich das, findet er. Und erst recht seit der Flut­­katastrophe im Sommer. Frank-Michael Uhle spricht mit dem freundlich-­gemütlichen Singsang der Rheinländer. Aber er wird ­wütend, wenn die Rede aufs Ahrtal kommt, das nicht weit weg ist vom Hunsrück. "All die Leute, die uns für unseren Weg gehänselt haben! Nach dem, was im Sommer war, kommt mir das alles wieder hoch." Aber ­warum geht es so schleppend voran mit dem Klimaschutz? Uhles ­Diagnose: Auf ein Bundestagsmandat kämen sechs Lobbyisten, viele von ihnen sind bei Unternehmen beschäftigt, die mit ­fossilen Brennstoffen Geld verdienen. Oft schon wollte Uhle seine Partei verlassen, besonders, als sie beschloss, den Ausstieg aus der Atomenergie wieder aufzukündigen. Dass er inzwischen mehrfach schon von einer Delega­tion aus der Präfektur Fukushima aus Japan Besuch hatte, macht ihn stolz.

Pathos kommt auf im Hunsrück, als Uhle eine Weisheit zitiert, die Mahatma Gandhi zugeschrieben wird: "First they ignore you. Then they laugh at you. Then they fight you. Then you win." – Am Anfang ignorieren sie dich. Dann lachen sie dich aus. Dann bekämpfen sie dich. Dann gewinnst du. Uhle und Fleck sind sich sicher, dass sie gewinnen. Der Klimaschutzmanager setzt voll auf die neue Klima-Union innerhalb der CDU, eines der Ziele der Gruppe wiederholt er wie ein Mantra: "Die Einflussnahme fossiler Lobbyisten in Politik, Wirtschaft und Medien beenden".

 Viele Menschen haben Gärten – und Baum- und Strauchschnitt. Im Rhein-Hunsrück-Kreis werden damit allein 22 Schulgebäude beheiztBernd Roselieb

Aus dem Gemeinderat in Neuerkirch ist niemand in einer Partei, auch nicht Evelyn Brosowski und Volker Wichter, der Ortsbürgermeister. Beide möchten das Dorf zeigen, das sich mit dem benachbarten Külz "Energiekommune Neuerkirch-Külz" nennt. Die Orte sind ein Beispiel dafür, dass Erneuerbare nicht nur Energie im physikalischen Sinne liefern, sondern auch ein Kitt für den Zusammenhalt sein können, eine Mission.

Oft wird kritisiert, dass bisher fast nur der Strom­sektor grüner geworden ist. Tatsächlich: Wind und Sonne liefern knapp die Hälfte des Stroms in Deutschland, vor 20 Jahren waren es noch weniger als zehn Prozent. Aber die ­Bilanz ist deutlich schlechter, wenn man die Primär­energie be­trachtet. Das ist die Energiemenge, die erforderlich ist, ­damit wir heizen, konsumieren, essen oder mobil sein ­können. Also die Gesamtenergie, die wir verbrauchen. Hier liegt der Anteil der Erneuerbaren noch unter 20 ­Prozent.

Die Energiegemeinde Neuerkirch-Külz steht besser da. Evelyn Brosowski kann den Unterschied riechen. Als sie 2006 in ihr Haus gezogen waren, fanden die Brosowskis eine Ölheizung vor. Der Tank verbreitete einen beißenden Gestank. In Neuerkirch gibt es lange schon eine Öko­gruppe, die eine Idee hatte: ein Nahwärmenetz, eine große Heizung für alle. Evelyn Brosowski war begeistert. Und Bürgermeister Volker Wichter war – offen. Die Gemeinde­räte aus Neuerkirch und Külz gingen konstruktiv mit der Anfrage um: Gibt es so etwas schon irgendwo, können wir es uns ansehen? So kam es, dass eine Reisegruppe aus dem Hunsrück in die Schweiz fuhr.

"Wenn die Menschen sehen, dass ihre Nachbarn etwas ­vormachen, was sie nicht haben, ­ziehen sie nach" - Frank Michael-Uhle

Der Rest war Überzeugungsarbeit. Volker Wichter zog von Haus zu Haus und fragte: "Macht ihr mit?" Er veranstaltete Bürgerversammlungen. Acht Damen, ­alle ­verwitwet, sagten dem Bürgermeister: "Ach, Volker, wir sind alt, warum soll bei uns noch etwas umgebaut ­werden?" Aber er überzeugte einen der Söhne davon, dass möglichst viele Haushalte mitmachen müssten, damit sich ein Nahwärmenetz lohnt. Kurz darauf gab die erste Witwe ihre Zusage – und binnen weniger Tage waren ihre sieben Freundinnen auch dabei. ­Klimaschutzmanager Frank-­Michael Uhle hat eine Formulierung für diese ­Dynamik gefunden: an der sozialen Norm kratzen. "Wenn die ­Menschen ­sehen, dass ihre Nachbarn etwas vormachen, was sie selbst noch nicht gemacht haben, ziehen viele nach." Das erklärt auch, warum auf ­vielen Einfamilienhäusern im Kreis Photovoltaikan­lagen installiert sind. "Warum haben die das? Und wir nicht?"

