Roma-Aktivist Gianni Jovanovic über Schuld und Verzeihen

"Heute feiere ich das Leben"
"Heute feiere ich das Leben", Gianni Jovanovic

Dirk von Nayhauß

"Heute feiere ich das Leben", Gianni Jovanovic

Es dauerte, bis er zu sich stehen konnte: Rom. Schwul. Glücklich. Der Aktivist Gianni Jovanovic.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Gianni Jovanovic: Als ich mit meinem Mann Paul in eine sehr große Wohnung gezogen bin, war innerhalb von gut zwei Wochen alles eingerichtet – vom Herd bis zum Bild an der Wand. Ich bin froh, wenn etwas erledigt ist, das entlastet, ­ich mag Ordnung, da bin ich konservativ.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich bin christlich-orthodox aufgewachsen, aber ich mag kein vorgefertigtes Bild. Wir wissen nicht, ob Gott männlich ist, weiblich oder intergeschlechtlich. Und ich glaube, dass es viel mehr gibt als nur einen Gott oder eine Göttin. Ich habe viel Gewalt erlebt, zu Hause, in der Schule, überall. Als Kind war ich oft in einer katholischen Kirche, die war immer geöffnet. Ich bin dort hingegangen, wenn es daheim schlimm war, wenn mein Vater mich wieder verprügelt hat. Habe dem Orgelspieler zugehört und geweint und mich geborgen gefühlt. Geht es mir heute schlecht, ­hole ich meine Mutter Gottes, umarme und küsse sie, ­mache dreimal ein Kreuz und bete das Vaterunser.

Gianni Jovanovic

Gianni Jovanovic wurde 1978 in ­Rüsselsheim in eine Roma-Familie ­geboren. Mit 14 Jahren musste er heiraten, mit 17 war er ­zweifacher Vater, mit 32 Großvater. Gegen große Widerstände bekannte er sich mit 24 zu seiner Homosexualität. Jovanovic machte eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer und studierte Dental- hygiene. Als Aktivist und Performer setzt er sich gegen ­Rassismus und Homophobie ein, unter ­anderem gründete er die Initiative "Queer Roma".
Pascal Amos RestGianni Jovanovic

Fürchten Sie den Tod?

Ja, ich habe Angst, dass es mit diesem großartigen Leben vorbei sein könnte – und ich eine Lücke hinterlasse für meine Kinder, meinen Mann, meine Familie. Deshalb ­mache ich meine ganzen Aktionen, ich will Spuren ­hinterlassen. Mit 21 war ich schwer depressiv. Ich spürte, dass ich homosexuell bin, konnte aber nicht der Mensch sein, der ich bin. Ich bin mit dem Auto gegen eine Mauer gefahren. Zwei Jugendliche haben mich aus dem Auto herausgeholt und auf meinem Handy die letzte Nummer angerufen – meine Mutter. Meine Eltern waren innerhalb von zehn Minuten da. Zum ersten Mal hörte ich meinen Vater schreien und wimmern. Das war der intensivste Moment der Liebe, den ich bei meinem Vater erlebt habe. Ich habe viel Therapie gemacht, heute feiere ich das Leben.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Natürlich ist die Liebe zu anderen Menschen wichtig, die dich lieben und annehmen, wie du bist. Aber die erste Liebe obliegt allein mir. Nur wer sich selbst akzeptiert, kann Liebe weitergeben. Früher mochte ich meinen Körper nicht. Ich habe mich für meine Herkunft geschämt. Mit 14 musste ich eine Frau heiraten, konnte nicht mein eigenes Leben leben. Ich glaube, die Liebe zu mir selbst hat angefangen zu wachsen, als ich Paul traf.

"Ohne Verzeihen ist keine Gemeinschaft möglich"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Sie sind Bestandteil meines Lebens: Ich hatte meinen ­Kindern gegenüber Schuldgefühle, weil ich gegangen bin. Meiner Ehefrau gegenüber, weil ich nicht mehr mit ihr schlafen konnte, aber mit Männern ins Bett ging. Meinen Eltern gegenüber, weil ich schwul bin. Oft kann ich meine Schuldgefühle kaum aushalten, rege mich auf und weine. Leider lasse ich meinen Frust auch mal an meinem Mann oder an meinen Kindern aus. Das ist natürlich Mist, ich bemühe mich, dass es nicht so weit kommt.

