Jung verwitwet - vier Menschen erzählen, was passiert ist

"Das Problem sind die Sonntage"
Titelthema - "Das Problem sind die Sonntage"

Jann Höfer

Anna konnte sich nicht verabschieden von ihrem Mann

Titelthema - "Das Problem sind die Sonntage"

Eben noch war man ein Paar, plötzlich ist einer tot, und man steht alleine da. Vier früh Verwitwete erzählen, was passiert ist und wie es weiter­ging.

"Das Schlimmste für mich war, es meinen Töchtern zu sagen."

Anna*, 39:

Wir wollten am Abend in ­Urlaub fahren, die Koffer standen schon gepackt im Flur. Ich holte die Kinder vom Kindergarten ab. Währenddessen ist mein Mann ganz plötzlich verstorben. ­Ohne irgend­welche Vorzeichen. Es stellte sich ­heraus, dass er eine Herzerkrankung hatte. Ich brachte die Kinder zu einer Nachbarin, rief den Notarzt, versuchte meinen Mann zu reanimieren. Es war zu spät. Wir konnten uns nicht verabschieden. Das ist gerade zwei Jahre her.

Das Schlimmste für mich war, es meinen Töchtern zu sagen. Es war abends bei den Schwiegereltern, ich saß allein mit den Kindern auf dem Sofa und versuchte, es ihnen irgendwie zu erklären. Sie waren ja erst drei und fünf.
Kinder in diesem Alter haben glücklicherweise nicht so die Vorstellung davon, was "endlich" ist, was Tod bedeutet. Die Jüngere hat viel davon gesprochen, dass der Papa im Himmel ist, vor allem, wenn sie gewickelt wurde und nach oben guckte. Aber beide haben mich nie gefragt, ob der Papa zurückkommt.

Aus den Kleidungsstücken meines Mannes haben wir Kissen genäht

Aus den Kleidungsstücken meines Mannes haben wir Kissen genäht. Auch eine riesige Patchworkdecke. Darin ist dann zum Beispiel ein Stück Jeans. Eine sehr liebe Freundin hat sich darum gekümmert, dass das gemacht wird.

Mein Mann war sehr gelassen. Eine sehr ausgeglichene Person. Natur war ihm wichtig. Er ist viel gelaufen. Wenn man die ganzen ­Erinnerungen nur für sich behält, ist es nur halb so schön, wie sie auch zu teilen. Ich erzähle den Kindern zum Beispiel, was er gerne mochte. So wie neulich, als sich meine jüngere Tochter zum Geburtstag Zitronenkuchen wünschte. Den hatte sich ihr Vater auch zu seinem letzten Geburtstag gewünscht. Darüber haben wir gesprochen. Sie ist dann aber trotzdem umgeschwenkt auf Schokoladenkuchen.

Er ist immer Teil unseres Lebens. Wir ­denken oft an ihn und sei es, wenn wir ­seine Kaffeetasse aus dem Schrank holen und jemand daraus trinkt. Keine besondere Tasse. Sie wird besonders dadurch, dass er sie benutzt hat. Aber ob und wie er anwesend ist, da muss ich ehrlich sagen, da bin ich mir noch nicht klar, wie ich das beschreiben würde.

Wenn meine ältere Tochter Familie malt, malt sie ganz viele Menschen, nicht immer nur uns drei. Sondern die Großeltern, eine Tante, einen Onkel . . . Und weil wir immer wieder ­jemanden bei uns wohnen haben, ist diese Person dann auch oft mit drauf. So schlimm das ist, wenn man aus dem klassischen Familienmuster rausfällt, es gibt ja auch Möglichkeiten, "Familie" anders für sich zu bestimmen und zu leben. Genau das versuchen wir.

* Name von der Redaktion geändert

"Wir haben Susann dann noch auf der Intensivstation verabschieden können. Aber sie ist nicht mehr wach geworden."