In Neuerkirch und Külz kippte die soziale Norm in Richtung Nahwärmenetz. Mittlerweile haben 158 ­Häuser einen Anschluss. Nicht nur für Warmwasser, sondern auch für ­eine schnelle Internetverbindung, Glasfaser, 300 Mega­byte, die haben sie gleich mitverlegt. Die ­Wärme kommt aus einer Holzhackschnitzelheizung und einer Solarthermie­anlage. Das Holz für die Heizung wächst im Hunsrück, der Feinstaub, der bei der Verbrennung entsteht, wird gefiltert. Und die Solarthermieanlage liefert noch 70 Grad warmes Wasser, wenn draußen im Winter klares Frostwetter herrscht. Beide Kraftwerke stehen an der Grenze zwischen Neuerkirch und Külz, wo man sich früher die Maibäume klaute.

So eine Investition kostet viel Geld, 4,8 Millionen Euro. Etwa 6000 Meter an Trasse waren zu verlegen. Und auch die Anschlüsse für die Häuser waren nicht umsonst zu haben. Aber in Neuer­kirch war der erste Dominostein schon 2009 gefallen – mit der Windkraft. Neun Anlagen drehen sich oberhalb des Ortes und produzieren jährlich 43 Millionen Kilowattstunden Strom. Auch in Külz wird Windstrom erzeugt. Weil das auf Gemeindegrund passiert, bekommen die beiden Orte Pachteinnahmen. Mit diesem Geld konnten die Gemeinderäte die Haushalte unterstützen, die ihre Ölheizung rausgeworfen haben und jetzt mit erneuerbaren Energien heizen. Nach Neuerkirch und Külz ziehen nun junge Familien, weil sie mit dem schnellen Internet gut von zu Hause arbeiten können.

Sicher wäre Neuerkirch auch ohne Nahwärme und Photo­voltaik ein Ort, für den sich Menschen engagieren. Vielleicht liegt es an Volker Wichter, der schon im Amt war, als die Brosowskis zuzogen. Der hat einfach angeklopft. "Ich bin der Bürgermeister, wer seid ihr?" Da sind die Brosowskis auch los und haben bei den Nachbarn geklopft. "Wir sind die Neuen – und wir waren sofort mittendrin."
Weil sie Unternehmerin war – ihre Firma hat das Paar inzwischen verkauft –, wurde Evelyn Brosowski in den Regionalen Wirtschaftsrat berufen. Früher saß sie im Vorstand, heute im Kuratorium. Gemeinsam grübelten sie, wie man junge Menschen in den Kreis locken könnte.

Wo gibt es Ausbildungsplätze? Welche Unternehmen gibt es? Was tut der Kreis für Familien? Was kosten Grundstücke? Brosowski hatte anfangs eine Art Fibel im Kopf. Ein Buch, vielleicht kam so der Gedanke an das Buch der Bücher – und eine Assoziation: gelobtes Land. Ein Buch ist nicht daraus geworden, aber Plakate, eine Internetseite, ein Slo­gan: "Gelobtes Land". Der Hunsrück, eine biblische Gegend? Wirtschaftsräte und Werbeagentur haben lange diskutiert. Mit solchen Zitaten kann man Menschen gegen sich auf­bringen. Aber dann haben sie es durchgezogen – irgendwie muss man ja auffallen, wenn man als Provinzler gilt.

 Von zu Hause aus kann Wolfgang Piroth keine Windkraftanlagen sehen. Aber im Soonwald stehen welche, und diesen Wald liebt er seit JahrzehntenBernd Roselieb

Der Klimaschutzmanager Uhle hat ein Ziel für den Landkreis. Bis 2050 sollen 250 Millionen Euro in der ­Region bleiben, jedes Jahr – Geld, das die Menschen im Rhein-Hunsrück-Kreis bisher für Energieimporte aus­gegeben haben, für russisches Erdgas oder für Öl aus politisch instabilen Weltregionen. Viele Gemeinden im Kreis ­profitieren von der Windkraft, können mit den Pacht­einnahmen Verbindlichkeiten abbauen. Die Schulden der Kommunen im Rhein-Hunsrück-Kreis lagen 2019 bei 506 Euro pro Einwohnerin und Einwohner. Der Durchschnittswert in Rheinland-Pfalz betrug mehr als das Sechsfache.