Können Sie verzeihen?

Ja. Ich habe nie still in der Ecke darauf gewartet, dass mich mein Vater grün und blau schlägt. Ich habe mich auch gewehrt. Aber irgendwann habe ich verstanden: Wenn ich den Hass kultiviere, werde ich daran krepieren. Ich habe den völligen Bruch versucht, aber mein Rudel fehlte mir fürchterlich. Die Aufgabe war also, meinem Vater, ja der gesamten Familie zu verzeihen, dass sie mich nicht geschützt haben. Das war viel Arbeit! Aber ohne Verzeihen ist keine Gemeinschaft, keine Zivilgesellschaft möglich.

Wo ist Heimat?

In Deutschland. Heimat kann ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit sein, aber auch von Schmerz. Dieses Land hat Generationen meiner Familie Grausames angetan. Wir ­standen auf der untersten Hierarchiestufe, noch unter den Tieren und wurden als Ungeziefer deklariert. Die Nazis haben etwa 500 000 Sinti und Roma ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte meine Familie zu den ersten, die nach Deutschland gekommen sind, aber man hat uns wieder dämonisiert. Als ich vier war, wurde unser Haus in Darmstadt mit Molotowcocktails angezündet. Heimat ist bis heute mit Rassismus verbunden. Das ist die düstere Seite. Die schöne Seite ist die deutsche Sprache, in der ich oft philosophiere, singe, fühle und über Leben und Liebe nachdenke.

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Lesermeinungen

Sehr verehrte Frau Ursula Ott,
sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,
ein Mann, der eine Frau heiratet und so viel Fleischeslust beim körperlichen Zusammensein mit ihr empfindet, daß Kinder dabei entstehen können, ist nicht homosexuell. Bei einer solchen Person handelt es sich um einen Bisexuellen. Laut derzeitiger Leitungsmeinung ist die sexuelle Orientierung angeboren und unveränderlich, weswegen die sogenannten Konversiontherapien bekanntlich in´s Abseits führen müssen. Trotzdem ist nur ein Teil der Homophilen hundertprozentig auf das eigene Geschlecht orientiert. Diese Mitmenschen müssen sowohl wissenschaftlich, als auch sprachlich von der großen Gruppe der Bisexuellen abgegrenzt werden.
Angesichts der dramatisch schrumpfenden evangelischen Gemeinschaft sollte Sie sich nicht zum undifferenzierten Sprachrohr der Schwulenlobby machen, sondern stattdessen journalistische Distanz und ein hohes Niveau wahren. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, googeln Sie`s doch einfach!
Mit freundlichen Grüßen
und meinen besten Wünschen für Ihre Arbeit
Stephan JOHN

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie stellen im obigen Artikel den schwulen Aktivisten Jovanovic vor und befragen ihn im Zusammenhang mit seinem Schwulsein zu Gott, Tod, Liebe, sogar Schuldgefühlen.
Was ich schmerzlich vermisse ist, angesichts der jahrhunderte langen Diffamierung von Schwulen durch die evangelische Kirche (wie auch anderen christlichen Kirchen) die Frage, welche Gefühle er gegenüber diesen Institutionen hat. Und insbesondere die Frage an die Interviewerseite, wie sie mit ihrer Schuld umgeht. Oder sehen Sie die Aufarbeitung so schwerer Irrtümer und asozialer Handlungen mit dem Bekenntnis von Herrn Bedford-Strom beendet? Hätte nicht dieser Fragenkomplex in das Interview ehrlicherweise und in erster Linie hineingehört? Wäre Herr Jovanovic nicht der Ansprechpartner für die Bitte des Vaterunser "Vergib uns unsere Schuld..." gewesen?
Was nicht ist, kann ja noch werden.
Mit freundlichen Grüßen
Helmut Lambert
Bonn