 Jann Höfer

Sebastian, 42:

Im Januar 2016 hatte sich meine Frau einem ambulanten gynäkologischen Eingriff wegen einer Zyste ­unterziehen wollen. Im Bauchraum sah man, so hat man uns das geschildert, "Besatz" an verschiedensten Organen. Sie bekam Knall auf Fall die Diagnose Magenkrebs im weit ­fortgeschrittenen Stadium. Sie war 36 Jahre alt zu diesem Zeitpunkt.

Es passte zu meiner Frau, dass sie zu­sammen mit dem Onkologen gleich auf Angriff geschaltet hat. Sie wollte für die Kinder bis aufs Letzte gehen. Nach Chemo und großer Bauchraum-OP hat sie das Leben ohne Magen sehr gut in den Griff gekriegt. Sie startete die berufliche Wiedereingliederung – Susann ­arbeitete als Sonderpädagogin an der örtlichen Grundschule im inklusiven Unterricht. Dann war wieder was aktiv. Wieder Chemo. Letzten Endes wurden die Komplikationen mehr.

Die Ärzte sagten: Hier versagt gerade ein Organ nach dem anderen

Der Tag ihres Todes knapp zwei Jahre nach der ersten Diagnose war trotz der Vorgeschichte sehr überraschend. Es war ein kleiner lokaler Eingriff von fünf Minuten geplant, es sollte eine Drainage gezogen worden, das war schon ein paarmal gemacht worden. Aber ihr Kreislauf setzte aus, und trotz aller Reanimations­maßnahmen hat man sie nicht zurückholen können. Die Ärzte sagten: Hier versagt gerade ein Organ nach dem anderen. Ich habe die Intensivmediziner nur darum gebeten, dass die Kinder sich noch von ihr verabschieden können.

Ich wusste, meine Tochter ist an dem Tag lange in der Schule. Ich kriegte sie ans ­Handy und sagte, du musst jetzt bitte rauskommen. Ich fuhr mit dem Wagen am Bordstein vor der Schule vor, sie stieg ein, ich nahm sie einfach nur in den Arm und sagte: Mama wird heute sterben. Diesen Satz ihr gegenüber ­formulieren zu müssen war irgendwie ­schlimmer als alles andere.

Diese Szene war das Allerallerschlimmste. Sie ist völlig ausgerastet. Sie hat angefangen zu schreien, wollte das Auto verlassen, ich hab versucht, sie daran zu hindern. Der Haus­meister der Schule fegte da gerade in unmittelbarer Nähe, er muss gedacht haben, ich würde das Kind entführen, was ich ihm nicht ver­übeln kann, weil er sah von außen das um sich schlagende Kind. Er riss die Beifahrertür auf und brüllte ins Auto rein: Was ist denn hier los? Ich blaffte ihn an: Sie hat gerade erfahren, dass ihre Mutter heute stirbt. Da war er natürlich völlig perplex.

Wir haben Susann dann noch auf der Intensiv­station verabschieden können. Aber sie ist nicht mehr wach geworden.

Susann ist für mich ganz viel über die Kinder weiter da

Wir hatten uns schon in der Schule kennen­gelernt, waren auch in der gleichen Kirchen­gemeinde in der Jugendarbeit aktiv. Wir wollten jung Eltern werden, mit Mitte 20. Das war bezeichnend für unsere Beziehung: Wir waren uns sehr früh sehr sicher und haben uns daher auch mit leichtem Herzen und schnell auf die Herausforderung Kinder eingelassen. Wir hatten keine längere Phase als Paar ohne Kinder. Deshalb ist Susann für mich ganz viel über die Kinder weiter da.

VIDU ist ein Selbsthilfeverein für früh verwitwete Menschen. Man muss nicht Mitglied sein, um Unterstützung zu bekommen und am Austausch teilzunehmen. Bundesweit gibt es ein Netz regionaler Gruppen.