Wer von der Autobahn 61 aus Richtung Simmern fährt, kann nicht bestreiten, dass Windkraft die Landschaft verändert. Blickt man nach Norden: überall Türme und Rotoren. Moderne Windräder sind Riesen, die Geräusche machen und Schatten werfen. Deshalb gibt es in Rheinland-Pfalz ein Abstandsgebot, näher als 1000 Meter zur Wohnbebauung dürfen die Anlagen nicht stehen.
Wolfgang Piroth vertritt mit dem Bündnis "Energie­wende für Mensch und Natur" über 50 windkraft­kritische Initiativen aus dem Saarland und Rheinland-Pfalz. Ihm gehe es um die Sache, sagt er, seit vor zehn Jahren am Hochsteinchen ein Windrad errichtet wurde, "in einer Nacht- und Nebelaktion". Zu Beginn des einstündigen Gesprächs argumentiert er ruhig und überlegt, auch wenn er sich ärgert. Etwas Gutes mag er in der Windkraft nicht erkennen. Was ist mit der Pacht, die Gemeindehaushalte ­saniert?

"Die Projektierer der Windparks machen die Kommunen mit Geld gefügig", erwidert Piroth, "Wind­räder sind nicht dafür da, Gemeindefinanzen aufzufüllen." Windkraft sei teuer, Infraschall gefährde die Gesundheit der Anwohner. In den Rotoren seien Carbonfasern verbaut, das mache die Entsorgung schwierig. "Das wird alles totgeschwiegen, es passt nicht ins Bild." Wolfgang Piroth redet immer schneller, als er auf sein Hauptargument zu sprechen kommt, die Versorgungssicherheit. "Man kann mit Wunschträumen keine Energiewende gestalten!", sagt er. Wind und Sonne lieferten nicht zuverlässig Energie, es brauche Stromspeicher, die unbezahlbar seien, ein ­großer Stromausfall drohe, ein Blackout. Und im Ausland würden noch Kohle- und Atomkraftwerke gebaut, denen Deutschland in Zukunft den Strom abkaufen müsse!

Kann er die Sorgen der jungen Menschen nachvollziehen, die sich für Klimaschutz einsetzen? Das schon, sagt Piroth, "aber ihre Forderungen müssen auch umsetzbar sein". Und hat er auch eine Idee? Wolfgang Piroth sagt, man hätte nicht aus der Atomenergie aussteigen dürfen. Er träumt von Dual-Fluid-Reaktoren, die ihren Atommüll selbst verbrauchen, das löse auch das Endlagerproblem. Am Ende des Gesprächs sagt Piroth, die Erderwärmung habe sicher auch mit den Menschen zu tun – aber nur mit ihnen? Klima­schwankungen habe es immer schon gegeben. 

Wer sich mit Wolfgang Piroth unterhält, ahnt, welche Konflikte der Gesellschaft bevorstehen, wenn die neue Bundes­regierung nicht mehr nur das Ziel formuliert, bis 2045 klimaneutral zu sein – sondern auch erklärt, wie sie das schaffen will. Ohne Windkraft aber wird es nicht möglich sein. Es wird Proteste geben – und viele Behauptungen.

"Man kann mit Wunschträumen ­keine Energie­wende ­gestalten" - Wolfgang Piroth

Dass Windkraftanlagen in Nacht- und Nebelaktionen entstehen, ist kaum denkbar. Ehe ein Windrad ge­nehmigt ist, vergehen laut Fachagentur Windenergie an Land im Schnitt 21 Monate. Etwa noch mal so lange ­dauert es, bis es Strom liefert. Der Agentur gehören neben Bundes- und Landesministerien auch Wirtschafts- und Kommunal­verbände, Unternehmen und Umweltschutz­organisationen an. ­Werden Gemeinderäte mit Geld aus der Windkraft gefügig gemacht? Eine Frage der Perspektive und der Wortwahl. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht vor, dass die Kommunen an den Einnahmen be­teiligt ­werden sollen.

Ist Windkraft teuer? Das Fraunhofer-­Institut für solare Energie­systeme hat errechnet, dass die Kilowatt­stunde Strom aus modernen Windenergieanlagen ­zwischen 3,94 und 8,29 Cent kostet – weniger als Strom aus neuen ­Kohle- und Gaskraftwerken. Ist Infraschall gesundheits­schädlich? Gemeint sind Schallwellen, die Menschen nicht hören können. Die Fachagentur Windenergie an Land teilt mit, dass Infraschall von Windenergieanlagen nach Kenntnis der Forschung keine Gefahr darstellt. Und was ist mit dem Carbon? Es gebe bereits Recycling­verfahren, so die Fach­agentur. Auch die Versorgungssicherheit scheint gewährleistet: Obwohl der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung wächst, war 2020 das Jahr mit den wenigsten Netzausfällen.

Dass der Mensch auch mit der Erderwärmung zu tun habe, Schwankungen aber normal seien, ist eine Aus­sage, die dem Stand der Klimaforschung längst nicht mehr standhält. "Es ist seit Jahrzehnten klar, dass das Klima sich verändert. Und es ist unbestritten, dass der Mensch darauf einen Einfluss hat", schrieb die französische Paläo­klimatologin Valérie Masson-Delmotte im August für den Weltklimabeirat der Vereinten Nationen, der den Stand der Forschung zusammenfasst und in Berichten ver­öffentlicht.

