Schriftsteller Sulaiman Addonia über Literatur und Flucht

"Worte wie Juwelen und Rasierklingen"
Sulaiman Addonia

Lyse Ishimwe Nsengiyumva

Als Kind floh Sulaiman Addonia über drei Kontinente. Heute weiß er, das jede neue Sprache in seinem Leben ein Stück der alten Sprache zerschneidet.

chrismon: Warum sollten wir Literatur aus anderen Kulturen lesen?

Sulaiman Addonia: Mir selbst haben Bücher von Charles Dickens, Virginia Woolf und Nawal El Saadawi die Augen geöffnet. Sie waren in Saudi-­Arabien, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte, verboten. In der Schule wollten sie mir beibringen, Menschen zu hassen, die anders sind: Christen, Juden, Frauen, ja sogar Sufi-­Moslems. Mein Bruder hat über einen Schmuggler "Oliver Twist" besorgt. Auch wenn Dickens’ Figuren weiß waren und ich schwarz: Ich empfand unsere Armut genau so, wie er sie beschrieb. Man kann von einem an­deren Ort kommen und doch die­selben Worte und Gefühle haben.

Wie kamen Sie nach Saudi-Arabien?

Ich bin in Eritrea geboren, wir ­mussten vor dem Krieg in den Sudan fliehen. Von dort ging meine Mutter als Hausmädchen nach Dschidda, um Geld zu verdienen. Sie ließ uns bei der Großmutter. Ich war drei . . .

Sulaiman Addonia

Sulaiman Addonia ist ein eritreischer Schriftsteller, der in Brüssel lebt, arbeitet und Creative Writing für Geflüchtete unterrichtet. Sein Roman "Schweigen ist meine Muttersprache" ist bei Orlanda erschienen und kostet 22 Euro.

Wie hart für Sie und Ihre Mutter!

Ja, sie tat es für uns. Wir wären sonst verhungert. Sie schickte mir und meinem Bruder ins Flüchtlingslager Kassetten, die sie mit Geschichten besprach. Sie kann bis heute nicht l­­esen und schreiben. Aber sie hat mit so vielen Details ihr Leben in ­Dschidda beschrieben! Ich glaube, von ihr ­habe ich die Beobachtungsgabe. Ich bin später zu ihr gezogen, dann mit 15 mit meinem Bruder nach London geflüchtet. Heute lebe ich in Brüssel und bringe in einer Stadtteilbibliothek anderen Flüchtlingen das literarische Schreiben bei.

Worüber schreiben die Menschen in Ihren Kursen?

Wir bringen ihnen das Handwerk bei, dann sind sie völlig frei in dem, was sie schreiben. Ein jemenitischer Schüler sagte mir: Außerhalb dieser Bibliothek bin ich nur ein Flüchtling, hier drin kann ich alles sein.

Schreiben sie über ihre Flucht?

Nein, wir hatten in drei Jahren nur eine Autobiografie. Die meisten schreiben Literatur, oft Science-Fiction. Einer meiner jungen libyschen Schüler entwickelte die Figur eines alten Mannes, der über die Liebe seines Lebens reflektiert. Der Roman wird gerade verlegt.

"Wir Flüchtlinge sind es leid, dass immer jemand für uns sprechen will"

Sind auch Frauen dabei?

Sogar mehr als Männer. Eine Schüle­rin ist von Uganda nach Kenia ge­flohen, mitten in der Nacht, auf einem Motorrad zwischen zwei Männern. Sie sagte, wenn ich diese Geschichte in meiner Community erzähle, sagen alle: Wie kannst du so leichtsinnig sein? Aber im Kurs ist alles erlaubt.

Ist es wichtig, dass die Geschichten aus Ihren Kursen gedruckt werden?

Nicht alle haben literarische Qualität, aber wir wollen eine Anthologie drucken. Nach jedem Kurs treten wir auf Buchfestivals auf. Gerade schrieb mir eine vietnamesische Schülerin, die Gedichte schreibt, dieser Auftritt habe ihr so viel Energie gegeben! Jetzt hat sie während der Pandemie ihr ­ers­tes Buch veröffentlicht.

In welcher Sprache läuft der Kurs?

Auf Englisch. Aber Sprache ist die größte Hürde.

Wie schreibt man literarisch in einer Fremdsprache?

Schwierig! Ich habe an jedem neuen Ort eine neue Sprache gelernt, erst Arabisch, dann Englisch, und immer hatte ich Angst, die letzte zu verlieren. Jede Metapher, die du in einer neuen Sprache findest, ist wie ein Wunder, wie ein Juwel an einer neuen Kette. Aber auch wie eine Rasierklinge, denn du weißt, du gibst einen Teil deiner eigenen Sprache auf.

Auf Ihrem Buch steht ein Satz, der uns so ähnlich in der evangelischen Publizistik als Leitsatz begleitet: Den Stimmlosen eine Stimme geben.

Ein schöner Satz. Aber wir Flüchtlinge sind es leid, dass immer jemand für uns sprechen will. Journalisten, Helferinnen, Politiker. Wer einen Kurs bei mir macht, soll für sich selbst sprechen können. Niemand ist stimmlos.

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