Wirklich Kontakt zu ihr gelingt mir nicht so häufig. Neulich hat sie mich mal ganz unvorbereitet erwischt. Ich hatte ein Gesellschaftsspiel rausgeholt, das ich mit meinem Sohn spielen wollte. Ich hebe den Deckel auf und sehe einen Zettel mit ihrem und meinem Namen und dem Punktestand in ihrer Handschrift. Wie wenn sie nur gerade mal zur Tür raus ist.

Susann war ein unglaublich lebensfroher Mensch. Wenn hier im Ort Schützenfest war, ist sie abends hingezogen und hat die Tanzfläche gestürmt. Und so verrückt das klingt, am meisten vermisse ich ihren Gesang. Sie hat wirklich schön gesungen. Wenn sie im Gottes­dienst aus der Kirchenbank heraus sang . . .  Das merkte man, wenn sie anwesend war.

Es gibt eine neue Frau in meinem Leben

Es gibt eine neue Frau in meinem Leben – Julia, ich kenne sie seit über 20 Jahren. Nun haben wir eine gemeinsame Tochter ­bekommen. Für mich bleibt die Zuneigung zu Susann und meine Dankbarkeit ihr gegenüber völlig unberührt davon, dass es jetzt einen anderen Menschen gibt, zu dem ich genauso wie zur vorherigen Partnerin mit 100 Prozent Herzüberzeugung sagen kann: Ich liebe dich. Das ist nicht weniger gemeint, weil es davor schon jemanden gegeben hat. Sondern das geht doppelt!

Als mein Sohn geboren war – und es war für ihn eine lebensbedrohliche Geburt ge­wesen –, hat Susann ihn oft auf dem Arm gehabt und ihm ein Kinderkirchenlied vor­gesungen: "Das wünsch ich sehr, dass ­immer einer bei mir wär, der lacht und spricht: Fürchte dich nicht."

Meine Jüngste kriegt das jetzt manchmal von mir vorgesungen. Ich vertraue darauf, dass es für Susann in Ordnung ist, wenn ­dieses Lied auch weiterhin Bestandteil ­unseres Haushaltes bleibt und ich es jetzt auch meinem dritten Kind vorsingen darf.

Jann Höfer

Jann Höfer, ­Foto­graf, fragte sich, wie man es schafft, mit so einem schweren Verlust umzugehen. Er traf sich mit den Verwitweten und versuchte, sich fotografisch ihrer Gefühlswelt anzunähern.

"Wir waren 18 Jahre verheiratet. Das war auch so ein Gedanke: Und jetzt ist das schon zu Ende?"

 Renate hatte als Kind den Tod eines älteren Bruders erlebt, er hatte sich das Leben genommen. Ihre Eltern sprachen viel mit ihr, verschwiegen ihr nichts, ließen sie bei fast allen Gesprächen dabei sein. So wie nun Renates Tochter dabei war, als die Mutter lange mit dem Fotografen sprachJann Höfer

Renate, 52:

Mein Mann ist bei einem Unfall in einer Kletterhalle ums Leben gekommen. Er hatte sich nicht richtig angeseilt und ist aus zehn Meter Höhe auf den Boden gefallen. Er war im Grunde sofort tot. Wir sind alle dabei gewesen, beide Kinder und ich. Er war 48 Jahre alt. Es war der 1. Mai 2016. Wir sind regelmäßig geklettert, an diesem Sonntag mit einer Familienklettergruppe vom Alpenverein. Ich leite solche Gruppen, an diesem Tag war ich Co-Leitung.

Wie mein Mann da lag, schoss mir durch den Kopf: Jetzt gehst du einfach und lässt mich hier allein mit den beiden Kindern! Das kann ich nicht alleine schaffen!

Eine Familie, die auch in der Kletter­gruppe war, mit der wir gar nicht so eng zusammen waren, brachte uns nach dem Unfall nach ­Hause, weil wir mit der Bahn unterwegs ­waren. Die Frau sagte zum Abschied: Ach so, ich melde mich morgen wieder, ich mach das, egal, was du jetzt sagst. Sie hat dann ein Mittag­essen mitgebracht. Das haben wir am Abend gegessen. Es hat uns gutgetan. Am nächsten Morgen kam von ihr eine kurze SMS: Für heute Mittag dachte ich mir das und das. Sie hat was Konkretes angeboten und zwar so, dass ich auch Nein hätte sagen können. Das war einfach total klasse.