Werner Vogt war es leid, seine Energie immer darauf zu verwenden, gegen etwas zu sein. Gegen Fluglärm. ­Gegen Atomkraft. Gegen Abgase. Gegen Kriege, die, so sagt er, oft der Energie wegen geführt worden seien. Er, der friedens­bewegte Mensch, wollte lieber für etwas sein, als er auf einem Dorffest das Modell eines Windrads entdeckte. Mehr als 25 Jahre ist das her, und einen Vorteil brachte Vogt damals schon mit – seine Hartnäckigkeit. "Ich war es als Direktvertriebler gewohnt, zu Leuten zu gehen, die mir sagen: ‚Will ich nicht oder hab ich schon.‘" Im Amtsblatt suchte er Mitstreiter, die mit ihm ein Bürgerwindrad errichten wollten. Zur angegebenen Zeit saß er in ­Boppard am Rhein. Es kamen vorbei: ein Mexikaner, der kaum Deutsch konnte. Ein Mann, der sich verlaufen hatte. Und ein Betrunkener.

Irgendwann hatte er genügend Interessenten bei­sammen, die die Idee vorantrieben. Zu Hause, an Vogts Wohnzimmertisch in Beltheim. Und weil die Zuversicht immer mal bröckelte, visualisierte Vogt das Ziel mit Duplo­steinen seiner Kinder. Ein Stein für 5000 Euro. Als der Legoturm ein Meter 30 hoch war, hatten sie es geschafft. 1995 ­wurde das erste Windrad errichtet, Leistung: 600 Kilowatt. Werner Vogt weinte vor Freude.

 Hier fing alles an: Werner Vogt steht dort, wo Mitte der Neunziger die ersten Windräder installiert wurdenBernd Roselieb

Aus der Gruppe von damals wurde die Firma Höhenwind, Vogt ist Geschäftsführer, heute plant er Anlagen mit einer Leistung von sechs Megawatt, zehnmal so viel wie vor 25 Jahren. Mit der Kritik, die Wolfgang Piroth äußert, kann er wenig anfangen. "Windkraft ist billiger als Kernkraft." Um die Menschen für die Windkraft zu gewinnen, setzt er auf das Hunsrücker Modell: "Du kannst die Energiewende nicht gegen die Leute machen, nur mit ihnen. Mach aus Betroffenen Beteiligte." Es sei nur gerecht, wenn Pachteinnahmen in die Gemeinden fließen, die dann ­etwas für ihre Bewohner tun können – indem zum Beispiel Vereine profitierten oder Kindergärten. Vogt sagt, Investitionen in Windparks sind begreifbar, sie sind sichtbar, anders als ein anonymer Fonds, bei dem niemand wisse, was mit dem Geld passiert.

Zwei der ersten drei Windkraftanlagen hat Höhenwind bereits durch neue, leistungsstärkere Windräder ersetzt. Sie stehen abseits von Beltheim. Weil hier oft Wandersleute vorbeikommen, hat er ein Schild aufgestellt, mit der Geschichte der Firma und der ersten Anlagen. Ein Foto zeigt Gesichter der Kommanditisten, damit jeder sieht, wer dahintersteht. In der Nähe des Schildes ist ein kleines Waldstück. Die ­Bäume außen am Rand sehen krank aus. Vogt sagt, vor zwei Jahren, vor den Dürresommern, seien sie noch gesund und belaubt gewesen. "Wenn ich hier in zwei Jahren wieder herkomme, ist die ganze erste ­Reihe weg.

Nils Husmann

Im Hunsrück dachte Nils ­Husmann über ­einen berühmten Satz nach: "Einen guten Journalisten erkennt man ­daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten ­Sache." Gilt das so auch in der Klimakrise?
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Bernd Roselieb

Fotograf Bernd Roselieb war ­begeistert von so viel Enthusiasmus. Und überrascht, wie viel Möglichkeiten es auf ­lokaler Ebene gibt, nachhaltige Umweltkonzepte umzusetzen.
Bernd Roselieb

Um die Erneuerbaren kommt doch keiner mehr ­herum. Es geht nur noch darum, dass der Ausbau nicht noch weiter verzögert wird."
Dann geht er zurück Richtung Landstraße, auf eine Windkraftanlage zu, Typ Enercon E-82. Die Ziffer benennt den Rotordurchmesser, 82 Meter. Sie steht dort, wo Werner Vogt 1995 mit Picknickkorb im Feld saß und vor Freude weinte, als die erste Anlage stand. Das E steht für den Hersteller, Enercon. Aber für Vogt hat der Buchstabe eine eigene Bedeutung. Er hat die neue Anlage nach seiner verstorbenen Frau benannt, Elisabethmühle.

Ohne Energie ist alles nichts. Und Energie ist ein emotionales Thema.

(*Anm. d. Red.: In der Printfassung ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Dort ist von 10 Tonnen CO2-Ersparnis die Rede. Es waren deutlich mehr. Wir bitten um Nachsicht! In unserer online-Fassung haben wir diese Angabe korrigiert.)