Alles Konkrete war hilfreich. Auch wenn Leute sagten: Wir machen einen Ausflug, wir könnten eins der Kinder mitnehmen. Dagegen diese vielen gut gemeinten Angebote: Melde dich, wenn du Hilfe brauchst oder wenn ich was tun kann. Das ist zu unverbindlich, davon ist fast nichts umgesetzt worden. Oder diese Lippenbekenntnisse: Wenn was ist . . . Und als wir Bedarf hatten, passte es nicht.

Die Tage nach einem Tod muss man ganz viel tun. Ich staunte selbst, woher diese ganze Energie kam

Die Tage nach einem Tod muss man ganz viel tun. Ich staunte selbst, woher diese ganze Energie kam. Manchmal hatte ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Aber dann fiel ich mal ins Bett und dachte: Die kommt doch überhaupt nicht von mir, diese Energie! Ich bekomme diesen Kraftzuwachs doch, weil ich ihn brauche!

Wir haben nach und nach ganz vorsichtig alles wieder aufgenommen, was wir gemeinsam gemacht hatten. Wir sind zum Beispiel früher gern in die Sauna gegangen, noch am Abend vor seinem Unfall waren wir dort. Nun kam meine Schwägerin mit, aber dann ­wurde meine Tochter doch traurig, als wir alleine ­waren. Am Ausgang fragte die Kassiererin: Hatte der Papa heut keine Lust? Ich hab ihr erklärt, was passiert ist. Sie versank in den Boden. Aber ich fand es gut, dass sie gefragt hat. Sie kann es ja nicht wissen. Und mir ist es lieber, ich kann sagen, was passiert ist, als dass sie denkt, wir hätten uns zerstritten.

Wir waren 18 Jahre verheiratet. Schöne Zeiten. Das war auch so ein Gedanke: Und jetzt ist das schon zu Ende? Er war in vieler Hinsicht ein ziemlich untypischer Mann, weil ich ihn als sehr, sehr geduldig erlebt habe und auch als sehr tolerant. Auch gegenüber allen möglichen Eigenheiten von mir. Deshalb passten wir so gut zusammen. Vielleicht war er manchmal ein bisschen zögerlich und umständlich, aber im Wesentlichen einfach humorvoll und unglaublich respektvoll.

Wir haben eine Clique aus fünf Familien, ­eigentlich sind das die Studienfreunde meines Mannes. Wenn wir uns einmal im Jahr ­treffen, werden zu irgendeinem Zeitpunkt Anek­doten von meinem Mann erzählt. Ich finde das so schön! Und ich merke, wie die Kinder das aufsaugen.

Ich habe als Kind den Tod eines älteren ­Bruders erlebt. Er hatte gerade Abitur ­gemacht, er hat sich selbst umgebracht. Ich war knapp 14. Meine Eltern sagten damals: Wir reden und erzählen ganz viel, wir verschweigen dir nichts. Ich war bei fast allen Gesprächen dabei. Jetzt dachte ich: Das machen wir genau so, dass wir ganz viel sprechen und erinnern. Ich hatte damals schon die Erfahrung gemacht, dass so eine Trauer nicht Wochen ­dauert, sondern dass das ganz, ganz lange geht. Über Jahre. Aufgrund der Erfahrung hatte ich aber auch die Zuversicht, dass meine Kinder eines Tages mit dem Verlust zurechtkommen ­werden.

Was wäre eigentlich, wenn das jetzt der Klaus wäre?

Es gibt immer mal Momente, wo ich das so empfinde, dass mein Mann mir nah ist, insbesondere, wenn ich etwas tue, was wir gemeinsam gemacht haben. Und dann hatte ich mal einen ganz albernen Gedanken . . . Da war eine Fliege, die sich so hartnäckig auf mich draufsetzte. Ich schickte sie weg, aber sie kam immer wieder. Was wäre eigentlich, wenn das jetzt der Klaus wäre, dachte ich.
Nach dem Unfall kümmerte sich der Alpen­verein gut um uns und die Gruppe, ein Krisen­interventionsteam führte Gespräche, die Sicherheits­forschung analysierte den Unfall. Bei meinem Mann hat sich der Knoten gelöst, weil er den nicht zu Ende gemacht ­hatte. Und sein Partner hatte die Verbindung von Seil und Klettergurt nicht gründlich gecheckt. Kletterer und Sicherer müssen sich gegenseitig kontrollieren. Das haben sie halt nicht richtig gemacht.

Ich habe mich einer ­Frauenklettergruppe angeschlossen und bin nach dem Unfall ­eigentlich mehr geklettert als früher. Ich ­tes­te meine Partner gerne, indem ich bewusst ­Fehler mache, und die müssen sie beim Partner­check entdecken. Wenn sie die nicht bemerken, würde ich mit ihnen nicht klettern.

"Im zweiten Jahr wird einem die Endgültigkeit bewusster. Es wird nie wieder einen Geburtstag mit ihm geben."

 Anfangs mied Sabine den Kleiderschrank ihres Mannes. Später hat sie ­einen alten Koffer mit ­einzelnen wichtigen ­Erinnerungsstücken ­gefüllt, etwa einer ­Arbeitshose. Die anderen Sachen brachte sie zum DRKJann Höfer

Sabine, 52:

Es kam ganz plötzlich. Am Montag rief mein Mann zu Hause an, er ­habe so einen Druck auf der Brust, er werde jetzt ins Krankenhaus fahren. Es dauerte ein paar Tage, bis man feststellte: Er hatte einen Einriss in der Hauptschlagader. Am Donnerstag wurde er operiert. Nach der Operation entstand eine Hirnschwellung, die sich aber erst am Sonntag zeigte. Da war sein Gehirn schon seit drei Tagen ohne Sauerstoff. Wir haben die Medikation abgestellt. Am Dienstag ist er gestorben.

Vor der Operation am Donnerstag hatte er mich angerufen und gesagt, ich solle noch mal kommen. Ich musste unseren kleinen Sohn, neun Monate alt, bei den Schwieger­eltern unter­bringen, dann bin ich hingefahren, dann wusste ich nicht genau, wo ich auf dem ­Gelände der Uniklinik hin muss, dann fand ich keinen Parkplatz . . . Ich habe für alles ­vielleicht eine Dreiviertelstunde gebraucht. Aber da hatten sie ihn schon in den ­Operationssaal geschoben.

Es hat mich lange beschäftigt, dass ich das nicht geschafft habe. Ich hatte psycho­logische Hilfe. Die Beraterin fragte mich, was ich ­glaube, was mein Mann gedacht hat, als ich nicht gekommen bin. Irgendwie half mir das, weil mir natürlich klar war, dass mein Mann nicht denkt: Wo bleibt die denn!? Sondern dass er sich gedacht haben wird: Sie hat es leider nicht geschafft. Das hat mir geholfen zu sagen: Ja, es war halt so.

Er hat nicht mal mehr den ersten Geburtstag seines Sohnes miterlebt

Er war 37, ich 38. Wir hatten gerade eine Wohnung gekauft, wir standen am Anfang unseres Familienlebens, es sollte auch nicht bei dem einen Kind bleiben. Er hat nicht mal mehr den ersten Geburtstag seines Sohnes miterlebt. Das tut einem auch für das Kind so leid. Dass es diesen tollen Papa nicht haben durfte.
Ich wollte mir oft nur die Decke über den Kopf ziehen. Aber das geht nicht, weil da so ein kleiner Mensch schreit und Aufmerksamkeit haben möchte. Mein Kind war der Grund, weswegen ich morgens aufgestanden bin. Ich habe immer gesagt: Das Kind ist das Beste, was er mir hinterlassen konnte.