Infobox

Unser Glossar: Die Energiewende kann ganz schön kompliziert, aber auch interessant sein. Wie viel Fläche ­benötigen wir in Zukunft für Photo­voltaikanlagen? Wie viel Prozent ­unseres Energiebedarfs kann die Windkraft ab­decken? Und wie lässt sich ­Energie speichern? Für Antworten auf diese und weitere Fragen haben wir ­online ein Glossar für Sie zusammen­gestellt, von A wie Akzeptanz bis Z wie Zukunftsenergie. Dabei ­gehen wir auch auf Beispiele aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis ein. Klicken Sie bitte hier.  

Buchtipps / YouTube-Vortrag:

Christian Holler / Joachim Gaukel: Erneuerbare Energien:
Ohne heiße Luft. 272 Seiten,
20 Euro. Internet:
www.ohne-heisse-luft.de 

Das E-Book kann man z.B. bei Amazon "kaufen", es kostet dort 0 Euro.

Beide Autoren haben einen Vortrag zum Thema des Buches auf YouTube veröffentlicht.

Gerade neu (Stand 1.11.) als eBook erschienen ist "Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden" (mit Harald Lesch  und Florian Lesch, Illustrationen von Charlotte Kelschenbach), ISBN: 978-3-641-28496-1, 9,99 Euro. 

Leseempfehlung

EEG-Umlage, Photovoltaik, Wasserstoff: Die Energiewende kann ganz schön kompliziert, aber auch interessant sein. Unser Energiewende-Glossar klärt Sie auf!
Kann alles wachsen, ohne das Klima zu ruinieren? Ja, meint die junge Unternehmerin Sarna Röser. Dafür müssen wir aber schnell schlauer werden, findet Astrophysiker Harald Lesch
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Lesermeinungen

Kann es nicht noch größer und vorbildlicher sein?
Windräder sind gut, wenn mit Ihnen die Abhängigkeit von Kohle, Gas und Öl erreicht werden kann. Und dennoch ist es nur eine Verzögerung, die in Anbetracht von Alter und Zukunft der Erde nicht ins Gewicht fällt. Aber den Hunsrück als Beispiel zur Veränderung der Welt? Grandios diese "Selbstherrlichkeit". Es tut weh zu erkennen, das weder Zeit noch Vernichtung umkehrbar sind. Was verbraucht (Erze, Bodenschätze), vernichtet (Lebensmittel, Wälder, Böden) und verbrannt (Kohle, Öl, Gas) wurde, ist auf immer und ewig verloren. Die Kunst ist, diese Wahrheit zu akzeptieren und trotzdem nicht die Lebensfreude zu verlieren.

Danke für den ausführlichen und gründlichen Artikel. Schön, dass man mit Beharrlichkeit, Zusammenhalt und Überzeugung etwas verändern kann. Egal, wie man Einzelheiten (oder auch große Fragen) beantwortet, so ist es doch schön zu sehen, dass man Zukunft nicht einfach übergestülpt bekommt, sondern sich Engagement wirklich lohnt. Klima- und Energiepolitik wird unseren Lebensalltag verändern und uns neue Kompromisse abverlangen. Warum sollte also nicht auch Initiative dafür (oder dagegen) aus dem Hunsrück kommen?

Wahnsinn, wie ich solche Aussagen kenne !

Es ist so wie beim Autofahren : kaum merkt so einer, dass ein anderer zögert, wird ohne Rücksicht überholt.

Was mich betrifft, so bin ich weder für noch dagegen, sondern vor allem an Vernunft interessiert, wobei Geschäfte sehr oft mit Mauscheleien verbunden sind. Eine Hand wäscht die andere eben.
Die kleinen Sünden verzeiht der Herr problemlos, die großen dagegen erfordern zumindest einen Sündenbock.
Insofern ist schon die Transparenz, die hier gezeigt wird tatsächlich bemerkenswert.
Und richtig , mit Beharrlichkeit , ob für oder dagegen, lässt sich vernünftig haushalten.
Nur oft wird man überrollt, je nach Lobby und Interesse.
Leider ist die Kirche hier sehr parteiisch.

" Egal, wie man Einzelheiten (oder auch große Fragen) beantwortet, so ist es doch schön zu sehen, dass man Zukunft nicht einfach übergestülpt bekommt. "
Vom Sofa betrachtet, oder vor dem Bildschirm sitzend sieht das meiste immer sehr schön aus.
Aber Ihre Hochgefühle mag ich nicht schmälern, denn daraus könnte gar ein neuer Glaube erwachsen !

" Klima- und Energiepolitik wird unseren Lebensalltag verändern und uns neue Kompromisse abverlangen. "
Auf welchem Stern haben Sie denn bisher gelebt ?
Etwa noch steinzeitlich wie die Höllenmenschen ? Obwohl das heute ultimativ klimafreundlich wäre, bis auf das Holz, das bei massenhaftem Bedarf sehr schnell fehlen dürfte.