Ich habe auch gehadert in der Zeit. Aber grundsätzlich konnte ich vieles als Schicksal ansehen. Und dadurch, dass mein Mann sehr verwurzelt in der katholischen Kirche war, glaube ich schon, dass er da gut aufgehoben ist, wo immer er jetzt ist.

Am Anfang bin ich nicht an seinen Kleiderschrank. Ich wollte die Sachen nicht behalten, aber auch nicht weggeben, sie vor allem nicht sehen. Mit der Zeit habe ich in einen alten ­Koffer von ihm immer mal ein paar Sachen rein­getan, die ich auf jeden Fall behalten wollte. E­ine Arbeitskluft zum Beispiel, mit Arbeits­hose und Weste. Er hatte einen kleinen Bau­betrieb und oft ist er mittags, vor allem, als unser Sohn geboren war, zwischen zwei Baustellen kurz hier reingeschneit. Deswegen ­habe ich diese Arbeitsklamotten immer vor Augen. Die ­anderen Sachen habe ich zum DRK gebracht.

Sich an die Stimme zu erinnern, ist irgendwann schwierig

Er hatte am Haaransatz eine raue Stelle, das war mir ganz wichtig, dass ich auf keinen Fall vergesse, wie sich das angefühlt hat. Sich an die Stimme zu erinnern, ist irgendwann schwierig. Ich finde es aber auch gruselig, wenn ein Anrufbeantworter immer noch die Stimme hat.

Etwa drei Jahre nach seinem Tod hat mir ein Freund einen Stick gegeben und gesagt, das sei von seiner Hochzeit. Mein Mann hat immer gern Lieder umgetextet für Hochzeiten oder Geburtstage und dazu Gitarre gespielt. Die Hochzeit war vor meiner Zeit, ich war nicht dabei. Ich hatte mit Bildern auf dem Stick gerechnet, nicht mit einem Video mit Ton – in dem Moment war das erst mal "O Gott!". Mittler­weile bin ich total froh, dass ich das habe.

Wir sind sonntags recht viel zu Hause geblieben

Ich bin am Wochenende ungern auf den Spielplatz gegangen, weil da dann ganz viele Väter mit ihren Kindern sind und ich mir ja auch immer vorgestellt hatte, was mein Mann mit unserem Sohn auf dem Spielplatz alles veranstaltet hätte. Das Problem waren immer die Sonntage, weil der Sonntag der klassische Familientag ist. Da mag man auch keine Freunde fragen, ob man was zusammen unternehmen kann, weil man weiß, die unternehmen jetzt was in ihrer glücklichen kleinen Familie. Wir sind sonntags recht viel zu ­Hause geblieben. Deshalb machen wir in unserem Selbsthilfeverein für Verwitwete die monat­lichen Treffen am Sonntagvormittag.

Das zweite Jahr war schwieriger als das erste. Am Anfang ist man sehr abgelenkt, es gibt viel zu tun und zu erledigen. Dann kommt der erste Geburtstag ohne ihn, das erste dies, das erste das . . . Das ist schon alles schwierig, aber man steht immer noch im Nebel. Im ­zweiten Jahr wird einem die Endgültigkeit viel bewusster. Es wird nie wieder einen Geburtstag mit ihm geben.

Die Trauer ist erst wie ein riesiger Felsbrocken, der mitten auf dem Weg liegt. Man fängt vorsichtig an, ein bisschen was von ­diesem Brocken abzutragen. Irgendwann ist er so klein, dass man ihn aufheben und in die Tasche stecken kann. Ich finde das ein total schönes Bild. Das heißt nicht, dass der Mensch ganz verschwunden ist, er bleibt immer ein Teil von mir.