Wie gesagt, auf den Vorteil bedacht, wenig rücksichtsvoll, aber oportun und wandlungsfähig.
In etwa.

Fazit : Sachlichkeit und Neutralität schätze ich mehr als übermässige Transparenz, die sich als Parteilichkeit und Kalkül erweist.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Als erstes möchte ich Sie zu dem Artikel "Im gelobten Land?"
beglückwünschen. Er ist sehr gut recherchiert und erzeugt auf der Grundlage der Beschreibung positiver Beispiele, vorwiegend im Rhein-Hunsrück-Kreis, die Aufbruchstimmung, die wir für die Energiewende so dringend benötigen. Gut finde ich auch, dass Sie sich mit einem Windkraftgegner und seinen Vorwürfen auseinandergesetzt haben, um anschließend seine Gründe, die angeblich gegen die Windkraft sprechen, Stück für Stück widerlegen. Dabei ist mir jedoch aufgefallen, dass sein Hauptargument, mit Sonnen- und Windstrom könne man keine Versorgungssicherheit gewährleisten, nicht so erwidert wurde, wie es eigentlich notwendig wäre. Sie verweisen im Artikel zwar darauf, dass trotz steigendem Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung,
2020 das Jahr mit den wenigsten Netzausfällen war. Dies ist zwar richtig, trotzdem trifft es nicht den eigentlichen Kern der Sache.

Bevor ich auf die inhaltlichen Zusammenhänge eingehe, will ich kurz meinen fachlichen Hintergrund beschreiben. Während meines gesamten Berufslebens als Ingenieur hatte ich mit erneuerbaren Energien zu tun.
Schwerpunkte waren Windenergieforschung, Energiesystemanalyse und Wärmenetze mit erneuerbaren Energien. Die letzten 13 Jahre, bis Sommer 2020, war ich Bereichsleiter für Wärmenetze bei der Landesenergieagentur in Baden-Württemberg. Ab 2015 habe ich das vom Land finanzierte Kompetenzzentrum Wärmenetze aufgebaut und bis zur Übergabe an meinen Nachfolger geleitet. Während der letzten drei Jahre meines Berufslebens rückte das Thema Kommunale Wärmeplanung immer mehr in den Vordergrund.
Um dieses voranzubringen, wurden wir von der Dänischen Energieagentur im Rahmen des Deutsch-Dänischen Dialogs Wärmenetze tatkräftig unterstützt.

Da Wind- und Solarstrom, fluktuierende Energiequellen sind, ist für den Aufbau einer Energieversorgung, die auf 100 % erneuerbaren Energien basiert, eine vollkommen andere Herangehensweise notwendig, als in der Vergangenheit bei der Entwicklung des fossilen Energiesystems. Notwendig ist ein sektorenübergreifendes Denken, bei dem die Bereiche Strom, Wärme, Mobilität und Industrie gemeinsam entwickelt und optimiert werden. Professor Henrik Lund von der Universität Aalborg (Dänemark) hat dafür den Begriff Smart Energy Systems geprägt. Dieser steht in bewusstem Gegensatz zum häufig erwähnten Smart Grid, bei dem man ausschließlich die regenerative Stromversorgung im Blick hat und deshalb am Ende zwangsläufig bei einem hohen Anteil teurer Stromspeicher landet.
Genauso wie es auch der von Ihnen zitierte Windkraftgegener Wolfgang Piroth macht.

Ich will zunächst auf die Kopplung zwischen dem Strom- und Wärmesektor eingehen. Wie in mehreren internationalen Forschungsprojekten der letzten Jahre gezeigt wurde, sind Wärmenetze ein zentraler Baustein der Wärmewende. Sie können alle Formen erneuerbarer Energien aufnehmen:
Wärme aus großen Solarthermieanlagen, aus tiefer Geothermie sowie Umweltwärme mit Hilfe großer Wärmepumpen. Die Nutzung großer Mengen industrieller Abwärme und Abwärme aus Abwasseranlagen ist ebenfalls nur mit Wärmenetzen möglich.

Der breite Einsatz großer Wärmepumpen ist ein wichtiger Teil der Kopplung zwischen den Sektoren Strom (hohe Anteile Wind- und Solarstrom) und Wärme (hoher Wärmebedarf im Winter, geringer im Sommer).
Kostengünstige Tages-, Wochen- oder Langzeitspeicher, in denen Wasser als Speichermedium zum Einsatz kommt, bieten die Grundlage dafür, dass Wärmenetze einen wichtigen Beitrag zur Flexibilität und Stabilität des Gesamtenergiesystems leisten, indem sie Wärmeüberschüsse der Wärmepumpen zwischenspeichern können. Die Wärmepumpen sind immer dann in Betrieb, wenn es viel Wind- und Solarstrom gibt. Dazu gehören auch flexibel betriebene große Blockheizkraftwerke, die immer dann Strom liefern, wenn es witterungsbedingte Lücken bei Wind- und Solarstrom gibt. Die gleichzeitig erzeugte Wärme wird in den Wärmenetzen genutzt oder ebenfalls zwischengespeichert. Als Brennstoff für die Heizkraftwerke kann während einer kurzen Übergangszeit Erdgas zum Einsatz kommen. Eine weitere, erneuerbare Option ist Biogas, dessen Aufkommen jedoch begrenzt ist. Um die KWK-Anlagen auf mittlere Sicht vollständig regenerativ zu betreiben, muss so bald wie möglich der Umstieg auf synthetisches Methan, das aus grünem Wasserstoff hergestellt wird, erfolgen.