Christine Holch

Christine Holch, Chefreporterin, ­hatte Scheu, die Verwitweten nach ihren Toten zu ­fragen. Aber dann lernte sie: ­Trauernde ­werden gern nach ihren ­geliebten ­Verstorbenen ­gefragt, sie mögen es, von ihnen zu ­erzählen.
Manfred Dworschak

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Infobox

 

"Ich bin hier & du bist tot. Der Trauerpodcast."  www.dubisttot.de Podcast von Stephi und Jenni, ­ zwei jungen Frauen, die beide ihren Partner verloren ­haben und sich im Podcast darüber unterhalten, wie es ist, wenn schon das Kauen zu anstrengend ist, welche Notfallpläne ihnen über schwierige Tage helfen und ­warum Wut zur Trauer gehört.

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Lesermeinungen

Meine Eltern leihen mir oft ihr Chrismon Heft aus. Dieses Heft war ihnen ein besonderes Anliegen mir zu geben, denn auch ich bin jung verwitwet. Danke dafür, dass dieses Thema aufgegriffen würde. Denn es ist ein Thema, über das in der Gesellschaft wenig gesprochen wird. Und so weiß kaum einer, wie damit umgehen, wenn man auf einmal im Umfeld damit konfrontiert wird. Dann überwiegt Hilflosigkeit und Angst, viele ziehen sich zurück oder lassen nur die üblichen Floskeln fallen.
Als junge Witwe oder Witwer steht man vor vielen ganz praktischen Problemen, wie z.B. die Witwenrente, die mit ihrer Hinzuverdienstgrenze eigentlich eine Garantie für Altersarmut ist, wenn man jung verwitwet ist.
Mein Mann starb letztes Jahr bei einem Autounfall. Er war 29, ich war 38. Unsere standesamtliche Hochzeit war noch keine zwei Jahre her, die kirchliche noch kein Jahr. Wir haben 3 Kinder, das jüngste war damals gerade 3 Monate alt. Und Corona hat die Situation zusätzlich erschwert, weil das alles an Unterstützung und Hilfsangeboten gestrichen wurde oder mit den Kindern nicht möglich war. Gerade die Möglichkeit Selbsthilfegruppen zu besuchen oder an Trauergruppen teilzunehmen haben gefehlt. Plus die Möglichkeit eine richtige Trauerfeier zu haben.
Von einem Moment zum nächsten liegt die ganze Lebensplanung in Scherben. Bei uns war das Haus gerade noch nicht gebaut. Von unserem gemeinsamen Leben ist außer den Kindern und Erinnerungen nichts übrig. Und man hat auf einmal sehr viel Verantwortung und keinen, mit dem man über Probleme und Ängste wirklich reden kann. Selbst mit guter Unterstützung fühlt es sich sehr einsam an.
Danke, dass Sie über das Thema reden.
Mit freundlichen Grüßen,
Anne W.

Liebes chrismon-Team,
ich kann die Berichte dieser Menschen absolut nachvollziehen - leider aus eigener Erfahrung. Als ich 20 Jahre alt war, habe ich meinen Vater durch Krebs verloren.
Er hat ca. 2 Jahre gelitten, das war 1982. Danach ist die Familie mehr oder weniger zerbrochen.
Als ich 34 Jahre alt war, habe ich meinen Ehemann bei einer Geschäftsreise begleitet. Auf dem Rückweg zum Flughafen gab es einen schweren Autounfall. Wir waren zu fünft im Auto - nur ich habe überlebt.
Als ich im Krankenhaus nach wochenlangem künstlichen Koma wieder aufgewacht bin und nach meinem Mann gefragt habe, habe ich instinktiv schon gespürt, dass er wohl nicht mehr kommen würde.
Das ist jetzt 25 Jahre her. Ich habe jahrelange Therapiebegleitung von einem sehr guten Psychologen gehabt. Dabei habe ich gelernt, dieses Unfassbare anzunehmen und die verschiedensten Gefühlslagen zu begreifen.
Es gab immer wieder Momente, in denen ich mich gefragt habe, warum das Schicksal mir das angetan hat und warum "man" mich nicht auch hat sterben lassen. Die Wut auf meinen Mann, dass er mich allein gelassen hat, dass ich alles selbst irgendwie regeln musste (Erbschaft, Versicherungen, finanzielle Dinge etc.), obwohl ich selbst noch nicht wieder ganz gesund war, denn das hat auch sehr lange gedauert.
Heute bin ich schon seit langem wieder glücklich liiert, es geht mir gut, ich kann ein schönes Leben führen. Ich kann mit dem Erlebten und dem Verlust leben, mein verstorbener Mann wird immer seinen Platz in meinem Herzen haben. Der Schmerz aber wird niemals vorbei sein.
Mit freundlichen Grüßen

Liebe Frau Holch, lieber Herr Höfer,
mit den vier sehr traurigen, jedoch nicht verzweifelten Berichten von den früh Verwitweten sowie den einfühlsammen Photos
ist Ihnen ein Glanzstück gelungen.
Danke vor allem an die vier Betroffenen, die so mutig von diesem erschütternden Ereignis erzählten.
Die Zeilen des Kirchenliedes "Das wünsch ich mir, dass immer einer bei dir wär, der lacht und spricht: Fürchte dich nicht."
haben mich sehr bewegt.

Sehr geehrte Redaktion,
einige persönliche Anmerkungen zu dem Thema.
Bis wann ist man "Jung verwitwet"?
Ich wurde mit 60 Jahren Witwer. Noch voll im Beruf. Die Kinder aus dem Haus und weit weg.
Zu alt für einen kompletten Neuanfang. Zu jung, um zu resignieren und eben "die paar Jahre noch rumzubringen".
In Ihrem Artikel kommen drei Frauen und ein Mann zu Wort. Das Verhältnis von Witwen zu Witwer ist noch viel gravierender.
In unserem Rotaryklub gibt es 15 Witwen - aber zwei Witwer. Im Alter dazuhin über 20 Jahre auseinander.
Während aber die wenigen Männer in den Altersheimen - sofern sie rüstig sind - fast "der Hahn im Korb" sind, weiß das Umfeld mit einem "jungen Witwer" überhaupt nicht, wie umgehen. Also umgeht man ihn.
Selbst wenn die emotionale Belastungen bei beiden Geschlechtern dieselben sind, haben die Frauen oft zusätzliche finanziell-wirtschaftliche Probleme.
Bei uns Männern überwiegen dagegen die sozialen Umfeldprobleme.
Wir finden kaum unseresgleichen. Es fehlt der Austausch. Es fehlen auch Hilfsangebote.
Die größte Enttäuschung war dabei für mich - und nicht nur für mich - die Kirche. Für diese war - da meine Frau katholisch war - nach der Beerdigung der Ehefrau "das Thema erledigt". Der evangelische Witwer "fand nicht statt".
Und der evangelische Pfarrer beauptete später vom Tod der Ehefrau trotz regelmäßigen gemeinsamen Kirchenbesuches, trotz wohnhaft in einer "übersichtlichen" kleine Gemeinde, trotz einer Beerdigung mit 400 Teilnehmern und Anzeigen in der Tageszeitung nichts vom Tod der Frau seines evangelischen Gemeindemitgliedes erfahren zu haben. Wen wundern da Kirchenaustritte bei so verstandener "Seelsorge".
Während sich Witwen und Frauen schneller finden - eben auch der Anzahl gleich Betroffener geschuldet - bleiben wir Männer oft einsam. Und nicht nur am Sonntag! Wie oft habe ich meine Sekretärin am Freitagnachmittag um 16h in das Wochenende verabschiedet und sie war am Montag früh um 8h der erste Mensch, der wieder mit mir gesprochen hat.
So viel nur kurz ein paar Zusatzbemerkungen.
Mit freundlichen Grüßen
Albert Häberle
Schwäbisch Gmünd