Wärmenetze vertragen sich auch sehr gut mit der dringend notwendigen Bedarfsreduzierung in den Gebäuden infolge Wärmedämmung. Aufgrund der niedrigeren Betriebstemperaturen der Heizungen in gedämmten Häusern, steigt die Effizienz beim Einsatz von großen Wärmepumpen, bei der Solarthermie und bei der Abwärmenutzung. In Deutschland ist es aufgrund der Siedlungsstrukturen ohne weiteres möglich 50 bis 60 % des zukünftigen Wärmebedarfs über Wärmenetze zu decken. Möglicherweise sind sogar größere Anteile möglich. Alle Gebäude, die in Gebieten stehen, in denen Wärmenetze ökonomisch keinen Sinn machen, werden in Zukunft überwiegend mit kleinen Wärmepumpen beheizt, die ebenfalls mit erneuerbarem Strom betrieben werden müssen.

Ein beträchtlicher Teil der erneuerbaren Stromerzeugung aus Wind und Sonne fließt in Zukunft in die Erzeugung von Wasserstoff und darauf aufbauend auf die Erzeugung von grünem Gas (PtG) und flüssigen regenerativen Kraftstoffen (E-Fuels). Die dafür notwendigen Gaspeicher sind in der heutigen Erdgasinfrastruktur bereits vorhanden, ebenso gibt es bereits die Tanks für flüssige Energieträger. Das heißt hier müssen gar keine teuren Speicher mehr gebaut werden und die Anlagen können immer dann in Betrieb gehen, wenn das Stromangebot aus Wind und Sonne hoch ist. Dies ist somit ein wesentlicher Teil der Sektorenkopplung zwischen Strom und Mobilität, aber auch der Industrie (Wasserstoffnutzung). Der andere Teil der Sektorenkopplung besteht aus den Batterien der Elektroautos, die in Zukunft (in deutlich geringerer Zahl als heute) herumfahren werden.

Nicht zuletzt muss berücksichtigt werden, dass die Produktion von Wasserstoff, grünem Gas und E-Fuels große Mengen Abwärme produziert, die wiederum in den vielen, neu zu bauenden und bereits bestehenden Wärmenetzen zur Gebäudeheizung genutzt werden kann.

So schließt sich im Smart Energy System der Kreis und wenn man es richtig macht, werden teure Stromspeicher (die rund um den Faktor 100 teurer sind als Wärmespeicher) nur in den Autos und im stationären Einsatz für die Frequenzstabilisierung des Stromnetzes benötigt.
Obendrein kann auf diesem Weg ein kostengünstiges Energiesystem entwickelt werden, das auf 100 % erneuerbaren Energien basiert und trotzdem eine hohe Flexibilität und Versorgungssicherheit bietet. Dies muss nicht zuletzt den Windkraftgegnern deutlich klar gemacht werden, aber auch zahlreiche Entscheider in den Energieunternehmen und in der Politik haben hier noch deutlichen Nachholbedarf.

Da mein Text zur Erläuterung des Smart Energy System ziemlich lang geworden ist, erwarte ich nicht, dass sie ihn als Leserbrief in der Zeitschrift abdrucken. Trotzdem würde es mich freuen, wenn er bei ihnen Beachtung findet und Sie etwas im Sinne der weiteren Verbreitung daraus machen können.
Mit freundlichen Grüßen
Helmut Böhnisch

Windräder, ja bitte? Die Hälfte der Deutschen bedauert unterdes den Ausstieg aus der Atomenergie, auch weil ohne Atom die Klimaziele nicht zu erreichen sind. Doch Chrismon setzt auf die höchst problematische Windindustrialisierung des Landes, die längst zur Spaltung der Gesellschaft geführt hat und Menschen auf dem Land zu Bürgern zweiter Klasse macht. Erschreckende Bilder eines verschandelten Dorfes und einer Photovoltaik - Wiese werden bei Chrismon dagegen als „Gelobtes Land“ gesehen! Der Verlust an Heimat, Landschaft und Biodiversität, die Folgen des überhöhten Strompreises gerade für sozial Schwache, die Ausbeutung ferner Länder für die Beschaffung der nötigen seltenen Erden - für evangelische Christen wirklich alles ein Gelobtes Land?
Mit freundlichen Grüßen
Isa Freifrau von Elverfeldt

Sehr geehrte Frau von Elverfeldt,

 

vielen Dank für Ihre Zuschrift und Ihr damit verbundenes Interesse an unserer Arbeit und an unserem Magazin!

 

Ich möchte Sie gern auf unser Online-Glossar hinweisen, das ich zusätzlich zum gedruckten Hunsrück-Report erstellt habe. Sie finden es unter diesem Link: https://chrismon.evangelisch.de/energiewende

 

Ich glaube nicht, dass ich Sie in Ihren einzelnen Meinungen umstimmen kann, aber Sie sehen Teile Ihrer Kritik widerlegt. So zeigen Umfragen eine Akzeptanz der Windkraft, die Gesellschaft ist diesbezüglich nicht gespalten. Ich hatte im Hunsrück auch nicht den Eindruck, dass die Windenergie die Menschen dort zu Bürgern zweiter Klasse macht. Im Gegenteil: Weil die Kommunen dort finanziell an den Erträgen beteiligt werden, ergeben sich überaus große Gestaltungsmöglichkeiten, den die Menschen dort mit einem großen Bürgersinn auch gern wahrnehmen, etwa in Neuerkirch oder – das Beispiel kommt im Text nicht vor – wie die Geierlay-Hängebrücke zeigt, die ohne Einnahmen aus der Windenergie ein Traum geblieben wäre.

 

https://www.hunsruecktouristik.de/reisethemen/natur/haengeseilbruecke-geierlay

 

Unter „K“ wie „Kosten“ erkläre ich auch nochmals den Zusammenhang, dass es eben nicht die Erneuerbaren sind, die die Stromkosten treiben – im Gegenteil.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Nils Husmann
Redakteur

 

So argumentiert die Kreisverwaltung Rhein - Hunsrück - Kreis in Bezug auf die Windkraft :

" Landschaftsveränderung

Windkraft verändert die Landschaft – das ist unstrittig. Doch auch in der Vergangenheit hat es stets Landschaftsveränderungen gegeben. Als historische Beispiele hierfür seien genannt: der Bau der Burgen im Mittelalter, die Industriealisierung und der Flächenbedarf für Bahnstrecken.

Weitere lokale Beispiele:

Im Rhein-Hunsrück-Kreis gibt es 394 km Strom-Freileitungstrassen
Das Straßennetz im Landkreis umfasst 993 km (42 km Autobahn A61, 158 km Bundes-, 368 km Landes- und 425 km Kreisstraßen)

Die aufgezählten Beispiele werden dabei von der Bevölkerung nicht als störend empfunden, sondern sind als notwendige Infrastruktur akzeptiert. Ursache hierfür dürfte sein, dass die Freileitungstrassen und Straßennetze bereits vorhanden waren, als die Menschen geboren wurden. Die Soziologen sagen hierzu „Die Vertrautheit ist entscheidend“.

Die Windräder stoßen in Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung, da sie nicht zum alt vertrauten Landschaftsbild gehören. Die Kinder von heute wachsen mit der Windkraft auf und werden mit dem Anblick vertraut sein. Vielleicht werden zukünftige Generationen sich darüber wundern, dass ihre Vorfahren ihre Energie aus Braunkohletagebau und Atomkraftwerken gewonnen haben und ihnen hierduch, lange nach Ende deren Energienutzung, mit Atommüll und Bergschäden "Ewigkeitslasten" hinterlassen haben. "

Wenn die Märchenerzähler durchs Land ziehen...,

Und: Geld ist die einzige Energie, die zählt, b.z.w. das Argument, welches meistens übrzeugt.

Fazit: MIt dem Zitat möchte ich verdeutlichen, dass hier ausschliesslich Geschäftsinteressen vertreten werden.
Sonst nichts.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich beziehe mich auf den Bereich Windkraftanlagen und unterstütze die Aussagen von Wolfgang Piroth . Dass die Windräder die Landschaft verspargeln, ist richtigerweise so beschrieben. Es stimmt, dass die Windkraft nicht zuverlässig Energie liefere. Zuverlässigkeit bedeutet, dass zum benötigtem Zeitpunkt und Ort der Strom geliefert werden muss. Der Infraschall ist für den Menschen sehr wohl eine Gefahr.
Die Gefahr des Infraschalls belegen Studien des RKI (2007) und des UBA (2014, 2017, 2019). Die Fachagentur Windenergie sieht das aus Eigeninteresse natürlich nicht so.
Über die Sinnhaftigkeit geopferter Wälder, Naturschutz und Landschaft sollte unter diesen Umständen dringend noch einmal nachgedacht werden. Dipl.-Ing. Rainer Schultz
Lauf

Herrn Pioth stimme ich voll zu.
Auf einen Aspekt will ich noch hinweisen: wie es künftig aussehen wird, haben Sie auf den Seiten 12/13 bestens illustriert. Schade um die schöne Landschaft, die der Hunsrück einstmals war.
Mit freundlichen Grüßen
Elisabeth Kiesel